zu Arten gehorten, die vor siebenhundert Jahren existierten und gegen die die menschliche Spezies heute nicht mehr immun war.

Da Sutherland die sich rapide verschlechternde Verfassung seiner Offizierskameraden die ganze Zeit beobachtet hatte, wu?te er, da? er nur sehr wenig fur sie tun konnte. Er bestand allerdings darauf, da? sie alle standig Raumanzuge trugen, um die Moglichkeit einer gegenseitigen Ansteckung zu vermeiden — schlie?lich konnte er ja nicht absolut sicher sein, ob sie alle an derselben Krankheit litten. Zudem sollten die Anzuge als Schutz im Falle eines eventuellen Unfalls dienen, wahrend sich das Schiff vom Wrack der Einstein entfernte. Ihr Plan war, durch den Hyperraum zum Orbit Hospital zu springen, wo man sie medizinisch besser hatte versorgen konnen.

Als sich die Kollision ereignete — die laut Sutherland unvermeidlich war, wenn man den halbbewu?tlosen und deliriumgleichen Zustand der Besatzung bedachte —, brachte er die Manner zur Schleusenvorkammer, um so eine schnelle Evakuierung vorzubereiten. Dann versuchte er eine Nachricht uber Subraumfunk zu senden und, weil er nicht wu?te, ob er es richtig gemacht hatte, die Notsignalbake auszusetzen. Aber die Kollision hatte den Auslosungsmechanismus beschadigt, und er mu?te die Bake mit Handen und Fu?en aus der Luftschleuse schieben. Der Zustand seiner Patienten verschlechterte sich, und er fragte sich wiederholt, ob es uberhaupt etwas gab, das er fur sie tun konnte.

Zu diesem Zeitpunkt fa?te er den Entschlu?, selbst an Bord des Wracks zu gehen, um dort, wo die Krankheit ihren Ursprung gehabt hatte, nach einem moglichen Heilverfahren zu suchen. Die Antwort konnte er vielleicht im Arzneischrank des Wracks finden — dem ›… neikasten‹ des zerstuckelten Funkspruchs. Da der Druck an Bord der stark in Mitleidenschaft gezogenen Tenelphi stetig sank und alle Aufzeichnungsgerate an Bord der Einstein zuruckgelassen worden waren, konnte er fur irgendwelche zukunftigen Retter keine eindeutige Warnung hinterlassen. Doch er tat sein Bestes.

So bestrich er die Au?enluke der Luftschleuse der Tenelphi mit gelbem Schmiermittel, wobei er naturlich nicht ahnen konnte, da? es durch die Hitze der Notsignalbake braun werden wurde, und markierte seinen Weg durch das Wrack auf die gleiche Weise. Heutzutage wu?ten nur noch wenige Leute, und selbst Conway hatte lange gebraucht, um sich daran zu erinnern, da? in den Zeiten vor den interstellaren Raumreisen ein Schiff mit einer ansteckenden Krankheit an Bord eine gelbe Flagge fuhrte… „… Sutherland hat dann entdeckt, da? die Medikamente im Lazarett der Einstein schon lange unbrauchbar waren“, fuhr Conway fort, „aber er stie? auf ein medizinisches Lehrbuch, in dem eine Anzahl von Krankheiten mit ahnlichen Symptomen aufgefuhrt waren, wie sie unsere Patienten aufweisen. Er glaubt, es handelt sich bei der Krankheit um eine der alten Grippearten. In unserem Fall bedeutet der Verlust naturlicher Immunitat durch die Jahrhunderte hindurch allerdings, da? sich die Symptome weit heftiger auf uns auswirken. Deshalb mochte ich, da? Sie diese Informationen fur eine ordnungsgema?e Ubertragung per Subraumfunk zum Orbit Hospital aufzeichnen, damit man dort genau wei?, was man zu erwarten hat. Zudem schlage ich vor, Vorbereitungen fur einen automatischen Sprung in den Hyperraum zu treffen, falls Sie sich nicht fit genug fuhlen sollten, um einen…“

„Doktor“, unterbrach ihn der Captain mit schwacher Stimme, „genau das versuche ich ja gerade zu tun. Wie schnell konnen Sie hier sein?“

Conway war einen Moment lang still, wahrend er und Sutherland aus dem Tunnelrand herauskamen, und antwortete dann: „Ich kann die Rhabwar jetzt sehen. Zehn Minuten noch.“

Auf dem Unfalldeck, das langsam uberfullt war, zog Conway funfzehn Minuten spater dem Schiffsarzt den Raumanzug und die Uniform aus. Dr.

Prilicla schwebte der Reihe nach uber den Patienten und uberwachte ihren Zustand mit den Augen und seinen empathischen Fahigkeiten, wahrend Naydrad Lieutenant Haslam hereinbrachte, der vor ein paar Minuten auf seinem Platz im Kontrollraum zusammengebrochen war.

Keiner der Extraterrestrier hatte irgend etwas von terrestrischen Krankheitserregern zu befurchten, selbst wenn diese siebenhundert Jahre alt waren. Und die Besatzungsmitglieder der Tenelphi und der Rhabwar und Murchison konnten nur daliegen und hoffen, wenn sie sich nicht bereits im Delirium oder im bewu?tlosen Zustand befanden, da? ihre Korperabwehrkrafte irgendeine Moglichkeit fanden, diese Feinde aus der Vergangenheit zu bekampfen. Lediglich Conway war von einer Infektion verschont geblieben, weil ihm ein Schmiermittelklecks oder irgendein Bruchstuck eines verstummelten Funkspruchs zumindest im Unterbewu?tsein davor gewarnt hatte, sein Visier zu offnen, als die Offiziere des Aufklarungsschiffs an Bord gebracht worden waren.

„Vier Ge Schub in funf Sekunden“, meldete Chens matte Stimme aus dem Lautsprecher. „Kunstliche Schwerkraftkompensatoren bereit.“

Als Conway das nachste Mal auf den Repeaterschirm blickte, zeigte dieser die Einstein und die Tenelphi auf die Gro?e eines kleinen Doppelsterns zusammengeschrumpft. Conway beendete seine gegenwartigen Bemuhungen, es Sutherland so bequem wie moglich zu machen, uberprufte den Sitz der Infusionsschlauche, die intravenos die verlorene Flussigkeit ersetzten, und ging dann zu Haslam und Dodds hinuber. Murchison sparte er sich bis zum Schlu? auf, weil er mit ihr mehr Zeit verbringen wollte.

Trotz der verringerten Temperatur in der Drucktragbahre schwitzte sie erheblich, murmelte Fieberphantasien vor sich hin und warf ihren Kopf von einer Seite zur anderen. Zwar hatte sie ihre Augen halb geoffnet, war sich Conways Gegenwart jedoch nicht wirklich bewu?t. Es war ein richtiger Schock fur ihn, Murchison so vor sich liegen zu sehen und zu erkennen, da? sie jetzt eine sehr schwer erkrankte Patientin war und nicht die Kollegin, die er seit der Zeit geliebt und respektiert hatte, als sie noch als Schwester in der Neugeborenenabteilung fur FGLIs gearbeitet hatte, und er noch der Uberzeugung gewesen war, samtliche Krankheiten der Galaxis allein mit seinem Taschenrontgenscanner und der Hingabe zu seinem Beruf heilen zu konnen.

Doch im Orbit Hospital im galaktischen Sektor zwolf — dessen rangniedrigster Angehoriger des arztlichen Mitarbeiterstabs in jedem x-beliebigem planetarischen Hospital, das auf die Behandlung einer einzelnen Spezies spezialisiert war, noch als Fuhrungskraft angesehen werden wurde — war alles moglich. Eine hochqualifizierte Krankenschwester mit ausgepragten Erfahrungen bei der Behandlung von Aliens konnte leicht in hohere Positionen aufsteigen und zu einer der besten Pathologinnen des Hospitals werden. Und ein Assistenzarzt, dem in seinem viel zu gro?en Kopf unkonventionelle Ideen herumspukten, konnte auf den Boden der Tatsachen zuruckgeholt werden. Conway seufzte und wollte Murchison streicheln und beruhigen, aber Naydrad hatte bereits alles fur sie getan, was derzeit moglich war. Er konnte also nichts anderes machen, als sie zu beobachten und zu warten, wie sich ihr Zustand allmahlich verschlechterte, bis er dem der Offiziere von der Tenelphi glich.

Mit etwas Gluck sollten sie bald ins Orbit Hospital eingeliefert werden konnen, wo ihnen dank der vorhandenen technischen Einrichtungen und Forschungsmoglichkeiten eine angemessene medizinische Versorgung zuteil werden wurde. Fletcher und Chen waren insofern glimpflich davongekommen, weil sich der Captain im Kontrollraum und der technische Offizier im Maschinenraum aufgehalten hatte, als die infizierten Offiziere der Tenelphi an Bord gebracht worden waren. Deshalb waren sie als letzte von der Krankheit befallen worden. Glucklicherweise war ihre korperliche Verfassung noch gut genug, um das Schiff fuhren zu konnen.

Oder etwa nicht…?

Auf dem Repeaterschirm breitete sich noch immer eine tiefe Schwarze aus, in der die Einstein und die Tenelphi zwischen den Sternen im Hintergrund nicht mehr zu erkennen waren. Doch mittlerweile sollte der Bildschirm eigentlich die unsichtbare Farbe der Hyperraumdimension zeigen. Plotzlich kam Conway der Gedanke, da? es fur alle Beteiligten viel sinnvoller ware, wenn er wenigstens versuchen wurde, etwas fur Chen und den Captain zu tun, anstatt seine Zeit bei Murchison mit Nichtstun zu verbringen.

„Wurden Sie sich bitte einmal diesen Patienten ansehen, mein Freund“, sagte Prilicla, wobei er mit einem seiner Fuhler auf einen der erkrankten Offiziere zeigte, „und den dort druben? Ich spure, da? sie bei Bewu?tsein sind und beruhigender Worte von einem Mitglied ihrer eigenen Spezies bedurfen.“

Zehn Minuten spater befand sich Conway im Hauptschacht und zog sich in Richtung Kontrollraum. Als er ihn betrat, horte er, wie sich der Captain und der technische Offizier gegenseitig Zahlen zuriefen, unterbrochen von haufigen Pausen fur Wiederholungen und Nachprufungen. Fletchers Gesicht war rot angelaufen und tropfte vor lauter Schwei?. Seine Augen tranten.

Und so, wie er blinzelnd und zwinkernd auf die Displays seines Steuerpults blickte und die Ziffern ablas, schien sein deliriumahnlicher Zustand die Form einer unbeugsamen Berufsbesessenheit angenommen zu haben, wahrend Chen, der nicht viel besser aussah, von dem fur ihn ungewohnten Platz an der Instrumententafel des Astronavigators aus antwortete. Conway betrachtete die beiden mit fachmannischem Blick, und ihm gefiel gar nicht, was er sah.

„Sie brauchen Hilfe“, sagte er mit fester Stimme.

Fletcher sah ihn mit rotumrandeten und tranenden Augen an und entgegnete mude: „Ja, Doktor, aber

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