zischende oder knackende statische Storung horen konnen und umgekehrt. Also schalten Sie ihr Funkgerat alle funfzehn Minuten ein, auch wenn wir uns nicht mehr horen konnen, damit wir wissen, da? sie noch immer leben. Wir werden dann bestatigen.

Es ist moglich, Nachrichten durch kurze und lange Knackgerausche zu ubermitteln. Das ist eine sehr alte Funkmethode, die auch heute noch in bestimmten Notsituationen benutzt wird. Kennen Sie das Morsealphabet?“

„Nein“, entgegnete Conway. „Es reicht gerade mal, um SOS funken zu konnen.“

„Ich hoffe nur, das wird nicht notig sein, Doktor.“

Dem gekennzeichneten Pfad durch die Wrackteile zu folgen war eine langwierige und gefahrliche Angelegenheit. Die Restdrehung des Wracks verursachte das Gefuhl, nach oben zum Mittelpunkt des Schiffs hinaufzuklettern, wahrend Conways Augen und samtliche Instinkte beteuerten, er steige nach unten. Als sie den zweiten Farb- und Schmiermittelklecks erreichten, wurde tiefer im Innern des Schiffs bereits eine weitere Markierung sichtbar. Der Pfad fiel nun steil ab, um eine dichte Masse von Trummerteilen zu umgehen, und der nachste Wegabschnitt bog aus dem gleichen Grund wiederum in eine neue Richtung. Zwar naherten sie sich dem Zentrum des Schiffs, allerdings in einer Reihe rasanter Zickzackbewegungen.

Prilicla hatte die Fuhrung ubernommen, um das Risiko zu vermeiden, da? Conway auf ihn fiel. Mit seinen sechs Beinen, die aus seiner kugelformigen Druckhulle herausragten — Priliclas knocherne Extremitaten wurden vom Vakuum nicht in Mitleidenschaft gezogen — sah er wie eine fette Metallspinne aus, die sich ihren Weg durch ein riesiges fremdartiges Netz bahnte. Nur einmal rutschte er mit seinen Magnetsohlen ab, und er fiel Conway entgegen. Automatisch streckte Conway eine Hand nach ihm aus, um den langsamen Fall Priliclas zu bremsen, als dieser an ihm vorbeiflog, zog sie dann jedoch schnell wieder zuruck. Hatte er nach einem dieser feingliedrigen Beine gegriffen, ware es wahrscheinlich abgerissen worden.

Aber Prilicla gelang es, den Fall mit den Antriebsdusen seines Anzugs selbst abzubremsen, und sie konnten die lange und langsame Kletterpartie fortsetzen.

Kurz bevor die Verstandigung mit dem Ambulanzschiff abri?, sagte Fletcher, da? sie bereits seit vier Stunden unterwegs seien und fragte, ob sich Conway sicher sei, dem vermi?ten Sutherland zu folgen und nicht nur dem vom Bergungstrupp der Tenelphi markierten Weg. Conway blickte auf den Leuchtfarbenklecks direkt uber ihm und auf den Schmiermittelfleck daneben, und antwortete, er sei sich sicher.

Irgend etwas ubersehe ich, sagte er sich selbst verargert, irgend etwas, das direkt vor meiner damlichen Nase liegt…!

Wahrend sie tiefer in das Schiff eindrangen, wurde das Gewirr von Trummerteilen allmahlich durchlassiger. Doch wurde die durch die Rotation des Schiffs verursachte Gravitation zusehends schwacher, so da? immer gro?ere Teile der Verkleidung, zertrummertes Mobiliar und lose Ausrustungsgegenstande schwerfallig nachgaben, wegrutschten oder absackten, sobald sie danach zu greifen versuchten. Im Lichtkegel der Anzugscheinwerfer traten auch noch andere Dinge zutage: zermalmte, zerfetzte und kaum zu identifizierende Gebilde aus ausgetrockneten, organischen Substanzen — Uberreste der Besatzung oder der Haustiere, die vor vielen Jahrhunderten von der Katastrophe uberrascht worden waren.

Doch diese organischen Substanzen von den Metalltrummern zu trennen, ware einerseits hochst gefahrlich und andererseits nichts als blo?e Zeitverschwendung gewesen. Die Suche nach Sutherland war sehr viel wichtiger, als ihre Neugier zu befriedigen, welcher physiologischen Klassifikation die Spezies angehorte, die dieses Schiff einst erbaut hatte.

Inzwischen waren sie bereits seit fast sieben Stunden unterwegs und durchquerten mittlerweile Ebenen, die nicht mehr mit Trummerteilen verstopft waren, obwohl auch ihre Konstruktion geborsten und verzogen war. Das war eine gluckliche Fugung, denn Prilicla stie? hin und wieder aus purer Erschopfung gegen Wande und Luken, und jeder zweite oder dritte Atemzug Conways ahnelte bereits eher einem Gahnen.

Er ordnete eine Pause an und fragte den Empathen, ob er irgendeine emotionale Ausstrahlung au?er seiner empfangen konnte. Prilicla verneinte und war sogar zu mude, um einen entschuldigenden Unterton in seine Stimme zu legen. Als Conway kurz darauf das periodische Zischen in seinem Anzugkopfhorer vernahm, bestatigte er, indem er den Sendeschalter dreimal hintereinander schnell ein- und ausschaltete, eine Pause machte, und dann das Signal in kurzen Abstanden mehrere Minuten lang wiederholte.

Er hoffte, dem Captain durch das mehrmalige ›S‹-Signal verstandlich gemacht zu haben, da? er und Prilicla sich nun schlafen legen wollten.

Den nachsten Abschnitt ihres Wegs bewaltigten sie in viel kurzerer Zeit, weil sie zum Mittelpunkt des Schiffs einfach uber vollig unbeschadigte Decks gehen und auf breiten Rampen oder schmaleren Treppen emporsteigen konnten. Nur einmal kamen sie langsamer voran, als sie eine aus Wrackteilen bestehende Barriere uberwinden mu?ten, die anscheinend durch einen gro?en und langsamen Meteoriten verursacht worden war, der sich tief ins Schiffsinnere hineingebohrt hatte. Ein paar Minuten spater entdeckten sie die erste innere Luftschleuse.

Offensichtlich war diese Schleuse erst nach der Katastrophe von den Uberlebenden gebaut worden, denn sie stellte nur wenig mehr als einen gro?en Metallwurfel dar, den man an die Einfassung einer luftdichten Tur geklebt hatte und der an der Au?enluke einen sehr primitiven Verschlu?mechanismus besa?. Beide Luken standen offen, und zwar schon seit langer Zeit, denn die Kammer dahinter war mit ausgetrockneten Pflanzen gefullt, die praktisch zu Staub zerplatzten, sobald Conway und Prilicla sie streiften.

Conway bekam plotzlich eine Gansehaut, als er sich dieses gewaltige Schiff vorstellte — schwer beschadigt durch zahlreiche Meteoriteneinschlage, aber nicht ganzlich zerstort; blindlings treibend, jedoch nicht ohne Restenergie; mit Gruppen von Uberlebenden, die sich in kleinen Licht- und Warmeoasen aufhielten, durch den standig steigenden Druckabfall aber voneinander isoliert waren. Doch hatten sich diese Uberlebenden etwas einfallen lassen. Sie bauten Luftschleusen, die es ihnen ermoglichten, von einer Insel zur anderen zu gelangen und in Fragen des Uberlebens zusammenzuarbeiten, und sie konnten so eine Zeitlang weiterexistieren.

„Mein lieber Freund“, sagte Prilicla, „Ihre emotionale Ausstrahlung ist zur Zeit nur schwer zu analysieren.“

Conway lachte verlegen und entgegnete: „Ich sage mir immer und immer wieder, da? ich nicht an Gespenster glaube, aber anscheinend will ich mir einfach selbst nicht glauben.“

Sie umgingen den Hydrokulturraum, weil ihnen die Markierungen diesen Weg bezeichneten, und ungefahr zwei Stunden spater betraten sie einen Korridor, der bis auf zwei gro?e gezackte Locher in Decke und Boden intakt war. Die sonst vollige Dunkelheit im Korridor war hier seltsam aufgehellt, und sie schalteten ihre Scheinwerfer aus.

Aus einer der Offnungen drang ein schwaches Flimmern. Als sie an den Rand des Lochs traten, war es, als ob man in einen tiefen Brunnen blickte, dessen Grund ein winziger Lichtkreis war, der von der Sonne herruhrte.

Innerhalb weniger Sekunden war das Sonnenlicht verschwunden und fur ein paar weitere Sekunden waren die Wrackteile am anderen Ende des Tunnels beleuchtet, bis wieder vollige Dunkelheit herrschte.

„Jetzt kennen wir wenigstens eine Abkurzung fur den Ruckweg zur Au?enhaut“, sagte Conway erleichtert. „Aber waren wir nicht zufallig genau zum richtigen Zeitpunkt hiergewesen, als die Sonne hereingeschienen hat…“

Er brach ab und dachte daruber nach, da? sie sehr gro?es Gluck gehabt hatten, und vielleicht auch weiterhin haben wurden, denn am Ende des Korridors, in dem der neu entdeckte Ausgang war, befand sich eine weitere Luftschleuse. Sie war mit Leuchtfarbe und einem sehr gro?en Schmiermittelfleck markiert. Daruber hinaus war die au?ere Luke geschlossen, ein deutliches Zeichen, da? der dahinterliegende Raum Druck enthielt.

Prilicla zitterte vor eigener wie auch wegen Conways Aufregung am ganzen Korper, als dieser den simplen Offnungsmechanismus zu betatigen begann. Conway mu?te sein Vorhaben allerdings einen Moment lang unterbrechen und den Atem anhalten, weil das Funkgerat in seinem Anzug zischte und er bestatigen mu?te. Als er das getan hatte, zischte es jedoch weiter.

„Der Captain ist kein besonders geduldiger Mensch“, sagte er gereizt.

„Wir sind gerade mal etwas mehr als achtunddrei?ig Stunden unterwegs, und er hat gesagt, er gibt uns zwei Tage…“ Er machte eine kurze Pause, hielt die Luft an und lauschte auf das schwache, unregelma?ige Zischen, das mittlerweile leiser als sein eigener Atem war, denn sie waren schon weit ins Schiffsinnere vorgedrungen. Es war schwierig zu sagen, wann ein solches Zischen anfing und wann es aufhorte, doch allmahlich entdeckte er ein Schema in den Signalen. Drei kurze Knackgerausche. Pause. Drei lange Knackgerausche. Pause. Drei kurze Knackgerausche, gefolgt von einer langeren Pause, nach der die ganze Zeichenfolge immer wieder von vorn begann. Es war ein Notsignal, ein SOS… „Mit der Rhabwar kann es doch gar keine Probleme geben“, sagte er.

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