ist bekannt, da? in anderen Teilen des Schiffs noch Druck herrscht. Gibt es irgendwelche Uberlebende? Und haben Sie gefunden, wonach Sie gesucht haben, Doktor?“
Sutherland sagte nichts, bis sie das Schiffslazarett verlassen hatten und die Tur hinter ihnen geschlossen war. Er offnete sein Visier, wischte die Feuchtigkeit ab, die sich als Perlen auf der Innenseite niedergeschlagen hatte, und sagte schwach: „Gott sei Dank erinnert sich noch jemand an die Geschichte. Nein, Doktor, es gibt keine Uberlebenden. Ich hab samtliche mit Luft gefullten Kammern durchsucht. Eine davon ist eine Art Begrabnisstatte fur nicht e?bare Uberreste. Ich glaube, diese bedauernswerten Geschopfe waren am Schlu? zum Kannibalismus gezwungen und mu?ten ihre Toten irgendwo lagern, wo sie… na ja… griffbereit lagen. Und auch ihre zweite Frage mu? ich mit einem Nein beantworten. Ich hab nicht gefunden, wonach ich gesucht hab, sondern nur ein Mittel entdeckt, womit man die Krankheit zwar erkennen, nicht aber heilen kann. Die Haltbarkeit aller angezeigten Medikamente ist bereits vor Hunderten von Jahren abgelaufen…“ Er fuchtelte mit einem Buch in der Hand herum und fuhr fort: „Ich mu?te hier drinnen einige engbedruckte Seiten lesen, deshalb hab ich den Luftdruck in meinem Anzug erhoht, um so in der Luft vorhandene Krankheitserreger wegzublasen, wenn ich das Visier offnen mu?te, weil ich mir etwas genauer ansehen wollte. Theoretisch hatte es funktionieren mussen.“
Offensichtlich hatte es aber nicht funktioniert. Trotz des hoheren Innendrucks im Anzug, der die Luft durch die Visieroffnung nach au?en geblasen hatte, war der Schiffsarzt an derselben Krankheit erkrankt, die sich auch seine Offizierskameraden zugezogen hatten. Er schwitzte uberma?ig, blinzelte im Licht und seine Augen tranten, aber im Gegensatz zu den ubrigen Offizieren der Tenelphi war er weder im Delirium noch bewu?tlos — jedenfalls bis jetzt nicht.
„Wir haben eine schnelle Abkurzung nach drau?en entdeckt. Na ja, wenigstens ist sie relativ schnell. Glauben Sie, Sie konnten mit meiner Hilfe klettern, oder soll ich Ihnen Arme und Beine zusammenbinden und Sie vor mir hinunterlassen?“
Sutherland war in einem erbarmungswurdigen Zustand, doch er lehnte es ganz entschieden ab, gefesselt einen Tunnel hinuntergelassen zu werden, dessen Wande aus verbogenem Metall mit zackigen Kanten bestand — egal, wie vorsichtig das bewerkstelligt werden sollte. Die beiden schlossen einen Kompromi?, indem sie sich Rucken an Rucken aneinanderschnallten und Conway das Klettern ubernahm, wahrend Sutherland ihnen die Hindernisse vom Leib hielt, die der Chefarzt nicht sehen konnte. Sie kamen sehr gut voran, und zwar so gut, da? sie Prilicla langsam einzuholen begannen, noch bevor der Cinrussker die Halfte des Tunnels zuruckgelegt hatte. Bei jeder Umdrehung, bei der die Sonne in das andere Ende des Tunnels hineinschien, wirkte der Korper des Cinrusskers, der in seinem Raumanzug von weitem wie ein dunkler Kreis aussah, immer gro?er.
Das regelma?ige Knacken und Zischen des SOS-Signals wurde mit jeder Minute lauter, bis es auf einmal aufhorte.
Ein paar Minuten spater wurde der kleine schwarze Kreis vor ihnen zu einer glanzenden Scheibe, als Prilicla aus der Offnung des Tunnels ins Sonnenlicht trat. Der Empath berichtete ihnen, da? die Rhabwar und die Tenelphi jetzt in seiner Sichtweite waren, und es ihm keine Schwierigkeiten bereiten sollte, normalen Funkkontakt herzustellen. Conway und Sutherland horten ihn die Rhabwar rufen und, wie es schien eine Ewigkeit spater, die zischenden und knisternden Gerausche der Antwort vom Ambulanzschiff.
Conway konnte durch das Rauschen hindurch im Hintergrund ein paar der Worter ausmachen und war deshalb uber die von Prilicla weitergegebene Nachricht nicht vollig erstaunt.
„Mein Freund“, sagte der Empath, und Conway konnte sich vorstellen, wie Prilicla versuchte, eine Moglichkeit zu finden, die Auswirkung seiner schlechten Nachricht zu mildern, „das war Oberschwester Naydrad. Auf dem Schiff weisen samtliche DBDGs von der Erde, einschlie?lich der Pathologin Murchison, die gleichen Symptome wie die Offiziere der Tenelphi auf, wenn auch mit unterschiedlichen Auswirkungen auf ihre Einsatzfahigkeit. Der Captain und Lieutenant Chen sind davon bisher am wenigsten betroffen, aber sie befinden sich beide in einem Zustand, der sie bettlagerig macht. Naydrad benotigt dringend unsere Hilfe, und der Captain sagt, er wird ohne uns abfliegen, wenn wir uns nicht beeilen. Lieutenant Chen glaubt uberhaupt nicht mehr an einen Abflug, selbst wenn sie die Hyperraumantriebshulle nicht hatten modifizieren mussen, um die Tenelphi aufzunehmen. Es scheint ein zusatzliches Problem durch die Nahe des Zentralgestirns dieses Systems zu geben, das offensichtlich nur durch einen erfahrenen Astronavigator gelost werden…“
„Das genugt“, unterbrach ihn Conway ungeduldig. „Sagen Sie denen, sie sollen die Tenelphi abkoppeln und dann abdecken. Samtliche Proben, die Chen von der Tenelphi zur Analyse an Bord gebracht hat, mussen sofort abgeworfen werden. Weder das Hospital noch das Monitorkorps wird sich daruber freuen, wenn wir irgend etwas mitbringen, das in Kontakt mit dem alten Wrack gekommen ist. Vielleicht wird man sogar noch nicht einmal sonderlich erfreut sein, uns zu sehen…“
Er brach ab, als er horte, wie Naydrad seine Anweisungen an den Captain weitergab. Und als er den Anfang von Fletchers Antwort vernahm, fuhr er rasch fort: „Doktor Prilicla, ich empfange das Schiff jetzt direkt, deshalb brauche ich Sie nicht mehr als Zwischensender. Kehren Sie so schnell wie moglich zum Schiff zuruck, und helfen Sie Naydrad bei der Versorgung der Patienten. In ungefahr funfzehn Minuten werden wir aus dem Tunnel heraus sein. Captain Fletcher, konnen Sie mich horen?“
Eine belegte Stimme, die Conway nicht als die des Captains erkannte, murmelte leise: „Ich kann Sie horen.“
„Gut“, erwiderte Conway und erklarte in knappen Worten, was mit der Tenelphi und ihnen selbst geschehen war… In einem Sternsystem, das gerade vermessen wurde, ein Wrack zu finden, war fur die Besatzung eines Aufklarungsschiffs stets eine willkommene Abwechslung. So waren auch die nicht diensthabenden Offiziere der Tenelphi in ihrer Freizeit an Bord des Generationenschiffs gegangen, um es vor Ort zu untersuchen und moglichst zu identifizieren.
Wie bei allen Aufklarungsschiffen im Vermessungseinsatz bestand die vollzahlige Besatzung der Tenelphi aus einem Captain und den Offizieren fur Astronavigation, Kommunikation, Technik und Medizin, wahrend die restlichen funf die Vermessungsspezialisten waren, deren Arbeit rund um die Uhr ging.
Nach Sutherlands Angaben hatten die ersten Offiziere, die an Bord des Generationenschiffs gegangen waren, das Schiff schnell identifizieren konnen, da sie das Gluck gehabt hatten, eine mit Datum und Schiffswappen versehene Vorratsliste zu finden. Die Folge war, da? jedermann, selbst der Captain, sich sofort zum Wrack begaben. Lediglich der Schiffsarzt war an Bord der Tenelphi zuruckgeblieben, weil man ihn aufgrund seiner beruflichen Funktion am ehesten bei der Erkundung des Wracks glaubte entbehren zu konnen — das Ganze war plotzlich zu einer Art Massenubung im Zusammentragen von Informationen geworden.
Denn bei dem Wrack handelte es sich um nichts anderes als die Einstein — also um das erste interstellare Raumschiff, das von der Erde gestartet war, und das einzige der fruhen Generationenschiffe von diesem Planeten, das nicht von den spateren mit Hyperraumantrieb ausgestatteten Raumschiffen geborgen worden war. Im Laufe der Jahrhunderte hatte es viele Versuche gegeben, das Schiff zu bergen, doch die Einstein war nicht dem geplanten Kurs gefolgt. Man hatte vermutet, da? sie innerhalb kurzer Zeit nach dem Verlassen des Sonnensystems einer technischen Katastrophe zum Opfer gefallen war.
Und da war er also nun, der erste und unzweifelhaft mutigste Versuch der Menschheit, nach den Sternen zu greifen — und das auf die schwierigste Art und Weise, weil ihre Technologie zu dieser Zeit noch unerprobt war.
Obwohl damals niemand mit absoluter Sicherheit wu?te, ob das Zielsystem uberhaupt bewohnbare Planeten enthielt, wollte die Schiffsbesatzung — die fahigsten Leute, die die Erde hervorbringen konnte — unbedingt diese Reise ins Ungewisse antreten. Daruber hinaus war die Einstein ein Stuck technologischer und psychosoziologischer Geschichte, die Verkorperung einer der gro?ten Legenden der Raumfahrt schlechthin. Und dieses Schiff sturzte mit seinen unschatzbaren Aufzeichnungen samt Logbuch in die Sonne und wurde innerhalb einer Woche zerstort werden. Deshalb war es kein Wunder, da? man nur den medizinischen Offizier an Bord der Tenelphi zuruckgelassen hatte. Aber selbst er hatte die Gefahr, die diese Situation barg, erst erkannt, als die Besatzung krank, schwitzend und dem Delirium nahe zuruckkehrte. Von Beginn an hatte Sutherland Conways anfanglichen Vermutungen widersprochen, ihr Zustand ruhre von radioaktiver Verseuchung, dem Einatmen giftiger Stoffe oder dem Verzehr infizierter Nahrungsmittel her. Die zuruckkehrenden Offiziere hatten ihm namlich davon berichtet, welche Verhaltnisse an Bord des Wracks herrschten und wie lange spatere Nachkommen der ursprunglichen Besatzung hatten uberleben konnen.
Auf dem Schiff gab es nicht nur unerme?lich wertvolle Aufzeichnungen uber den ersten interstellaren Flugversuch der Menschheit; es enthielt auch eine unbekannte Anzahl verschiedenster Krankheitserreger, die durch die Warme, die Atmosphare und die bis vor kurzem lebenden menschlichen Organismen fortbestehen konnten und
