Die Zugbrucke echote hohl unter Rods eiligen Schritten. Er rannte leichtfu?ig den Burghang hinunter und verschwand in einem Fichtenwaldchen. „Gekab?“ rief er.
„Hier, Rod!“ Der Rappe trottete durch die Baume. Rod klopfte ihm freundschaftlich auf die Metallflanke. „Wie, zum Teufel, wu?test du, da? ich hierherkommen wurde?“
„Ganz einfach, Rod. Eine Analyse Eures Verhaltensmusters und die simple Tatsache, da? dieser Wald am nachsten…“
„Vergi? es!“ brummte Rod. „Hat Tom den Herzog zum Haus Clovis gebracht?“ Als der Roboter es bejahte, schwang er sich in den Sattel. Nach einer Weile fummelte er in seinem Wams und holte die kleine Maus hervor. „Offenbar ist es vollig egal, was ich dir sage“, brummte er. „Du tust ja doch nur das, was du willst.“
Die Maus senkte die Augen und versuchte schuldbewu?t dreinzuschauen, aber ihre Barthaare zitterten erfreut. Zartlich rieb sie ihre Wange an Rods Handrucken. „Hor gut zu“, sagte Rod. „Du begibst dich jetzt ins Haus Clovis, dort reite ich namlich auch hin. Das ist ein Befehl!“ Die Maus blickte mit gro?en unschuldigen Augen zu ihm hoch. „Ich bin sicher, das ist ein Befehl, den du ausnahmsweise einmal befolgen wirst, denn dort warst du sowieso hingelaufen.“ Seine Stimme klang besorgt, als er weitersprach: „Aber pa? auf dich auf, horst du?“
Er hob die Hand mit der Maus hoch und ku?te sie sanft auf das
Naschen. Die Maus wand sich vor Begeisterung und tanzelte vor Freude auf seiner Hand herum, ehe aus ihren Vorderpfotchen winzige Flugel wurden und sie sich in einen Zaunkonig verwandelte. Rod blickte ihr nach, als sie durch die Luft flatterte.
Rod pochte an die Tur. Der bucklige, durre Spotter offnete. „Ja, Mylord?“ fragte er mit einem zahnstummeligen Lacheln. Rod hielt es fur besser, ihm nicht zu zeigen, da? er ihn langst durchschaut und als den eigentlichen Kopf des Hauses Clovis erkannt hatte, deshalb tat er, als bemerke er ihn kaum, und brummte nur: „Bring mich zu Lord Loguire, Bursche.“
„Gewi?, Mylord.“ Der Spotter huschte voraus und offnete die innere Tur. Rod trat hindurch — und mitten in einen Halbkreis von Bettlern und Dieben, die ihn in einer Dreierreihe mit Knuppeln und Dolchen erwarteten.
Rods Hande harteten sich zu Karateschwertern. Er wandte sich an den Spotter. „Ich komme als Freund.“
„O wirklich?“ Ha? leuchtete aus den Augen des Buckligen.
„Auf welcher Seite steht Ihr denn? Auf der der Edlen? Der Konigin? Oder seid Ihr fur das Haus Clovis?“
„Genug deines Gequassels! Bring mich sofort zu Lord Loguire!“
„Das werden wir!“ Jetzt funkelten des Spotters Augen vor Hohn. Er warf einen Blick uber Rods Schulter und nickte. Rod wollte sich umdrehen, aber da schien sein Schadel bereits zu explodieren.
Als er allmahlich wieder zu sich kam, spurte er etwas Kaltes, Feuchtes unter seiner Wange. Alles um ihn wirkte verschwommen. Er schuttelte den Kopf, und fast hatte er vor Schmerzen aufgeschrien. Er blinzelte mehrmals, bis er endlich klarer sehen konnte. Ihm gegenuber lehnte Tuan Loguire mit dem Rucken gegen altersschwarzen Stein, aus dem von Eisenklammern Ketten herabhingen, die zu metallenen Armbandern um Tuans Handgelenke fuhrten. Er hob eine Hand
und sagte sarkastisch: „Willkommen!“
Stumm wanderte Rods Blick weiter. Der alte Herzog war an die nachste Wand gekettet. „Ich dachte, Euer Knappe sollte mich in Sicherheit bringen“, sagte er duster.
Verrat! Rod hatte es besser wissen mussen, als Tom zu vertrauen. „Tom…“
„Hier, Herr!“ Rod drehte sich um. Tom lehnte an der dem Herzog gegenuberliegenden Wand. Er lachelte mit den traurigen Augen eines Hundes. „Ich hatte gehofft, Ihr wurdet uns befreien. Und jetzt seid Ihr selbst in Ketten!“
Rod runzelte die Stirn. Erst jetzt bemerkte er, da? er genauso angekettet war wie die anderen. Schweigend blickte er sich weiter um. Das einzige Licht fiel von einem hohen vergitterten Fenster in das Verlies, das etwa dreieinhalb Meter breit, funf lang und drei hoch war. Moos wucherte aus den klammen, verrottenden Steinen, auch auf dem Boden, wo er nicht mit fauligem Stroh bedeckt war. Die einzige Verschonerung des Raumes war ein Skelett, das durch mumifizierte Sehnen zusammengehalten, genau wie sie an die Wand gekettet war.
Rod drehte sich mit dem Gesicht zur Wand. „Gekab, wo bist du?“ flusterte er so leise, da? die anderen die Worte nicht verstehen konnten. „In dem schmutzigsten, baufalligsten Stall, den ich je gesehen habe“, erwiderte der Roboter. „Zusammen mit funf klapprigen Gaulen. Ich glaube, wir sollen als die Kavallerie des Hauses Clovis dienen.“
Rod kicherte leise. „Ist eine Maus mit gro?en grunen Augen in deiner Nahe?“
„Nein, Rod. Aber auf meinem Kopf sitzt ein Zaunkonig.“
„Frag ihn, ich meine, sie, ob sie Macht uber kaltes Eisen hat.“
„Wie soll ich denn mit ihr sprechen, Rod?“
„Du brauchst nur auf der Frequenz menschlicher Gedanken wellen zu senden. Sie ist Telepathin.“ Nach einer Weile horte Rod eine Reihe schwacher Zwitscherlaute. „Was ist dieses Zwitschern, Gekab?“
„Gwendylon, Rod. Sie reagierte, wie ich es erwartet hatte, als ein Pferd sie etwas fragte.“
„Aha, sie ist also fast von deinem Kopf hinuntergefallen. Aber hat sie etwas gesagt?“
„Naturlich, Rod. Sie sagte, sie sei jetzt ganz sicher, da? Sie ein Zauberer sind.“ Rod rollte die Augen zur Decke. „Komm zur Sache, Gekab. Kann sie uns von diesen Ketten befreien und etwas gegen das Fenstergitter unternehmen?“
Nach kurzer Pause antwortete der Roboter: „Sie sagt, sie hat keine Macht uber kaltes Eisen, Rod, genausowenig wie irgendeine andere Hexe oder Elfen, die sie kennt. Sie schlagt einen Schmied vor, befurchtet jedoch, da? er nicht zu Ihnen vorgelassen wurde.“
„Sag ihr, ich freue mich, da? sie ihren Humor nicht verloren hat. Und frag sie, wie, zum Teufel, sie uns hier herausholen will.“
„Sie meint, da? der Elfenkonig in der Lage ist, Sie zu befreien.
Sie glaubt auch, da? er kommen wird, aber es wird noch eine Weile dauern, weil er einen weiten Weg hat.“
„Ich dachte, sie sagte, Elfen hatten keine Macht uber Eisen?“
Nach einer weiteren kurzen Pause erklarte Gekab: „Sie sagt, der Elfenkonig ist nicht ganz ein Elf, sondern halb vom Alten Blut.“
„Nur halb… Du willst doch nicht sagen, da? ein Elternteil ein Mensch war?“
„Gewi?, Rod!“
Rod versuchte sich vorzustellen, wie ein funfundvierzig Zentimeter gro?er Elf und ein normal gro?er Mensch miteinander Kinder haben konnten, aber Gekab unterbrach seinen Gedankengang.
„Sie macht sich jetzt auf den Weg, um ihn zu holen, Rod. Sie sagt, Sie sollen guten Mutes sein.“
„Wenn ich noch besseren Mutes ware, ware es nicht mehr auszuhalten. Sag ihr, sie soll gut auf sich aufpassen.“
„Er spricht in die leere Luft“, murmelte Tuan.
Tom lachte polternd. „Durchaus nicht, meine Lords. Dieser Mann redet mit Geistern.“
Rod lachelte duster. „Wieso plotzlich so frohlich, Tom?“
Der Riese rakelte sich, da? die Ketten klirrten. „Einen Augenblick hielt ich Euch fur geschlagen, Meister, aber jetzt wei? ich, da? alles wieder gut wird!“ Er streckte sich aus.
Rod grinste, als Tom zu schnarchen begann. „Das nennt man Vertrauen“, wandte er sich an die beiden Loguires.
„Hoffen wir, da? es gerechtfertigt ist“, brummte Tuan und betrachtete Rod zweifelnd.
„Hoffen wir es“, echote Rod grimmig. Er nickte dem Herzog zu. „Nun, habt Ihr Euch mit Eurem Sohn schon ausgesprochen?“
Der alte Loguire nickte. „Ich bin glucklich, ihn wiederzusehen, obgleich es mir unter anderen Umstanden lieber gewesen ware.“
Tuan starrte stirnrunzelnd auf seine Hande. „Es sind traurige Neuigkeiten, die ich von ihm erfuhr, Rod Gallowglass. Ich wu?te, da? mein Bruder voll Ha? und Ehrgeiz ist, aber nie hatte ich gedacht, er wurde so tief sinken.“
„Oh, urteilt nicht so hart.“ Rod lehnte sich ebenfalls an die Wand und schlo? mude die Lider. „Durer hat ihn vollig unter seinem Einflu?. Und wenn sein Zauber fast auch auf seinen Vater gewirkt hatte, wie konnte er da bei ihm versagen?“
