»Das ist ein ausgezeichneter Vorschlag, Cass«, stimmte Fidelma bereitwillig zu. »Ich mu? die Bibliothekarin und den Rektor danach fragen, welche Rolle der Ehrwurdige Dacan in Ros Ailithir gespielt hat.«

Sie gingen in den Speisesaal. Fidelma blickte sich grundlich um, konnte aber keine Spur von Cetach oder Cosrach entdecken, und Schwester Eisten sah sie auch nicht. Wie versprochen, verlie? Cass den Raum sogleich nach der Mahlzeit und machte sich auf die Suche nach ihnen.

Als Fidelma ein wenig spater aus dem Saal kam, horte sie, wie zwei Schuler einen hochgewachsenen alteren Mann als Bruder Segan anredeten. Sie blieb stehen und betrachtete den fer-leginn, den Rektor der Schule. Seine hagere, dustere Gestalt pa?te irgendwie schlecht zu seinem freundlichen Wesen, denn er begru?te die beiden Schuler mit einem raschen Lacheln und begleitete seine Worte mit einem breiten Lachen.

Fidelma wartete, bis die Schuler weitergegangen waren. Als Bruder Segan seinen Weg fortsetzen wollte, sprach sie ihn mit Namen an.

»Ach, du bist Fidelma von Kildare?« Bruder Segan begru?te sie mit einem festen Handedruck. »Ich habe von deiner Ankunft erfahren. Abt Brocc sagte mir, da? du kamst. Ich habe viel Gutes uber deine Urteile bei unrechtma?igen Totungen gehort.«

»Ich mochte mit dir uber den Ehrwurdigen Dacan sprechen.«

»Das habe ich mir gedacht«, sagte der Rektor lachelnd. »Gehen wir ein Stuck zusammen«, schlug er vor, »dabei konnen wir reden.«

Er schritt voran durch einen Torbogen in den lubgort genannten Abteigarten, nach lub wie Kraut und gort wie eingehegtes und bebautes Land. Selbst jetzt im Spatherbst stiegen Fidelma in dem von einer Mauer umgebenen Gelande noch verschiedene angenehme Dufte in die Nase. Sie fuhlte sich immer wohl in einem Garten, besonders in einem Krautergarten, denn die Geruche wirkten beruhigend auf sie. Es war niemand in Sichtweite, und Bruder Segan fuhrte sie zu einer Steinbank in einem winzigen Arboretum. Hinter dem Arboretum stand ein Brunnen. Eine kleine runde Steinmauer fa?te ihn ein, und an einem von Saulen getragenen Holzbalken hing ein Seil fur den Eimer.

Als Segan bemerkte, da? Fidelma den Brunnen betrachtete, erklarte er: »Man nennt ihn Fachtnas heiligen Brunnen. Es war der ursprungliche Brunnen der Gemeinschaft, die Fachtna hier ansiedelte, doch jetzt reicht er leider bei weitem nicht mehr fur alle aus. Die Abtei besitzt nun andere Brunnen, doch dieser bleibt der heilige Brunnen Fachtnas.«

Mit einer Handbewegung lud er sie zum Sitzen ein.

»Also dann«, sagte er knapp, »stell deine Fragen.«

»Kanntest du Dacan, bevor er nach Ros Ailithir kam?« begann sie.

Segan schuttelte den Kopf.

»Ich hatte naturlich von seinem Ruhm gehort. Er war ein gro?er Gelehrter. Doch wenn du fragst, ob ich ihm je begegnet bin, bevor er in die Abtei kam, so mu? ich das verneinen.«

»Er befa?te sich auch mit Geschichte?« Fidelma hatte Dacan fruher nur als Theologen gekannt.

»O ja. Geschichte war sein Spezialfach«, bestatigte Segan.

»Wei?t du, weshalb Dacan nach Ros Ailithir kam?«

»Wir genie?en eben ein gewisses Ansehen, Schwester«, erklarte der Rektor frohlich. »Unter unseren vielen Schulern sind zahlreiche aus den angelsachsischen Konigreichen und sogar aus dem Land der Franken, ganz zu schweigen von den Briten und denen aus den funf Konigreichen von Eireann.«

»Ich glaube nicht, da? Dacan nur wegen des Ansehens von Ros Ailithir herkam«, sagte Fidelma offen. »Ich meine, er kam mit einer bestimmten Absicht.«

Segan uberlegte einen Augenblick.

»Ja, vielleicht hast du recht«, gab er zu. »Verzeih mir meine Eitelkeit; ich wurde gern annehmen, da? unser guter Ruf als Anstalt der Gelehrsamkeit der einzige Grund war. Er kam wohl her, um sich in unserer Bibliothek Wissen anzueignen. Mit welcher besonderen Absicht, das wei? ich nicht. Danach mu?test du unsere Bibliothekarin, Schwester Grella, fragen.«

»Mochtest du Dacan?«

Segan antwortete nicht sofort.

»Ich glaube, >mogen< ist nicht der richtige Ausdruck, Schwester«, sagte er dann. »Ich ha?te ihn nicht, und in akademischer Hinsicht kamen wir sogar ganz gut miteinander aus.«

»Das allein ist schon ungewohnlich«, bemerkte sie.

»Warum?«

»Weil mir alle, die ich bisher fragte, erklart haben, da? Dacan hier allgemein unbeliebt war. Wurde er vielleicht deshalb ermordet? Ich habe gehort, er war abweisend, kalt, unfreundlich und ein Asket.«

Nun brach Segan in offenes Lachen aus, ein volles, unbeschwertes Lachen.

»Das sind wohl kaum Eigenschaften, fur die man einen Menschen zum Hollenfeuer verdammt. Wenn wir jeden umbrachten, den wir hassen, dann wurde am Ende kaum ein Mensch auf Erden ubrigbleiben. Sicherlich war Dacan humorlos. Aber er war ein ernsthafter Gelehrter, und als solchen achtete ich ihn. Ja, >mogen< ist nicht das richtige Wort, doch mit >achten< konnte man meine Haltung ihm gegenuber besser beschreiben.«

»Er hat hier auch unterrichtet und nicht nur geforscht, hat man mir erzahlt.«

»Das stimmt.«

»Vermutlich lehrte er Geschichte?«

»Was sonst? Er interessierte sich fur die fruhen

Uberlieferungen daruber, wie unser Ahnherr Mil Easpain und die Kinder Gaels nach Eireann kamen und wie Mils Bruder Amergin der Gottin Eire gelobte, da? das Land kunftig ihren Namen tragen werde«, sagte Segan.

»Die Richtung erscheint mir ziemlich harmlos«, bemerkte Fidelma.

»Schwester, du nimmst doch nicht im Ernst an, da? Dacan ermordet wurde, weil jemandem seine Person oder seine Geschichtsauffassung nicht gefiel?«

»So etwas hat es schon gegeben«, erwiderte Fidelma voller Ernst. »Gelehrte werden zu wilden Tieren, wenn sie verschiedener Meinung sind.«

»Ja, dessen mussen wir uns schuldig bekennen«, gab Segan zu. »Manche Historiker sind in der Geschichte gefangen, wie die Geschichte in ihnen gefangen ist. Dacan war zweifellos ein Mann seines Volkes ...«

»Was meinst du damit?« fragte Fidelma rasch.

»Er war ungeheuer stolz auf Laigin, das meine ich damit. Ich erinnere mich, da? er und unser leitender Arzt, Bruder Midach, einmal . « Plotzlich hielt er verlegen inne.

»Sprich weiter«, forderte ihn Fidelma auf. »Alles, auch wenn es noch so unbedeutend scheint, ist wichtig fur meine Untersuchung.«

»Ich mochte keine Unruhe verbreiten, zumal wenn es keinen Grund dafur gibt.«

»Die Wahrheit ist immer ein guter Grund, Rektor«, beharrte Fidelma. »Erzahl mir von Bruder Midach und Dacan.«

»Sie gerieten einmal in einen Streit, bei dem es zwischen ihnen fast zu Schlagen gekommen ware.«

Fidelmas Augen weiteten sich. »Worum ging es denn dabei?«

»Eine einfache historische Angelegenheit, weiter nichts. Dacan prahlte mit Laigin, wie er es meistens tat. Midach sagte, die Leute aus Laigin seien nichts weiter als Auslander. Er behauptete, sie seien eigentlich Gallier, die in Galian landeten, wie die Provinz damals hie?. Sie kamen als Soldner, um dem verbannten Labraid Loinseach zu helfen, den Thron seines Onkels Cobhthach an sich zu bringen. Die Gallier fuhrten Lanzen mit breiten Spitzen aus blaugrunem Eisen, die man laigin nannte, so behauptete Midach, und als sie Labraid auf den Thron von Galian erhoben hatten, erhielt das Konigreich den Namen Laigin nach den Lanzen, die ihm den Sieg verschafft hatten.«

»Die Geschichte habe ich schon mal gehort«, sagte Fidelma. »Scheint ein harmloser Streit gewesen zu sein, wie du sagst. Stammt Midach nicht auch aus Laigin?«

»Midach? Aus Laigin? Wer hat dir denn das erzahlt? Nein, Midach verachtet Laigin. Aber er stammt aus der Gegend an der Grenze zu Laigin. Vielleicht erklart das seine Voreingenommenheit. Ja, jetzt fallt mir’s ein. Er stammt aus Osraige.«

»Osraige?« Fidelma stohnte innerlich. Osraige und Laigin! Was sie auch anfing, immer stie? sie auf eine Verbindung zu Osraige und Laigin.

»Warum fragst du ihn nicht selbst?« meinte der Rektor. »Midach wird dir das nur zu gern erzahlen.«

»Also Midach beleidigte Laigin in Dacans Gegenwart«, stellte Fidelma fest und uberging seinen Vorschlag.

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