fur den elterlichen Schutz zu gro? geworden und fur den eigenen noch zu unerfahren waren, entwickelten sie einen Verteidigungsmechanismus, der gegen alles wirkte, das lebte und atmete.
Bei der Bedrohung durch naturliche Feinde stie?en die jungen DBPKs ein Gas aus, das die Wirkung des alten terrestrischen indianischen Pfeilgifts Curare mit der Schnelligkeit spaterer Nervengase in sich vereinigte.
Daraufhin kam die Atmung des Feinds zum Stillstand, und er stellte keine Bedrohung mehr dar. Dieser Schutzmechanismus war allerdings ein zweischneidiges Schwert, weil er bei jedem Sauerstoffatmer zur Bewu?tlosigkeit fuhren konnte, auch bei den DBPKs selbst. Da aber das den Gasaussto? auslosende Ereignis gleichzeitig den betreffenden DBPK veranla?te, die Luft anzuhalten, lie? sich daraus schlie?en, da? die giftige Substanz eine komplexe und wenig stabile Molekularstruktur besitzen mu?te, die schon wenige Augenblicke nach der Freisetzung zerfiel und ungefahrlich wurde. Und zu diesem Zeitpunkt stellte der Feind naturlich schon langst keine Bedrohung mehr dar.
Mit dem Aufstieg der Zivilisation, der Grundung von Stadten und dem daraus resultierenden engen Zusammenleben von Wesen aller Altersgruppen wurde der Schutzmechanismus der DBPK-Kinder eher zu einer gefahrlichen Funktionsstorung. Ein plotzlich erschrecktes und instinktiv reagierendes Kind konnte versehentlich eigene Familienangehorige, Passanten auf der Stra?e oder Klassenkameraden in der Schule au?er Gefecht setzen. Deshalb bestrich und versiegelte man das Organ zum Gasaussto?, bis das Kind erwachsen und das Organ funktionsunfahig geworden war. Da? die auf das aktive Organ aufgetragene Farbe den braunen Flecken der ›ungefahrlichen‹ Erwachsenen ahnelte, hatte nach Conways Ansicht wahrscheinlich psychologische oder soziologische Grunde… „… diese Patientin ist ein Madchen in der Vorpubertat, gehort einer raumreisenden Spezies an und durfte damit gerechnet haben, auf fremde Lebensformen zu sto?en“, fuhr Conway fort und wandte sich vom Bildschirm ab, als die Aufzeichnung zu Ende war. „Wegen ihrer Schwache und der Korperverletzungen hat sie aber instinktiv reagiert, wobei ihr fast im selben Augenblick klargeworden ist, was sie angerichtet hatte. Nach Priliclas Angaben uber die empfangenen Emotionen hatte sie starke Schuldgefuhle, und es tat ihr furchtbar leid, was sie einigen ihrer Retter angetan hatte. Gleichzeitig fuhlte sie sich vollig hilflos, weil sie uns nicht vor der noch immer akuten Gefahr warnen konnte. Aber jetzt haben wir sie praktisch ›entscharft‹, und deshalb ist sie sehr erleichtert. Ihre emotionalen Reaktionen lassen jedenfalls meiner Meinung nach darauf schlie?en, da? die DBPKs ausgesprochen liebenswurdige Wesen sind und…“
Conway brach ab, als der Bildschirm erneut aufflackerte und die Gesichter von Colonel Skempton und Major O'Mara erschienen.
Skempton wirkte nervos und verlegen und blickte beim Sprechen die ganze Zeit auf irgend etwas, das er au?er Reichweite der Kamera hielt.
„Vor ein paar Minuten haben wir einen Funkspruch von der Descartes erhalten, in dem folgendes steht: ›Ihre im letzten Funkspruch gegebenen Anweisungen werden wir nicht befolgen. Der Heimatplanet der DBPKs ist lokalisiert, und das Kontaktverfahren ist bereits weit fortgeschritten. Nach dem Inhalt Ihrer Mitteilung zu urteilen, handelt es sich bei der Uberlebenden um eine DBPK in der Vorpubertat, und Sie haben Probleme. Warnung: Behandeln Sie dieses Wesen keinesfalls ohne Gesichtsmasken oder leichte Schutzanzuge, und begeben Sie sich auch nicht ohne einen ahnlichen Schutz in die Nahe der Patientin. Falls Sie diese Sicherheitsma?nahmen nicht getroffen haben und bereits Hospitalpersonal betroffen sein sollte, mu? man die Atmung der Opfer sofort langer als zwei Stunden kunstlich unterstutzen.
Danach wird sich die Atemtatigkeit ohne Nachwirkungen wieder normalisieren. Die Ursache dieser Beschwerden ist eine naturliche Verteidigungswaffe, die nur junge DBPKs besitzen. Die Funktionsweise wird man ihnen nach der Ankunft von zwei DBPK-Arzte erklaren, die in den nachsten vier Stunden mit der Torrance eintreffen und die Patientin nach einer Untersuchung mit nach Hause nehmen werden. Sie sind au?erdem sehr an der Idee eines Hospitals mit vielfaltigen Umweltbedingungen interessiert und haben um die Erlaubnis gebeten, spater zu Studienzwecken fur eine gewisse Zeit ins Orbit Hospital zuruckkehren zu durfen, um dort…‹“
Auf einmal wurde es unmoglich, weiterhin Skemptons Stimme oder die Nachricht der Descartes zu horen, weil Doktor Gilvesh Conway etwas zurief und dabei auf die kelgianische Schwester zeigte. Ihr Fell krauselte sich stark, ein Ausdruck der Enttauschung, weil der in der Luftrohre steckende Schlauch sie am Sprechen hinderte. Auch ein Mitglied des Transportteams rief nach Conway, weil Thornnastor auf seine sechs mammuthaften Beine zu kommen versuchte und sich dabei lautstark uber seine eigene Unbeholfenheit beklagte. Der zusammengebrochene Melfaner war ebenfalls wieder auf den Beinen und wollte deutlich horbar wissen, was denn uberhaupt passiert sei. Der Hudlarer schrie, er habe Hunger. Alle, die in der Drucktragbahre gesteckt hatten, kamen herausgekrochen, und die restlichen Wesen hatten sich von ihren Atemmasken befreit. Alle Anwesenden versuchten gleichzeitig, sich bei Conway oder untereinander Gehor zu verschaffen.
Conway schnellte herum, um einen Blick auf die Patientin zu werfen, denn er sorgte sich plotzlich darum, welche Auswirkungen dieses zunehmende Chaos auf sie haben konnte. Zwar bestand nun keine Gefahr mehr, durch eine Kurzschlu?reaktion der Uberlebenden das Bewu?tsein zu verlieren, da er erst vor ein paar Minuten die Schutzschicht aufgetragen hatte, aber das arme Kind konnte sich ja moglicherweise zu Tode furchten.
Die junge Patientin sah sich mit ihren gro?en, sanft dreinblickenden Augen in der Station um, aber es war unmoglich, irgendeinen Ausdruck auf dem pelzigen, dreieckigen Gesicht zu deuten. Dann lie? sich Prilicla von der Decke fallen und schwebte bis auf wenige Zentimeter an Conways Ohr heran.
„Sie brauchen nicht besorgt zu sein, mein Freund“, beruhigte ihn der kleine Empath. „Das vorherrschende Gefuhl der Patientin ist nichts als pure Neugier…“
Uber diesen ganzen tumultartigen Radau hinweg konnte Conway sehr schwach im Hintergrund die Folge langer Sirenentone horen, die Entwarnung fur den Kontaminierungsalarm gaben.
VIERTER TEIL
Das Ambulanzschiff
Wenige Stunden spater trafen die beiden dwerlanischen DBPK-Arzte ein, um die Patientin abzuholen. Doch entschieden sie nach kurzer Beratung, da? sie im Orbit Hospital die optimale Behandlung erfuhr. Deshalb baten sie darum, der Patientin den Aufenthalt bis zur vollstandigen Genesung in zwei bis drei Wochen zu gestatten. In der Zwischenzeit nahmen die beiden Arzte, deren Muttersprache man bereits in den Ubersetzungscomputer eingegeben hatte, das gesamte Orbit Hospital unter die Lupe, dieses technische und medizinische Wunderwerk. Wahrend dieser Rundgange standen ihre pelzigen Schwanze wie Fragezeichen in der Luft — es sei denn, diese gro?en und ausdrucksfahigen Korperglieder mu?ten aus Grunden des Schutzes vor fremdartigen Umweltbedingungen in Anzuge gezwangt werden.
Sie besuchten auch mehrere Male das Ambulanzschiff. Anfangs, um den Offizieren und dem medizinischen Team der Rhabwar fur die Rettung der jungen Dwerlanerin zu danken, die als einzige die Schiffskatastrophe uberlebt hatte, und spater, um ihre Eindrucke vom Hospital zu schildern oder uber ihren Heimatplaneten Dwerla und dessen vier bluhende Kolonien zu berichten. Diese Besuche waren fur die Besatzung der Rhabwar stets eine willkommene Unterbrechung des eintonigen Aufenthalts an Bord, der sich fur sie zu einem schier endlosen autodidaktischen Unterrichtszyklus entwickelt hatte.
Zumindest hatte der Chefpsychologe diese Reihe von Vortragen, Drillubungen und technischen Demonstrationen so bezeichnet, mit der die Besatzung in den nachsten paar Monaten beschaftigt sein wurde — falls vorher kein Notruf einging.
„Da das Schiff im Dock liegt, werden Sie Ihre Dienstzeit an Bord verbringen“, hatte O'Mara Conway im Verlauf eines kurzen und nicht sehr erfreulichen Gesprachs mitgeteilt. „Und zwar so lange, bis Sie sich selbst — und naturlich auch mich — davon uberzeugt haben, mit jedem einzelnen Aspekt Ihres neuen Aufgabenbereichs vollkommen vertraut zu sein, also mit dem Schiff und seinen Systemen und Anlagen. Au?erdem sollten sie sich auf den verschiedenen Spezialgebieten der Offiziere wenigstens ebenso viele Kenntnisse erwerben wie umgekehrt die Offiziere auf Ihrem Fachgebiet. Denn obwohl Sie innerhalb von zwei Wochen bereits zwei Notrufeinsatze hatten, sind Sie noch immer nicht hinreichend eingearbeitet an Bord.
Ihr erster Einsatz war fur Sie selbst mit beachtlichen Unannehmlichkeiten verbunden“, fuhr der
