„Meister!“ antwortete Tom gekrankt. „Wie kann man die Existenz oder Nichtexistenz eines immateriellen Wesens durch Fakten beweisen?“

„Meine Herren“, sagte Tuan sarkastisch. „Ich unterbreche sehr ungern ein so gelehrtes Gesprach, aber es konnte ja sein, da? der Spotter jeden Augenblick aufwacht.“

„Hm? O ja, naturlich!“ Rod setzte sich wieder zur Tur zu in Bewegung. „Wir unterhalten uns spater weiter daruber, Tom.“

Leise versuchte er die Tur zu offnen, aber sie knarrte, krachzte, quietschte, wehrte sich gegen sein Eindringen. Der Spotter hatte sie offenbar als primitive, aber sehr wirksame Einbruchs sicherung absichtlich nicht geolt. Rod warf sich mit aller Kraft dagegen und sturzte ins Zimmer, noch ehe der Spotter „Morder!“ brullte und mit zum Schlag erhobener Hand aus dem Bett sprang.

Rod blockierte einen Handkantenschlag und hieb nach dem Solarplexus. Seine Hand wurde geschickt abgewehrt, wahrend noch der Schrei des Buckligen in seinen Ohren hallte. Rod blieb gerade Zeit, den Humor des Schwarzengurteltragers zu wurdigen, der nach Hilfe brullte, ehe er auf den gegen seine Leiste gerichteten Schlag aufmerksam wurde.

Er sprang zuruck, und der Spotter ihm nach. Diesmal traf der Schlag. Rod rollte und wand sich vor Schmerzen auf dem Boden. Er sah den Fu?, der nach seinem Kinn ausholte, und es gluckte ihm, seinen Kopf weit genug zu drehen, da? der Fu? lediglich seine Wange streifte. Sterne funkelten vor seinen Augen, und er versuchte, sie mit einem Kopfschutteln zum Verschwinden zu bringen.

Durch das Summen in seinen Ohren horte er einen plotzlich abgewurgten Schrei, dann einen dumpfen Schlag, und schlie?lich brullte Tom: „Eure Schleuder, Tuan! Auf den Schrei werden gleich Wachen herbeieilen!“

Der Riese beugte sich uber ihn. Sein Gesicht war ganz nah.

„Wie schlimm seid Ihr verletzt, Meister?“

„Es geht schon“, keuchte Rod.

„Konnt Ihr aufstehen?“

„In einer Minute. Aber Gwen wird sich auf eine zeitweilige Enttauschung gefa?t machen mussen. Wie hast du es fertiggebracht, Tom?“

„Ich hab' seinen Fu? beim Aufwartsschwingen erwischt und ihn hochgeschleudert. Und ehe er landete, versetzte ich ihm noch einen Kinnhaken.“

„Ein Kinnhaken, der einen Schwarzengurteltrager ausschaltet!“ staunte Rod und rollte sich herum.

Ein Schrei au?erhalb des Zimmers verstummte plotzlich, Rod hob lauschend den Kopf. Dann taumelte er, die Hande immer noch zwischen die Beine gepre?t, zur Tur und ri? sie trotz Toms Protest auf.

Drei weitere Manner lagen reglos auf dem Steinboden der Gaststube, wahrend Tuan, mit der Schleuder in der Hand, an der Galeriebrustung stand. Sein Gesicht war fahl. „Erst kam einer“, berichtete er tonlos, „dann der zweite und schlie?lich der dritte. Die ersten beiden erwischte ich, ehe sie schreien konnten, aber beim dritten war ich zu langsam.“ Er drehte sich mit dem Rucken zur Brustung und sagte hart: „Mir gefallt dieses Toten nicht!“

Rod nickte und achzte, als der Schmerz ihn zu ubermannen drohte. Er hielt sich am Gelander fest. „Kein echter Mann liebt es, Tuan. Aber es ist Krieg und Ihr durft es nicht so schwer nehmen!“

„Oh, ich habe auch schon fruher getotet“, murmelte Tuan.

Seine Lippen waren Striche. „Aber Manner zu toten, die mir noch vor drei Tagen zuprosteten…“

Rod schlo? die Augen. „Ich verstehe. Aber wenn Ihr je ein guter Konig oder guter Herzog werden wollt, mu?t Ihr lernen, damit fertig zu werden. Au?erdem, verge?t das nicht, wurden

sie Euch getotet haben, wenn Ihr nicht schneller gewesen wart.“

Tom trat auf die Galerie heraus. Den Spotter hatte er sich wie ein gut verschnurtes Paket unter den Arm geklemmt. Er schaute kurz in die Gaststube hinab. „Noch mehr Tote?“ Er legte den Spotter zwischen seine bewu?tlosen Hauptleute und begann, sie zu fesseln. Einer hatte nur noch eine Narbe, wo sein Ohr sein sollte — ein Zeichen der koniglichen Gerechtigkeit.

Rod nickte. Der Spotter hatte sich seine Helfershelfer sorgfaltig ausgewahlt. Sie hatten guten Grund, die Monarchie zu hassen.

Er richtete sich auf und zuckte vor Schmerz zusammen.

„Ihr solltet Euch setzen und ausruhen, Rod Gallowglass“, riet ihm Tuan.

Rod holte pfeifend Luft und schuttelte den Kopf. „Es ist nur schmerzhaft, weiter nichts. Sollten wir diese drei nicht ins Verlies schaffen?“

Tuans Augen funkelten. „Nein, es genugt, da? sie gebunden sind. La?t sie hier, ich brauche sie.“

Rod runzelte die Stirn. „Ihr braucht sie? Was meint Ihr damit?“

Tom hob eine Hand. „Fragt nicht lange, Meister, wenn Tuan sie braucht, so la?t sie ihm. Dieser Junge versteht sein Handwerk. Ich habe nie einen Mann gesehen und selten von einem gehort, der eine Menschenmenge so uberzeugen kann wie er.“ Er drehte sich um und rannte die Stufen hinunter. In der Wirtsstube untersuchte er die Gefallenen, dann verschnurte er einen, der noch lebte, ehe er sie alle unter die Galerie zerrte.

Den Hauptmann neben dem Feuer warf er sich auf die Schulter.

„Tom!“ rief Tuan. „Sei so gut und bring das Horn mit, das an der Wand dort hangt, und die Trommel daneben ebenfalls!“

Tom nickte. Er nahm das alte, verbeulte Jagdhorn von seinem Haken und klemmte sich eine der primitiven Trommeln -

nichts weiter als ein leeres Fa? mit einem Fellbezug an einem

Ende — unter den Arm.

Rod runzelte verwirrt die Stirn. „Was wollt Ihr denn mit Horn und Trommel?“

Tuan grinste. „Konnt Ihr Horn blasen?“

„Nun, im Symphonieorchester wurde man mich vermutlich nicht aufnehmen, aber…“

„Es wird genugen“, unterbrach ihn Tuan mit glitzernden Augen.

Tom rannte die Stufen wieder hoch. Den dritten Hauptmann legte er neben seine Spie?gesellen, die Instrumente neben Tuan. „Und wie geht es weiter, meine Herren?“

„Du nimmst die Trommel“, bestimmte Tuan, „und wenn ich das Wort gebe, hangst du diese vier von der Galeriebrustung hinunter, aber nicht an den Halsen, horst du? Es ist von viel gro?erem Nutzen fur uns, da? wir sie lebend gefangen haben.“

Rod hob eine Braue. „Doch wohl nicht der alte Spruch, da? der Machtige es sich erlauben kann, Gnade walten zu lassen?“

Aber er horte die Antwort nicht, weil Tom begonnen hatte, die Trommel zu schlagen, da? das ganze Haus vibrierte.

Tuan grinste und sprang auf die Brustung. Mit weit gespreizten Beinen und verschrankten Armen machte er es sich dort bequem. „Ruft sie herbei, Meister Gallowglass!“ brullte er.

Rod blies den Weckruf der Armee. Zwar klang er etwas ungewohnlich auf dem alten Jagdhorn, aber er erfullte seinen Zweck. Ehe er zu Ende damit war, hatte sich die ganze riesige Wirtsstube mit Bettlern, Dieben und Mordern gefullt. Sie waren alle aus dem Schlaf gerissen, konnten die Augen noch nicht ganz aufbekommen und erst recht nicht klar denken. Sie stellten einander alle moglichen Fragen, und machten sich ganz klein, als sie Tuan, den sie verraten hatten, stolz und hochaufgerichtet auf der Brustung stehen sahen.

Er sollte sie furchten, sich gar nicht zuruckgewagt haben, nachdem er befreit worden war — aber da stand er, frei und furchtlos, und rief sie mit Horn und Trommel herbei — und wo war der Spotter?

Sie waren verwirrt und mehr als nur ein wenig verangstigt.

Menschen, die nie gelernt hatten, selbstandig zu denken, waren nun dem Undenkbaren ausgesetzt.

Rod endete mit einem Tusch, dann wirbelte er das Horn im Kreis und schob es in den Gurtel. Tom entlockte der Trommel ein letztes heftiges Bumm, da streckte Tuan die Hand in Toms Richtung und schnippte mit den Fingern.

Die Trommel erklang von neuem, leise, aber eindringlich.

Rod schaute zu Tuan hoch, der mit den Armen auf die Huften gestutzt grinste — ein in sein Reich heimgekehrter Elfenkonig!

Er blickte hinunter auf die furchterfullte Menge, die mit offenen Mundern auf die majestatische Gestalt starrte.

Rod mu?te zugeben, da? das eine sehr beeindruckende Weise fur die Eroffnung einer Rede war.

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