»Okay, da bin ich wieder, wie versprochen.« Tommy trat durch die Tur und balancierte dabei zwei Tabletts mit Essen — und kein einziges Maisprodukt dabei.
Cally hatte die Kosmetikartikel, die er ihr besorgt hatte, offenbar gut genutzt und sa? jetzt mit Wattebauschen zwischen den Zehen und offenkundig frischem grellrotem Nagellack auf Fingern und Zehen auf ihrem Bett. Wenigstens hatte sie nicht die grune Pampe im Gesicht, mit der Wendy sich gelegentlich beschmierte.
»Ich hatte gedacht, du wurdest beim Abendessen heute gern ein wenig Gesellschaft haben«, sagte er. »Sollte ich Sarah ein Spiel fur zwei Personen aufrufen lassen? Sie versteht sich recht gut auf
»Ja, das ware nett. Ehrlich gesagt bekomme ich allmahlich eine Art Budenkoller.« Callys Grinsen wirkte ansteckend. »Wenn ich zuruckkomme, gibt es eine Menge zu tun, um meine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen und, na ja, du wei?t schon, mit Planen anzufangen.« Einen Augenblick wirkte sie unsicher.
»Du glaubst doch, dass er heiraten mochte, nicht wahr?«, fragte sie besorgt.
»Damals, bei den GKA, war er ebenso katholisch wie du, und wenn er etwas wollte, konnte er verdammt stur sein. Fur mich gibt es keine Zweifel, dass er ernste Absichten hat und heiraten will, verdammt, bei den Verwandten, die du hast, Madchen? Und du selbst bist ja auch nicht gerade ohne.« Er lachte. »Wendy und Shari werden begeistert sein, euch bei der Planung zu helfen.«
Mitten im dritten Spiel erstarrten die Figuren.
»Tommy, ich furchte, ich habe schlechte Nachrichten«, unterbrach das AID.
»Was?«, fragte er. Cally presste sich die geballte Faust gegen den Mund.
»Die Schiffsinstrumente haben eine Explosion in der Atmosphare von Titan festgestellt. Die Verkehrskontrolle bestatigt, dass es die FS-688 mit Kurs auf die
»Cally?« Tommy sah zu ihr hinuber. Ihre Hand war auf den Tisch gesunken, und ihr Gesicht war fleckig grau geworden. Er versuchte ungeschickt, sie an sich zu drucken, aber sie hatte ebenso gut ein Stuck Holz sein konnen.
»Cally?«, versuchte er es noch einmal. »Komm schon, Honey, du machst mir Angst. Wir wissen noch gar nichts Sicheres. Komm schon, rei? dich zusammen.« Keine Reaktion. Er tat das Einzige, was er tun konnte — rannte aus der Kabine, um Papa O’Neal zu holen, und erwischte ihn schlie?lich mit seinem PDA in der Hand, auf dem er sich einen alten Film ansah.
»Tommy? Was ist denn los? Du siehst ja aus, als …« Er verstummte.
»Es hat einen Unfall gegeben. Ca — Felicia braucht dich. Jetzt gleich«, sagte der Jungere.
Als sie zu ihrer Kabine zuruckkamen, hatte sie die Tabletts vor die Tur gestellt und lag auf ihrer Koje, das Gesicht zur Wand gewandt und nichts, was sie tun oder sagen konnten, loste bei ihr eine Reaktion aus.
Uber die nachsten paar Tage wechselten sie sich neben ihrem Bett ab und bemuhten sich, sie nie allein zu lassen. Sie redete nicht. Mit au?erster Muhe konnten sie sie gerade noch dazu bewegen, ein paar Bissen zu essen und Flussigkeit zu sich zu nehmen. Sie brachten ihr das Beste, was die Kombuse zu bieten hatte, aber ihrer Reaktion nach zu schlie?en hatte es ebenso gut Sagemehl sein konnen.
Am dritten Tag schlie?lich nahm sie sich ein Handtuch und Kleidung zum Wechseln. Papa O’Neal stellte sicher, dass der Weg zur Toilette frei war, und hielt davor Wache, wahrend sie sich wusch und frische Kleidung anzog.
Er wertete das als hoffnungsvolles Indiz und versuchte, mit ihr zu reden, aber sie schuttelte blo? den Kopf.
Als Tommy ihn am Nachmittag auf eine Weile abloste, ging er auf die Brucke und bestach den KommTech, ihn die Erde anrufen zu lassen und sich einen Download ihrer Lieblingsmusik zu holen. In komprimierter Form kostete das nicht die Welt. Na ja, jedenfalls nicht, wenn man es sich leisten konnte.
Den restlichen Nachmittag und Abend lie? er seinen PDA alles abspielen, was ihr nach seiner Erinnerung gefiel. Sie redete immer noch nicht, aber er glaubte sich nicht blo? einzubilden, dass sie nicht mehr so vollig verspannt wirkte. Zumindest nicht, bis diese Urb-Band aus dem Krieg spielte. Als deren Nummer kam, horte er sie schniefen. Sein Blick zuckte zu ihr hinuber, wo sie mit geschlossenen Augen auf dem Rucken dalag. Unter ihrem Augenlid rann langsam eine Trane heraus. Dann noch eine. Und noch eine. Als sie dann lauthals zu schluchzen anfing, ging er neben ihrer Koje auf die Knie und druckte sie an sich, bis sie sich ausgeweint hatte. Es dauerte eine kleine Ewigkeit. Aber schlie?lich hatte sich seine Enkeltochter auch eine ganze Menge Tranen aufgespart.
Als sie sich ausgeweint hatte, wollte sie immer noch nicht reden. Er schnappte sich eine Schachtel Papiertucher, die er mehr aus Hoffnung denn aus Uberzeugung bereitgehalten hatte, und sah zu, wie sie sich die Tranen abwischte.
Als dann das Wochenende naher ruckte, hatte sie wieder etwas Appetit, beinahe wieder mehr oder weniger normal.
Sie redete immer noch nicht, aber immerhin hatte er es geschafft, sie fur ein paar alte Filme und Holos zu interessieren, einfach, indem er eine Weile verschwand und seinen PDA neben ihrer Koje stehen lie?.
Am Anfang der darauf folgenden Woche sah sie sich praktisch ununterbrochen Filme an. Ein weiterer umfangreicher Download hatte ihm das komplette Werk von Fred Astaire und Ginger Rogers geliefert und erstaunlicherweise dazwischen ein paar Episoden der
Grandpas PDA sagte, sie hatten den Mond erreicht. Dem Flugplan nach wurden sie ein paar Tage hier bleiben und Ladung von den gemeinsam von Menschen und Indowy betriebenen Fabriken aufnehmen und auch welche abliefern. Grandpa schnarchte auf dem Boden ihrer Kabine. Er sollte dringend Enthaarungsschaum benutzen. Es war
Der Geruch in der Kabine war, wenn sie es richtig uberlegte, auch nicht mehr der beste. Unterwegs hatten sie einmal versucht, ihr Fisch zu essen zu geben, und der Geruch war hangen geblieben. Ihre Bettlaken rochen ebenfalls. Den stets vertrauten Geruch nach Red Man hatte sie in der Mischung wahrscheinlich gar nicht bemerkt, blo? dass er ein wenig abgestanden war. Aber das Ganze wirkte auch vertraut und tat ihr damit zusatzlich gut.
Das helle Blau des GalPlas der Kabinenwande ware vermutlich in Ordnung gewesen, wenn sie es nicht wahrend der ganzen Reise angestarrt hatte. Jemand hatte einen grunen Fetzen Teppichboden aufgetrieben und ihn auf den Boden geklebt. Sie konnte die Stucke davon sehen, die nicht von Grandpa bedeckt waren. Die Farbe biss sich schrecklich mit seinem Haar, aber vermutlich war es trotzdem besser als nacktes GalPlas.
Sie verspurte leichte Schuldgefuhle. Sie hatte eine Weile Trubsal geblasen, aber Tommy und Grandpa hatten sich offenbar gewaltige Sorgen gemacht. Sie wurde zumindest wieder reden mussen und all das, damit die beiden zu ihrem Schlaf kamen und tun konnten, was sie tun mussten.
Schlie?lich hatte sie ja noch ein langes Leben vor sich. Welche Freude. Sie gab sich alle Muhe, ihr Selbstmitleid zu verdrangen.
Sie spahte zur Tur hinaus. Die Crew sollte sie ja nicht sehen, aber fur den Augenblick war ihr das egal. Zum Gluck war weit und breit niemand zu sehen. Sie schnappte sich einen frischen Overall, ein sauberes Handtuch und ein paar von den Toilettensachen, die Tommy ihr besorgt hatte. Als sie ihren eigenen Korpergeruch wahrnahm, rumpfte sie die Nase. Sie brauchte dringend eine Dusche.
Zum Gluck waren Frachtercrews, die nicht fur die Nachtschicht eingeteilt waren, nicht gerade Fruhaufsteher. Also jedenfalls diese Crew war das nicht. Gut. Keine Unterwasche, aber da war eben nichts zu machen. Auf dem Stutzpunkt Selene konnte sie sich ja dann etwas kaufen. Wenn sie keine frische Unterwasche bekam, wurde sie jemanden umbringen. Okay, nicht im Wortsinn. Sie seufzte. Der Weg zuruck wurde hollisch lang sein.
Grandpa wachte erst gegen halb zehn auf. Sie konnte ihn nur mit dem feierlichen Versprechen, nachher
