»Was sagte Dacan dazu?«
»Er nannte Midach einen unwissenden Trottel und Schurken. Er erklarte, das Konigreich sei alter als Muman und habe seinen Namen von einem Nemeder, einem Nachkommen von Magog und Japhet, der mit zweiunddrei?ig Schiffen aus Skythien in dieses Land gekommen sei. Er behauptete, da? Liath, der Sohn Laigins, der Held war, der das Konigreich grundete.«
»Wie konnte eine akademische Diskussion so ausarten?« fragte Fidelma neugierig.
»Beide vertraten wortreich ihren Standpunkt, und keiner gab nach, bis der Streit schlie?lich in personliche Beschimpfungen uberging. Erst als Bruder Ru-mann und ich eingriffen, konnten wir die beiden dazu bringen, in ihre Zimmer zuruckzukehren, nachdem sie uns versprochen hatten, dieses Thema nicht mehr zu erortern.«
»Hattest du selbst auch Zusammensto?e mit Da-can?« erkundigte sich Fidelma.
Segan schuttelte den Kopf.
»Wie ich schon sagte, ich achtete ihn. Ich lie? ihn seinen Unterricht halten, und ich denke, die meisten Schuler wu?ten seine Kenntnisse zu schatzen. Allerdings habe ich auch gehort, da? er zu manchen hier kein freundliches Verhaltnis hatte. Abt Brocc nahm das offensichtlich ernst. Ich glaube, er hat sogar Bruder Conghus beauftragt, dafur zu sorgen, da? Dacan keine ernsten Auseinandersetzungen hervorrief. Doch um ehrlich zu sein, ich habe wenig Zeit mit ihm verbracht.«
Fidelma stand zogernd auf.
»Du hast mir sehr geholfen, Rektor«, sagte sie.
Bruder Segan lachelte breit.
»Es war leider nur wenig. Wenn du mich noch mal brauchst, kann dir jeder den Weg zu meinem Zimmer in der Schule zeigen.«
Fidelma ging zum Gastehaus zuruck. Auf dem Hof stie? sie auf Cass. Er sah mude aus.
»Ich habe uberall nach den beiden Jungen gefragt und gesucht, und nach Schwester Eisten auch«, erklarte er Fidelma. »Wenn sie sich nicht absichtlich vor uns verstecken, dann haben sie wohl die Abtei verlassen.«
Kapitel 9
Von Schwester Grella war Fidelma uberrascht. Sie war eine attraktive Frau von Ende Drei?ig. Wenn auch eher klein und zur Fulle neigend, besa? sie ein lebhaftes Temperament, gepflegtes braunes Haar und lustige dunkle Augen. Nur der schmollende, sinnliche Mund, meinte Fidelma, storte den Gesamteindruck. Auf den ersten Blick erschien sie fehl am Platz in der ernsten, dusteren Abtei, noch dazu in der Bibliothek. Doch sie leitete die Bibliothek sogar. Und obwohl sie auf den ersten Blick so sinnlich wirkte, hielt sich Schwester Grella gerade und wurdevoll wie eine Konigin inmitten ihres Hofstaats. Sie sa? in einem prachtvoll geschnitzten Eichensessel am hinteren Ende des weiten Bibliotheksaals, der fast so gro? war wie die Abteikirche und ein ahnliches Gewolbe hatte. Die Bibliothek dieser Abtei war ein eindrucksvolles Gebaude, auch im Vergleich zu den anderen gro?en Bibliotheken in den funf Konigreichen von Eireann, die Fidelma besucht hatte.
Die Bucher standen nicht in Regalen, sondern jedes Werk steckte in einer
Die meisten der Bucher in den Buchtaschen waren Nachschlagewerke, die von Gelehrten haufig benutzt wurden. Es befanden sich auch Bucher von gro?em Wert darunter, die in reich verzierten Lederhullen steckten, welche mit Emaille, Gold und Silber gepragt und sogar mit Edelsteinen verziert waren. Es hie?, da? Assicos, der Kupferschmied des heiligen Patrick, viereckige Buchhullen aus Kupfer fur die Bucher des Heiligen anfertigte. Einige Bucher wurden in speziellen Kastchen aus Holz oder Metall aufbewahrt.
In Behaltnissen aus geschnitztem Holz lagen Bundel von Hasel- oder Espenstaben, in die Buchstaben des alten Ogham-Alphabets eingeritzt waren, die Stabe der Dichter, doch was auf ihnen stand, war fur immer verloren, wenn die dunnen Holzstabe verrotteten. Oft ubertrug man den Text in das neue Alphabet und auf Pergamentblatter. In der muffigen und dunklen Bibliothek hielten sich mehrere Personen auf. Obwohl ein wenig Tageslicht durch die hohen Fenster fiel, hatte man riesige Kerzen in gro?en schmiedeeisernen Standern angezundet. Ihr flackerndes Licht erhellte den Raum, doch war die von ihrem Rauch geschwangerte, stickige Luft einem ernsthaften Studium kaum forderlich. Hier und da sa?en Schreiber an besonderen Tischen uber Pergamentblatter gebeugt, mit einer Schwanen- oder Gansefeder in der einen Hand und einem Malerstock zur Unterstutzung des Handgelenks in der anderen, und ubertrugen ein altes Werk in schoner oder verzierter Schrift fur die Nachwelt. Andere lasen schweigend, seufzten gelegentlich, wandten raschelnd ein Blatt um.
Fidelma durchschritt die Gange mit den Buchtaschen und den Tischen der flei?igen Gelehrten. Niemand hob den Kopf, wenn sie vorbeikam. Sie ging bis zum Ende des Saals, wo der Holzsessel der Bibliothekarin hinter einem Tisch auf einem Podest stand, so da? sie die Tech Screptra in ihrer ganzen Lange und Breite uberblicken konnte.
»Schwester Grella? Ich bin ...«, setzte Fidelma an, als sie vor der Bibliothekarin stand.
Schwester Grella hob eine kleine, wohlgeformte Hand und brachte sie damit zum Schweigen. Sie legte einen Finger an die Lippen, erhob sich und wies auf eine Seitentur.
Fidelma verstand das als Einladung, ihr zu folgen.
Hinter der Tur fand sich Fidelma in einem kleinen Raum wieder, der mit Bucherregalen angefullt war, aber auch einen Tisch und mehrere Stuhle enthielt. Auf dem Tisch lagen ein paar Blatter Pergament, ein
Schwester Grella schlo? die Tur hinter Fidelma und wies mit huldvoller Geste auf einen Stuhl. Als Fidelma sich setzte, lie? sich die Bibliothekarin auf einen Stuhl ihr gegenuber nieder.
»Ich wei?, wer du bist und weshalb du kommst«, sagte sie leise.
Fidelma lachelte. »Das macht meine Aufgabe wesentlich einfacher«, antwortete sie.
Die Bibliothekarin hob eine Augenbraue, sagte aber nichts.
»Bist du schon lange Bibliothekarin in Ros Ai-lithir?«
Schwester Grella hatte diese Eingangsfrage offensichtlich nicht erwartet und runzelte die Stirn.
»Ich bin hier
»Und davor?« forschte Fidelma.
»Davor war ich nicht in der Abtei.«
Fidelma hatte die Fragen nur gestellt, um etwas aus dem Vorleben der Bibliothekarin zu erfahren, doch sie spurte einen leisen Ton des Mi?trauens in deren Stimme und wollte gern den Grund dafur erfahren.
»Dann mu?t du mit sehr guten Empfehlungen hergekommen sein, um einen so wichtigen Posten zu besetzen, wenn du nicht in diesem Kloster ausgebildet wurdest, Schwester«, bemerkte sie.
Schwester Grella machte eine abwehrende Geste mit der linken Hand.
»Ich bin bis zum
Fidelma wu?te, da? man sechs Jahre eine geistliche Schule besuchen und gute Kenntnis der Bibel und ein grundliches Allgemeinwissen besitzen mu?te, um den Grad eines
»Wo hast du studiert?« fragte sie aus reiner Neugierde.
Wieder zogerte Schwester Grella ein wenig. Dann sagte sie: »An der vom heiligen Colmcille gegrundeten Klosterschule namens Cealla.«
Fidelma starrte sie einen Moment verblufft an.
»Cealla in Osraige?«
»Ich kenne kein anderes«, antwortete Grella tadelnd.
»Stammst du denn aus Osraige?« Schon wieder dieses Grenzland. Unglaublich, wie viele verschiedene Verbindungen zwischen dem Konigreich Osraige und Ros Ailithir anscheinend bestanden.
