konnte. Weder die Wartungstechniker noch das medizinische Personal waren gegen diese dunnen, eigentlich harmlos aussehenden Ranken dieser kafer- oder krebsartigen Tiere geschutzt. Nur Prilicla befand sich in seiner durchsichtigen Kugel in Sicherheit, und jetzt schienen Hunderte von diesen Wesen den Raum zu fullen. Conway wu?te, da? er eigentlich um das Wohl des Patienten hatte besorgt sein mussen, aber irgendwie war er es nicht. Handelte es sich dabei nur um eine verspatete Reaktion, oder gab es dafur noch einen anderen Grund?
„Mein Freund“, sagte Prilicla, wobei er ihn sanft mit seiner Kugel stie?, „ich hoffe, Sie wissen, was Sie zu tun haben.“
Der Gedanke, da? dunne Rankenfu?erstrange in seine Kleidung, Haut und darunterliegendes Zellgewebe eindringen, seine Muskeln lahmen und in sein Gehirn kriechen konnten, lie? ihn zur Seitenkammer rennen, dicht gefolgt von Brenner und Prilicla. Kaum war der Cinrussker drinnen, schlo? der Lieutenant die Tur.
Aber ein Rankenfu?er befand sich bereits in der Kammer.
Fur den Bruchteil einer Sekunde funktionierte Conways Gehirn wie eine Kamera, die alles vollig emotionslos und deutlich wahrnahm: das Gesicht von O'Mara auf dem Bildschirm des Kommunikators, so ausdruckslos wie eine Steinplatte, nur die Augen verrieten Besorgnis; Prilicla, der in seiner Schutzkugel zitterte; der Rankenfu?er, der dicht unter der Decke schwebte, und dessen Ranken in dem von ihm selbst erzeugten Luftzug wehten; und Lieutenant Brenner, der ein Auge mit einem diabolischen Zwinkern geschlossen hielt, wahrend er mit seiner Pistole, die mit Explosivgeschossen geladen war, auf den schwebenden Rankenfu?er zielte.
Irgend etwas stimmte nicht.
„Schie?en Sie nicht“, bat Conway ruhig, aber bestimmt und fragte dann: „Haben Sie Angst, Lieutenant?“
„Normalerweise benutze ich dieses Ding zwar nicht“, antwortete Brenner und blickte etwas verwundert drein, „aber ich kann durchaus damit umgehen. Nein, ich hab keine Angst.“
„Und ich hab auch keine Angst, weil Sie diese Pistole haben“, sagte Conway. „Prilicla ist bestens geschutzt und hat nichts zu befurchten. Also wer“, er deutete auf die zitternden Fuhler des Empathen, „hat dann hier Angst?“
„Das Wesen dort oben, mein Freund“, entgegnete Prilicla und wies auf den Rankenfu?er. „Es hat Angst, ist verwirrt und hochst neugierig.“
Conway nickte, und wahrend er beobachten konnte, wie Prilicla auf seine starke Erleichterung zu reagieren begann, sagte er: „Schubsen Sie das Wesen nach drau?en, sobald der Lieutenant die Tur geoffnet hat, Doktor Prilicla — nur damit nichts passiert. Aber sachte, bitte.“
Kaum war der Rankenfu?er nach drau?en befordert worden, rohrte O'Maras Stimme aus dem Kommunikator.
„Was, zum Teufel, haben Sie da eben getan?“
Conway versuchte, auf eine anscheinend einfache Frage eine entsprechend einfach Antwort zu finden, und entgegnete: „Ich glaube, man konnte sagen, da? ich vorzeitig so etwas wie eine planetarische Wiedereintrittssequenz eingeleitet hab…“
Kurz bevor Conway O'Maras Buro erreichte, war der erste Bericht von der Torrance eingetroffen. Er besagte, da? einer der beiden Sterne einen Planeten mit geringer Schwerkraft hatte, auf dem es auch Leben gab, das jedoch keine Anzeichen einer fortgeschrittenen Technologie aufwies. Der andere Stern hatte einen gro?en, sich schnell drehenden Planeten, der an den Polen so abgeflacht war, da? er eine gewisse Ahnlichkeit mit zwei an den Randern verbundenen Suppenschusseln auf wies. Auf dem zuletzt genannten Planeten war die Atmosphare sehr dicht und reichte hoch hinauf, die Schwerkraft variierte zwischen drei Ge an den Polen und einem achtel Ge am Aquator, und es gab keinerlei Hinweise auf das Vorhandensein von Oberflachenmetallen. Nach astronomischen Ma?staben naherte er sich erst seit geraumer Zeit auf einer spiralformigen Bahn bedrohlich seiner Sonne.
Zudem hatten eine planetenweite Vulkanaktivitat und die dadurch hervorgerufenen Dampfe und Gase die Atmosphare vollig undurchsichtig gemacht. Die Torrance bezweifelte stark, da? es auf diesem Planeten noch Leben gab.
„Das stutzt meine Theorie, da? der Vogel, die Rankenfu?er und die andere insektenartige Lebensform — die gar kein Rankenfu?er, sondern vielmehr eine Art Bombardierkafer ist — vom selben Planeten stammen“, rief Conway aufgeregt, als O'Mara den Bericht an ihn weitergeleitet hatte.
„Die Rankenfu?er sind naturlich Parasiten mit geringem Gehirnvolumen, aber intelligent, sobald sie miteinander verbunden sind und als eine geschlossene Einheit, als eine sogenannte Gestalt, zusammenarbeiten. Sie mussen schon seit Jahrhunderten gewu?t haben, da? ihr Planet seiner Zerstorung entgegenging, und haben sich deshalb zur Flucht entschieden.
Bedenken Sie nur einmal, was alles dazu gehort, ohne jeden Einsatz von Metallen die Fahigkeit zu interstellaren Raumreisen zu entwickeln…“
Irgendwie mu?ten sie gelernt haben, wie sie in den Polarregionen mit hoher Schwerkraft die riesigen Vogel fangen und mit ihren Ranken kontrollieren konnten. Denn die Rankenfu?er waren eine korperlich schwache Spezies, und ihre Fahigkeit, nichtintelligente Wirtstiere zu kontrollieren, war die einzige Starke, die sie besa?en. Die Vogel, das wu?te Conway jetzt, waren eine nichtintelligente Spezies, genauso wie die Bombardierkafer. Die Rankenfu?er hatten die Kontrolle uber die Vogel ubernommen, waren mit ihnen hoch uber den Aquator geflogen, und hatten dabei die hochstmogliche korperliche Leistung befohlen, um die benotigte Hohe und Geschwindigkeit fur den Zusammenschlu? mit der letzten ›Antriebsstufe‹ — den Kafern — zu erreichen. Diese waren ebenfalls von den Rankenfu?ern kontrolliert worden, vielleicht je funfzig von einem Parasiten, und sie hatten sich wie ein gigantischer, spitzwinkliger Kegel an den Bereich hinter den Flugeln geheftet.
In der Zwischenzeit hatten die Rankenfu?er den Vogel gelahmt und in die Form eines Uberschallgleiters gebracht, seine Klauen entfernt, um ihn aerodynamisch zu verbessern, und ihm irgendwelche Absonderungen injiziert, um den Verwesungsproze? zum Stillstand zu bringen. Die ›Crew‹ hatte dann den Vogel und sich selbst in der richtigen Position versiegelt und war fur die Dauer des Flugs in Winterschlaf gefallen, wobei das Zellgewebe des Vogels zur Lebenserhaltung verwendet wurde.
Als der Antriebskegel, der aus Millionen von Insekten bestand, von denen mehrere hunderttausend die intelligenten Kontrolleure darstellten, erst einmal in Position gebracht worden war, setzte sofort die Zundung ein.
Das war von den Rankenfu?ern sehr gleichma?ig und sanft bewerkstelligt worden, um die sich verjungende Kegelspitze nicht an der Stelle zu zerquetschen oder zu zerbrechen, wo sie am Vogel befestigt war. Die Bombardierkafer konnten jederzeit von ihnen dazu gebracht werden, ihre geringe, fast winzige Menge Schubkraft auszusto?en, egal, ob sie tot oder lebendig waren. Aber die Antriebskontrolleure hatten sogar mit ihrer Fahigkeit, sich selbst in einem harten Uberzug zu versiegeln, nicht sehr lange gelebt — zumal sie ebenfalls entbehrlich waren. Doch hatten sie noch im Sterben mitgeholfen, ein organisches Raumschiff, das ein paar Hundert ihrer Artgenossen mit sich trug, auf Entweichgeschwindigkeit von ihrem verlorenen Planeten und seiner Sonne zu bringen.
„… ich wei? nicht, wie sie den Vogel fur den Wiedereintritt in die Atmosphare eines anderen Planeten in die richtige Position bringen wollten“, fuhr Conway mit Bewunderung fort, „doch die atmospharische Erhitzung war als Ausloser des organischen Schmelzvorgangs beabsichtigt, sobald der Gleiter genugend abgebremst worden war. Das hatte den Rankenfu?ern namlich ermoglicht, sich von dem Vogel zu befreien und mit eigener Flugelkraft auf die Oberflache zu fliegen. In meiner Eile, den Uberzug zu entfernen, hab ich einem gro?en Bereich des vorderen Teils Hitze zugefuhrt, was praktisch die Wiedereintrittsbedingungen simuliert hat, und deshalb…“
„Ja, ja“, unterbrach ihn O'Mara gereizt. „Eine meisterliche Anwendung medizinischer Schlu?folgerungen, und ansonsten hatten Sie nichts als verdammtes Gluck! Und wie ich Sie kenne, wollen Sie es jetzt mir uberlassen, die Sache in Ordnung zu bringen, indem ich eine Methode finde, wie man sich mit diesen Dingern am besten verstandigen und den Transport zu ihrem geplanten Ziel in die Wege leiten kann, nicht wahr?
Oder gibt es vielleicht noch etwas anderes, das Sie von mir wollen?“
Conway nickte. „Brenner hat mir erzahlt, da? seine aus Aufklarungsschiffen bestehende Flottille das Raumvolumen zwischen den Heimat- und Zielsternen dieser Wesen abdecken und den Suchvorgang nach weiteren dieser organischen Schiffe ausweiten konnte. Wahrscheinlich gibt es noch andere Vogel, vielleicht sogar Hunderte von ihnen…“
O'Mara offnete den Mund und sah so aus, als wurde er einen Bombardierkafer nachahmen wollen. Doch bevor der Chefpsychologe etwas sagen konnte, fugte Conway hastig hinzu: „Ich will ja gar nicht, da? diese Rankenfu?er mitsamt ihren Raumvogeln hierhergebracht werden, Sir.
Das Monitorkorps kann sie zu ihrem Bestimmungsplaneten bringen, ihren Uberzug erst auf der Oberflache entfernen, um Opfer beim Wiedereintritt zu vermeiden, und ihnen dann die Situation erklaren.
