Wenn du nichts dagegen hast, werde ich diese beiden Dinger mit in die Pathologie nehmen, um sie mir einmal etwas grundlicher anzusehen.“
Nachdem sie gegangen war, sagte mehrere Minuten lang niemand etwas.
Prilicla fing erneut zu zittern an, und nach dem Ausdruck in Brenners Gesicht zu urteilen, lag es an etwas, das der Lieutenant gerade empfand.
„Wenn diese Parasiten fur den Uberzug verantwortlich sind“, sagte er etwas wehleidig, „dann hat es auch keinen fruheren Versuch gegeben, den Patienten zu heilen. Unser Patient, der hohe Schwerkraft benotigt, ist wahrscheinlich auf dem Planeten dieser fliegenden Rankenfu?er, der nur geringe Schwerkraft besitzt, angegriffen worden. Die Ranken oder Wurzelfasern dieser parasitaren Lebensformen sind in ihn eingedrungen, haben seine Muskeln und sein Nervensystem lahmgelegt und ihn in einer… in einer Art Schale aus langsam fressenden Maden eingeschlossen, als er noch nicht einmal tot war…“
„Als Arzt sollten Sie etwas mehr inneren Abstand bewahren, Lieutenant“, ermahnte ihn Conway. „Sie storen Prilicla. Selbst wenn so etwas Ahnliches moglicherweise passiert sein kann, gibt es immer noch einige unangenehme Randerscheinungen, die nicht dazu passen. Mich stort zum Beispiel nach wie vor das eingepre?te Gewebe unter dem umgedrehten Rankenfu?er.“
„Vielleicht hat der Patient darauf gesessen“, warf Brenner zornig ein, der offensichtlich hin und wieder auf Kosten seines guten Benehmens seine Gefuhle abreagieren mu?te. „Und ich kann verstehen, warum ihn seine Freunde ins All geworfen haben — etwas anderes blieb ihnen wahrscheinlich gar nicht ubrig.“
Er hielt kurz inne und sagte dann: „Entschuldigung, Doktor. Aber gibt es noch irgend etwas anderes, das Sie fur den Patienten tun konnen?“
„Zumindest gibt es etwas, das wir versuchen konnen…“, gab Conway grimmig zur Antwort.
Laut Prilicla gab ihr Patient kaum noch Lebenszeichen von sich, und da sie jetzt wu?ten, da? es sich bei den Rankenfu?ern nicht nur um einen normalen Oberflachenausschlag, sondern um angreifende Organismen handelte, mu?ten diese Parasiten und der von ihnen abgesonderte Uberzug so schnell wie moglich entfernt werden. Bei der Beseitigung der Ranken wurde es sich zwar um eine heikle, zeitraubende Arbeit handeln, aber immerhin reagierte die Oberflachenbeschaffenheit auf die Hitze. Und wenn die Rankenfu?er erst einmal entfernt waren, mu?te sich der Patient wieder soweit erholt haben, da? er Conway bei der Behandlung behilflich sein konnte. Zudem hatte die Pathologie bereits verschiedene Verfahrenstechniken vorgeschlagen, mit denen man seine lahmgelegten Lebensprozesse wieder in Gang bringen konnte.
Conway benotigte fur sein Vorhaben wenigstens funfzig Schneidbrenner, die mit Lufthochdruckschlauchen ausgestattet waren, um gleichzeitig die Asche wegzublasen. Er wollte mit dem Abfackeln der Substanz an Kopf, Hals, Brust und im Bereich der Flugelmuskulatur beginnen, um den Patienten zunachst vor dem Zugriff der Rankenfu?er an Gehirn, Lunge und Herz zu befreien. Falls sich das Herz in einem kritischen Zustand befinden sollte, ware es zudem notwendig, im Rahmen einer Notoperation einen Bypass zu legen — Murchison hatte zu diesem Zweck bereits den Verlauf der Arterien und Venen in diesem Bereich genau aufgezeichnet. Und fur den Fall, da? der Patient sich wehren oder mit den Flugeln um sich schlagen sollte, wurden sie schwere Schutzanzuge benotigen.
Aber nein — in erster Linie brauchte Prilicla, der die emotionale Ausstrahlung wahrend der Operation uberwachen sollte, gro?tmoglichen Schutz. Die anderen mu?ten eben ausweichen, bis der Patient mit Pressorstrahlen bewegungsunfahig gemacht worden war — denn wurde eine Notoperation erforderlich werden, waren schwere Anzuge sowieso nur hinderlich. Des weiteren mu?te man den Kommunikator in eine Seitenkammer bringen, damit er nicht beschadigt werden konnte; denn eventuell wurde man die angrenzenden Ebenen alarmieren mussen, wo verschiedene Spezialistenstabe auf Abruf bereitzustehen hatten.
Wahrend er die notwendigen Anweisungen gab, ging Conway geschaftig auf und ab, ohne dabei allerdings in Hektik zu verfallen, und seine Stimme klang ruhig und zuversichtlich. Trotzdem hatte er dabei die ganze Zeit das vage, aber dennoch nachhaltige Gefuhl, da? er standig nur die falschen Dinge sagte, tat und — vor allem — dachte.
O'Mara billigte die vorgesehene Behandlungsmethode zwar nicht, mischte sich aber auch nicht ein. Er stellte Conway lediglich die Frage, ob er den Patienten zu heilen oder zu grillen beabsichtige, und fugte hinzu, da? noch immer kein Bericht von der Torrance eingetroffen sei.
Schlie?lich waren sie soweit. Die Wartungstechniker wurden mit Schneidbrennern und zischenden Luftschlauchen, die vom Patienten weggerichtet waren, rings um den Kopf, den Hals und die Vorderkanten der Flugel des Riesenvogels postiert. Hinter ihnen standen die medizinischen Fachkrafte und Spezialtechniker in Warteposition, ausgerustet mit Wiederbelebungsgeraten und — mitteln, einer universell einsetzbaren Herz- Lungen-Maschine und den glanzenden, sterilen Instrumenten ihrer arztlichen Zunft. Fur den Fall, da? der Patient allzu plotzlich wieder zum Leben erwachen sollte und sie in Deckung gehen mu?ten, waren die Turen zu den Seitenkammern geoffnet und festgeklemmt worden.
Eigentlich gab es keinen logischen Grund mehr, noch langer zu warten, und Conway gab das Startsignal. Nur wenige Sekunden spater ertonte der Kommunikator, und Murchison, die ziemlich zerzaust und murrisch aussah, erschien auf dem Bildschirm.
„Es hat hier einen leichten Unfall gegeben, eine Explosion“, berichtete sie. „Unser Typ zwei ist durch das Labor geflogen, hat ein paar Testgerate beschadigt und mich fast zu Tode…“
„Aber er war doch tot“, unterbrach Conway sie murrisch. „Die waren doch beide tot… hat Prilicla jedenfalls gesagt!“
„Das ist er auch immer noch“, antwortete Murchison, „und er ist auch nicht direkt geflogen… er ist von uns weggeschossen. Ich bin mir uber den Mechanismus des Vorgangs noch nicht ganz sicher, aber anscheinend erzeugt das Ding in seinem Darmtrakt Gase, die als Gemisch explosiv reagieren und es nach vorn schnellen lassen. In Verbindung mit seinen Flugeln benutzt, konnten diese Gase dem Wesen helfen, sich schnell bewegenden naturlichen Feinden wie dem anderen Rankenfu?er zu entkommen. Als ich mit der Arbeit begonnen hab, mu?ten die Gase noch vorhanden gewesen sein.
Es gibt eine ahnliche Spezies, nur viel kleiner, die auf der Erde beheimatet ist. Als Vorbereitung auf die ET- Kurse haben wir die ausgefalleneren Tierarten der irdischen Fauna studiert. Diese Lebewesen wurden Bombardierkafer genannt, und sie konnten…“
„Doktor Conway!“
Er wandte sich abrupt vom Bildschirm ab und rannte sofort in den Hauptsaal — man brauchte kein Empath zu sein, um auch so zu bemerken, da? irgend etwas Ernsthaftes passiert sein mu?te.
Der Teamleiter der Wartungstechniker winkte Conway verzweifelt zu sich heruber, und Prilicla, eingeschlossen in seiner kugelformigen Schutzhulle und getragen von einem kunstlichen Schwerkraftneutralisator, dem sogenannten G-Gurtel, schwebte uber dem Kopf des Mannes und zitterte am ganzen Korper.
„Zunehmende emotionale Ausstrahlung, mein Freund“, berichtete der Empath. „Das la?t auf rasch zuruckkehrendes Bewu?tsein schlie?en. Ich empfange Gefuhle von Furcht und Besturzung.“
Ein wenig von dieser Besturzung kommt sicherlich von mir, dachte Conway.
Der Wartungsmonteur zeigte einfach mit dem Finger auf eine Stelle des Patienten.
Statt des harten Uberzugs, den Conway zu sehen erwartet hatte, flo?, kleckerte und tropfte dort langsam eine schwarze, zahflussige Masse auf den Boden. Wahrend er die Stelle beobachtete, auf die die Flamme gerichtet gewesen war, loste sich gerade diese Masse von einem der Rankenfu?er, der jetzt zuckte und seine Flugel ausbreitete. Er fing damit an zu schlagen, zuerst langsam, dann hob er vom Patienten ab, wobei er seine langen Ranken aus dem Vogel zog, bis er sich vollig befreit hatte und unbeholfen in der Luft flatterte.
„Sofort alle Schneidbrenner ausmachen!“ befahl Conway. „Aber kuhlen Sie den Patienten mit den Luftschlauchen. Versuchen Sie, die schwarze Masse wieder zu erharten!“
Aber die zahe, schwarze Flussigkeit wollte nicht wieder hart werden.
Erst einmal von der Hitze verflussigt, setzte sich der Erweichungsproze? selbstandig fort. Der Hals des Patienten, der nun nicht mehr von der festen schwarzen Substanz gestutzt wurde, fiel schwer zu Boden, und ein paar Sekunden spater folgten die gewaltigen Flugel. Die schwarze Lache rings um den Patienten dehnte sich aus, und mehr und mehr von den Rankenfu?ern kampften sich frei, um mit breiten, membranartigen Flugeln durch die Halle zu flattern, wobei sie ihre Ranken wie lange, dunne Federn hinter sich herzogen.
„Alles zuruck! In Deckung, schnell!“
Ihr Patient lag vollig reglos da und war mit ziemlicher Sicherheit tot, aber es gab nichts, was Conway tun
