manchmal die Wahrheit zurechtstutzt und die unangenehmeren Fakten fur sich behalt, wird Schwester Naydrad ohne Rucksicht auf Ihren Rang und Ihre Gefuhle stets die Wahrheit sagen. Sie werden sich bald daran gewohnen, Major.
Aber eigentlich hatte ich nicht vor, einen Vortrag uber Kelgianer zu halten. Vielmehr hatte ich vor, kurz uber die Entstehung dessen zu sprechen, was jetzt die galaktische Foderation genannt wird…“
Auf dem Instruktionsschirm hinter ihm erschien plotzlich eine dreidimensionale Darstellung der galaktischen Doppelspirale mit ihren wichtigsten stellaren Eigenschaften und die Auslaufer einer benachbarten Galaxis, deren Entfernung man nicht einmal schatzen konnte. Wahrend sie den Erlauterungen O'Maras zuhorten, erschien nah am Rand der Milchstra?e eine kurze, helle Linie aus gelbem Licht, dann eine weitere, schlie?lich noch eine — die Verbindungen zwischen der Erde und den fruhen Erdkolonien und den Systemen von Orligia und Nidia, den ersten extraterrestrischen Kulturen, mit denen man in Kontakt getreten war. Ein weiteres Bundel gelber Linien erschien und bezeichnete die Welten, die vom Planeten Traltha aus kolonialisiert oder kontaktiert worden waren.
Mehrere Jahrzehnte hatten vergehen mussen, bevor sich Orligianer, Nidianer, Tralthaner und Menschen ihre Planeten gegenseitig zuganglich gemacht hatten — zu jener Zeit neigten namlich samtliche beteiligten Wesen zu Mi?trauen, was in einem Fall sogar zu einem Krieg fuhrte —, doch in diesem Bild wurde die verstrichene Zeit genauso wie die Entfernung komprimiert dargestellt.
Das Flechtwerk goldener Linien wurde rasch dichter, als zuerst Kontakte und dann Handelsbeziehungen mit den hochentwickelten und stabilen Kulturen von Kelgia, Illensa, Hudlar, Melf und deren eventuell vorhandenen angeschlossenen Kolonien aufgenommen wurden. Optisch gesehen handelte es sich dabei um keine geordnete Entwicklung. Die Linien schossen nach innen zum galaktischen Zentrum, kehrten wieder an den Rand zuruck, bewegten sich zwischen Zenit und Nadir, und sprangen sogar mitten durch den intergalaktischen Raum, um sich mit den Planeten der Ianer zu verbinden, obwohl es in diesem Fall die Ianer gewesen waren, die mit den Reisen angefangen hatten. Als die Linien die Planeten der galaktischen Foderation verbanden, also die Planeten, von denen bekannt war, da? sie intelligentes und auf ihre eigene, manchmal recht eigentumliche Weise technisch und philosophisch hochentwickeltes Leben beheimateten, resultierte daraus ein unordentliches gelbes Gekritzel, das einer Kreuzung zwischen einem DNS-Molekul und einem Brombeerstrauch ahnelte.
„…nur ein winziger Bruchteil der Galaxis ist von uns oder einer der anderen Spezies der Foderation erforscht worden“, fuhr O'Mara fort.
„Und wir befinden uns in der Lage eines Menschen, der zwar Freunde in entfernten Landern hat, aber keine Ahnung davon, wer bei ihm um die Ecke wohnt. Der Grund dafur ist, da? sich Reisende ofter treffen als Leute, die zu Hause bleiben, besonders dann, wenn diese Reisenden ihre Adressen austauschen und sich regelma?ig treffen…“
Vorausgesetzt, es traten unterwegs keine storenden Einflusse auf, und die genauen Zielkoordinaten waren bekannt, dann war es wirklich genauso einfach, durch den Subraum zu einem benachbarten Sonnensystem zu reisen wie zu einem Planeten am anderen Ende der Galaxis. Aber man mu?te erst einmal ein bewohntes Sonnensystem entdecken, bevor man dessen Koordinaten ins Logbuch eintragen konnte, und das erwies sich als eine nicht ganz leichte Aufgabe.
Es dauerte sehr lange, bis man wenigsten ein paar der kleineren wei?en Flecken auf den Sternkarten eingetragen und erkundet hatte, allerdings mit nur wenig Erfolg. Wenn die Aufklarungsschiffe einen Stern mit Planeten fanden, war das schon an sich eine seltene Entdeckung — und eine noch seltenere, wenn auf dem Planeten Leben existierte. Und falls sogar eine der einheimischen Lebensformen intelligent war, dann fegte eine Welle des Jubels uber die Planeten der Foderation hinweg, allerdings stets verbunden mit der Sorge, ob der Pax Galactica durch diese Aliens nicht moglicherweise bedroht sein konnte. Man sandte Spezialisten des Monitorkorps aus, um die knifflige, zeitraubende und oft gefahrliche Arbeit zu verrichten, um erste Kontakte zu knupfen und diese spater zu vertiefen.
Die Fachleute fur Erstkontakte stellten die Elite des Monitorkorps dar, eine kleine Gruppe von Spezialisten fur extraterrestrische Kommunikation, Philosophie und Psychologie. Obwohl diese Gruppe nur relativ klein war, war sie bedauerlicherweise nicht gerade mit Arbeit uberlastet… „…im Verlauf der letzten zwanzig Jahre“, fuhr O'Mara fort, „hat sie in nur drei Fallen das Erstkontaktverfahren eingeleitet, und jedesmal trat die betreffende Spezies der Foderation bei. Ich will Sie jetzt nicht mit Einzelheiten langweilen, was die Anzahl der dazu erforderlichen Erkundungsfluge angeht oder wie viele Schiffe und Personen daran beteiligt waren und wieviel Material benotigt wurde. Erst recht werde ich Sie nicht mit den Gesamtkosten fur diese Unternehmungen schockieren. Ich erwahne die drei Erfolge der Kontaktgruppe nur, um zu verdeutlichen, da? dieses Hospital im selben Zeitraum nicht nur voll einsatzfahig gemacht wurde, sondern auch Erstkontakte eingeleitet hat, die zum Eintritt von sieben neuen Spezies in die Foderation gefuhrt haben. Und das wurde nicht etwa durch einen allmahlichen, beharrlichen Aufbau und eine Ausweitung der Kommunikation bewirkt, bis ein Austausch komplexer philosophischer und soziologischer Auffassungen moglich geworden ware, sondern indem einem kranken Alien medizinische Hilfe geleistet wurde.“
Der Chefpsychologe musterte sie alle der Reihe nach, und Prilicla brauchte ihm nicht extra zu sagen, da? er ihre ungeteilte Aufmerksamkeit besa?, denn das war an ihren Mienen abzulesen. „Naturlich stelle ich alles bewu?t sehr vereinfacht dar“, fuhr er fort. „Nun gut, Sie mu?ten sich jedenfalls in solchen Fallen jeweils mit den medizinischen und/oder chirurgischen Problemen auseinandersetzen, die auftreten, wenn man eine bislang unbekannte Lebensform zu behandeln hat. Dabei standen Ihnen sowohl der Ubersetzungscomputer des Hospitals, der zweitgro?te in der Galaxis uberhaupt, als auch Kommunikationsspezialisten des Monitorkorps zur Verfugung, wobei das Korps auch fur die Bergung vieler extraterrestrischer Opfer verantwortlich war. Aber die Tatsache bleibt bestehen, da? Sie, indem Sie medizinische Hilfe geleistet haben, den guten Willen der Foderation fremden Spezies gegenuber viel einfacher und direkter demonstriert haben, als es jeder langatmige Gedankenaustausch hatte tun konnen.
Als Folge davon hat es eine deutliche Verschiebung des Schwerpunkts der Erstkontaktpolitik gegeben…“
So, wie man nur eine Methode kannte, durch den Hyperraum zu reisen, gab es auch nur ein Verfahren, ein Notsignal zu senden, wenn ein Unfall oder eine Fehlfunktion auftrat und ein Schiff im Normalraum zwischen den Sternen gestrandet war. Der mit festem Leitstrahl arbeitende Subraumfunk war keine zuverlassige interstellare Kommunikationsmethode, da er durch dazwischenliegende Sternkorper Storungen und Verzerrungen ausgesetzt war und uberdies Unmengen von Schiffsenergie benotigte — Energie, die ein in Not geratenes Schiff zumeist gar nicht mehr aufbringen konnte. Doch eine relativ simple ›Notsignalbake‹ brauchte keine Nachrichten zu ubermitteln — sie war einfach ein nuklearbetriebenes Gerat, das ein Peilsignal sendete, einen Hilferuf im Subraum, der immer wieder samtliche verwendbaren Funkfrequenzen durchlief, bis er einige Minuten oder Stunden spater verstummte.
Da samtliche Schiffe der Foderation vor dem Abflug Einzelheiten uber Kurs und Passagiere einreichen mu?ten, war die Position des Notsignals normalerweise ein guter Hinweis auf die physiologische Klassifikation einer Spezies, die in Schwierigkeiten geraten war. Dann wurde ein Ambulanzschiff mit der entsprechenden Mannschaft und Ausrustung zur Lebenserhaltung an Bord vom Orbit Hospital oder von seinem Heimatplaneten geschickt. Aber es gab Falle, und zwar viel mehr als allgemein angenommen, in denen fur die Foderation unbekannte Wesen in ein Ungluck verwickelt waren und dringend Hilfe benotigten — Hilfe, die die Ambulanzschiffe mitsamt ihren Besatzungen kaum zu leisten vermochten.
Nur wenn beim betreffenden Bergungsschiff die Hyperraumantriebshulle zu vergro?ern war, um das verungluckte Schiff darin einzuschlie?en, oder aber die Wesen unversehrt befreit werden und in eine fur sie passende Umweltbedingung auf dem Foderationsschiff geschafft werden konnten, transportierte man sie ins Orbit Hospital im galaktischen Sektor zwolf.
Folge davon war, da? viele bislang unbekannte Lebensformen, die uber eine hohe Intelligenz und eine fortgeschrittene Technologie verfugten, starben und allenfalls noch als interessante Studienobjekte fur die Pathologie dienten. Doch hatte man bereits seit langem nach einer Losung dieses Problems gesucht und die Antwort darauf vielleicht sogar gefunden.
Man hatte entschieden, ein ganz spezielles Ambulanzschiff auszurusten, das nur auf diejenigen Notsignale reagieren sollte, deren Positionen sich nicht mit den von den Foderationsschiffen eingereichten Flugplanen deckten.
„… wann immer es moglich ist“, fuhr O'Mara fort, „ziehen wir es vor, mit raumreisenden Lebensformen in Kontakt zu treten. Spezies, die zwar intelligent, aber keine Raumreisenden sind, werfen zumeist nur Probleme auf. Wir konnen bei denen nie sicher sein, ob wir ihre naturliche Entwicklung fordern oder nur behindern, ob wir ihnen technologisch unter die Arme greifen oder einen vernichtenden Minderwertigkeitskomplex bereiten, wenn wir von
