aus dem ein feierliches Lauten herausdrang und in dem engen Tal widerhallte, das sich zum Wasser hinabsenkte.
Eins der Kinder, es war der jungere der beiden schwarzhaarigen Bruder, stohnte leise und begann zu zittern. Sein Bruder sprach scharf, aber gedampft auf ihn ein.
»Was ist mit ihm?« fragte Cass. Er stand den beiden Jungen am nachsten.
»Mein Bruder glaubt, es wurde uns schlecht ergehen, wenn wir zu Erwachsenen kommen«, erklarte der Altere ernst. »Er furchtet sich, nach dem, was gestern geschehen ist.«
Cass lachelte dem jungeren Knaben beruhigend zu. »Hab keine Angst, mein Junge. Hier wird dir niemand etwas tun. Es ist eine heilige Abtei. Man wird dir helfen.«
Der Altere flusterte seinem kleinen Bruder erneut etwas ins Ohr und wandte sich dann an Cass: »Nun ist er beruhigt.«
Allen Kindern war die Ermudung und Erschopfung nach ihren schrecklichen Erlebnissen anzumerken. Sie waren korperlich und mit den Nerven am Ende. Bei der unruhigen Rast in der kalten Nacht hatten sie sich nicht erholt, und im Laufe des Vormittags hatten sie einen schwierigen Weg zuruckgelegt.
»Ich wu?te gar nicht, da? die Abtei so gro? ist«, bemerkte Fidelma frohlich zu Cass, sie versuchte, die Gruppe ein wenig aufzuheitern.
»Ich habe gehort, da? hier Hunderte zum Glauben Bekehrte studieren«, erwiderte Cass gleichgultig.
Das Glockengelaut verstummte plotzlich.
Fidelma gab das Zeichen zum Weitergehen. Sie war ein wenig beunruhigt, weil sie den Ruf zum Gebet nicht befolgt hatte. Doch sie hatte erst Zeit, innezuhalten und zu beten, wenn sie und ihre erschopften Schutzlinge sicher hinter den Mauern der Abtei waren. Besorgt schaute sie Schwester Eisten an, sie schien in trauriges Sinnen versunken. Fidelma schrieb dies dem Schock uber den Tod des Babys zu. Bald nach dem Aufbruch war Eisten in trubsinnige Niedergeschlagenheit verfallen und schien ihre Umgebung gar nicht mehr wahrzunehmen. Sie ging automatisch weiter, den Kopf gesenkt und den Blick auf den Boden gerichtet, und gab keine Antwort, wenn sie angesprochen wurde. Fidelma war aufgefallen, da? sie nicht einmal die Augen hob, als Ros Ailithir in Sicht kam und man die Glocken horte. Ja, es war wichtiger, die Gruppe in die Abtei zu bringen, als die vorgeschriebenen Gebete zu verrichten.
Als sie sich den Mauern der Abtei naherten, sah sie einige Monche, die auf den umliegenden Feldern arbeiteten. Anscheinend schnitten sie Kohl furs Viehfutter. Ein paar neugierige Blicke trafen sie, aber die meisten Manner arbeiteten flei?ig weiter an diesem kalten Herbstmorgen.
Die Tore der Abtei standen offen. Neben dem Tor sah Fidelma ein Bundel von geflochtenen Weiden-und Espenzweigen hangen. Sie versuchte sich zu erinnern, was das bedeutete, aber es fiel ihr nicht ein. Am Tor erwartete sie ein untersetzter Mann mittleren Alters in Monchskleidung. Das Haar, das ihm die Tonsur gelassen hatte, war lang und graumeliert. Er wirkte muskulos, und seine finstere Miene deutete an, da? mit ihm nicht zu spa?en war.
Der Mann stotterte vor Verbluffung, da? eine junge Nonne so viele Befehle erteilte, bevor ihr ordnungsgema? die Gastfreundschaft der Abtei gewahrt worden war. Seine Brauen zogen sich zusammen, und er offnete den Mund zum Protest.
Fidelma schnitt ihm das Wort ab.
»Ich bin Fidelma von Cashel. Der Abt erwartet mich sicherlich«, setzte sie mit Bestimmtheit hinzu.
Der Mann stand mit offenem Mund da und schluckte wie ein Fisch. Als Fidelma ihre Gruppe an ihm vorbei durch das Tor fuhrte, fa?te er sich. Er eilte ihr nach auf den gro?en gepflasterten Hof.
»Schwester Fidelma ... wir, das hei?t ...« Er war offensichtlich verwirrt von ihrem formlosen Eindringen. »Wir erwarten dich seit gestern oder so etwa. Wir wurden vorgewarnt . verstandigt . dich zu erwarten ... Ich bin Bruder Conghus, der
»Uberlebende aus Rae na Scrine, das bei einem Uberfall niedergebrannt wurde«, antwortete Fidelma knapp.
Der Monch schaute von den mitleiderregenden Kindern zu Schwester Eisten. Plotzlich erkannte er sie.
»Schwester Eisten! Was ist passiert?«
Die junge Frau starrte gedankenverloren ins Leere und reagierte nicht.
Der Monch wandte sich wieder an Fidelma; er war sichtlich durcheinander.
»Schwester Eisten ist in der Abtei wohlbekannt. Sie fuhrte das Waisenhaus in Rae na Scrine. Bei einem Uberfall zerstort, sagst du?«
Fidelma nickte bestatigend.
»Das Dorf wurde von einem Trupp angegriffen, den ein Mann namens Intat anfuhrte. Nur Schwester Eisten und diese Kinder blieben am Leben. Ich verlange Asyl fur sie.«
»Du hast auch etwas von der Gelben Pest gesagt«, erinnerte sie Bruder Conghus leicht verwirrt.
»Ich habe gehort, der Grund fur diesen furchtbaren Uberfall soll der Ausbruch der Gelben Pest in dem Dorf gewesen sein. Deshalb bitte ich darum, den Arzt der Abtei zu rufen. Furchtet ihr euch hier vor der Gelben Pest?«
Bruder Conghus schuttelte den Kopf.
»Mit Gottes Hilfe sind die meisten in dieser Abtei bisher von ihr verschont geblieben. Im letzten Jahr trat die Pest viermal auf, hat aber nur wenige Opfer unter den Schulern hier gefordert. Wir furchten die Krankheit nicht mehr. Ich kummere mich darum, da? jemand die arme Schwester Eisten und ihre Schutzlinge ins Gastehaus bringt. Dort wird man sie gut versorgen.«
Er winkte eine vorbeigehende Novizin heran, ein hochgewachsenes Madchen mit etwas breiten Schultern und ungeschickter Haltung.
»Schwester Necht, fuhre diese Schwester und die Kinder in das Gastehaus. Sag Bruder Rumann, er soll Bruder Midach rufen, damit der sie untersucht. Dann sorge dafur, da? sie zu essen bekommen und sich ausruhen konnen. Ich werde gleich mit Midach sprechen.«
Seine Befehle erteilte er kurz und abgehackt. Fidelma bemerkte, da? das Madchen zogerte und mit vor Uberraschung offenem Munde Eisten und die Kinder anstarrte, die sie wohl erkannte. Dann ri? es sich zusammen und beeilte sich, die Kinder und Eisten wegzufuhren. Bruder Conghus wandte sich wieder Fidelma zu. »Bruder Midach ist unser leitender Arzt und Rumann unser Verwalter. Sie werden sich um
Schwester Eisten und die Kinder kummern«, erklarte er uberflussigerweise. Er wies uber den Hof. »Ich bringe euch zum Abt. Kommt ihr direkt aus Cashel?«
»Ja«, bestatigte Cass, wahrend sie ihm folgten. Als Krieger wies er auf etwas hin, was Fidelma versaumt hatte. »Unsere Pferde mussen trockengerieben und gefuttert werden, Bruder.«
»Ich versorge eure Pferde, sobald ich euch zum Abt gefuhrt habe«, antwortete Conghus.
Der Torhuter der Abtei eilte mit unziemlicher Hast uber den gepflasterten Hof und durch die Gebaude und drangte sie von Zeit zu Zeit, ihm schneller zu folgen. Fidelma und Cass gingen jedoch in einem gemachlicheren Tempo, denn sie waren mude. Der Weg schien kein Ende zu nehmen, aber endlich stiegen sie die Treppe zu einem gro?en, etwas abseits liegenden Haus empor, der
Sie betraten ein gro?es gewolbtes Zimmer, dessen kalte graue Steinwande mit farbigen Teppichen be-hangen waren, die Szenen aus dem Leben Christi darstellten. Im Kamin glomm ein Feuer, und der Duft von Weihrauch erfullte den Raum. Der Boden war mit weichen Wollteppichen belegt. Das Zimmer war reich mobliert und mit prachtigem Zierat ausgeschmuckt. Der Abt von Ailithir hielt anscheinend nicht viel von Bescheidenheit.
»Fidelma!«
Ein hochgewachsener Mann erhob sich hinter einem dunklen polierten Eichenholztisch. Er war mager, hatte eine Hakennase, durchdringende blaue Augen, und sein rotes Haar war zu einer Tonsur irischer Art geschnitten,
