Salbachs Mund offnete sich ein wenig. Seine Augen funkelten einen Moment.

»Ja«, gab er langsam zu. »Er kam als Handler zu meiner Burg Cuan Doir.«

»Treibt er Handel die Kuste entlang?«

»Ja. Er suchte unsere Kupferminen auf. Er brachte uns Wein aus Gallien, und wir verkauften ihm Kupfer fur den Wein.«

»Also kennst du Assid schon lange - in seiner Rolle als Kaufmann, nicht wahr?«

Salbachs Gesicht wurde noch ablehnender.

»Ich sagte, da? ich ihm begegnet bin. Das ist auch schon alles. Er trieb hier Handel im letzten Sommer und im Sommer davor. Warum stellst du diese Fragen?«

»Das ist meine Aufgabe, Stammesfurst der Corco Loigde«, erwiderte sie mit geduldigem Humor.

»Darf ich jetzt gehen?« Der herablassende Hohn in seiner Stimme war unverkennbar.

»Ich hoffe, wir werden bald horen, da? deine Suche nach Intat erfolgreich war?«

»Ich werde dich umgehend informieren«, antwortete Salbach steif.

Mit einer knappen Verbeugung in ihre Richtung und einem kurzen Nicken zum Abt hin verlie? er den Raum.

Abt Brocc schaute unglucklich drein.

»Salbach gehort zu denen, die nicht gern ihr Gesicht verlieren, Kusine«, bemerkte er zaghaft. »Ich hatte das Gefuhl, zwei Katzen zu beobachten, die sich um das gleiche Revier streiten.«

»Es tut mir leid, da? es so war«, erwiderte Fidelma kuhl. »Sein Benehmen ist von einer unertraglichen Arroganz.«

Die Glocke rief zum mittaglichen Angelusgebet.

Fidelma fuhlte sich verpflichtet, mit dem Abt das rituelle Stundengebet zu verrichten.

Als Brocc sich aus seiner knienden Haltung erhob, sah er Fidelma etwas verlegen an.

»Es gibt noch eine andere Nachricht«, begann er zogernd. »Ich wollte sie nicht vor Salbach erwahnen, bevor ich sie dir mitgeteilt hatte.«

Fidelma verharrte in unsicherer Erwartung, denn das Gesicht ihres Vetters war ungewohnlich feierlich geworden.

»Kurz vor Salbachs Ankunft traf ein Bote aus Cashel ein. Konig Cathal mac Cathail ist vor drei Tagen gestorben. Dein Bruder Colgu ist jetzt Konig von Muman.«

Fidelmas Miene anderte sich nicht. Sobald Brocc den Boten aus Cashel erwahnt hatte, war ihr klar gewesen, was folgen wurde. Noch bevor sie Cashel verlie?, hatte sie gewu?t, da? es nur noch eine Frage der Zeit war, bis Cathal starb. Sie beugte die Knie.

»Sic transit gloria mundi. Moge unser Vetter in Frieden ruhen«, sprach sie. »Und moge Gott Colgu die Starke verleihen fur die schwere Aufgabe, die nun vor ihm steht.«

»Heute abend werden wir eine Messe fur Cathals Seele lesen, Schwester«, sagte Brocc. »Es dauert noch etwas, bis die Glocke zur Mittagsmahlzeit lautet. Vielleicht leistest du mir Gesellschaft bei einem Becher Wein, ehe wir ins Refektorium gehen?«

Zu seiner sichtlichen Enttauschung schuttelte Fidelma den Kopf.

»Ich habe vor der Mittagsmahlzeit noch viel zu tun, Vetter«, antwortete sie. »Aber es gibt eine Frage, die ich dir gleich stellen mu?. Bruder Conghus hat mir erzahlt, da? du ihn eine Woche vor der Ermordung Dacans speziell damit beauftragt hast, gut auf Dacan achtzugeben. Warum tatest du das?«

»Das ist kein Geheimnis«, antwortete der Abt sofort. »Es war klar, da? der Ehrwurdige Dacan ein unfreundlicher Mensch war. Ich hatte gehort, da? er mehrere Schuler hier gekrankt hatte. Es war einfach eine Vorsichtsma?nahme, Bruder Conghus zu bitten, darauf zu achten, da? Dacan keinen Schaden nahm durch seine ... wie wollen wir es nennen? ... seine ungluckliche Veranlagung.«

»Danke, Brocc. Wir sehen uns beim Mittagsmahl.«

Als Fidelma das Zimmer verlie?, fiel ihr plotzlich Cetach wieder ein. Warum hatte er nicht gewollt, da? sie ihn und seinen Bruder Cosrach vor Salbach erwahnte? Weshalb furchtete er Salbach?

Doch das hatte nichts mit dem Mord an dem Ehrwurdigen Dacan zu tun, und die Zeit verging so schnell bis zu dem Tag, an dem die Angelegenheit vor der Ratsversammlung des Gro?konigs in Tara vertreten werden mu?te.

Sie begab sich geradewegs ins Gastehaus und suchte nach Cetach. Auch mit Schwester Eisten mu?te sie noch einmal sprechen. Die Kinder waren nicht in ihren Zimmern; Schwester Eisten ebenfalls nicht. Fidelma schaute in die anderen Zimmer, fand aber niemanden. Das einzige Kind aus Rae na Scrine, das sie antraf, war eine der kleinen rothaarigen Schwestern. Es war Cera; sie sa? da, spielte mit einer Stoffpuppe und gab auf Fidelmas Fragen keine Antwort.

Fidelma gab es auf, noch etwas aus ihr herauszulocken, und suchte die oberen Zimmer ab, bevor sie ins Erdgescho? zuruckkehrte. Sie horte ein Gerausch aus Bruder Rumanns Buro und eilte dorthin. Hier fand sie Cass und Bruder Rumann. Sie hockten zu beiden Seiten eines brandubh-Bretts und spielten »Schwarzer Rabe«. Rumann schien ein erfahrener Spieler zu sein, denn er hatte schon zwei von Cass’ Provinzkonig-Figuren genommen, so da? Cass nur noch sein Gro?konig und die beiden anderen Provinzkonig-Figuren blieben, wahrend Rumanns acht Figuren noch vollzahlig waren. Cass versuchte vergeblich, die sichere Seite des Bretts zu erreichen, das in neunundvierzig Felder, sieben mal sieben, eingeteilt war. Wahrend Fidelma noch zusah, stellte Rumann mit einem geschickten Zug seine Figuren so auf, da? sie dem Gro?konig gegenuberstanden, ohne ihm ein Ruckzugsfeld zu lassen. Zogernd und unwillig gab Cass das Spiel verloren.

Bruder Rumann sah mit zufriedenem Lacheln zu Fidelma auf.

»Kannst du das auch spielen, Schwester?«

Fidelma nickte kurz. Jedes Kind eines Konigs oder eines Stammesfursten lernte brandubh und andere Brettspiele, sie waren ein Teil seiner Erziehung. Das Spiel hatte eine tiefere Bedeutung, denn die Hauptfigur stellte den Gro?konig in Tara dar, den die vier Provinzkonige von Ulaidh, Laigin, Muman und Con-nacht verteidigten. Die acht angreifenden Figuren mu?ten von den vier Provinzkonigen gestoppt werden, indem sie in der Mitte standhielten oder, wenn die Hauptfigur bedroht war, ihr ein Ausweichen an den Rand des Bretts sicherten, obwohl dieses Ausweichen nur als letztes Mittel angewandt wurde, wenn dem Spieler kein anderes mehr blieb.

»Vielleicht finden wir einmal Gelegenheit, unser Konnen zu messen?« lud Rumann sie ein.

»Vielleicht«, antwortete Fidelma hoflich, »aber jetzt habe ich wenig Zeit.«

Sie winkte Cass mit den Augen, ihr nach drau?en zu folgen, und dort berichtete sie ihm, was in Cashel geschehen war. Auch er war nicht uberrascht.

»Dein Bruder hat ein schweres Erbe angetreten, Fidelma«, sagte Cass. »Andert das an dem Stand der Dinge hier uberhaupt etwas?«

»Nein. Es macht es nur noch dringender notig, da? wir Erfolg haben.« Fidelma fragte Cass nun, ob er einen der Jungen, Cetach oder Cosrach, gesehen habe.

Cass schuttelte den Kopf.

»Als ob ich nicht schon genug am Halse hatte«, murrte Fidelma. »Reicht es nicht schon, da? ich versuchen mu?, das Ratsel um den Mord an Dacan zu losen, und nun gibt es offenbar auch noch ein Geheimnis um diese Kinder?«

Als Cass sie verstandnislos ansah, erzahlte sie ihm, was Cetach zu ihr gesagt hatte und wie ihr Gesprach mit Salbach verlaufen war.

»Ich habe schon gehort, da? Salbach ein anma?ender und arroganter Kerl ist«, gestand Cass. »Vielleicht hatte ich dich warnen sollen?«

»Nein. Es ist besser, wenn ich mir selbst meine Meinung bilde.«

»Nach dem, was du sagst, scheint es fast, als wolle er Intat vor der Anschuldigung in Schutz nehmen.«

»Fast. Vielleicht wollte er auch nur Beweise sehen.

Schlie?lich hat er doch selbst Intat zum Friedensrichter ernannt.«

Die Mittagsglocke begann zu lauten.

»Denken wir eine Weile nicht uber all diese Geheimnisse nach«, schlug Cass vor. »Die Kinder werden wir wahrscheinlich beim Mittagessen treffen. Ich habe noch nie erlebt, da? ein Kind eine Mahlzeit versaumt hat. Und wenn wir sie dort nicht finden, kann ich mich heute nachmittag nach ihnen umsehen, wahrend du deine Untersuchung weiterfuhrst.«

Вы читаете Tod im Skriptorium
Добавить отзыв
ВСЕ ОТЗЫВЫ О КНИГЕ В ИЗБРАННОЕ

0

Вы можете отметить интересные вам фрагменты текста, которые будут доступны по уникальной ссылке в адресной строке браузера.

Отметить Добавить цитату