Rumann blinzelte. »Woher? Na, der Abt redet doch seit Tagen von nichts anderem.«

Nachdem Bruder Rumann gegangen war, sa? Fidelma eine Weile schweigend da. Dann merkte sie, da? Cass auf eine Au?erung von ihr wartete. Sie wandte sich um und lachelte ihm mude zu.

»Rufe Schwester Necht, Cass.«

Gleich nach dem Ertonen der Handglocke trat die eifrige junge Schwester ein. Sie hatte offensichtlich den Fu?boden des Gastehauses geschrubbt und war froh uber die Unterbrechung.

»Ich habe gehort, du hast dich vor dem Ehrwurdigen Dacan gefurchtet«, begann Fidelma ohne Vorrede.

Fur einen Augenblick schien das Blut aus Nechts Gesicht zu weichen. Sie erschauerte.

»Ja«, gestand sie ein.

»Warum?«

»Zu meinen Pflichten als Novizin in der Abtei gehort es, im Gastehaus zu dienen und die Wunsche der Gaste zu erfullen. Der Ehrwurdige Dacan behandelte mich wie eine Leibeigene. Ich habe sogar Bruder Ru-mann gebeten, mich fur die Zeit, in der sich Dacan hier aufhielt, aus dem Gastehaus zu versetzen.«

»Dann mu?t du eine heftige Abneigung gegen ihn empfunden haben.«

Schwester Necht lie? den Kopf hangen.

»Es ist gegen den Glauben, aber es stimmt, ich mochte ihn nicht. Ich konnte ihn nicht leiden.«

»Du wurdest nicht abgelost?«

Necht schuttelte den Kopf.

»Bruder Rumann meinte, ich mu?te es als den Willen Gottes akzeptieren, und durch diese Prufung wurde ich fur die Arbeit im Dienste des Herrn gestarkt werden.« »Du sagst das so, als ob du nicht recht daran glaubst«, bemerkte Fidelma sanft.

»Ich wurde nicht gestarkt. Meine Abneigung nahm nur noch zu. Es war eine schreckliche Zeit. Der Ehrwurdige Dacan war nie zufrieden damit, wie ich sein Zimmer in Ordnung brachte. Schlie?lich tat ich es uberhaupt nicht mehr. Au?erdem lie? er sich zu allen Tages- und Nachtzeiten etwas von mir bringen, ganz wie es ihm einfiel. Ich war eine Sklavin.«

»Als er starb, hast du also keine Trane vergossen?«

»Ich doch nicht!« erklarte die Schwester mit Nachdruck. Dann merkte sie, was sie gesagt hatte, und wurde rot. »Ich meine ...«

»Ich glaube, ich wei?, was du meinst«, erwiderte Fidelma. »Sag mir, hattest du auch Dienst im Gastehaus in der Nacht, als Dacan umgebracht wurde?«

»Ich hatte jede Nacht Dienst. Bruder Rumann wird dir das gesagt haben. Es war meine besondere Aufgabe.«

»Hast du Dacan in jener Nacht gesehen?«

»Naturlich. Er und der Kaufmann Assid waren die einzigen Gaste.«

»Ich habe gehort, da? sie sich kannten?« Fidelma lie? die Feststellung wie eine Frage klingen.

Schwester Necht nickte.

»Ich glaube aber nicht, da? sie Freunde waren. Ich habe mitbekommen, wie sich Assid nach der Abendmahlzeit mit Dacan stritt.«

»Sie stritten sich?«

»Ja. Dacan hatte sich auf sein Zimmer zuruckgezogen. Er nahm sich gewohnlich ein paar Bucher mit, um bis zur Completa, dem letzten Gottesdienst des Tages, darin zu lesen. Ich ging an seiner Zimmertur vorbei, als ich streitende Stimmen horte.«

»Bist du sicher, da? es Assid war?«

»Wer sollte es sonst gewesen sein?« entgegnete das Madchen. »Es wohnte doch weiter niemand hier.«

»Sie stritten sich also. Woruber?«

»Das wei? ich nicht. Ihre Stimmen waren nicht laut, aber erregt. Sie klangen zornig.«

»Und was las Dacan in jener Nacht?« fragte Fidelma. »Ich habe gehort, da? nichts aus seinem Zimmer entfernt wurde. Doch fanden sich weder Bucher noch Aufzeichnungen darin.«

Schwester Necht zuckte die Achseln und schwieg.

»Wann hast du Dacan zuletzt gesehen?«

»Ich war gerade vom Gottesdienst der Completa zuruckgekehrt, als Dacan mich rief und sich einen Krug kaltes Wasser von mir bringen lie?.«

»Hast du sein Zimmer danach noch einmal aufgesucht?«

»Nein. Ich ging ihm moglichst aus dem Wege. Vergib mir diese Sunde, Schwester, aber ich ha?te ihn und kann das nicht leugnen.«

Schwester Fidelma lehnte sich zuruck und sah die Novizin prufend an.

»Du hast noch andere Pflichten, Schwester Necht, und von denen will ich dich nicht langer abhalten. Ich rufe dich, wenn ich dich wieder brauche.«

Die Novizin erhob sich, sie sah beschamt aus.

»Du erzahlst Bruder Rumann doch nichts von meinem sundhaften Ha? auf Dacan?« fragte sie eindringlich.

»Nein. Du hast dich vor Dacan gefurchtet. Ha? ist nur die Folge dieser Furcht; wir mussen etwas furchten, bevor wir es hassen konnen. Ha? ist der schutzende Mantel, in den sich die Eingeschuchterten hullen. Aber denke daran, Schwester, da? Ha?gefuhle oft dazu fuhren, da? die Gerechtigkeit auf der Strecke bleibt. Bemuhe dich, Dacan im Tode seine Selbstherrlichkeit zu vergeben, und versuche deine eigene Furcht zu verstehen. Du kannst jetzt gehen.«

»Bist du sicher, da? es fur mich nichts weiter zu tun gibt?« fragte Necht und blieb zogernd in der Tur stehen.

Fidelma schuttelte den Kopf.

»Ich rufe dich, wenn ich dich brauche«, versicherte sie ihr.

Als Necht fort war, erhob sich Cass und setzte sich auf den Stuhl, den Necht frei gemacht hatte. Er sah Fidelma mitfuhlend an.

»Es lauft nicht gut, nicht wahr? Ich sehe nur noch ein Durcheinander.«

Fidelma schnitt dem jungen Krieger ein Gesicht.

»Machen wir einen Spaziergang an der Kuste, Cass. Ich brauche die Brise, um den Kopf klarzubekommen.«

Sie durchschritten das Abteigelande und fanden eine Tur in der Mauer, die auf einen schmalen Pfad hinausging, der in Windungen zum Sandstrand hinunterfuhrte. Der Tag war noch schon, mit boigen Winden, die die vor Anker liegenden Schiffe ins Schaukeln brachten. Fidelma atmete die salzige Seeluft tief ein und mit einem lauten, zufriedenen Seufzer wieder aus.

Cass beobachtete sie mit stiller Belustigung.

»So ist es besser«, sagte sie und warf ihm einen raschen Blick zu. »Das macht den Kopf klar. Ich mu? zugeben, das ist die schwierigste Untersuchung, die ich bisher durchgefuhrt habe. Bei den anderen waren zumindest die Zeugen alle vor Ort, ich hatte also alle Verdachtigen beisammen. Und ich war schon Stunden oder manchmal Minuten nach dem Verbrechen am Tatort, so da? sich das Beweismaterial nicht in Luft auflosen konnte.«

Cass pa?te sich ihren kleineren Schritten an, wahrend sie langsam die Kuste entlanggingen.

»Allmahlich begreife ich einige der Schwierigkeiten, vor denen eine dalaigh steht, Schwester. Ehrlich gesagt, ich hatte fruher keine Vorstellung davon. Ich dachte, sie brauchte weiter nichts zu kennen als die Gesetze.«

Fidelma machte sich nicht die Muhe zu antworten.

Sie kamen an Fischern vorbei, die die morgendlichen Fange aus ihren kleinen, kanugleichen Booten luden. Die Boote nannte man hier naomhog, was Boote aus Flechtwerkrahmen bedeutete, und sie waren mit codal, einer mit Eichenrinde gegerbten Haut, bespannt, die mit Ledersehnen zusammengenaht wurde. Sie lie?en sich gut tragen, drei Manner genugten selbst fur das gro?te von ihnen. Sie lagen hoch im Wasser und tanzten leicht, selbst auf den wildesten Wogen.

Fidelma blieb stehen und sah zu, wie zwei dieser Boote auf das Ufer zuhielten und ein gro?es totes Meerestier hinter sich herschleppten.

Sie hatte einmal erlebt, wie ein Riesenhai an Land gebracht wurde, und nahm an, dies sei auch einer.

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