Heimatplaneten erklimmen konnte und dort lange genug geblieben ist, um sich zu einer Zivilisation zu entwickeln, die zu interstellaren Raumreisen befahigt ist. Die DBPKs sind Vegetarier. Sie besitzen nicht einmal Fingernagel, die ja der evolutionare Uberrest von Krallen sind, und scheinen keinerlei naturliche Verteidigungswaffen zu besitzen.“

„Und wie sieht es mit verborgenen naturlichen Verteidigungswaffen aus?“ fragte O'Mara. Conway wollte dem Major gerade eine Antwort darauf geben, aber Murchison kam ihm zuvor.

„Dafur gibt es keinerlei Anzeichen, Sir“, erklarte sie. „Besondere Aufmerksamkeit hab ich dem nackten braunlichen Hautfleck am Ende des Ruckgrats gewidmet, da dies das einzige unverstandliche physiologische Merkmal des Wesens ist. Sowohl die mannlichen als auch die weiblichen Leichname besitzen dieses Merkmal. Dabei handelt es sich um kleine Beulen oder Schwellungen von zehn bis dreizehn Zentimetern Durchmesser, die aus trockenem, porosem Gewebe bestehen. Sie sondern keinerlei Flussigkeit ab und erwecken den Eindruck einer inaktiven oder verkummerten Druse oder eines Organs. Bei den Erwachsenen sind diese pigmentartigen Flecken von einer einheitlichen bla?braunen Farbe. Die Uberlebende hingegen, bei der es sich, soweit wir das beurteilen konnen, um ein Madchen in der Pubertat oder Vorpubertat handelt, hat eine bla?rosa Stelle, die in dem Braun der Flecken der Erwachsenen gefarbt worden ist.“

„Haben Sie die Farbe analysiert?“ fragte O'Mara.

„Ja, Sir“, antwortete Murchison. „Ein Teil der Farbe wies bereits Risse auf und war abgeblattert, wahrscheinlich ist das passiert, als die DBPK die Verletzungen erlitten hat. Den Rest haben wir bei der praoperativen Sauberung vor dem Transport der Patientin ins Hospital entfernt. Die Farbe war organisch inaktiv und chemisch ungiftig. Unter Berucksichtigung des Alters der Patientin bin ich von einer zu kosmetischen Zwecken aufgetragenen Schmuckfarbe ausgegangen. Die junge DBPK hat wahrscheinlich versucht, alter zu wirken, als sie tatsachlich war.“

„Das scheint eine berechtigte Annahme zu sein“, entgegnete O'Mara.

„Wir haben es also mit einem Wesen zu tun, das zwar naturliche Eitelkeit, aber keine naturlichen Waffen besitzt.“

Farbe… scho? es Conway plotzlich durch den Kopf. Im hintersten Winkel seines Gehirns regte sich zwar eine Idee, aber er konnte ihr noch keine konkrete Form geben. Es hatte irgend etwas mit Farbe oder vielleicht mit den verschiedenen Verwendungsarten von Farbe zu tun. Schmuck, Isolierung, Schutz, Warnung… Das mu?te es sein! Das Auftragen von organisch inaktiver, ungiftiger und ungefahrlicher Farbe… Er begab sich rasch zum Instrumentenschrank und nahm eine der Spruhdosen heraus, mit denen sich eine ganze Anzahl von ETs eine Schutzschicht auf die Greiforgane auftrug, anstatt Operationshandschuhe anzuziehen. Conway probierte die Dose kurz aus, weil der Spruhkopf eigentlich nicht fur die Finger eines DBDGs vorgesehen war. Als er sich sicher war, mit der Dose punktgenau spruhen zu konnen, ging er zu der Patientin hinuber, die in ihrem weichen Pelz schutzlos dalag.

„Was, zum Teufel, machen Sie da, Conway?“ fragte O'Mara.

„Unter diesen Umstanden durfte dem Patienten die Farbe der Schutzschicht ziemlich egal sein“, sagte Conway, der lediglich laut dachte und im Moment vom Chefpsychologen uberhaupt keine Notiz nahm.

„Prilicla, kommen Sie doch bitte mal naher an die Patientin heran“, fuhr er fort. „Die emotionale Ausstrahlung der DBPK wird sich in den nachsten paar Minuten merklich verandern, das spure ich ganz deutlich.“

„Ich bin mir Ihrer Gefuhle durchaus bewu?t, mein Freund“, antwortete Prilicla.

Conway lachte nervos und entgegnete: „In dem Fall, mein Freund, spure ich ziemlich deutlich, da? ich die Losung gefunden habe. Aber wie sieht es denn mit den Emotionen der Patientin aus?“

„Die sind unverandert, mein Freund“, antwortete der Empath. „Die Patientin empfindet eine allgemeine Besorgnis. Das gleiche Gefuhl hatte ich schon nach ihrem Erwachen aus der Bewu?tlosigkeit und der Uberwindung der anfanglichen Angst und Verwirrung festgestellt. Im Moment strahlt die DBPK Besorgnis, Traurigkeit, Hilflosigkeit und… und Schuldgefuhle aus.

Vielleicht denkt sie an ihre toten Freunde…“

„Sie denkt an ihre Freunde, ja“, entgegnete Conway, druckte auf den Kopf der Dose und bespruhte die kahle Stelle uber dem Schwanz der Patientin mit der knallroten, chemisch inaktiven Schutzfarbe. „Aber sie denkt dabei an ihre Freunde, die leben.“

Die Farbe trocknete schnell und wurde zu einem stabilen, biegsamen Schutzfilm. Nachdem Conway noch eine zweite Schicht aufgespruht hatte, zog die Patientin den Kopf unter dem Schwanz hervor und betrachtete den frisch versiegelten Fleck nackter Haut. Dann wandte sie das Gesicht Conway zu und musterte ihn fest mit ihren gro?en, sanften Augen. Conway unterdruckte den unwiderstehlichen Drang, ihr den Kopf zu streicheln.

Prilicla trillerte aufgeregt — diesen Laut konnte der Translator naturlich nicht ubersetzen — und sagte dann: „Die emotionale Ausstrahlung der Patientin hat sich deutlich verandert, mein Freund. Statt tiefer Besorgnis und Traurigkeit empfindet sie jetzt hauptsachlich riesige Erleichterung.“

Genau dasselbe Gefuhl herrscht bei mir im Moment auch vor, dachte Conway bewegt. „Tja, das war's dann wohl“, sagte er laut. „Die Gefahr einer Verseuchung ist gebannt.“

Alle auf der Station Anwesenden starrten ihn unglaubig an und strahlten dabei so heftige und gemischte Gefuhle aus, da? sich Prilicla, wie von einem emotionalen Wirbelsturm geschuttelt, an der Decke festklammern mu?te.

Colonel Skemptons Gesicht war vom Bildschirm verschwunden, so da? ihn allein die kantigen Gesichtszuge von O'Mara anstarrten.

„Conway“, rief der Chefpsychologe barsch. „Erklaren Sie mir das!“

Conway begann seine Erlauterungen mit der Bitte, die von der Behandlung der DBPK-Patientin angefertigte Aufzeichnung zu starten, und zwar von einem Punkt an, der ein paar Minuten vor der Wiedererlangung ihres vollen Bewu?tseins lag. Wahrend sie kurz darauf noch einmal sehen konnten, wie Thornnastor, die kelgianische OP- Schwester und der Melfaner Edanelt ein kleines Stuck vom Untersuchungstisch zuruckgetreten waren, um den Sitz des Luftschlauchs der Patientin zu uberprufen, erklarte Conway: „Der Grund, warum niemand an Bord der Rhabwar wahrend des Ruckflugs zum Hospital in Mitleidenschaft gezogen worden ist, liegt in der ununterbrochenen Bewu?tlosigkeit der Patientin begrundet. Ob die beiden behandelnden Arzte und die ihnen assistierende OP- Schwester nun von ihren Artgenossen als gutaussehend betrachtet werden oder nicht, vermag ich nicht zu beurteilen, aber auf ein Wesen, das mit ihnen zum erstenmal im Leben konfrontiert wird — und dazu noch nicht einmal erwachsen ist —, konnten sie optisch durchaus ziemlich absto?end oder gar furchterregend wirken. Unter diesen Umstanden sind die Angst und die Kurzschlu?reaktion der Patientin durchaus verstandlich. Aber achten Sie jetzt besonders auf die Reaktion des DBPK-Korpers, als sich die Patientin ein paar Sekunden lang physisch bedroht fuhlte.

Die Augen sind weit geoffnet, der Korper ist versteift und der Brustkorb stark ausgedehnt“, beschrieb er die jetzt auf dem Hauptbildschirm ablaufende Szene. „Eine ziemlich normale Reaktion, da werden Sie mir sicherlich zustimmen. Anfangs ein kurzer Moment der Lahmung, gefolgt von einer Hyperventilation, damit die Lunge entweder fur einen Hilferuf oder die Aktivierung der Muskeln zur schnellen Flucht mit soviel Sauerstoff wie moglich versorgt ist. Zu diesem Zeitpunkt galt unsere ganze Aufmerksamkeit dem Vorfall mit den drei medizinischen Mitarbeitern und dem betroffenen Teammitglied. Deshalb haben wir gar nicht bemerkt, da? der Brustkorb der Patientin mehrere Minuten lang ausgedehnt geblieben ist — sie hat namlich den Atem angehalten.“

Auf dem Bildschirm sturzte Thornnastor jetzt schwer zu Boden, die kelgianische Schwester brach zu einem schlaffen Haufen Fell zusammen, die Unterseite von Edanelts knochernem Panzer krachte lautstark auf den Boden und auch das Mitglied des Transportteams sackte zusammen. Alle anderen Anwesenden ohne Schutzanzuge rannten zur Drucktragbahre und den Atemmasken. „Die Auswirkungen dieser vermeintlichen Viren waren plotzlich und dramatisch“, fuhr Conway fort. „Vollstandiger oder partieller Atemstillstand, Kreislaufkollaps sowie deutliche Anzeichen eines negativen Einflusses auf die willkurliche und unwillkurliche Muskulatur. Allerdings war bei den Betroffenen kein Anstieg der Temperatur festzustellen, was eigentlich bei einer korperlichen Abwehrreaktion auf eine Infektion zu erwarten ware. Wenn man eine Infektion also ausschlie?en konnte, dann war die DBPK-Patientin gar nicht so schutzlos, wie sie aussah…“

Wie Conway in seinen Erklarungen fortfuhr, mu?ten die DBPKs auf ihrem Weg zur dominanten Lebensform ihres Planeten irgendein Mittel zur eigenen Verteidigung entwickelt haben. Oder in anderen Worten: Jedes Wesen, das einen Schutzmechanismus braucht, hat auch einen.

Wahrscheinlich waren die erwachsenen DBPKs irgendwann geistig flexibel genug, um Schwierigkeiten zu vermeiden und ihre Kinder zu beschutzen, solange sie noch klein und leicht zu tragen waren. Doch sobald die Kinder

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