Fidelma lachelte die Bibliothekarin plotzlich an.

»Du bist in einer ungunstigen Lage, Grella. Als Frau aus Osraige neigst du dazu, die abgesetzten heimatlichen Konige zu unterstutzen. Ich glaube, ich wei? jetzt, weshalb der Ehrwurdige Dacan nach Ros Ailithir kam. Doch warum wurde er umgebracht? Wollte man damit verhindern, da? seine Erkenntnisse nach Laigin gelangten?«

Schwester Grellas Ausdruck anderte sich nicht.

»Komm, sag schon was, Grella«, drang Fidelma in sie. »Wir alle haben ein Recht auf unsere Meinung. Du bist eine Frau aus Osraige. Zweifellos hast du auch eine Meinung. Wenn du fur die Ruckkehr der ursprunglichen Konige eintrittst, dann bedeutet das auch, da? du kein Motiv hattest, Dacan zu toten.«

Grellas Augen blitzten plotzlich auf.

»Ich? Ich Dacan toten? Wie kannst du es wagen ...« Sie bemuhte sich, ihren Zorn zu beherrschen. Ruhig sprach sie weiter: »Ja, naturlich habe ich eine Meinung. Das Erbe Ciarans hangt uns wie ein Muhlstein am Halse. Aber ich bin niemand, der die Dinge verandern mochte.«

Fidelma lehnte sich zuruck. Sie meinte einen Schritt vorangekommen zu sein, doch hatten sich damit viele neue Geheimnisse und Ratsel vor ihr aufgeturmt.

»Also hast du Dacan alle die alten Texte zur Verfugung gestellt, die er brauchte, um Informationen fur den Konig von Laigin zu sammeln, damit dieser vor dem Gro?konig einen neuen Antrag auf die Ruckgabe von Osraige stellen konnte?«

Schwester Grella gab keine Antwort, und Fidelma fuhr fort. »Dacan studierte die Texte und machte sich Aufzeichnungen fur einen Bericht, den er in Laigin erstatten wollte, nicht wahr?«

»Das habe ich bereits zugegeben.«

»Wo bewahrte er seine Notizen und Aufzeichnungen auf?«

Schwester Grella verzog das Gesicht.

»In seinem Zimmer im Gastehaus, nehme ich an.«

»Uberrascht es dich dann nicht zu horen, da? sich in seinem Zimmer weiter nichts befand als ein paar leere Pergamentblatter, etwas Schreibmaterial und das hier .«

Fidelma zog den kurzen Espenholzstab aus ihrem Gewand, den sie in Dacans Zimmer entdeckt hatte.

Grella nahm ihn, drehte ihn und las die eingekerbten Zeichen.

»Es ist ein Stuck aus dem >Lied der Mugain<, die eine Tochter von Cucraide mac Dui war, des ersten Konigs von Osraige, der den Corco Loigde angehorte. Darin wird ein Teil der Genealogie der angestammten Konige von Osraige aufgezahlt. Ich habe noch gar nicht gemerkt, da? der Stab fehlt.«

Sie stand auf, ging in eine Ecke des Zimmers und sah mehrere Behaltnisse durch, in denen Bundel von Staben aufbewahrt wurden. Sie nahm eines, prufte den Inhalt und schnalzte mit der Zunge.

»Ja, es ist ein Stab aus dieser Sammlung.«

»Der Stil ist eigenartig, eher der eines Testaments als der einer Genealogie«, wandte Fidelma ein.

Grella kniff die Augen zusammen.

»Verstehst du Ogham?« fragte sie scharf.

»Ja

»Nun, es ist kein Testament«, erwiderte Grella nicht gerade freundlich, »die Symbolik ist die eines Gedichts.«

»Anscheinend hatte Dacan die Stabe mit auf sein Zimmer genommen, um sich ihren Text abzuschreiben, und als er sie zuruckbrachte, verga? er diesen hier, denn er war zu Boden gefallen. War das so ublich, da? er Bucher und Dichterstabe mit auf sein Zimmer nahm?«

Grella schuttelte den Kopf.

»Nein, durchaus nicht. So arbeitete Dacan nicht. Er wollte nicht, da? irgend jemand erfuhr, wonach er suchte, deshalb nahm er gewohnlich nichts aus der Tech Screptra mit. Normalerweise las er in diesem Zimmer hier, in dem wir sitzen. Es ist mein privater Arbeitsraum als Bibliothekarin. Aus diesem Zimmer wurde nichts fortgeschafft.«

»Aber jemand mu? zumindest diesen einen Stab des >Liedes der Mugain< mit nach drau?en genommen haben«, widersprach Fidelma. »Wie hatte er sich sonst in Dacans Zimmer befinden konnen?«

»Die Frage kann ich nicht beantworten.« »Und du meinst, da? er seine Notizen oder Aufzeichnungen niemals hier in der Bibliothek lie??«

Schwester Grella sa? ihr steif gegenuber.

»Ich kann dir versichern, da? ich nichts davon wei?.«

»Kanntest du den Kaufmann Assid?«

Der Themenwechsel kam so plotzlich, da? Schwester Grella um eine Wiederholung der Frage bat.

»Ich sah ihn beim Abendessen vor der Nacht, in der Dacan ermordet wurde«, antwortete Schwester Grella. »Was hat er damit zu tun?«

»Konntest du feststellen, ob Dacan Assid kannte?«

Von Grellas Gesicht lie? sich nichts ablesen.

»Assid stammt aus Laigin. Die meisten Leute in dem Konigreich kannten Dacan oder hatten zumindest von ihm gehort.«

»Ich glaube, da? es Assid war, der die Nachricht vom Tode Dacans nach Fearna brachte«, fuhr Fidelma fort. »Die Kunde von seinem Tod gelangte au?erst schnell dorthin. Nur eine barc, die an der Kusten entlangsegelte, vermochte Fearna in so kurzer Zeit zu erreichen.«

»Dazu kann ich nichts sagen.«

»Haltst du es fur moglich, da? Assid Dacans Aufzeichnungen mitgenommen hat?«

»Meinst du, da? Assid sie gestohlen hat?« fragte Grella. Es klang weder uberrascht noch entrustet.

»Das ware eine mogliche Erklarung.«

»Ja, das ware denkbar«, stimmte Schwester Grella zu. »Aber schlie?t du daraus, da? Assid Dacan ermordet hat?«

»Bis jetzt wei? ich das noch nicht.«

Fidelma stand auf.

Schwester Grella starrte sie an.

»Eine solche Erklarung wurde es dem Konig in Cashel erlauben, sich aus seiner Verantwortung davonzustehlen.«

Fidelma blickte mit der Spur eines Lachelns auf sie hinunter.

»Wieso?«

»Nun, wenn Dacan von einem Mann aus Laigin ermordet wurde, dann wurde Laigins Anspruch auf Osraige als Suhnepreis fur Dacan gegenstandslos, nicht wahr?«

»Genau«, stimmte Fidelma ihr zu.

Sie verlie? das Zimmer der Bibliothekarin und ging zuruck durch die Stille der Tech Screptra, begleitet von seufzenden Atemzugen, dem Rascheln der Seiten und dem Kratzen der Federn.

Eine Gestalt fiel ihr auf zwischen all den Buchtaschen. Sie zog ihre Aufmerksamkeit hauptsachlich dadurch auf sich, da? sie so offensichtlich unauffallig bleiben wollte. Hatte sie sich mit den Buchern beschaftigt, hatte Fidelma sie wahrscheinlich nicht bemerkt. Doch die Gestalt bemuhte sich so sehr, wie ein ernsthafter Leser in der Bibliothek zu erscheinen, da? sie sofort einen zweiten Blick herausforderte. Nun, beschlo? Fidelma, wenn diese Gestalt so offenkundig nicht von ihr beachtet werden wollte, dann wurde sie auch nicht verraten, da? sie sie erkannt hatte.

Es war Schwester Necht.

Drau?en, vor der dusteren, von Kerzen erhellten Tech Screptra war es kalt geworden, von Westen trieben Wolken heran und brachten Nieselregen mit.

Fidelma eilte dem Gastehaus zu.

Bruder Rumann hatte dafur gesorgt, da? in dem gro?en Kamin des Eingangsraumes ein Feuer brannte. Fidelma war froh uber die Warme, denn das Wetter war wirklich entmutigend. Sie wollte feststellen, ob Schwester Eisten oder die Kinder wieder aufgetaucht seien, und ging zu ihren Zimmern. Die Turen standen offen, doch die Zimmer waren leer.

Fidelma bi? sich auf die Unterlippe. Die Zimmer der Kinder standen nicht nur leer, sie sahen aus, als seien sie nie bezogen worden.

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