„Und was ist, wenn jemand hierherkommt? Wir konnen ihn doch nicht einfach so hangen lassen?“ brummte Rod. Er griff in sein Wams und holte die Maus aus ihrer Erkundung seines Brustkastens zuruck. „Hor mal, Baby, wei?t du was eine dimensionale Krummung ist?“
Die Maus rollte die Augen hoch und zuckte mit den Barthaaren, dann schuttelte sie energisch den Kopf. „Und eine Zeitfalte?“
Die Maus nickte eifrig. Dann spannte das kleine Mausegesicht sich in tiefster Konzentration — und der Posten war verschwunden.
Tuan quollen die Augen aus den Hohlen, und er schnappte nach Luft.
Tom spitzte die Lippen, dann sagte er schnell: „Ah — ja. Machen wir weiter.“
Rod grinste und setzte die Maus auf dem Boden ab. „Zieh dich zuruck, Kleines, aber bleib in der Nahe, ich brauche dich vielleicht nochmal.“
„Der Spotter schlaft wahrscheinlich in Tuans Gemach“, murmelte Tom. „Und ich hoffe, seine Hauptleute finden sich in seiner Nahe.“
„Glaubst du nicht, da? zumindest einer davon Wache halt?“ fragte Tuan.
Tom bedachte Tuan mit einem merkwurdigen Blick. Er hob eine Braue und sagte zu Rod: „Ein guter Mann, und gar nicht so dumm!“
Es gelang ihnen unbemerkt, einen Bogen um die einzige weitere Wache zwischen ihnen und der Wirtsstube zu schlagen. Die Stube selbst wurde nur durch die Glut in der offenen Feuerstelle erhellt, aber sie genugte, um den Fu? der machtigen Treppe an der anderen Seite zu sehen. Eine Galerie ragte im oberen Stockwerk uber die Stube hinaus. Die Turen dort fuhrten in die Privatgemacher.
Ein breitschultriger Mann sa? schnarchend und mit ausgestreckten Beinen in einem schweren Sessel neben der Feuerstelle. Am Fu? der Treppe stand ein gahnender, blinzelnder Mann Wache. Zwei weitere Posten lehnten sich schwer an die Pfosten einer Tur etwa in der Mitte der Galerie. „Schone Bescherung“, brummte Tom. „Sie sind einer mehr als wir, und weit auseinander, da? zweifellos zumindest einer Alarm schlagen wird, wahrend wir die anderen entwaffnen.“ „Von der riesigen, viel zu hellen Stube gar nicht zu sprechen, die wir uberqueren mussen. Sie ist fast so gro? wie der Audienzsaal der Konigin“, fugte Rod hinzu. „Wir konnten unter den Tischen und Banken hindurchkriechen“, schlug Tuan vor. „Bis wir dort sind, schlaft die Wache am Fu? der Treppe vermutlich schon.“ „Damit hatten wir die beiden in der Gaststube hinter uns, aber was ist mit dem Paar auf der Galerie?“ „Oh, ich verstehe ein wenig mit der Steinschleuder
umzugehen“, versicherte ihm Tuan. Er brachte ein Stuck schwarzes Leder zum Vorschein.
„Das ist eine Bauernwaffe“, knurrte Tom, „und nicht das Spielzeug eines Lordlings.“
„Ein Ritter mu? mit allen Waffen umgehen konnen, Tom“, erklarte Tuan ein wenig von oben herab.
„Gehen wir's an“, bestimmte Rod. „Ich nehme mir den an der Feuerstelle vor.“
„Das werdet Ihr nicht!“ entgegnete Tom. „Ihr konnt den an der Treppe haben!“
„Oh? Gibt es einen bestimmten Grund dafur?“
„Ja.“ Tom grinste wolfisch. „Der in dem Sessel ist einer von des Spotters Hauptleuten, und er gehort zu denen, die mich ins Verlies warfen.“
„Na gut“, gab Rod nach. Sie legten sich auf den Bauch und krochen jeder auf sein Ziel zu. Rod schien eine Ewigkeit zwischen den Tisch— und Bankbeinen zu vergehen, und er befurchtete standig, einer der beiden anderen konnte zuerst seinen Platz erreichen und des Wartens mude werden.
Plotzlich war ein dumpfer Krach zu horen. Einer mu?te gegen einen der Tische gesto?en sein. Rod erstarrte.
„Was war das?“ rief eine Stimme. „He, Egbert, wach auf und kummere dich um die Treppe, die du bewachen sollst.“
„Was — was ist los?“ brummte eine nahere, schlafrige Stimme, und dann eine tiefere, verargert vom Feuer. „Mu?t du mich wegen Nichtigkeiten aufwecken?“
„Etwas ist gegen einen Tisch gesto?en, Hauptmann! Ich habe es genau gehort“, erklarte die erste Stimme.
„Ja, eine Ratte, vielleicht. Eine verdammte Ratte!“ knurrte der Hauptmann und kauerte sich wieder tief in seinen Sessel.
Rod atmete erleichtert auf und wartete, da? der Posten an der Treppe wieder zu schnarchen anfing. Als er es tat, schlangelte er sich weiter durch Tisch- und Bankbeine, bis er unter dem Tisch lag, der der Treppe am nachsten war.
Von der Feuerstelle schrillte ein Pfiff, und dann war ein Krachen zu horen, als Tom einen Hocker umstie?, der ihm im Weg gestanden hatte.
Rod hastete zu seinem Mann. Aus dem Augenwinkel sah er Tuan hochspringen und die Schleuder wirbeln. Doch schon grub sich sein Kopf in den Bauch des Postens an der Treppe.
Der Mann sackte zusammen. Vorsichtshalber versetzte Rod ihm noch einen Nackenschlag. Als er hochblickte, bemerkte er, wie gerade einer der Posten auf der Galerie zu Boden ging. Der andere lag bereits sich windend daneben, mit den Handen auf den Hals gepre?t.
In funf Satzen erreichte Rod die Galerie. Er verpa?te dem sich Windenden einen Kinnhaken, da? er sich eine Weile schlafen legte. Der andere war nicht so glimpflich davongekommen.
Der Stein aus der Schleuder hatte ihm die Stirn zerschmettert.
Blut flo? uber sein Gesicht und sammelte sich zu einer Pfutze auf dem Boden.
„Verzeih mir, Mann“, flusterte Tuan, als er seiner Schleuder Werk betrachtete.
„Kriegspech, Tuan“, flusterte er.
„Ware er meinesgleichen, wurde ich es auch so sehen“, murmelte der Junge. „Aber ein Mann meines Blutes hat die Bauern zu beschutzen, nicht sie zu erschlagen.“
Rod musterte das ernste Gesicht des Jungen und dachte, da? es Manner wie die Loguires waren, die der Aristokratie das bi?chen Berechtigung gaben, das sie hatte.
Es hatte nur diesen einen Toten gegeben. Der Hauptmann und die Treppenwache waren sicher mit Toms synthetischer Spinnenseide verschnurt.
„Ihr habt es gut gemacht“, lobte Tom Tuan. „Ihr mu?tet Euch zwei vornehmen. Einen habt Ihr verschont. Macht Euch keine Vorwurfe des anderen wegen. Ihr hattet gar keine Zeit, besser zu zielen, ein so guter Schleuder er Ihr auch seid.“
Verwirrung zeichnete sich auf Tuans Gesicht ab. Er hatte nicht das Recht, sich Toms Einmischung zu verbieten, aber es war doch etwas ungewohnt, sich von einem Bauern loben und Entschuldigung gewahren zu lassen.
Rod lenkte ihn ab. „Ihr habt dort geschlafen?“ fragte er und deutete mit dem Daumen auf die Tur, die die beiden Posten bewacht hatten. Der Junge nickte stumm.
„Dann wird wohl jetzt der Bucklige sich dort einquartiert haben. Und du sagst, der Hauptmann unten gehort zum Stab des Spotters?“ Tom nickte.
„Also bleiben noch zwei Hauptleute. Was meint Ihr, ob sie nicht vielleicht in den anschlie?enden Zimmern zu finden sind?“ Als Tom erneut nickte, fuhr Rod fort: „Also, einen fur jeden von uns. Ihr zwei nehmt Euch je einen der Hauptmanner vor, ich beschaftige mich mit dem Spotter.“ Er wandte sich der mittleren Tur zu, aber Toms Pranke fiel auf seine Schulter herab. „Wieso kriegt Ihr den Spotter, nicht ich?“
Rod grinste. „Glaubst du nicht, da? ich hier ein bi?chen mehr zu sagen habe? Und au?erdem, welchen Gurtel hast du dir errungen?“ „Braun“, brummte Tom. „Und der Spotter?“
„Schwarz“, erwiderte Tom widerstrebend. „Dan, funfter Grad.“
Rod nickte. „Und ich ebenfalls schwarz, achter Dan. Du nimmst einen der Hauptleute.“
Tuan runzelte die Stirn. „Was ist das fur ein Gerede uber Gurtel? Und was ist Dan?“
„Nur eine kleine Kompetenzklarstellung. Zerbrecht Euch nicht den Kopf daruber.“ Rod wandte sich der mittleren Tur zu.
Tom griff nach seinem Arm. „Meister, wenn wir es geschafft haben, mu?t Ihr mir Unterricht geben.“
„Gern, sogar bis zum Collegeabschlu?, wenn du willst.“
„Danke.“ Tom grinste breit. „Nicht notig, ich habe bereits einen Doktor gemacht.“
Rod starrte ihn an. „In welchem Fach.“
„Theologie.“
„Das hatte ich mir denken mussen. Du hast nicht zufallig neue atheistische Theorien aufgestellt?“
