Freitag, 14. Juni

Am Freitag fiel ihr aus nahe liegenden Grunden das Aufstehen immer am leichtesten. In ihrem Fall kam noch hinzu, dass Beed das ganze Wochenende uber nicht von seiner Frau loskommen wurde. So schritt sie besonders munter aus, als sie auf dem Weg zur Arbeit einen kleinen Umweg zu Claybourne’s Coffee machte, spurte allerdings noch an einigen recht ungewohnlichen Stellen einen leichten Muskelkater.

Zu den interessanten Vorzugen des Lebens auf dem Stutzpunkt zahlte, dass man hier wirklich hervorragende Arbeit geleistet hatte, als es darum ging, die Beleuchtung dem menschlichen Tagesrhythmus anzupassen. Die standig gleiche Beleuchtung war eines der Konstruktionsprobleme der fruhen SubUrbs gewesen, dem man eine Menge der psychologischen Probleme zuschrieb, die wahrend und nach dem Postie-Krieg aufgetreten waren. In den besseren Vierteln der meisten Urbs hatte man inzwischen nachtraglich justierbare Leuchtfarbe angebracht und die auf optimale Tageszyklen programmiert. Auf Titan war das nur in geringem Ma?e notwendig geworden, da man von Anfang an gewusst hatte, dass ein kunstlicher Tagesrhythmus gebraucht wurde. Das war zumindest die Erklarung gewesen. Aber was auch immer der Grund sein mochte, es war jedenfalls interessant, den Korridor bei Tageslicht zu erleben und zugleich zu wissen, dass diese Beleuchtung nicht etwa naturliches Sonnenlicht war, das nur irgendwelche Deckenfenster diffus gemacht hatten. Die Imitation war wirklich hervorragend gelungen, die Pflanzen jedenfalls gediehen dabei ganz vorzuglich. Auf diesem Stockwerk hatte man das GalPlas so strukturiert, dass man den Eindruck von altem Ziegelpflaster hatte, und das helle Rosa der Steine bildete einen angenehmen Kontrast mit den Terrakotta Pflanzkubeln. Bienen summten um die Blumen, die in diversen Hangekorben in Blute standen, und die unechten Neonschilder der vorzugsweise nachts geoffneten Geschafte waren dunkel. Alles hier sah bei Tag so vollig anders aus, dass in ihr dabei fast so etwas wie Heimweh angekommen, ware, wenn da nicht der fremdartige Chemikaliengeruch und die trockene Luft gewesen waren, die sich so deutlich von der feuchten Salzluft von Charleston unterschied.

Sie lie? sich davon nichts anmerken, aber ihr Gefuhl, sich in einer Tarnidentitat zu bewegen, bekam doch einen leichten Schock, als sie an der Schaufensterpuppe in dem Kleiderladen nebenan ein rotes Halstuch entdeckte. Wie spat auch immer es heute Abend werden mochte, sie wurde sich unbedingt die Zeit nehmen mussen, um sich mit Grandpa zu treffen. Dabei hatte sie ihm, abgesehen von all dem, was nicht geklappt hatte, kaum etwas mitzuteilen — au?er halt der Bestatigung dafur, dass Beed an einem zusatzlichen Projekt arbeitete, was wahrscheinlich ihre »undichte Stelle« war. Vielleicht hat Grandpa etwas zum Thema Tongs zu bieten.

Nachdem sie einen Latte Macchiato zu sich genommen und sich eine Tute Kirschen gekauft hatte, sa? sie im Transitwagen nach oben ins Buro. Aus irgendeinem Grund schmeckten die Kirschen und Pflaumen auf Basis Titan wesentlich besser als das sonstige Obst und Gemuse, das die Hydroponik hier erzeugte — wahrscheinlich weil die Hydroponikfarm sich in der untersten Etage des Flottenquadranten befand. Nachdem sie zum ersten Mal mit auf dem Stutzpunkt erzeugten Kaffee Bekanntschaft gemacht hatte, hatte sie den Burokaffee nur mehr in Fallen ausgepragten Koffeinentzugs zu sich genommen. Einmal hatte sie sich sogar bei Carlucci danach erkundigt. Aber offenbar war es so, wie Beed gesagt hatte — man gewohnte sich daran. Alle, die langer hier waren, schienen den Unterschied uberhaupt nicht mehr wahrzunehmen. Sie wurde vermutlich auch anfangen mussen, das scheu?liche Zeug zu trinken. Sinda Makepeace wurde den Akklimatisierungsprozess hinter sich bringen, schlie?lich war es nicht gut fur ihre Tarnung, wenn sie weiterhin darauf bestand, teuren importierten Erdkaffee zu trinken. Unprofessionell.

Im Buro schenkte sie sich aus der Kaffeemaschine im Kopierraum eine Tasse ein und musste ein leichtes Grinsen unterdrucken, als sie am Arbeitstisch vorbeikam, auf dem gewohnlich die Kopien zusammengetragen wurden. Sie verzog das Gesicht, als sie die ubel riechende Flussigkeit im Becher sah, tat aber dennoch Zucker und Milchpulver hinein und machte sich dabei klar, dass sie schlie?lich um der guten Sache willen schon viel schlimmere Dinge getan hatte.

Pryce hatte seine Sache besser gemacht, als sie das angenommen hatte, und sich ganz normal verhalten, als er Guten Morgen gesagt hatte. Gestern Nacht vor dem Einschlafen hatte sie die Sorge geplagt, er konnte sich als schlechter Lugner erweisen. Aber er war okay. Vielleicht ergab sich sogar eine Gelegenheit, an diesem Wochenende mit ihm zusammenzukommen. Sie grubelte jetzt schon ein paar Tage an einem Plan, und die Chemie zwischen ihnen beiden war gut genug, dass er vielleicht sogar funktionieren konnte. Wenn sie ein wenig auf seinen Wunsch nach Abwechslung einging und in ihm den Eindruck erweckte, dass verschiedene Stellen im Buro besonders gut fur Sex waren, konnte sie ihn vielleicht dazu bewegen, ihr Zugang zu Bereichen zu verschaffen, die ihr normalerweise versperrt waren oder sie konnte ihm einfach den Ausweis stibitzen.

Sie sah sich auf ihrem PDA den morgendlichen Posteingang an und versuchte dabei, den wirklich grauenhaften Kaffee Schluck fur Schluck hinunterzuzwingen, beschloss aber schlie?lich, ihn doch wegzukippen, wenn niemand hersah. Zum Teufel, jetzt sah gerade niemand her, und wenn die Bruhe richtig hei? war, schmeckte sie vielleicht nicht ganz so scheu?lich. Gleich darauf musterte sie den leeren Becher zufrieden und versuchte bei dem etwas sauren Nachgeschmack nicht die Nase zu rumpfen.

Der Bericht uber Belobigungen war vom ersten Bataillon auf Dar Ent reingekommen. Verdammt, ich wusste gerne, wem Simkowitsch wohl in die Suppe gepinkelt hat? Akten verloren, dass ich nicht lache.

»Buckley, komplette Kopie der Simkowitsch-201-Akte an Personal schicken, Kopie davon an Zahlstelle mit kompletter Kopie seiner samtlichen Zahlungsunterlagen. Kodieren, dass es von General Beed kommt. Gib an, der General hat den dringenden Wunsch, dass diese Angelegenheit heute spatestens um sechzehnhundert erledigt ist. Falls das nicht moglich sein sollte, sollen die bitte sofort antworten und detailliert die Grunde fur die Verzogerung und die dafur verantwortlichen Personen nennen. Kopie von dem ganzen Schlamassel an das AID von General Franklin. Und dann schickst du dem AID Lisa noch ein privates Memo dazu und erklarst ihr, dass sie nach eigenem Ermessen entscheiden soll, ob sie es ihrem Boss zeigen mochte, falls der Name denen nicht endlich Feuer unter dem Hintern macht. Vier Monate Verzogerung, nicht zu glauben.«

Als sie ein paar Augenblicke spater uber den Flur ging, um sich die morgendlichen Ausdrucke von Beed zu holen, kam ihr Pryce entgegen, der gerade von irgendwo in sein Buro zuruckkehrte. Sie blieb nicht stehen, ging aber so dicht an ihm vorbei, dass ihre Brust seinen Arm streifte. Als sie dann den Weg den Flur hinunter fortsetzte, um die damlichen Papiere zu holen, war ihr Schritt beschwingt. Plotzlich hatte sie am liebsten vor sich hingepfiffen.

Stewart betrat sein Buro und hatte am liebsten gleichzeitig geflucht und gegrinst. Im Ubrigen musste er einen Augenblick lang bewusst an etwas anderes denken, um seine Seidenkombination wieder prasentabel zu machen. Bedauerlicherweise sah es so aus, als ob Sinda sich nicht zu einer besonders guten Lugnerin entwickeln wurde. Das war unvorsichtig. Aber eigentlich kein Wunder. Sie war eben doch ein Dummchen. Nicht dass sie das nicht auf ihre Art ausgeglichen hatte. Sie war nett, setzte sich fur ihre Arbeit ein — und dann schuttelte er den Kopf, als ihm bewusst wurde, dass er jetzt schon eine ganze Weile denselben Punkt an der Wand angestarrt hatte. Tatsache war, dass sie ein Dummchen war. Aber ein sehr nettes. Und er sollte jetzt wirklich uber die einzelnen Stufen nachdenken, die es brauchte, um einen Soldaten mit einem neuen GKA-Anzug auszustatten. Das lag lange genug zuruck, dass man sich wirklich auf die einzelnen Schritte konzentrieren musste …

Schlie?lich war er so weit, dass er zu diesem Kotzbrocken, diesem widerlichen Vorwand fur einen General, gehen konnte. Denk wie ein Lieutenant. Frohlich, eifrig, tollpatschig, eben Lieutenant Pryce, als Beweis dafur, dass der Herrgott wirklich keinen Spa? versteht. Er stolperte beim Hinausgehen uber die Schwelle, einfach zur Ubung, und stellte fest, dass Sinda von ihrem Schreibtisch aus nicht nur seine Tur sehen konnte, sondern ihn tatsachlich beobachtete und dies mit leicht benommener Miene. Mann, wie man so einem total damlichen Blondchen verfallen kann, ist mir einfach unverstandlich. Offenbar steigt dir deine Rolle als Lieutenant in den Kopf. Okay, ich wei? auch, dass ich jetzt gerade nicht mit meinem Gehirn denke. Ups! »… nach Anpassung des Stiefels mussen die Nanniten dazu veranlasst werden, den Unterschichtbildungsprozess einzuleiten …«

Er betrat das Buro des Generals, stolperte dabei uber die eigenen Fu?e und grinste innerlich, als er sah, wie Beeds Gesicht sich verargert rotete. Als die Tur hinter ihm zuglitt, nahm er vor dem Schreibtisch Haltung an.

»Unsere Quelle hat wieder Kontakt aufgenommen. Er bietet zusatzliche Informationen zum Verkauf an«,

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