Energieverbrauch war selbst fur ein Aufklarungsschiff relativ gering.

Doch die Tenelphi hatte keinen Positionsbericht gesendet. Statt dessen war von ihr wiederholt eine Nachricht ausgestrahlt worden, deren Inhalt besagte, man habe ein gro?es Wrack entdeckt und sich ihm spater genahert, da es sehr schnell auf die Sonne des Sternsystems zusturzte und in weniger als achtundzwanzig Tagen dort auf treffen wurde. Keiner der Planeten des Systems bot die notwendigen Voraussetzungen fur eventuell vorhandenes Leben, es sei denn, die betroffene Spezies gehorte einer exotischen Art an, die auf dickflussigem Gestein unter einer kleinen, au?erst hei?en Sonne gedeihen konnte. Deshalb war man zu der Annahme gekommen, da? es sich bei dem Eindringen des Schiffs in das Sternsystem eher um einen Zufall als um ein geplantes Vorhaben gehandelt haben mu?te. Zwar waren auf dem Wrack noch geringe Energiereserven und mehrere Atmosphareblasen verschiedener Dichte nachzuweisen, doch gab es keinerlei Anzeichen von Leben. Die Besatzung der Tenelphi wollte an Bord gehen, um vor Ort Nachforschungen anstellen zu konnen.

Trotz der mangelhaften Qualitat des Funkspruchs konnte es keinen Zweifel daruber geben, welche Freude der Funkoffizier der Tenelphi beim Ubermitteln dieser Nachricht empfunden haben mu?te, da es sich fur die Besatzung um eine hochst willkommene Unterbrechung der ansonsten so eintonigen Vermessungsarbeiten handelte.

„… vielleicht haben die in ihrer Aufregung ganz einfach nur vergessen, einen Positionsbericht mitzusenden“, fuhr O'Maras Stimme fort, „oder man glaubte, der Zeitpunkt des Funkspruchs wurde uns bei einem Vergleich mit dem Flugplan ihres Schiffs sowieso verraten, wo sie sich befanden.

Jedenfalls war das die einzige Nachricht, die wir zusammenhangend empfangen haben. Drei Tage spater gab es einen zweiten Funkspruch, diesmal nicht aufgezeichnet, sondern jedesmal in leicht veranderter Form vom Ubersender direkt ins Mikrofon gesprochen. Er besagte, es habe eine schwere Kollision gegeben, das Schiff wurde Druck verlieren und die Besatzung ware au?er Gefecht gesetzt worden. Er enthielt auch eine Art Warnung. Meiner fachmannischen Beurteilung nach wurde die Stimme allerdings nicht nur durch eintretende Funkstorungen im Subraum verzerrt, aber das konnen Sie ja spater selbst entscheiden. Jedenfalls wurde zwei Stunden danach eine Notsignalbake ausgesetzt.

Ich hab eine Kopie des zweiten Funkspruchs auf dieses Band uberspielen lassen, die Ihnen moglicherweise mehr Klarheit verschafft… oder Sie nur noch mehr verwirrt“, fugte der Chefpsychologe trocken hinzu.

Im Gegensatz zum ersten Funkspruch war der zweite tatsachlich weitgehend unverstandlich. Es war, als wurde man einem gewaltigen Sturm zuhoren, durch den sich eine Stimme im Flusterton verstandlich machen wollte, die zudem noch stark verzerrt war. Sie konzentrierten sich angespannt auf die im Hintergrund zu vernehmenden Worter, wahrend sie sich noch starker anstrengten, die rasselnden Explosionen der interstellaren statischen Storungen zu uberhoren. Naydrads Fell geriet dabei vor Anstrengung in starre, wellenformige Bewegungen, und Prilicla, der sowohl auf die Gefuhle von jedem einzelnen als auch auf die Gerausche reagierte, gab seinen Versuch zu schweben auf und lie? sich zitternd auf den Tisch nieder.

„… Ahnung, ob dies… hier herauskommen oder… Besatzung nicht in der La… Kollision mit dem Wrack und… kann nicht… Notsignalba… sie von innen anschalten… manuell… wir konnen aber nicht annehmen… Unsinn der Spezialisierung, wenn man… wenn der Funkspruch gesendet wird… Warnung fur den Fall… auf Kollisionskurs… Innendruckabfall… kann nichts dagegen tun, weder… wie man die Bake von hier drinnen bedient… setze sie manuell vom… eile Warnung fur den Fall… schuhe zu steif, um… durcheinander und hab nicht viel Zeit… einzige Chance ist… neikasten… Wrack ist nah… extra Satz Behalter… mein Spezialgebiet… schiff Tenelphi hatte Kollision mit… Besatzung wegen Druckabfall au?er Gefecht…“

Die Stimme sprach noch einige Minuten weiter, doch die Worter gingen in einem explosionsartigen Ausbruch statischer Storungen vollig unter, und kurz danach war das Band zu Ende. Fur eine Weile herrschte eine angenehme Ruhe, wahrend der sich Naydrads Fell wieder beruhigte und Prilicla an die Decke flog. Schlie?lich unterbrach Conway die Stille.

„Das Wesentliche der Nachricht scheint mir zu sein, da? sich der Ubersender nicht sicher war, ob der Funkspruch uberhaupt ubertragen wurde“, sagte er nachdenklich. „Was moglicherweise daran lag, da? er nicht der Funkoffizier war und nichts von dem Gerat verstand, das er benutzte. Vielleicht hat er aber auch geglaubt, die Subraumfunkantenne ware bei der Kollision beschadigt worden, die anscheinend den Rest der Besatzung au?er Gefecht gesetzt hatte. Er selbst schien nicht in der Lage, den anderen helfen zu konnen, der Druck fiel ab, und wegen der Konstruktionsschaden konnte er die Notsignalbake auch nicht vom Innern des Schiffs aussetzen. Er mu?te deren Zeitschalter einstellen und sie mit den Handen vom Schiff absto?en.

Sein Zweifel, ob der Funkspruch auch ausgestrahlt wurde, und seine Bemerkung bezuglich des Unsinns der Spezialisierung deuten darauf hin, da? er nicht der Funkoffizier ist und auch nicht der Captain, der ausreichende Kenntnisse uber die Funktionsweise der wichtigsten Gerate auf dem Schiff haben mu?te. Das Satzbruchstuck ›… schuhe zu steif‹ konnte bedeuten ›die Handschuhe sind zu steif‹, namlich um bestimmte Bedienungselemente zu betatigen oder Anzugverschlusse zu offnen. Und wegen des Innendruckabfalls im Schiff furchtete er sich vielleicht, seinen schweren Raumanzug gegen einen leichten mit dunneren Handschuhen zu wechseln. Was eine ›… eile Warnung‹ oder ein ›… neikasten‹ sind, kann ich mir uberhaupt nicht vorstellen. Zudem war die Verzerrung sowieso so stark, da? diese Wortfetzen moglicherweise nur Annaherungen an die Worter darstellen, die er wirklich benutzt hat.“ Conway blickte in die Runde und fugte hinzu: „Vielleicht finden Sie ja noch etwas heraus, das ich ubersehen hab. Soll ich es noch einmal vorspielen?“

Sie horten sich das Band immer wieder von vorn an, bis Naydrad Conway in ihrer direkten Art sagte, er verschwende nur ihre Zeit.

„Wir wurden wissen, wieviel Glauben wir der grundsatzlichen Aussage des Funkspruchs schenken konnen“, entgegnete Conway unbeeindruckt, „wenn uns bekannt ware, welcher Offizier ihn gesendet hat, und warum er als einziges Mitglied der Crew wahrend der Kollision einer ernsthaften Verletzung entgangen ist. Und es gibt noch einen zweiten Punkt: Einmal sagt er, die Besatzung sei nicht in der Lage, etwas zu tun, und spater beschreibt er sie als au?er Gefecht gesetzt, also nicht nur als verwundet oder verletzt.

Wegen dieser Wortwahl frage ich mich, ob er der medizinische Offizier an Bord ist. Dagegen spricht allerdings, da? er weder das Ausma? ihrer Verletzungen beschrieben, noch viel getan hat, um den anderen zu helfen, au?er den Funkspruch zu senden.“

Naydrad, die Hospitalexpertin fur das Vorgehen bei Schiffsbergungen, erzeugte Tone wie ein gedampftes Nebelhorn, die in der Ubersetzung lauteten: „Ungeachtet seiner Funktion auf dem Schiff gibt es nicht viel, was irgendein Offizier fur Unfallopfer mit Frakturen und Dekompressionskrankheiten tun kann, erst recht nicht, wenn alle in geschlossenen Anzugen stecken oder der Offizier selbst leicht verletzt ist.

Und was den fur mich nur geringen Unterschied zwischen den Ausdrucken ›au?er Gefecht gesetzt‹ und ›verletzt‹ betrifft, so finde ich, wir verschwenden nur Zeit, wenn wir daruber diskutieren. Es sei denn, der Translationscomputer des Schiffs weist bezuglich der Programmierung der kelgianischen Sprache gravierende Mangel auf…“

Aufgrund der nicht ganz ernst gemeinten Unterstellung Naydrads, da? auch nur irgend etwas mit seinem Schiff oder dessen Ausrustung nicht stimmen konnte, war der Captain sichtlich beleidigt, und er entgegnete in frostigem Ton: „Werte Oberschwester! Das hier ist zwar nicht das Hospital im Sektor zwolf, wo der Translationscomputer drei komplette Ebenen einnimmt und fur mehr als sechstausend Individuen gleichzeitig Ubersetzungen vornehmen kann. Der Computer der Rhabwar ist so programmiert, da? er nur die Sprachen des Schiffspersonals und die der anderen drei am weitesten verbreiteten Sprachen in der Foderation abdeckt — namlich Tralthanisch, Illensanisch und Melfanisch. Er ist grundlich getestet worden und fuhrt seine Aufgaben ohne Doppeldeutigkeiten aus, so da? jede falsche Auslegung…“

„…zweifellos am Funkspruch selbst und nicht an der Ubersetzung liegt“, warf Conway rasch ein. „Trotzdem wurde mich immer noch interessieren, wer den Funkspruch eigentlich gesendet hat. Wer ist dieses Besatzungsmitglied, das die Ausdrucke ›nicht in der Lage‹ und ›au?er Gefecht‹ an Stelle von ›verwundet‹ oder ›verletzt‹ gebraucht hat?

Warum konnte dieser Offizier nichts tun? Weil er verwirrt war oder keine Zeit hatte und durch seine Handschuhe behindert wurde…? Ach, Mist! Er hatte uns doch wenigstens irgend etwas uber den physischen Zustand der Verungluckten erzahlen konnen, damit wir wissen, was wir zu erwarten haben!“

Fletcher entspannte sich wieder und sagte nachdenklich: „Ich frage mich, warum er von vornherein einen Raumanzug anhatte. Wenn das Schiff dicht am Wrack manovrierte und aus welchem Grund auch immer mit ihm kollidierte, dann wurde man so etwas nicht erwarten. Was ich damit sagen will, ist, da? die Besatzung normalerweise wahrend eines solchen Manovers keine Raumanzuge tragen wurde. Aber wenn welche getragen wurden, dann hat man offensichtlich mit Problemen gerechnet.“

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