Schlie?lich handelt es sich bei diesen Wesen nicht um Patienten, sondern um Kolonisten.“

ZWEITER TEIL

Eine ansteckende Krankheit Chefarzt Conway wand sich in einem Mobelstuck, das eigentlich fur das korperliche Wohlbefinden eines sechsbeinigen Melfaners mit Ektoskelett konstruiert worden war, in eine nicht ganz so unbequeme Sitzposition und sagte in gekranktem Ton: „Nach zwolf Jahren medizinischer und chirurgischer Erfahrung im gro?ten Hospital der Foderation verspricht man sich von der nachstfolgenden logischen Stufe auf der Beforderungsleiter doch wohl etwas mehr als… als zum Fahrer eines Ambulanzschiffs ernannt zu werden!“

Die andere vier Wesen, die zusammen mit ihm im Buro des Chefpsychologen warteten, zeigten zunachst keinerlei Reaktion. Dr. Prilicla klammerte sich schweigend an die Decke — seine bevorzugte Position, wenn er sich in der Gesellschaft von Lebewesen befand, die gro?er und muskuloser waren als er. Zusammen auf einer illensanischen Bank sa?en die ungewohnlich hubsche Pathologin Murchison und eine raupenahnliche kelgianische Oberschwester mit silbernem Fell namens Naydrad. Auch sie schwiegen. Major Fletcher, dem man als erst kurzlich eingetroffenen Besucher des Hospitals aus Hoflichkeit den einzigen physiologisch passenden Stuhl angeboten hatte, war der erste, der das Schweigen brach.

„Man wird Ihnen aber nicht gestatten, das Ambulanzschiff zu fliegen, Doktor“, sagte er ernst.

Es war offensichtlich, da? Major Fletcher immer noch stolz auf die funkelnden Abzeichen eines Schiffskommandanten war, die seit neuestem die Armel seiner Monitoruniform schmuckten, und sich bereits jetzt um das Wohlergehen des Schiffs sorgte, auf dem er in Kurze das Kommando haben wurde. Conway erinnerte sich daran, bei Erhalt seines ersten Taschenscanners genauso empfunden zu haben.

„Also wirst du nicht einmal zum Fahrer eines Ambulanzschiffs befordert“, bemerkte Murchison lachend.

Naydrad beteiligte sich am Gesprach mit einer Reihe wimmernder und pfeifender Gerausche, die ubersetzt lauteten: „Erwarten Sie etwa in einer Einrichtung wie dem Orbit Hospital so etwas wie Logik, Doktor?“

Conway antwortete nicht. Er dachte daran, da? uber die Geruchtekuche des Hospitals, die einen normalerweise zuverlassigen Herd hatte, bereits seit Tagen die Neuigkeit verbreitet worden war, ein Chefarzt, namlich Conway selbst, wurde bald dauerhaft einem Ambulanzschiff zugeteilt.

An der Decke begann Dr. Prilicla als Reaktion auf Conways emotionale Ausstrahlung zu zittern. Deshalb versuchte dieser, seine Gefuhle der Verwirrung und Enttauschung unter Kontrolle zu bekommen.

„Bitte regen Sie sich wegen dieser Geschichte doch nicht unnotig auf, mein Freund“, bat der kleine Empath, und die rollenden Schnalzlaute der fast musikalischen Sprache des Cinrusskers uberlagerten die emotionslos klingende Ubersetzung aus dem Translator. „Zunachst einmal mu? man uns noch von offizieller Seite uber diese neue Aufgabe informieren, und ich halte es fur sehr wahrscheinlich, da? Sie dann angenehm uberrascht sein werden, Doktor.“

Wie Conway wu?te, war Prilicla jedoch nicht abgeneigt zu lugen, wenn er dadurch die emotionale Atmosphare einer Situation verbessern konnte.

Er tat das allerdings nicht, wenn eine solche Besserung nur kurzfristig anhielt, und daraufhin sogar noch starkere Gefuhle des Argers und der Enttauschung folgten.

„Und wie kommen Sie darauf, Doktor?“ fragte Conway. „Sie haben das Wort ›wahrscheinlich‹ und nicht ›moglich‹ verwandt. Haben Sie irgendwelche Insiderinformationen?“

„Das stimmt allerdings, mein Freund“, antwortete der Cinrussker. „Ich hab eine emotionale Strahlungsquelle geortet, die vor einigen Minuten das Vorzimmer betreten hat. Sie entspringt den Gefuhlen unseres Chefpsychologen und strahlt Entschlossenheit mit einer Art gedampfter Besorgnis aus, wie sie bei Wesen typisch ist, auf denen Verantwortung lastet. Ich kann aber keine Gefuhle entdecken, die vorhanden sein mu?ten, wenn man vorhat, jemandem eine unangenehme Neuigkeit beizubringen. Im Moment spricht Major O'Mara mit einem seiner Assistenten, der sich ebenfalls keines latenten unangenehmen Gefuhls bewu?t ist.“

Conway lachelte und entgegnete: „Danke, Doktor. Jetzt fuhle ich mich schon wesentlich besser.“

„Ich wei?“, antwortete Prilicla.

„Und ich hab das Gefuhl, da? eine solche Debatte uber die Gefuhle des Wesens O'Mara an eine Verletzung des medizinischen Berufsethos grenzt“, sagte Schwester Naydrad. „Emotionale Ausstrahlung ist zweifellos so etwas wie eine vertrauliche Mitteilung und sollte nicht auf diese Weise verbreitet werden.“

„Vielleicht haben Sie die Tatsache nicht berucksichtigt, da? es sich bei dem Wesen, uber dessen emotionale Ausstrahlung wir sprechen, um keinen Patienten handelt, Freundin Naydrad“, entgegnete Prilicla, wobei er sich so ausdruckte, da? es ihm als Empathen gerade noch moglich war, einem anderen Wesen mitzuteilen, es sei im Unrecht. „Und in diesem Fall stellt Doktor Conway das einem Patienten am meisten ahnelnde Wesen dar, da er sich um seine Zukunft sorgt und zu seiner Beruhigung eine Information uber die emotionale Ausstrahlung Doktor O'Maras benotigt…“

Naydrads silbriges Fell straubte sich und wogte; es zeigte somit an, da? die kelgianische Oberschwester antworten wollte. Doch in diesem Augenblick kam Dr. O'Mara aus dem Vorzimmer herein, und das Gesprach, das sich zu einer interessanten Diskussion uber ethische Grundsatze hatte entwickeln konnen, fand ein vorzeitiges Ende.

Der Chefpsychologe nickte jedem der Reihe nach kurz zu und setzte sich in den einzigen weiteren physiologisch passenden Stuhl im Raum, namlich in seinen eigenen.

In seiner typisch hohnischen Art sagte er: „Bevor ich Ihnen mitteile, warum ich gerade Sie vier gebeten hab, Major Fletcher zu begleiten, und Ihnen nahere Einzelheiten Ihres Auftrags mitteile, von denen Sie ohne Zweifel schon in ihren Grundzugen erfahren haben, mu? ich Ihnen noch einige Hintergrundinformationen nichtmedizinischer Natur geben.

Das Problem, Leute wie Sie in dieses Thema einzufuhren, besteht darin, da? ich es mir nicht leisten kann, Vermutungen uber den Grad Ihrer Unkenntnis in Bereichen au?erhalb Ihrer Spezialgebiete anzustellen. Falls Ihnen einige dieser Informationen zu elementar sein sollten, dann konnen Sie naturlich Ihren Gedanken freien Lauf lassen, jedenfalls solange ich Sie dabei nicht erwische.“

„Sie haben unsere ungeteilte Aufmerksamkeit, Freund O'Mara“, versicherte ihm Prilicla, der naturlich wu?te, da? das eine Tatsache war.

„Jedenfalls vorlaufig“, fugte Naydrad hinzu.

„Oberschwester Naydrad!“ platzte Major Fletcher heraus, dessen rot angelaufenes Gesicht in einem ausgesprochen unharmonischen Gegensatz zum Dunkelgrun seiner Uniform stand. „Sie sind einem ranghoheren Offizier gegenuber alles andere als respektvoll. Solch ein beleidigendes Benehmen werde ich auf meinem Schiff nicht dulden, und ich werde auch solch ein…“

O'Mara hob beschwichtigend die Hand. „Ich fuhle mich nicht beleidigt, Major, und das sollten Sie sich auch nicht fuhlen“, sagte er in ruhigem Ton.

„Bis jetzt haben Sie wahrend Ihrer Laufbahn noch nie einen engen personlichen Kontakt mit Extraterrestriern gehabt, und deshalb ist Ihr Irrtum verstandlich. Er wird sich wahrscheinlich auch nicht wiederholen, sobald Sie erst einmal gelernt haben, die Gedankengange und Verhaltensweisen der Wesen zu verstehen, mit denen Sie an diesem Projekt zusammenarbeiten werden.

Oberschwester Naydrad ist eine Kelgianerin“, fuhr O'Mara in einem fur seine Verhaltnisse recht freundlichen Ton fort, „eine raupenahnliche Lebensform, deren hervorstechendstes Merkmal ein den ganzen Korper uberziehendes silbergraues Fell ist. Sie werden bereits bemerkt haben, da? Naydrads Fell in standiger Bewegung ist, als ob es durch einen stetigen Wind zu Buscheln und kleinen Wellen geblasen wurde. Das sind vollkommen unwillkurliche Bewegungen, die von ihren Gefuhlsreaktionen auf au?ere Reize gesteuert werden. Die evolutionaren Grunde fur diesen Mechanismus sind nicht ganz klar, nicht einmal den Kelgianern selbst, doch es wird allgemein angenommen, da? der emotional ausdrucksfahige Pelz den kelgianischen Sprechapparat erganzt, dem eine gewisse Flexibilitat des Tonfalls fehlt. Sie mussen jedenfalls begreifen, da? die Bewegungen des Fells einem zweiten Kelgianer vollkommen klarmachen, was der erste bei dem Gesprachsthema empfindet. Deshalb sagen die Kelgianer immer genau das, was sie meinen; denn was sie denken, ist ganz offensichtlich — wenigstens fur einen anderen Artgenossen. Sie konnen einfach nicht anders handeln. Im Gegensatz zu Doktor Prilicla, der immer freundlich ist und

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