Sauerstoffversorgung zu verlangern.

Er dachte aber auch an sein amateurhaftes Vorgehen bei allen anderen Dingen.

„Ich bin mir sicher, es handelt sich dabei um den Schiffsarzt“, fugte er hinzu.

Fletcher gab keine Antwort, und Conway begann, langsam in der Schleusenvorkammer der Tenelphi auf- und abzugehen. Er hatte das unbehagliche Gefuhl, da? irgend etwas getan werden mu?te, und zwar schnell. Was dieses ›Irgend etwas‹ sein sollte, war ihm allerdings selbst nicht klar. Es gab nichts Ungewohnliches zu sehen, au?er vielleicht eine Wandhalterung, die dafur vorgesehen war, drei zylindrische Kanister von ungefahr sechzig Zentimeter Lange zu tragen, in der jetzt allerdings nur noch zwei hingen. Durch eine nahere Untersuchung entdeckte Conway auf den Zylindern je ein Etikett mit der Angabe, da? die Kanister das Schmiermittel der Sorte GP10/5B enthielten, das fur wichtige Auslosungsmechanismen und Steuerungsgestange geeignet war, die regelma?ig oder standig niedriger Temperatur und/oder Vakuumbedingungen ausgesetzt waren. Ein wenig ratlos und unzufrieden mit sich selbst — seine Arbeit wartete auf dem Unfalldeck und bestand nicht darin, hier seine Zeit zu verschwenden — kehrte er an Bord der Rhabwar zuruck.

Dort wartete Lieutenant Chen darauf, die Schleuse zu betreten, die Conway gerade frei gemacht hatte. Er offnete sein Visier, um mit dem Arzt sprechen zu konnen, ohne die Frequenz des Anzugfunks anpassen zu mussen, und fragte Conway, ob er auch vorne im beschadigten Bereich des havarierten Schiffs gewesen sei. Conway schuttelte den Kopf und lie? sein Visier geschlossen, was eine andere Moglichkeit der Kommunikation darstellte, ohne das Funkgerat im Anzug zu benutzen. Als er auf den Verbindungsschacht zuging, sah er kurz Haslam, der ein gefaltetes Blatt Papier zwischen den Zahnen trug, damit er beide Hande zum Klettern frei hatte, wahrend er sich in Richtung Kontrollraum zog. Conway wartete, bis er vorbei war, dann stieg er selbst in den schwerelosen Schacht und zog sich nach hinten zum Unfalldeck.

Die Raumanzuge von zwei der neun Unfallopfer waren in kleinen Stucken abgeschnitten worden, um eventuell darunterliegende Verletzungen nicht zu verschlimmern. Murchison und Dodds zogen einen dritten Verletzten aus, ohne den Anzug zu zerschneiden, und Naydrad befreite gerade — ebenfalls auf normale Weise — einen vierten von seinem Anzug.

Ohne Conway Gelegenheit zu geben, die unausweichliche Frage zu stellen, sagte Murchison: „Laut Lieutenant Dodds sprechen alle Anzeichen dafur, da? diese Manner bereits luftdicht in ihren Raumanzugen eingeschlossen und fest an ihre Liegen geschnallt waren, bevor die Kollision stattfand. Anfangs hab ich diese Ansicht nicht geteilt. Aber dann haben wir die ersten beiden ausgezogen und keine Verletzungen gefunden, nicht einmal Prellungen…! Und am Anzugstoff haben wir an den Stellen, die dem Sitz der Sicherheitsgurte entsprechen, Scheuerspuren entdeckt.

Dem Rontgenscanner fehlt zwar die Bildscharfe, wenn er einen Raumanzug durchdringen mu?“, fuhr sie fort und hielt den Verletzten unter den Armen, um ihn zu stutzen, wahrend Dodds vorsichtig an den Beinen des Anzugs zog, „doch ist das Bild allemal deutlich genug, um Frakturen oder schwere innere Verletzungen zu erkennen, aber es gibt keine. Deshalb bin ich zu der Uberzeugung gekommen, die Anzuge wegzuschneiden ist nur unnotige Zeitverschwendung…“

„…und Verschwendung von wertvollem Diensteigentum“, fugte Dodds mit Nachdruck hinzu. Fur einen raumfahrenden Offizier des Monitorkorps war ein Raumanzug weit mehr als nur ein Teil der Ausrustung; er entsprach einem warmen, enganliegenden und schutzenden Mutterleib. Mit ansehen zu mussen, wie sie absichtlich in kleine Stucke zerschnitten wurden, mu?te fur ihn so etwas wie ein traumatisches Erlebnis sein.

„Aber wenn niemand verletzt ist“, fragte Conway, „was, zum Teufel, stimmt dann nicht mit denen?“

Murchison war gerade mit dem Halsverschlu? am Anzug des Manns beschaftigt und antwortete, ohne aufzublicken: „Ich wei? es nicht.“

„Nicht einmal eine vorlaufige Diagno…?“ begann Conway seine Frage.

„Nein“, unterbrach sie ihn scharf und fuhr dann in etwas ruhigerem Ton fort: „Als Doktor Priliclas empathische Fahigkeiten die Tatsache bewiesen hatten, da? niemand in akuter Todesgefahr schwebt, haben wir beschlossen, da? Diagnose und Behandlung warten konnen, bis sie alle aus ihren Anzugen heraus sind. Deshalb war unsere Voruntersuchung, vorsichtig ausgedruckt, nur sehr oberflachlich. Alles, was ich wei?, ist, da? die Nachricht uber Subraumfunk korrekt war — die Besatzung ist au?er Gefecht gesetzt, aber nicht verletzt.“

Prilicla, der die ganze Zeit still uber den zwei ausgezogenen Patienten geschwebt hatte, beteiligte sich jetzt zaghaft am Gesprach, indem er sagte: „Das stimmt, mein Freund. Ich bin uber den Zustand dieser Lebewesen genauso verwirrt wie die anderen. Ich hatte mit schweren Verletzungen gerechnet, finde statt dessen aber etwas vor, das Ahnlichkeit mit einer Infektionskrankheit hat. Vielleicht werden Sie, mein Freund, als Mitglied derselben Spezies, die Symptome erkennen.“

„Tut mir leid, ich wollte niemanden kritisieren“, entschuldigte sich Conway unbeholfen und fugte dann hinzu: „Ich werde Ihnen bei dem da helfen, Naydrad.“

Kaum hatte er dem Mann den Helm abgenommen, konnte er sehen, da? dessen Gesicht rot angelaufen und schwei?uberstromt war. Er hatte erhohte Temperatur und eine ausgepragte Photophobie — eine Lichtscheu also, die erklarte, warum der Lichtschutz am Visier angebracht worden war. Das Haar war na? und klebte an Stirn und Schadel des Mannes, als wurde er gerade aus dem Wasser kommen. Das Trockenmittel im Anzug konnte die uberma?ige Feuchtigkeit nicht mehr absorbieren, so da? die Gesichtsschutzscheibe durch die Kondensation undurchsichtig geworden war. Aus diesem Grund hatte Conway auch den am Kragenteil befestigten Medikamentenspender erst bemerkt, als der Helm abgenommen wurde.

Die Verabreichung des Medikaments erfolgte in der ublichen Form mittels eines durchsichtigen, e?baren Plastikschlauchs, der in bestimmten Zeitabstanden abgebissen wurde und in jedem Abschnitt eine einzelne, mit einem Farbcode versehene Kapsel enthielt.

„Hat irgendeiner der anderen Helme auch dieses Medikament gegen Ubelkeit enthalten?“ fragte Conway.

„Bisher alle, Doktor“, antwortete Naydrad, deren vier Greiforgane unabhangig voneinander mit den Anzugverschlussen beschaftigt waren, wahrend ihre Augen nach oben rollten, um Conway anzusehen. Sie fuhr fort: „Der Verletzte, den wir zuerst ausgezogen haben, wies Symptome von Ubelkeit auf, als ich Druck auf den Bauchbereich ausubte. Zu diesem Zeitpunkt war der Patient allerdings nicht bei vollem Bewu?tsein, und das, was er sagte, war fur eine Ubersetzung nicht zusammenhangend genug.“

Prilicla pflichtete ihr bei, indem er sagte: „Die emotionale Ausstrahlung ist typisch fur ein Wesen im Delirium, das wahrscheinlich durch die erhohte Temperatur verursacht wird, mein Freund. Ich hab auch unregelma?ige und unkoordinierte Bewegungen beobachtet, die ebenfalls symptomatisch fur ein Delirium sind.“

„Das sehe ich auch so“, entgegnete Conway. Aber wodurch wurde es verursacht? Die letzte Frage stellte er nicht laut, weil er die Antwort darauf nicht kannte. Und er hatte die dustere Vorahnung, da? selbst eine wirklich grundliche Untersuchung zu keinem Ergebnis fuhren wurde. Schlie?lich half er der Oberschwester, die schwei?getrankte Kleidung des Patienten auszuziehen.

Alles deutete auf einen Hitzschlag und einen damit verbundenen Wasserentzug hin, was auch in Anbetracht der hohen Temperatur des Patienten und des damit verbundenen Verlusts an Korperflussigkeit zu erwarten war. Sanftes Abtasten des Bauchbereichs erzeugte bei dem Patienten ein unwillkurliches Wurgen, obwohl der Magen, soweit Conway erkennen konnte, keine Fremdstoffe enthielt, und der Mann seit mehr als vierundzwanzig Stunden nichts gegessen hatte.

Der Pulsschlag war ein wenig erhoht, aber regelma?ig, die Atmung hingegen war ungleichma?ig und mit der Tendenz zu sto?weise auftretendem Husten. Als Conway den Rachen untersuchte, entdeckte er eine schwere Entzundung, und der Scanner zeigte an, da? sie sich uber die Bronchien hinweg bis in die Brusthohle hinein erstreckte. Er uberprufte Zunge und Lippen auf Schadspuren von giftigen oder atzenden Substanzen.

Dabei stellte er fest, da? das Gesicht des Mannes entgegen seiner ersten Annahme nicht nur vom Schwitzen na? war; die Tranendrusen sonderten standig Flussigkeit ab, und auch aus der Nase kam ein schleimiger Ausflu?.

Schlie?lich suchte Conway nach Anzeichen von Strahlenschaden oder nach Hinweisen auf die Inhalation radioaktiver Substanzen, aber erneut fiel das Ergebnis negativ aus.

„Captain! Hier Conway“, sagte er plotzlich. „Wurden Sie Lieutenant Chen bitte sagen, er mochte wahrend seiner Suche nach dem vermi?ten Offizier, von der Luft, den Nahrungsmitteln und den flussigen Verbrauchsartikeln auf der Tenelphi Proben nehmen? Konnte er des weiteren nach Anhaltspunkten fur ein Leck im Lebenserhaltungssystem Ausschau halten, aus dem ein fester oder flussiger Giftstoff entweicht? Die luftdicht verschlossenen Proben mochte er dann so schnell wie moglich Pathologin Murchison zur Analyse bringen. Geht das?“

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