„Nun“, grollte Tom. „Mehr zu essen fur alle, mehr und bessere Kleidung, keine Armen und Hungernden mehr.“
„Und alles dank einer geplanten Elternschaft!“ murmelte Rod kopfschuttelnd mit einem vorsichtigen Blick auf die Erde.
„Und wie soll das moglich sein?“ fragte Tuan und hob trotz der besorgten Gesten Rods die Stimme um ein weiteres. „Mit einem Erlaubnisschein fur eine Liebesnacht? Ich wu?te nicht, wie!“
„Nein, Ihr ganz gewi? nicht“, sagte Tom verachtlich. „Aber der Spotter wei? sehr wohl, was er tut.“
„Wie erlaubst du dir, mit mir zu sprechen!“ Tuan zog seinen Dolch, und schon hatte auch Tom seinen in der Hand.
Rod schob die beiden auseinander. „Meine Herren! Auch wenn eure Meinung in dieser Sache auseinandergeht, mu? ich doch bitten, Ruhe zu bewahren. Jeden Moment kann der Posten wieder aufwachen und das ganze Haus zusammenbrullen.
Wollt ihr das wirklich?“
Die beiden funkelten einander wutend an, aber sie steckten die Dolche wieder ein. „Und was machen wir jetzt mit dem Posten?“ fragte Rod.
„Wir konnen nur eines tun“, antwortete Tuan. „Ihn aufwecken und gegen ihn kampfen.“
„Was?“ knurrte Tom. „Da? er Alarm schlagt? Nein, nein! Wir schleichen uns an ihn heran und versetzen ihm einen Schlag auf den Schadel.“
„Das ist unehrenhaft“, protestierte Tuan.
Tom spuckte verachtlich aus. „Toms Plan ist schon in Ordnung“, beruhigte Rod Tuan. „Nur was ist, wenn der Mann aufwacht, wahrend wir uns anschleichen?“
Tom zuckte die Schultern. „Dann mussen wir uns auf ihn werfen. Wenn wir dabei sterben, sterben wir eben.“
„Und die Konigin mit uns“, brummte Rod. „Nein! La?t euch was anderes einfallen.“
Tom zog seinen langen Dolch wieder hervor und balancierte ihn auf einer Fingerspitze. „Ich treffe den Burschen auf funfzig Schritt in die Kehle.“
„Das ist schlimmer als ein Sto? in den Rucken!“ wehrte Tuan ab. „Wir mussen ihm eine Chance geben, sich zu verteidigen.“
„O ja?“ hohnte Tom. „Damit er das ganze Haus aufweckt mit seinem Gebrull?“
Rod hielt beiden den Mund zu und war nur froh, da? er nicht drei Begleiter mitgebracht hatte. Er zischte Tom zu. „Hab Geduld. Er ist schlie?lich neu in diesem Job!“
Tuan richtete sich hoch auf und funkelte jetzt beide wutend an.
Rod flusterte Tom direkt ins Ohr. „Wenn du nicht wu?test, da? er ein Aristokrat ist, wie wurdest du ihn dann einschatzen?“
„Als tapferen Mann und guten Kampfer“, gestand Tom ein, „wenn auch arg jung und toricht und mit zu vielen Idealen belastet.“ Er schaute Rod an. „Also gut, ich werde versuchen, mit ihm auszukommen, aber wenn er noch einmal zu predigen versucht…“
„Wenn wir die Sache schnell genug hinter uns bringen, wird er keine Zeit dazu haben. Ich habe eine Idee.“
„Warum habt Ihr uns dann uberhaupt gefragt?“ grollte Tom.
„Weil sie mir erst kam, als ihr zwei euch in die Haare geraten
seid. Wir brauchen eine Kompromi?losung, richtig? Tuan la?t ein Messer in den Rucken nicht zu und auch keines in Brust oder Kehle, solange der Bursche schlaft. Er will eben keinen treuen Untertanen toten, weil er vielleicht schon morgen gutes Kanonenfutter abgeben konnte. Richtig?“
„Nicht das ist der Grund“, brummte Tuan.
„Und Tom will dem Posten keine Chance geben, Alarm zu schlagen — und ich auch nicht, ganz nebenbei bemerkt. Wir sind alle drei gute Kampfer, aber nur drei gegen ein ganzes Haus voll Messerstecher ist wohl utopisch. Tom, wenn der Posten plotzlich um die Ecke rennen sollte, wurdest du ihm dann nur ganz leicht uber den Schadel schlagen?“
„Sicher!“ Tom grinste.
„Leicht, sagte ich. La?t sich das mit Eurer Ehre vereinbaren, Tuan?“
„Ja, da er uns dann das Gesicht zuwendet.“
„Gut, dann brauchten wir nur noch eine Maus, der er um die Ecke nachjagt.
„Das ist einfach“, brummte Tom. „Der Meister kann eine machen.“
„Eine machen?“ Rod starrte ihn an.
„Aber ja.“ Tuan nickte heftig. „Ihr seid doch ein Zauberer und hier an der Wand wachst soviel Hexenmoos. Was braucht Ihr mehr?“
„Huh?“ Rod schluckte. „Hei?t das, da? Hexen das Zeug fur ihre Zwecke benutzen?“
„Naturlich! Wieso wu?tet Ihr das nicht? Sie formen kleine lebende Dinge daraus — wie Mause!“
In Rods Kopf klickte es. Das war also das fehlende Glied im Ratsel um Gramayre. „Schon und gut“, brummte er. „Aber das ist nicht meine Art von Zauberei.“ Er legte die Hande als Trichter vor den Mund und rief leise: „Gwen! Gwen-dy-lon!“
Eine Spinne rannte an einem Faden direkt vor seiner Nase von der Decke. Rod hupfte zuruck. „Alle guten Geister. Tu das
nicht, Madchen!“ Er pfluckte die Spinne vom Faden und streichelte sie vorsichtig mit einer Fingerspitze. „Zumindest hast du dich nicht in eine Schwarze Witwe verwandelt. Hm, ubrigens bist du die hubscheste Spinne, die ich je gesehen habe!“
Die Spinne tanzte erfreut in seiner Handflache.
„Hor zu, meine Su?e, ich brauche eine Maus, die den Posten hierherlockt. Schaffst du das?“
Die Spinnenform verschwamm, und schon sa? eine Maus auf Rods Hand. Das Tier sprang auf den Boden und huschte zur Ecke.
„Nein! Nein!“ Rod sprang ihr nach und hob sie vorsichtig wieder hoch. „Tut mir leid, mein Schatzchen, aber wie leicht konnte jemand auf dich treten, und das wurde mir gar nicht gefallen.“ Er ku?te das schwarze Naschen. Tom sog die Luft ein. Die Maus wand sich vor Ekstase.
„Nein“, sagte Rod, strich mit der Fingerspitze uber ihren Rucken und zwickte sie in den Schwanz. „Du mu?t eine aus Hexenmoos machen. Kannst du das, Liebling?“
Die Maus nickte, drehte sich um und konzentrierte sich auf das Hexenmoos am Boden der Wand. Aus einem Stuck davon bildete sich nach und nach eine Maus. Tom schluckte und bekreuzigte sich.
Rod starrte ihn erstaunt an. „Ich dachte, du bist Atheist?“
„Nicht in einem solchen Augenblick, Herr.“
Die Hexenmoosmaus rannte um die Ecke. Tom fa?te seinen Dolch an der Klingenspitze, um den Griff als Prugel zu benutzen.
Das Schnarchen um die Ecke wurde zu einem verargerten Grunzen. „He, was knabbert da an mir?“ Der Hocker des Postens kippte klappernd um. Dann war zweimal ein wutendes Stampfen zu horen, und schlie?lich vernahmen die Wartenden eilige Schritte, und schon huschte die Maus um die Ecke.
Der Posten folgte ihr fluchend und rutschte an der Ecke aus. Er blickte hoch, sah Tom, und hatte gerade noch Zeit, die Augen entsetzt aufzurei?en, als Toms Dolchgriff auf seinen Hinterkopf herabsauste.
Der Posten sackte wie abgesprochen bewu?tlos in Tuans Arme.
Tom holte einen dunnen schwarzen Strick aus der Tasche.
„Das ist viel zu schwach, ihn zu halten!“ protestierte Tuan.
Aber Tom grinste nur und machte sich daran, den Posten zu verschnuren. „Geflochtene synthetische Spinnenseide“, erklarte er Rod leise.
„Das hast du gut gemacht, Kleines“, lobte Rod die Maus in seiner Hand. Sie hob erfreut das Naschen, dann schlupfte sie zwischen den Knopfen in sein Wams. „He, vorsichtig!“ mahnte Rod. „Das kitzelt!“
„Wo sollen wir ihn verstecken?“ fragte Tuan.
„Hier gibt es keine Verstecke“, brummte Tom.
„Da ist ein Fackelhalter an der Wand!“ Tuan deutete.
„Gut!“ Tom hob den verschnurten Posten hoch und hakte eine der Spinnenseidenschlingen um die Halterung.
