Samstag, 15. Juni, Nachmittag

Nathan O’Reilly blickte auf, als seine Burotur sich aufschob, ohne dass man ihm jemanden gemeldet hatte, und stellte uberrascht fest, dass der Indowy Aelool in der Tur stand. Die Muskeln um seine Augen waren verkniffen und seine Ohren leicht nach innen gerichtet, ein Ausdruck, der entweder Besorgnis oder gro?en Ernst, moglicherweise auch beides bedeutete.

»Meine Gute, was ist denn passiert?« Er holte eine Flasche Wasser aus einem kleinen Kuhler, fullte ein frisches Glas, stellte es auf den Couchtisch und trat einen Schritt zuruck. Sein Freund gab sich gewohnlich in Gegenwart von Menschen aus Hoflichkeit unbesorgt, aber der Priester hatte das Gefuhl, dass das in seinem augenblicklich sichtlich beunruhigten Zustand zu viel erwartet ware.

»Team Hector ist kompromittiert. Unser Leck, wie Sie es nennen, hat sich erneut geoffnet.« Der Indowy sa? wie entruckt auf dem fur Menschen gebauten Stuhl, wippte nervos mit den Beinen und zupfte abwesend an den grunen Faden seines linken Beins.

»Wann und was konnen wir unternehmen?« O’Reilly rief mit einem kurzen Befehl an sein AID den Zeitplan des Teams auf.

»Identitaten und Zeitplane fur die nachsten paar Tage befinden sich in den Handen von Fleet Strike und der Darhel. Namen, Decknamen, DNA-Muster. Das gesamte Team«, brummte er dann. »Unglucklicherweise, und so gro? der Verlust eines ganzen Teams auch sein wird, verblasst das im Vergleich mit dem Wert unserer Informationsquellen in der unmittelbaren Umgebung des Tir. Wir konnen wenig unternehmen. Gar nichts, sofern wir keine plausible Erklarung fur unser Wissen haben.«

»Wir konnen ein Extraktionsteam bereitstellen. Es aktivieren, falls uns eine brauchbare Tarnung einfallt, und sie andernfalls einfach dort lassen. Wer wei?, vielleicht unterlauft der Gegenseite ein Fluchtigkeitsfehler.« Sehr zuversichtlich klang der Priester nicht.

»Gibt es etwas Neues von Team Isaac?«, fragte der Indowy.

»Seit unserem letzten Gesprach? Nein, bedauerlicherweise nicht. Harris in der Verkehrsanalyse ist ein kluger Kopf. Ich habe sie darauf angesetzt, nach irgendetwas zu suchen, das wir als plausible Erklarung fur unser Wissen an die Gegenseite durchsickern lassen konnten. Ich glaube, recht viel mehr bleibt uns nicht ubrig.« Er ging zu seinem virtuellen Fenster.

»Solange Sie absolut sicher sind, dass das Extraktionsteam, solange es keine direkte Anweisung erhalt inaktiv bleibt. Ich brauche Sie nicht daran zu erinnern, dass wir hier um sehr hohe Einsatze spielen.« Aelools Stimme klang beinahe schrill.

»Also — riskieren wir eine Nachricht an Papa O’Neal, dass jetzt ein guter Zeitpunkt fur Ergebnisse ware?« Er tippte mit den Fingerspitzen aufs Glas.

»Davon wurde ich abraten. Die kennen die Risiken und wissen um die Wichtigkeit ihrer Mission. Ich gehe doch wohl nicht fehl in der Annahme, dass sie bereits hochst motiviert sind, oder? Dann hatten wir nichts zu gewinnen, blo? viel zu riskieren. Nein, ich bin dagegen.« Er trat neben seinen Freund und blickte zu dem falschen Fenster auf. Wie alle Indowy konnte er vermutlich nur mit gro?er Muhe begreifen, weshalb Menschen immer das Bedurfnis hatten so zu tun, als waren sie der Au?enseite nahe, der Au?enseite und den freien Raumen, selbst wenn sie so behaglich auf engem Raum mit ihren eigenen Clans und ihren besten Freunden zusammengepfercht waren.

»Richtig«, nickte der Priester.

»Sie beten immer noch, nicht wahr? Vielleicht ware das ein guter Zeitpunkt.« Ein wenig verdutzt blickend, vermutlich hauptsachlich wegen des virtuellen Fensters, ging Aelool hinaus.

Chicago

Samstag, 15. Juni, Nachmittag

»Peter, fur dich kommt gerade ein dringendes Memo von General Stewart, getarnt als Lieutenant Pryce auf Basis Titan, herein«, tonte sein AID.

»Hat er einen erwischt?« Vanderberg sa? plotzlich kerzengerade auf seinem Sessel.

»Das nicht gerade, Peter. Aber er hat vier Namen und identifizierende Informationen, einschlie?lich DNA, Bewegungsdaten, Decknamen und zeitnahe Beschreibungen von Agenten im Bereich Chicago«, erklarte das AID.

»Heiliger Bimbam! DNA auch?« Jemand dort oben muss mich mogen.

»Das sagt er, und die beigefugte Datei enthalt das auch alles.« Das AID klang erfreut.

»Wow. Zeig mir die Datei.« Er schuttelte den Kopf, als er sich die Einzelheiten angesehen hatte. »Klasse, Stewart hat einen Volltreffer gelandet. Ich will Morrison sprechen.« Er stand auf, ging ans Fenster und tippte sich dabei mit den Fingern auf die Lippen.

»Tut mir Leid, Peter. Morrison ist nicht erreichbar. Er hat einen Zahnarzttermin«, meldete das AID.

»Einen Zahnarzttermin?« Vanderberg drehte sich um und starrte das AID auf seinem Schreibtisch an, als konne er nicht glauben, was er da horte.

»Ihm ist ein Zahn abgebrochen. Er bekommt einen Ersatz.«

»Hey, ist da etwas passiert? Was war da los?«, fragte er.

»Kein Unfall. Ich glaube, uber kurz oder lang war das statistisch zu erwarten. Er kaut Eis.« Die Stimme des AID klang schulmeisterhaft, wie es bei seinesgleichen haufig der Fall war, wenn sie etwas missbilligten. Manchmal hatten die AID-Personlichkeiten seltsame Vorstellungen davon, was sich geziemte und was nicht. In diesem Fall ruhrte die Missbilligung vermutlich daher, dass das AID es einfach nicht fur richtig hielt, dass jemand etwas so Unvernunftiges tat, was am Ende dazu fuhren konnte, dass er wertvolle Arbeitszeit damit vergeuden musste. Gelegentlich konnten AIDs wirklich seltsam sein.

»Okay, dann sorge dafur, dass er gleich morgen fruh zu mir kommt. Aber das kann nicht so lange warten. Schick mir Lewis rein, denke ich. Nein, besser nicht. Ich verliere lieber einen Tag, als eine weitere Person in eine solche Sache einzuschalten. Schei?e. Sag Morrison, dass ich ihn morgen fruh um halb acht hier haben will. Zumindest konnen wir dann gleich anfangen.« Er verschrankte die Hande hinter dem Kopf und begann auf und ab zu schreiten, fing bereits an, mogliche Szenarien zu durchdenken.

»Dir ist bewusst, dass morgen Sonntag ist, ja?«, fragte es.

»Yeah. Passt mir uberhaupt nicht, aber diese Sache duldet keinen Aufschub.« Er machte eine ungeduldige Handbewegung und fuhr fort, auf und ab zu gehen.

»Geht schon in Ordnung, Peter. Ich habe nur ausdruckliche Anweisung von dir, dich daran zu erinnern.«

»Ja, geht schon klar. Danke, Jenny.« Wow. Endlich!

Basis Titan

Samstag, 15. Juni, nachmittags

Heutzutage gab es nur mehr ganz wenige offentliche Terminals. Schlie?lich hatte jeder einen PDA, na schon, ausgenommen die paar Gluckspilze mit AIDs. Nun ja, die mit sauberen AIDs jedenfalls. Aber PDAs sturzten manchmal ab oder gingen zu Bruch oder man verlor sie — wie auch immer, dem Himmel sei Dank fur offentliche Terminals.

Dieser hier befand sich mitten im verkehrsreichsten Teil des Korridors, den er finden konnte. Hier herrschte derartiger Betrieb, und es waren so viele Leute unterwegs, dass kein Fu?ganger sich jemals an ihn erinnern wurde. Nicht, dass au?er der Bane Sidhe jemand interessiert gewesen ware, und bis die anfingen, ihn zu suchen, wurde er langst woanders sein.

Er hatte wirklich vorgehabt, seinen Ruhestand auf der Erde zu verbringen — die Moglichkeiten, die man dort hatte, waren einfach viel besser, selbst wenn man darauf achten musste, nicht aufzufallen. Na schon, die Dinge waren eben so, wie sie waren.

Dulain war ein guter Planet. Einer der ersten, der von Menschen kolonisiert worden war und naturlich nicht ganz ohne Gefahren, aber es gab dort einen breiten Gurtel sehr angenehmer Inseln. Vielleicht nicht so erstrebenswert, wenn man als Kolonist ohne einen Penny in der Tasche dort arbeiten musste. Aber fur jemanden mit entsprechenden Ersparnissen wirklich attraktiv. Und am Dienstag um 19.30 Uhr startete ein Schiff. Perfekt. Er

Вы читаете Callys Krieg
Добавить отзыв
ВСЕ ОТЗЫВЫ О КНИГЕ В ИЗБРАННОЕ

0

Вы можете отметить интересные вам фрагменты текста, которые будут доступны по уникальной ссылке в адресной строке браузера.

Отметить Добавить цитату