„Ja“, stimmte Tuan ihm finster bei. „Und ich bin auf den Spotter hereingefallen.“
„Oh?“ Rod hob eine Braue. „Es wurde Euch also bewu?t!“
„Ja. Er ist der schlimmste aller Halunken. Wahrend er sich demutigst vor einem krummt, schlitzen seine Helfershelfer einem den Beutel auf. Fragt nicht, wie er mich hintergangen hat!“
„War nicht er es, der Euch nahelegte, die Bettler zu organisieren?“
„Ja.“ Tuan nickte schwer. „Ich hatte ursprunglich beabsichtigt, ihr schweres Los zu erleichtern, aber er brachte mich auf die Idee, eine Armee zur Verteidigung der Konigin aufzustellen.
Ich hatte so manches aus dem Suden gehort, das mir die Uberzeugung verlieh, eine solche Armee wurde vielleicht vonnoten sein.“
„Als der Spotter erfuhr, da? der Suden zu den Waffen griff, hielt er die Zeit fur gekommen, die Macht an sich zu rei?en und die Konigin zu sturzen. Richtig?“ fragte Rod.
„Ja. Ich sprach dagegen, sagte, jetzt sei die Zeit, der Konigin zu Hilfe zu kommen, da schimpfte er mich einen Verrater, und…“
Tuans Gesicht verdusterte sich, und die Worte fielen ihm schwer. „Und einer seiner Bettler hatte mich getotet, aber der Spotter verwehrte es ihm und lie? mich hier hereinwerfen.“ Er blickte Rod stirnrunzelnd an. „Findet Ihr das nicht auch fur sehr merkwurdig, Rod Gallowglass? Ich meine, da? er mich nicht toten lie?.“
„Nein.“ Rod schuttelte den Kopf. „Er braucht einen nominellen Konig, wenn Catherine gesturzt ist.“
„Keinen Konig. Er schreit herum, da? wir nie wieder einen Konig haben werden, nur eine Art Hauptling.“
„Eine Art Hauptling?“ Rod runzelte die Stirn. „Wie nennt er diesen Hauptling?“
„Diktator.“ Tuan kaute an der Lippe. „Ein wahrlich seltsamer Titel. Es soll auch keine Edlen mehr geben, nur noch diesen Diktator. Sehr merkwurdig.“
Die Galle stieg Rod hoch. „Gar nicht so merkwurdig, wie Ihr glaubt. Aber die Bettler bilden sich doch nicht ein, sie konnten die Burg sturmen?“
„Nein, doch sie wissen, da? der Suden die Waffen ergriffen hat, und da? Catherine nicht warten wird, bis der Feind die Hauptstadt erreicht hat…“
„Der Spotter nimmt also an, da? sie ihm entgegenmarschieren wird?“
„Und dann wird er ihr folgen und sie von hinten angreifen. Und derart in die Zange genommen, werden ihre Streitkrafte keine halbe Stunde durchhalten.“
„Und was beabsichtigt der Spotter nach der Schlacht mit den Ratgebern und den Edlen zu machen?“ fragte Rod. „Durer will Euren Bruder zum Konig erheben.“
„Der Spotter hat seine eigene Losung fur dieses Problem. Eine Metallrohre, die in die Bolzenrinne einer Armbrust pa?t, nichts weiter. Aber sie schie?t eine Bleikugel, die selbst durch den starksten Brustpanzer dringt.“
„Er will seine ganze Armee damit ausrusten?“
„O nein, er hat nur funf davon. Eine fur sich, und je eine fur seine drei Hauptleute und fur seinen vierten Hauptmann.“ Tuan deutete mit einem Kopf zucken auf den schlafenden Riesen.
„Aber er ist vor kurzem in Ungnade gefallen. Er versicherte uns, da? die funf Rohren fur die gesamte Macht der Edlen und Ratgeber genugen werden.“
Rod horte den Rest seiner Worte gar nicht mehr. Er starrte auf Tom. „Ein Hauptmann?“ fragte er schluckend.
„Ja, wu?tet Ihr denn nicht, da? er zu Clovis gehort?“
Tom offnete ein treues Hundeauge und schaute Rod an. Rod blickte zur Seite und rausperte sich. „Nun, das erklart allerdings so manches.“ Und zu Tom gewandt: „Du gehorst also zum inneren Kreis?“
Tom lachelte sauer und hob kettenklirrend einen Arm.
„Gehorte“, verbesserte er.
„Er stellte sich gegen den Spotter und seine Schakale, als der Bucklige befahl, mich zu meinem Sohn ins Verlies zu werfen.
,Nein! widersetzte sich Euer Mann.,Ich mu? ihn zu meinem Herrn zuruckbringen, wo er Euren Planen nutzt. ,Die Plane wurden geandert', antwortete man ihm. Und als man mich nicht gehen lassen wollte, kampfte Euer Mann Tom Rucken an Rucken mit mir und er streckte die gro?ere Zahl nieder.“
Letzteres sagte er in einem Ton verwunderten Respekts.
Tom grinste. Jetzt erst bemerkte Rod erschrocken, da? dem Riesen ein Zahn fehlte. „Ihr seid selbst ein machtiger Recke.
Ich hatte nie gedacht, da? ein Edler ohne Waffen und Rustung so wacker kampfen konnte.“
Rod musterte Tom naher. Ein Auge war geschwollen und blau angelaufen, und quer uber eine Wange verlief eine blutverkrustete Wunde. „Wie vielen hast du denn den Schadel eingeschlagen, Tom?“
„Kaum zwei Dutzend“, antwortete Tom. „Ich hatte nur diesen tapferen Lord, um meinen Rucken zu schutzen, und es waren zu viele dieser Burschen fur uns.“
Rod grinste und fragte sich, ob Loguire klar war, wie hoch er dieses Kompliment Toms einschatzen mu?te.
„Und nun, da man mich entlarvt hat“, brummte Tom, „gebt uns die Ehre, auch Eure Maske abzunehmen.“
Rod starrte ihn an. „Wie lange hast du mich schon durchschaut?“
Tom lachte polternd. „Seit Ihr mit Judo gegen mich vorgingt.“
„Also von Anfang an! Und deshalb wolltest du unbedingt mein Knappe werden. Auf Befehl, Tom?“
Tom nickte. „Also, Meister, was seid Ihr?“
„Ein Zauberer“, erwiderte Rod sich innerlich windend, aber unter den gegebenen Umstanden war es die beste Antwort.
Tom spuckte aus. „Keine Ausfluchte, Meister. Ihr gehort nicht zu den Ratgebern, sonst hattet Ihr Lord Lo guire nicht vor ihnen in Sicherheit gebracht. Und vom Haus Clovis seid Ihr auch nicht, sonst wu?te ich es. Also, was seid Ihr dann?“
„Ein Zauberer“, wiederholte Rod. „Ein neuer Spieler im gro?en Spiel, Tom, und zwar einer, der treu hinter der Konigin steht.
Ich bin X, die Unbekannte in der Gleichung der Ratgeber und des Hauses Clovis, und nur durch reinen Zufall hier.“
„Ich glaube nicht so recht an Zufalle, Herr. Ich wei?, da? Ihr an der Seite der Konigin steht. Aber wer steht hinter Euch?“
„Ein ungebuhrliches Benehmen fur einen Knappen gegenuber
seinem Herrn!“ knurrte Loguire.
Rod lachelte schwach. „Ein sehr ungewohnlicher Knappe, Mylord.“
„Ja, und ein sehr ungewohnlicher Herr!“ knurrte Tom. „Wer steht hinter Euch, Rod Gallowglass?“
Rod zuckte die Schultern. Das Wort wurde den Loguires nichts sagen, und Tom war nun ohnehin auf seiner Seite.
„DUFT“, antwortete er.
Tom starrte ihn an. Fast lautlos sagte er: „Und ich hielt selbst die letzten fur tot.“ Er schluckte und bi? sich auf die Lippe.
„Aber Ihr lebt, und Geist seid Ihr wohl kaum, sonst ware die Hexe nicht so scharf auf Euch. Ich horte, Ihr seid nach dem Sieg ausgeschieden. Es war streng geheim…“
„Sieg?“ echote Rod stirnrunzelnd.
Ein noch tieferes Stirnrunzeln des Riesen antwortete ihm, und dann begann Tom schallend zu lachen. „Ah, jetzt verstehe ich!
Und welch ein Narr ich war, nicht fruher darauf zu kommen.
Welches Alter, Meister?“
„Alter? Zweiunddrei?ig, warum?“
„Nein, nein!“ Tom schuttelte ungeduldig den Kopf. „Aus welchem Zeitalter seid Ihr?“
Rods Lippen formten sich zu einem O, als auch ihm etwas bewu?t wurde. „Dann war es also tatsachlich eine Zeitmaschine“, murmelte er. „Und hier, irgendwo im Haus, ist eine zweite verborgen, oder?“
Toms Augen wurden eisig. „Genug!“ schnaubte er. „Ihr wi?t bereits zu viel, Rod Gallowglass!“
