war, half nicht einmal mehr GalTech.
Der behandelnde Arzt schuttelte den Kopf und winkte zwei Helfer herbei, die sie in die Leichenhalle bringen sollten. Er war sich nicht sicher, aber der Rothaarige war anscheinend neu. Der andere, der Gro?e mit dem damlichen Blick, war ganz sicherlich nicht der Typ, der korperliche Arbeit als Belastung empfand.
Nachdem sie sie um die nachste Ecke gerollt hatten, bemerkte niemand, dass der Rothaarige ihr eine Spritze mit Hiberzinegegenmittel ins Bein verpasste.
Die Leichenhalle war einen Korridor von einer Notschleuse entfernt. Das Beige der GalPlas-Wande bildete einen scharfen Kontrast zu dem grellen Wei? der auf Hochglanz polierten Fu?bodenkacheln. Der bei?ende Geruch der Intensivstation hatte sich abgeschwacht und wurde von dem schwachen, aber unverkennbaren, an verbranntes Schweinefleisch erinnernden Geruch des Krematoriums uberlagert.
Jay hatten sie am Morgen eingeaschert. Die Systemakten wurden nicht nur unzureichend geschutzt, sondern lie?en auch erkennen, dass die Leichenhalle nur selten benutzt wurde — Tommy hatte sich da vergewissert. Gleich nachdem er sie hinuntergebracht hatte, anderte er die Zeit jener Einascherung auf den augenblicklichen Zeitpunkt ab. Anschlie?end holte er die ordentlich etikettierte Schachtel mit Jays Asche hinter dem Tisch hervor und stellte sie auf das Regal, wo ihre Asche hingekommen ware, wenn sie wirklich tot gewesen ware.
Als sie anfing, zu sich zu kommen, hatten sie sie bereits in einen schwarzen Schiffsoverall und dick isolierte Stiefel gesteckt. Dann gab Papa ihnen lange genug Ruckendeckung, um zur Schleuse zu kommen, Schutzhelme und Anoraks anzulegen, auf den wartenden Motorschlitten zu klettern und anschlie?end den vorprogrammierten Befehl auszusenden, der sicherstellte, die Schleuse vergessen zu lassen, dass sie je hier gewesen waren. Und dann waren sie weg.
Eine der guten Seiten des extremen Faschismus der Darhel war dessen Auswirkung auf die Verfahrensregeln der meisten interstellaren Raumhafen. Die Regel sah vor, dass man sich seine Slots fur den Abflug gleich nach dem Eintreffen geben lie? und dann wartete, bis man dran war. Anschlie?end konnten diese Startzeitpunkte nach Belieben des Slot-Besitzers verkauft werden. In der Praxis bedeutete das, dass die Landung gratis war, wahrend der Start Geld kostete. Au?erdem bedeutete es, dass Darhel nie auf einen Start-Slot warten mussten noch in irgendeiner Weise durch fixierte Startzeiten beeintrachtigt waren.
Heute passte das Tommy ganz hervorragend. Wie angewiesen, hatte die Crew des echten Frachters das Schiff nach dem Beladen startbereit gemacht, und es gab einen weiteren Frachtshuttle, dessen Eigner nur zu gern bereit war, aus der Ungeduld eines anderen Verkehrsteilnehmers Gewinn zu schlagen.
Eine Stunde nach Verlassen der Gefangnisluftschleuse hatten sie abgehoben.
Zweieinhalb Stunden spater lag Cally auf der Platte in der Indowy-Sektion des Frachters in einem Raum, in dem sechs Indowy Crewmitglieder untergebracht gewesen waren, ehe der Frachter fur diese Reise gechartert worden war. Die menschlichen Eigner des Frachters wussten nichts von der Existenz des Raumes. Ebenso wenig die Darhel-Besitzer der Holdinggesellschaft. Nach dem nachsten Anlegen des Frachters wurde das Gerat entfernt werden und verschwinden, bis es irgendwo anders wieder gebraucht wurde, sechs Indowy wurden das Schiff verlassen, und niemand, der nicht schon vorher von der Existenz des Raumes gewusst hatte, wurde je davon erfahren.
Nach zwei Stunden auf der Platte konnte Cally sich in ihrem Raum bewegen. Unglucklicherweise musste sie den Rest der Reise alleine in der Kabine verbringen, und Papa brachte ihr die Mahlzeiten. Das war nicht zu vermeiden. Die Crew des Frachters hatte sie kurz zu sehen bekommen, als sie in den Shuttle taumelte, und fur ihre schnelle Heilung gab es keine akzeptable Erklarung. Er hatte ihren Zustand als Folge eines brutalen Uberfalls hingestellt, aber wenn sie am Ende der Reise auf dem Mond auf Basis Selene von Bord gingen, wurden sie Schienen, Bandagen, Make-up und sorgfaltige Planung brauchen, um sie vom Schiff zu bekommen, wenn die Mannschaft nicht neugierig werden sollte.
Wahrscheinlich war das auch ganz gut so. Er hatte festgestellt, dass Cally nach einem harten Einsatz nicht uberma?ig freundlich auf Fremde reagierte.
Cally blickte mit strahlender Miene auf, als Tommy hereinkam, um ihr das Abendessen zu bringen, und setzte ihr bestes Lacheln auf. Der Inhalt der Einkaufstute mit Kosmetik- und Toiletteartikeln und anderem Madchenkram, die er vor der Extraktion zusammengestellt hatte, in dem Wissen, dass sie diese altmodischen Werkzeuge weiblicher Tarnung brauchen wurde, nicht aber welche und wie viel, war uber ihre Pritsche verstreut. Ihre Miene wirkte zugleich erfreut und schuldbewusst, wie ein Kind, das man beim Auspacken der Weihnachtsgeschenke einen Tag vor dem Fest ertappt hat. Sie wischte sie in die Tute zuruck, als bedeuteten sie nichts, aber ihre Augen strahlten.
»Hey, Held. Ihr Jungs habt mich da aus der Holle geholt«, sagte sie. »Oh, und vielen Dank noch fur die Sachen.«
»Jo. Haben wir. Papa wird gleich kommen. Die Crew wei? naturlich nicht, dass ihr beide verwandt seid. Er hat sich also offiziell auf eine Runde Black Jack eingelassen.« Er sah ihren Ausdruck. »Nein, wirklich. Wenn er weggerannt ware, um hierher zu kommen, hatte das verdachtig gewirkt. Die halten dich fur meine Freundin.«
»Was?« Sie sah gefahrlich aus, wie sie so dastand, ihre Pritsche in die Wand zuruckklappte und anschlie?end den normalerweise unter der Pritsche verstauten Hocker herausholte und aufklappte.
»Hey! Augenblick mal! Meine Idee war das nicht — und Papa ware sich wirklich komisch vorgekommen, wenn er vor der Crew so tun wurde, als ware er auf die eigene Enkeltochter hei?.« Er stellte das Tablett auf den Tisch, klappte den Gastehocker aus der Wand und hob dabei in einer Geste, die besanftigen sollte, die Hande.
»Er ware nicht das erste Mal, dass er bei einem Einsatz so tut, als ware ich seine Freundin.« Ihre Stimme lie? einen Hauch von Verargerung erkennen. »Ich meine okay — puh — aber das hat er eben!«
»Fur einen Tag hier oder einen Abend dort, aber du hast doch sicher bemerkt, dass es … ihn ziemlich anstrengt«, schloss Tommy taktvoll.
»Okay, okay. Wahrscheinlich fehlt er mir einfach trotzdem. Die Jungs, die mich gefoltert haben, waren echte Amateure, aber ich war trotzdem sicher, dass ich da nicht mehr lebend rauskomme.« Sie schauderte.
»Wo du jetzt endlich etwas hattest, wofur es sich zu leben lohnt?«, bohrte er.
»Ja, das hat geholfen. Werden — wann werden wir ihn rausholen?« In ihren Augen funkelte etwas, was er bisher nie an ihr bemerkt hatte. Auch ihre Wangen waren gerotet.
»Oh, ja. Expresslieferung.« Er grinste und reichte ihr einen Nachrichtenwurfel.
»Ist das von — warum hast du nicht? Schon gut.« Sie sah sich nach ihrem PDA um und erinnerte sich dann. »Buckley. Ich habe Buckley verloren.«
Tommy war uberrascht, echtes Bedauern in ihrer Stimme zu horen. Eigentlich sollte man keine Zuneigung zur Personlichkeit eines PDA entwickeln, so wie das bei echten AIDs der Fall war. Aber er kannte niemanden, der nicht eine Personlichkeitsmaske daruber legte. Und insbesondere niemanden, der die Grundpersonlichkeit so haufig verwendet hatte wie sie. Vielleicht ging einem das nach einer Weile nahe.
»Da, nimm mein AID«, bot er an. »Sarah, hilf ihr, okay?« Da saubere AIDs nicht ganz so pingelig waren wie die Originale, konnte er sich darauf verlassen, dass sie sich benehmen wurde.
»Danke.« Cally schob den Wurfel in den Leseschlitz, und das AID zeigte sofort an.
»Cally, meine Liebe. Dein Name passt zu dir. Wenn du das siehst, haben wir es geschafft. Wir haben dich rausgeholt. Gut. Wenn ja, dann hoffe ich, bald bei dir zu sein. Ohne Gefangenen bin ich nur so lange hier, um den XO zu befordern, und dann geht es zuruck zur Erde. Tommy und dein Gro?vater haben mir erklart, wie diese ganze Geschichte funktioniert. Sobald ich meine Angelegenheiten abgeschlossen habe, werden die mich reinholen, so bald wie moglich. Irgendwann werden die Darhel sich fragen, selbst wenn Fleet Strike das nicht tut, ob ich dir eine Selbstmordpille zugesteckt habe. Also werde ich dich bald sehen, Liebes — und hoffe, du freust dich darauf genauso wie ich. Sag Tommy, dass es schon in Ordnung geht, wenn er uber mich redet.
