Tuan warf die Arme hoch. Stille setzte in dem weiten Raum ein, nur das leise Pochen der Trommel war zu horen.
„Ihr habt mich versto?en!“ brullte Tuan.
Der Mob drangte sich furchtsam zusammen.
„Mich ins Exil verbannt!“ rief Tuan. „Ihr habt euch von mir abgewandt und glaubtet, mich nie wiederzusehen!“
Ein Murmeln erhob sich, verangstigt, ja verzweifelt.
„Wurde ich nicht verbannt?“ schrie Tuan. „Seid still!“
Und wie durch ein Wunder erstarb das Gemurmel sofort.
Tuan deutete mit anklagendem Zeigefinger auf die Menge.
„Nun, wurde ich nicht verbannt?“
Ein paar Jas waren zu horen.
„Wurde ich verbannt?“ rief Tuan erneut.
„Ja!“ antworteten nun alle.
„Schimpftet ihr mich nicht Verrater?“
„Ja“, rief die Menge widerwillig.
„Und doch stehe ich hier, frei und stark und wieder Herr des Hauses Clovis!“
Niemand focht diese Behauptung an.
„Und wo sind die wahren Verrater, die euch in eine hoffnungslose Schlacht gefuhrt hatten, wo kaum einer von euch am Leben geblieben ware? Die Verrater, die in meiner Abwesenheit dieses Haus zum Kerker machten? Wo sind sie jetzt, um meine Fuhrerschaft zu bestreiten?“ Wieder stutzte er die Hande auf die Huften, wahrend die Menge die Frage aufnahm und sie einander stellte. Eilig befestigte Tom drei Meter des Spinnenfadens an der Verschnurung des Spotters und band das Ende an eine Stutzsaule der Brustung. Und als das Gemurmel: „Wo?“ und „Der Spotter!“ lauter wurde, tat er das gleiche mit den drei Hauptleuten.
Tuan lie? das Gemurmel weiter anschwellen, bis es seinen Hohepunkt erreicht hatte, dann erst gab er Tom das Zeichen. Tom und Rod hoben die gebundenen Manner uber die Brustung, so da? sie paarweise zu beiden Seiten von Tuan in die Tiefe hingen. Der Spotter hatte inzwischen das Bewu?tsein wiedererlangt und baumelte, in seinem Versuch freizukommen, hin und her.
Erschrockenes Schweigen senkte sich auf den Raum herab. Der Mob brullte wie ein riesiges, hungriges Raubtier und drangte sich nach vorn. Die vordersten Reihen hupften hoch, um nach den herabhangenden Fu?en zu greifen. Die Menge bedachte den Spotter und seine Kumpane mit Fluchen und den gemeinsten Schimpfwortern.
„Seht sie euch an!“ schrie Tuan, und die Meute verstummte. „Seht sie euch an, diese Verrater, die ihr eure Herren nanntet. Seht sie euch an, diese Verrater und Diebe, die euch all die Freiheit nahmen, die ich fur euch errungen hatte!“ Tom grinste. Seine Augen, die er auf den jungen Lord gerichtet hatten, gluhten, und er wiegte sich leicht im Takt zu dessen Worten. Wahrhaftig, der Junge schien gewachsen zu sein. „Wurdet ihr nicht herrenlos geboren?“ brullte Tuan. „Ja!“ brullte die Menge einstimmig zuruck.
„Ihr wurdet frei geboren! Gewi?, in die Freiheit der Ausgesto?enen und der Armut, aber frei vom Joch der Knechtschaft!“
„Ja! Ja!“
„Habe ich euch diese Freiheit geraubt?“
„Nein! Nein!“
Ein Buckliger mit einer Binde uber einem Auge schrie: „Nein, Tuan! Ihr habt uns mehr gegeben!“
Die Menge tobte. Tuan verschrankte die Arme wieder und lie? grinsend dem Jubel ungehindert seinen Lauf. Als er seinen Hohepunkt erreichte, warf er erneut die Arme hoch.
„Mu?tet ihr fur eine Liebesnacht erst meine Erlaubnis einholen?“
„Nein!“ brullten sie.
„Und ich werde euch auch da weiterhin eure Freiheit lassen!“
Sie jubelten. Tuan grinste und verbeugte sich fast scheu. Doch dann beugte er sich vor, die Hande geballt, und rief mit finsterer Stimme: „Aber als ich heute in dieses Haus zuruckkam, mu?te ich feststellen, da? ihr euch alles, was ich euch gab, von diesen gemeinen Schurken habt stehlen lassen!“
Die Meute tobte.
Tuan zuckte mit der Linken. Tom lie? die Trommel heftig drohnen. Alle verstummten.
„Mehr noch, lie?t ihr euch von ihnen nehmen: Das Recht, mit dem ihr geboren ward — die Freiheit der Liebe!“
Eingeschuchtert von seinem Ton und der erneut aufdrohnenden Trommel wichen die Anwesenden zuruck.
„Und ihr wollt Manner sein!“ Tuan lachte rauh und verachtlich.
Ein neues Gemurmel erhob sich und wurde zu verstandlichen Worten: „Wir sind Manner! Ja, wir sind Manner! Manner!“
„Ja, Tuan!“ schrie der einaugige Bucklige. „Gebt uns diese baumelnden Halunken, die uns beraubten, dann beweisen wir Euch, da? wir Manner sind. Wir werden ihnen lebenden Leibes
die Haut abziehen, sie in Stucke zerrei?en, selbst die Knochen werden wir ihnen zersplittern!“
Die Meute heulte vor Blutlust.
Tuan richtete sich hoch auf und lachelte grimmig. Das Heulen wurde zu einem verlegenen Brummen, aus dem Schuldbewu?tsein sprach und erstarb.
„Das nennt ihr Mannestum?“ sagte Tuan fast leise. „Nein!
Schwei?hunde sind besser als ihr!“
Erneut breitete sich ein Gemurmel aus, das lauter und wutender wurde.
„Vorsichtig, Tuan!“ mahnte Rod flusternd. „Wenn Ihr so weiter macht, werden sie uns in Stucke rei?en.“
„Keine Angst“, erwiderte Tuan genauso leise, ohne die Augen von dem Mob zu nehmen. „Es mu? erst richtig eindringen.“
Immer lauter wurde das Murmeln. Hier und da hob einer wutend die Faust und drohte Tuan.
Tuan warf die Arme hoch und rief: „Aber ich wei?, da? ihr Manner seid! Gewi?, es gibt solche, die mir widersprechen wurden, aber ich glaube an euch. Wollt ihr beweisen, da? ihr wahrhaftig Manner seid?“
„Ja!“ brullte die Menge. „Ja! Ja!“
„Wollt ihr kampfen?“ rief Tuan und schuttelte die Faust.
„Ja!“ Blutdurstig drangte die Meute sich wieder naher.
„Ihr wurdet in Schmutz und Elend geboren, zu harter, ruckenkrummender Arbeit! Zu leeren Bauchen und ohne ein Dach uber euren Kopfen, richtig?“
„Ja! Ja!“
„Wer fullte euch die Bauche? Wer gab euch mit die sem Haus ein Dach uber eure Kopfe?“
„Ihr, Tuan!“
„Ja, ich holte euch aus eurem Elend. Aber wer war schon vor eurer Geburt an an diesem Elend schuld? Wer hat euch Jahrhundert um Jahrhundert tiefer in den Schmutz getreten?“
„Die Edlen!“ brullte der Bucklige. Sofort griffen die anderen es
auf. „Die Edlen! Die Edlen!“
Rod wand sich unter dem Ha?, den sie in dieses Wort steckten.
„Ja, die Edlen!“ bestatigte Tuan und lie? die Meute kurz toben, ehe er weitersprach. „Aber wer unter all den Hochgeborenen ergriff eure Seite? Wer gab euch zu essen, wenn ihr gehungert habt? Wer horte euch an? Wer schickte Richter aus, um euch Gerechtigkeit zu bringen, statt der Willkur der Edlen?“
„Die Konigin!“ rief er.
„Die Konigin!“ echoten sie.
„Sie verschlo? den Edlen ihr Ohr, um euch horen zu konnen!“
„Ja!“
„Aber sie hat Euch verbannt, Euch, unseren Tuan Loguire!“
schrie der Bucklige.
Tuan lachelte. „Hat sie das wirklich? Oder hat sie mich zu euch gesandt, um unter euch zu leben und Gutes
