»Er kam an dem Tag, bevor Dacan getotet wurde, und wie ich dir bereits sagte, fuhr er am nachsten Tag ab. Er bat um Unterkunft fur eine Nacht. Seine barc ankerte in der Bucht, und er trieb wahrscheinlich Handel. Das ist alles, was ich wei?.«

»Nun gut. Und weiter hielt sich zu der Zeit niemand im Gastehaus auf?«

»Nein.«

»Ist das Gastehaus von anderen Gebauden der Abtei aus leicht zu erreichen?«

»Wie du gesehen hast, Schwester, gibt es keine Einschrankungen innerhalb der Mauern der Abtei.«

»Also konnte jeder beliebige von den Schulern, Monchen oder Nonnen hier hereingekommen sein und Dacan umgebracht haben?«

»Das konnte sein«, gab Rumann ohne Zogern zu.

»War jemand besonders vertraut mit Dacan wahrend seines Aufenthalts hier? Hatte er engere Freunde unter den Monchen oder den Schulern?«

»Niemand war wirklich befreundet mit ihm. Nicht einmal der Abt. Der Ehrwurdige Dacan war ein Mensch, der jeden auf Abstand hielt. Uberhaupt nicht freundlich. Ein Asket, dem weltliche Dinge gleichgultig waren. Ich erhole mich an manchen Abenden bei einem Brettspiel, brandubh oder fidchell. Ich lud ihn einmal dazu ein, und er lehnte ab, als hatte ich ihm ein gotteslasterliches Vergnugen vorgeschlagen.«

Darin wenigstens, dachte Fidelma, stimmten alle uberein, mit denen sie uber den Ehrwurdigen Dacan gesprochen hatte. Ein freundlicher Mensch war er nicht gewesen.

»Gab es denn uberhaupt niemanden in der Abtei, mit dem er mehr sprach als mit anderen?«

Rumann zuckte die Achseln.

»Allenfalls unsere Bibliothekarin, Schwester Grella. Vermutlich deswegen, weil er soviel in unserer Bibliothek forschte.«

Fidelma nickte nachdenklich.

»Ach ja, ich habe gehort, da? er nach Ros Ailithir kam, um bestimmte Texte zu studieren. Mit Schwester Grella werde ich spater reden.«

»Naturlich unterrichtete er auch«, erganzte Ru-mann. »Er gab Geschichte.«

»Kannst du mir sagen, wer seine Schuler waren?«

»Nein. Danach mu?test du unseren fer-leginn fragen, unseren Rektor, Bruder Segan. Er entscheidet alles, was hier mit den Studien zu tun hat. Naturlich untersteht auch er Abt Brocc.«

»Bei seinen Forschungen hat doch der Ehrwurdige Dacan wahrscheinlich viel aufgeschrieben?«

»Das nehme ich an«, antwortete Rumann. »Ich habe oft gesehen, da? er Manuskripte und naturlich seine Wachstafelchen bei sich trug. Ohne die letzteren verlie? er nie sein Zimmer.«

»Warum«, sagte Fidelma und hielt inne, um ihrer Frage Nachdruck zu verleihen, »gab es dann keine Manuskripte oder beschriebene Tafelchen in seinem Zimmer?«

Bruder Rumann starrte sie verstandnislos an.

»Gab es da wirklich keine?« fragte er verblufft.

»Nein. Es liegen Tafelchen da, aber ihre Oberflache wurde wieder geglattet, und das Pergament auf seinem Tisch ist leer.«

Der Verwalter zuckte erneut die Achseln. Das tat er offenbar haufig.

»Das uberrascht mich. Vielleicht hat er seine Aufzeichnungen in unserer Bibliothek aufbewahrt. Ich verstehe allerdings nicht, was das mit seinem Tod zu tun hat.«

»Wu?test du, wonach Dacan hier forschte?« Fidelma machte sich nicht die Muhe, auf seine Frage einzugehen. »Wu?te irgend jemand, weshalb er gerade nach Ros Ailithir gekommen war?«

»Es steht mir nicht zu, mich in die Angelegenheiten anderer einzumischen. Mir genugte es, da? Dacan mit einer Empfehlung des Konigs von Cashel kam und mein Abt seinen Besuch billigte. Ich versuchte, wie andere auch, freundlich mit ihm zu verkehren, aber wie ich schon sagte, er war kein freundlicher Mensch. Um die Wahrheit zu gestehen, Schwester, es herrschte keine gro?e Trauer in der Abtei, als Dacan in die Andere Welt einging.«

Fidelma beugte sich interessiert vor.

»Man hat mir berichtet, da? Dacan zwar als abweisend galt, aber vom Volk als ein Mann von gro?er Heiligkeit geliebt und verehrt wurde.«

Bruder Rumann verzog spottisch die Lippen.

»Davon habe ich auch gehort, und vielleicht ist das auch so - in Laigin. Ich kann nur sagen, da? er hier in Ros Ailithir willkommen gehei?en wurde, aber diesem Willkommen nicht mit der gleichen Warme be-gegnete. Deshalb uberlie? man ihn lieber sich selbst. Ja, sogar unsere kleine Schwester Necht furchtete sich vor ihm.«

»Wirklich? Warum das?«

»Vermutlich war er ein Mensch, dessen Kalte Angste erweckte.«

»Ich dachte, der Ruf seiner Heiligkeit erstreckte sich uber Laigin hinaus. An vielen Orten spricht man von ihm und seinem Bruder Noe wie von Colmcille, Brendan oder Enda.«

»Man kann nur uber das sprechen, was man wei?, Schwester. Manchmal ist ein solcher Ruf nicht gerechtfertigt.«

»Sag mir, diese Abneigung gegen Dacan ...«

Bruder Rumann unterbrach sie kopfschuttelnd.

»Gleichgultigkeit war das, Schwester. Gleichgultigkeit, nicht Abneigung, denn es gab keinen Anla? zur Abneigung.«

»Nun gut. Gleichgultigkeit, wenn du so willst«, sagte Fidelma. »Und du glaubst nicht, da? sie hinreichte, jemanden hier zu veranlassen, ihn zu toten?«

Die Augen des Verwalters verengten sich in seinem fleischigen Gesicht.

»Jemand von hier? Willst du damit andeuten, da? einer unserer Bruder in Ros Ailithir ihn umgebracht haben konnte?«

»Vielleicht auch einer seiner Schuler, dem seine Art nicht gefiel? So etwas hat es schon gegeben.«

»Na, davon habe ich noch nie gehort. Ein Schuler achtet seinen Lehrer.«

»Unter normalen Umstanden«, pflichtete ihm Fidelma bei. »Doch wir untersuchen einen ungewohnlichen Umstand. Ein Mord, und als das haben wir es festgestellt, ist ein hochst unnaturliches Verbrechen. Welchen Weg wir auch verfolgen, wir mussen davon ausgehen, da? jemand aus dieser Gemeinschaft die Tat begangen hat. Jemand aus dieser Gemeinschaft«, wiederholte sie mit Nachdruck.

Bruder Rumann sah sie mit ernstem Gesicht an.

»Ich kann nicht mehr sagen, als ich bereits gesagt habe. Alles, womit ich beauftragt war, und alles, was ich getan habe, war, die Umstande seines Todes zu untersuchen. Was sollte ich sonst noch tun? Ich besitze nicht die Fahigkeiten eines dalaigh.«

Fidelma breitete mit einer versohnlichen Geste die Hande aus.

»Ich wollte keine Kritik damit andeuten, Bruder Rumann. Du hast dein Amt, und ich habe meins. Wir alle befinden uns in einer heiklen Lage, weil wir nicht nur dieses Verbrechen aufklaren, sondern uns auch bemuhen mussen, einen Krieg zu verhindern.«

Bruder Rumann holte tief Luft.

»Wenn du mich fragst, ich wurde es Laigin zutrauen, die ganze Angelegenheit eingefadelt zu haben. Sie haben immer wieder an die Ratsversammlung des Gro?konigs in Tara appelliert, ihnen Osraige zuruckzugeben. Jedes Mal wurde entschieden, da? Osraige rechtma?ig zu Muman gehort. Und jetzt das.« Er reckte die Hand in die Luft.

Fidelma betrachtete den Verwalter interessiert.

»Wann genau bist du zu dieser Meinung gelangt, Bruder Rumann?« fragte sie vorsichtig.

»Ich stamme von den Corco Loigde, bin ein Mann aus Muman. Als ich horte, welchen Suhnepreis der junge Fianamail von Laigin fur den Mord an Dacan fordert, vermutete ich ein Komplott. Du hattest vollig recht.«

Fidelma blickte Rumann erstaunt an.

»Ich hatte recht? In welcher Hinsicht?«

»Da? ich einen Verdacht gegen den Kaufmann As-sid hatte fassen mussen. Wahrscheinlich war er der Morder, und ich lie? ihn laufen!«

Sie schaute ihn einen Augenblick an und sagte: »Noch eins, Bruder. Woher wei?t du, welche Forderung Laigin stellt?«

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