Cass hatte so etwas noch nie gesehen und lief rasch hin, um genauer in Augenschein zu nehmen, was die Fischer da gefangen hatten.
»Ich habe mal eine Geschichte gehort, in der der heilige Brendan an dem Rucken eines solchen Ungeheuers mit einem Boot anlegte, weil er dachte, es ware eine Insel. Aber so gro? dieses Tier auch ist, wie eine Insel sieht es nicht aus«, rief er.
»Der Fisch, an dem Brendan angelegt haben soll, mu? viel gro?er gewesen sein«, erwiderte Fidelma. »Als Brendan und seine Gefahrten sich auf der vermeintlichen Insel niederlie?en und ein Feuer zum Kochen anmachten, spurte der Fisch die Hitze und tauchte weg, und sie konnten sich gerade noch in ihr Boot retten.«
Ein alter Fischer, der ihnen zugehort hatte, nickte weise.
»Das ist eine wahre Geschichte, Schwester. Aber hast du schon mal was von dem gro?en Fisch Rosault gehort, der zur Zeit von Colmcille gelebt hat?«
Fidelma schuttelte lachelnd den Kopf.
»Als ich jung war, fischte ich meistens oben bei Connacht«, erzahlte der alte Fischer, ohne sich lange bitten zu lassen. »Die Leute von Connacht wu?ten zu berichten, da? es landeinwarts einen heiligen Berg gebe, der Croagh Patrick genannt wird, nach dem gro?en Heiligen. Am Fu?e des Berges liegt eine Ebene, die Muir-iasc hei?t, was >Seefisch< bedeutet. Wi?t ihr, woher sie diesen Namen hat?«
»Sag es uns«, drangte ihn Cass.
»Sie wird so genannt, weil sie entstand, als der Riesenleib Rosaults bei einem gro?en Sturm an Land geworfen wurde. Als das Tier tot auf der Ebene lag und verweste, verursachten die ublen Dunste, die von dem Kadaver aufstiegen und sich im Lande verbreiteten, eine schlimme Pest, an der Menschen und Tiere starben. Es gibt viele Dinge auf See, Schwester, viele gefahrliche Dinge.«
Fidelma warf einen raschen Blick auf das Kriegsschiff aus Laigin.
»Und nicht alle davon kommen aus der Tiefe des Meeres«, bemerkte sie leise.
Der alte Fischer folgte ihrem Blick und grinste.
»Ich glaube, da hast du recht, Schwester. Ich denke, eines Tages werden die Fischer der Corco Loigde ihre Harpunen auf seltsamere Wesen schleudern mussen als auf einen armen Riesenhai.«
Er wandte sich ab und stie? sein Abziehmesser mit Genu? in den machtigen Kadaver.
Fidelma ging weiter den Strand entlang.
Cass eilte ihr nach. Eine Weile schritten sie schweigend nebeneinander her, dann meinte Cass: »Die ersten Anzeichen fur einen Kriegsausbruch sind nicht zu ubersehen.«
»Das ist mir nicht entgangen«, erwiderte Fidelma.
»Ich kann aber keine Wunder vollbringen, auch wenn mein Bruder das von mir erwartet.«
»Vielleicht mussen wir uns damit abfinden, vielleicht ist es unser Schicksal, da? es zum Krieg kommt.«
»Schicksal!« entgegnete Fidelma zornig. »Ich glaube nicht an die Vorherbestimmung, selbst wenn manche Manner der Kirche das tun. Das Schicksal ist nur eine Entschuldigung des Tyrannen fur seine Verbrechen und eine Entschuldigung des Toren dafur, da? er sich dem Tyrannen nicht entgegenstellt.«
»Wie willst du aber das Unausweichliche andern?« fragte Cass.
»Indem ich erst einmal sage, da? es nicht unausweichlich ist, und dann darangehe, etwas dagegen zu unternehmen!« erwiderte sie energisch.
Wenn sie zu diesem Zeitpunkt etwas nicht gebrauchen konnte, dann war es jemand, der ihr einreden wollte, die Dinge seien unvermeidlich. Sophokles hatte geschrieben, da? man das, was die Gotter uber einen verhangten, mit Standhaftigkeit ertragen musse. Doch damit zu erklaren, da? die eigenen Fehlleistungen einfach Schicksal seien, das war eine Philosophie, die Fidelma fern lag. Der Schicksalsglaube diente nur dazu, sich eine Wahl zu ersparen.
Cass hob die Hand, offnete sie und machte eine resignierende Geste.
»Deine Philosophie ist lobenswert, Fidelma. Aber manchmal ...«
»Genug davon!«
Ihr Ton lie? Cass verstummen. Colgu von Cashel hatte seiner Schwester eine gro?e Verantwortung auf die Schultern geladen - eine zu gro?e vielleicht? Wie Cass es sah, war der Mord an Dacan ein Ratsel, das nie gelost werden wurde. Da war es wohl besser, sich einfach auf einen Krieg mit Laigin vorzubereiten, als die Zeit damit zu vergeuden, die verwickelten Faden dieses Geheimnisses entwirren zu wollen.
Fidelma setzte sich auf einen Felsen und schaute aufs Meer hinaus. Cass stand neben ihr. Wahrend sie nachdachte, versuchte sie sich an das zu erinnern, was ihr alter Lehrer, der Brehon Morann von Tara, ihr einmal gesagt hatte.
»Lieber zweimal fragen als dich einmal verlaufen, mein Kind«, hatte er ihr geraten, als sie einmal eine Aufgabe nicht losen konnte, weil sie die Ausgangssituation nicht mitbekommen hatte, die er vorgegeben hatte.
Welche Frage hatte sie nicht gestellt; welche Ausgangssituation hatte sie nicht ganz begriffen?
Plotzlich sprang Fidelma auf. »Ich mu? doch blod sein!« verkundete sie.
»Wieso denn?« fragte Cass.
»Ich habe im stillen schon uber die Unlosbarkeit meiner Aufgabe gestohnt, noch ehe ich sie richtig in Angriff genommen habe.«
»Und ich habe geglaubt, du hattest einen sehr guten Anfang gemacht.«
»Ich bin bisher blo? an der Oberflache geblieben«, antwortete sie. »Ich habe ein paar Fragen gestellt, aber nicht wirklich nach der Wahrheit gesucht. Komm, es gibt viel zu tun!«
Sie liefen rasch zuruck zur Abtei, durch die Tur in der Mauer und uber den gepflasterten Hof. Hier und da wandten sich kleine Gruppen von Schulern und einige der unterrichtenden Monche und Nonnen nach ihnen um und musterten sie verstohlen, denn der Zweck ihres Kommens hatte sich schnell in der Abtei herumgesprochen. Fidelma und Cass ignorierten die Blicke und schritten dem Haupttor zu, wo sie fanden, wen sie suchten, die Schwester Necht namlich.
Fidelma wollte sie gerade anrufen, als Necht aufsah und sie erblickte. Sie rannte ihr mit unziemlicher Eile entgegen.
»Schwester Fidelma!« keuchte sie. »Ich wollte dich gerade suchen gehen. Bruder Tola hat mir dies Packchen fur dich gegeben. Es ist von Bruder Martan.«
Sie reichte Fidelma etwas, das in Sackleinen eingewickelt war. Fidelma nahm es und schlug das Leinen auseinander. Darin lagen mehrere lange Stoffstreifen, die anscheinend von einem gro?eren Stuck abgerissen worden waren. Sie hatten tiefbraune Flecken, Blutflecken. Der Stoff selbst war blau und rot. Die Streifen waren ausgefranst und wirkten bruchig. Fidelma nahm einen, packte die Enden mit je einer Hand und zog kraftig. Der Stoff zerri? sofort.
»Nicht sehr wirksam als Fessel«, stellte Cass fest.
Fidelma sah ihn anerkennend an.
»Nein«, sagte sie nachdenklich, wickelte die Leinenstreifen wieder ein und steckte sie in ihre gro?e Tasche. »Jetzt, Schwester Necht, fuhre uns bitte zu Schwester Grella in die Bibliothek.«
Zu ihrer Uberraschung schuttelte das Madchen den Kopf.
»Das kann ich nicht tun, Schwester.«
»Wieso nicht?« fragte Fidelma gereizt.
»Der Abt hat mich losgeschickt, damit ich dich suche und zu ihm bringe. Er sagt, er mu? dich sofort sprechen.«
»Na schon«, sagte Fidelma widerwillig. »Wenn Abt Brocc mich sprechen will, dann mu? ich zu ihm gehen. Doch weshalb ist das so dringend?«
»Vor zehn Minuten ist Salbach, der Furst der Cor-co Loigde, hier eingetroffen, auf eine Nachricht hin, die ihm Brocc gesandt hat. Der Furst scheint au?erst erbost zu sein.«
Kapitel 8
Fidelma und Cass folgten Schwester Necht, die ihnen zu den Raumen des Abts voranging. Als die Novizin merkte, da? Cass mitkam, blieb sie verlegen stehen.
»Was gibt’s?« wollte Fidelma wissen.
