»Ich soll nur dich zum Abt bringen, Schwester«, erklarte sie mit einem entschuldigenden Blick auf Cass.

»Na gut«, seufzte Fidelma. »Du kannst im Gastehaus auf mich warten, Cass.«

Der hochgewachsene Krieger zog ein etwas enttauschtes Gesicht, kehrte aber um. Die breitschultrige junge Nonne war ziemlich aufgeregt und eilte voran, wahrend Fidelma ihr gemessenen Schrittes folgte. Die Novizin mu?te mehrmals stehenbleiben und auf sie warten. Fidelma lie? sich nicht antreiben, sie hatte nicht vor, aufgeregt und atemlos vor dem Abt und dem Fursten der Corco Loigde zu erscheinen.

»Schon gut, Necht«, meinte Fidelma schlie?lich, »von hier aus kenne ich den Weg zu den Raumen des Abts, du kannst mich unbesorgt allein lassen.«

Das Madchen wollte anscheinend protestieren, aber dann nickte es gehorsam und verschwand.

Fidelma ging weiter uber den gepflasterten Hof zu dem Gebaude, in dem die Zimmer des Abts lagen. Sie war gerade in den schmalen, dunklen Gang getreten und hatte die Treppe erreicht, die in den zweiten Stock fuhrte, als sich aus der Dunkelheit ein Schatten loste.

»Schwester!«

Fidelma blieb stehen und spahte gespannt ins Dunkel. Die Gestalt kam ihr bekannt vor.

»Bist du das, Cetach?«

Der Junge trat ins trube Licht.

»Ich mu? mit dir sprechen«, flusterte er, als furchte er, jemand konne ihnen zuhoren. Er wirkte verangstigt.

»Im Augenblick geht das schlecht«, erwiderte Fidelma. »Ich bin auf dem Weg zum Abt. Treffen wir uns spater ...«

»Nein, warte!« Es war beinahe ein Verzweiflungsschrei. Cetach packte Fidelmas Arm.

»Was ist? Wovor furchtest du dich?«

»Salbach, der Furst der Corco Loigde, ist beim Abt.«

»Das wei? ich«, antwortete Fidelma. »Aber wovor hast du Angst, Cetach?«

»Wenn du mit ihm sprichst, sag ihm nichts von mir und meinem Bruder.«

Fidelma argerte sich daruber, da? sie im Dunkeln das Gesicht des Jungen nicht besser sehen konnte.

»Hast du Angst vor Salbach?«

»Das ist eine lange Geschichte, das kann ich dir jetzt nicht erklaren, Schwester. Bitte erwahne uns nicht. Sag nicht einmal, da? du uns kennst.«

»Warum? Was habt ihr von Salbach zu befurchten?«

Der Griff des Jungen an ihrem Arm wurde noch fester.

»Bitte, Schwester!« Seine Stimme war so voller Angst, da? Fidelma beruhigend seine Schulter tatschelte.

»Nun gut«, sagte sie. »Ich gebe dir mein Versprechen. Doch wenn ich fertig bin, mussen wir miteinander reden, und du mu?t mir sagen, was das alles zu bedeuten hat.«

»Du versprichst, da? du uns nicht erwahnst?«

»Das verspreche ich«, antwortete sie ernst.

Der Junge wandte sich schnell ab und verschwand in der Dunkelheit. Fidelma starrte ihm verwundert nach.

Sie seufzte tief und stieg langsam die Treppe empor.

Abt Brocc wartete schon ungeduldig auf sie. Offensichtlich war er vor seinem Tisch auf und ab gegangen und bei ihrem Eintreten stehengeblieben. Ihr Blick fiel sofort auf einen Mann, der trage vor dem gro?en Kamin lummelte. Er hatte sich in dem geschnitzten Holzsessel, der gewohnlich dem Abt vorbehalten war, zuruckgelehnt, lie? ein Bein uber die Lehne hangen und hielt einen gro?en Becher mit Wein in der Hand. Er sah gut aus mit seinem kohlschwarzen Haar, das sich scharf von seiner hellen Haut und den eisblauen Augen abhob. Er war Anfang der Drei?ig, sein schmales Gesicht wirkte verschlossen. Seine Kleidung zeugte von Reichtum, denn sie bestand aus feiner Seide und Leinen, und sein Schmuck war ein kleines Vermogen wert. Sein Schwert und sein Dolch wogen den vollen Suhnepreis fur einen ceile auf, einen freien Stammesangehorigen des Konigreichs. All dies erfa?te Fidelma mit einem Blick, doch eins pragte sich ihr besonders ein: Die kalten blauen Augen des Fursten hatten einen listigen, verschlagenen Ausdruck. Sie hatte einen schlauen und gerissenen Mann vor sich.

»Ach, Fidelma!«

Der Abt war sichtlich erleichtert, als sie eintrat.

»Ich horte, du hast mich suchen lassen, Brocc«, sagte sie und schlo? die Tur hinter sich.

»Ja, allerdings. Dies ist Salbach, der Furst der Corco Loigde.«

Fidelma wandte sich dem Fursten zu. Der Mann jedoch machte keine Anstalten, sich zu erheben, sondern blieb im Sessel und nippte an seinem Wein.

»Schwester Fidelma von Kildare ist meine Kusine, Salbach«, erklarte der Abt nervos, als er sah, da? Fidelma sich uber Salbachs Verhalten argerte.

Salbach betrachtete sie kuhl uber den Rand seines Bechers hinweg.

»Ich habe gehort, du bist eine dalaigh«, sagte er. Es klang, als finde er das erheiternd.

»Ich bin Fidelma von den Eoganacht von Cashel, die Schwester Colgus, des Thronfolgers von Muman«, erwiderte sie eiskalt. »Ich habe in der Rechtskunde den Rang eines anruth erlangt.«

Einen Moment hielt Salbach ihrem Blick stand, ohne sich zu ruhren. Dann setzte er bedachtig seinen Becher ab, erhob sich mit ubertriebener Langsamkeit von seinem Holzsessel und stand vor ihr. Er verbeugte sich ungelenk mit einer ruckartigen Kopfbewegung.

Es war nicht ubertriebene Eitelkeit, die Fidelma die Anerkennung einfordern lie?, die ihr als Schwester des Thronfolgers zustand, auch war sie nicht so eingebildet, da? sie unbedingt auf die Tatsache aufmerksam machen wollte, da? sie den Status eines anruth besa?, nur einen Grad unter dem hochsten Rang, den die Hochschulen der funf Konigreiche zu verleihen hatten. Es war die Geringschatzung, die Salbach zum Ausdruck brachte und die sie als eine Beleidigung ihres Geschlechts auffa?te, was sie veranla?te, auf der traditionellen Hochachtung zu bestehen, die man ihr schuldete. Zugleich erinnerte sie sich an den Ausspruch ihres alten Lehrers, des Brehon Morann von Tara: »Respekt aus Furcht gezollt ist kein Respekt. Der Wolf wird respektiert, aber niemals geliebt.« Im allgemeinen verzichtete Fidelma auf die gesellschaftlichen Konventionen, vorausgesetzt, die Leute verhielten sich rucksichtsvoll zueinander. Doch wenn sie Personen begegnete, die keinen naturlichen Respekt kannten, dann mu?te sie die Konventionen durchsetzen. Und Salbach schien niemanden zu respektieren als sich selbst.

»Ich entschuldige mich, Fidelma von Cashel«, sagte er in einem Ton, der seine Worte Lugen strafte. »Ich wu?te nicht, da? du mit Colgu verwandt bist.«

Fidelma setzte sich mit ausdruckloser Miene.

»Warum sollten gute Manieren mir gegenuber von meinen Verwandten abhangen?« fragte sie hoflich.

Abt Brocc hustelte.

»Fidelma, Salbach ist auf meine Nachricht hin gekommen.«

Fidelma sah sich erneut von den kalten blauen Augen Salbachs gemustert. Er hatte sich wieder in dem Holzsessel des Abts niedergelassen und hielt seinen Becher in der Hand. Seine Augen schienen etwas zu verbergen. Sie erinnerten sie an die starren Augen eines Bussards, der seine Beute betrachtet, bevor er auf sie niedersto?t.

»Das ist gut«, erwiderte Fidelma. »Je eher das Verbrechen von Rae na Scrine aufgeklart wird, desto besser.«

»Verbrechen? Ich habe gehort, da? ein paar verangstigte, aberglaubische Leute, die sich vor der Pest in Rae na Scrine furchteten, das Dorf angriffen, um die Einwohner in die Berge zu treiben und die Hauser niederzubrennen, damit sich die Pest nicht weiter verbreitet. Wenn dort ein Verbrechen geschah, dann war es ein Verbrechen aus Angst und Panik.«

»Keineswegs. Es war ein kaltblutiger und wohluberlegter Angriff.«

Salbachs Mund zuckte, und sein Ton wurde scharf. »Ich bin hergekommen, Schwester Fidelma, weil ich von deiner Anschuldigung gegen einen meiner bo-aire gehort habe, einen Friedensrichter, den ich selbst erst kurzlich ernannt habe. Ich nahm an, es handele sich um einen Irrtum.«

»Vermutlich meinst du diesen Intat? Wenn ja, dann ist es kein Irrtum.«

»Ich habe gehort, du hast Intat beschuldigt, er habe eine Schar seiner Krieger bei der Zerstorung des Dorfes

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