Fidelma eilte durch den Gang zuruck zu dem Zimmer, das Bruder Rumann als Buro diente.

Der fullige Monch sa? an seinem brandubh-Brett und tuftelte gerade an neuen Zugen.

Er blickte uberrascht auf, als Fidelma nach fluchtigem Anklopfen eintrat.

»Ach, du bist es, Schwester.« Er lachelte und deutete auf das Brett. »Kommst du, um mich zu einem Spiel herauszufordern?«

Fidelma schuttelte den Kopf.

»Im Augenblick nicht, Bruder Rumann. Mich interessiert mehr, wo die Kinder stecken.«

»Die Kinder?«

»Die Kinder aus Rae na Scrine.«

»Die wurden nach dem Mittagessen zu Bruder Mi-dach gebracht. Wolltest du sie noch einmal sehen, bevor sie abreisten?« fragte er verwundert.

»Abreisten? Wohin?«

»Bruder Midach untersuchte sie abschlie?end noch einmal, um sicherzugehen, da? sie keine Anzeichen der Gelben Pest aufwiesen, und dann sollte Schwester Aibnat sie zu dem Waisenhaus an der Kuste bringen, das sie und Bruder Molua fuhren. Ich glaube, inzwischen sind sie fort.«

»Sind sie alle weg?«

»Wahrscheinlich ja, Schwester. Bruder Midach wei? das sicher.«

Fidelma machte sich eilig auf die Suche nach dem leitenden Arzt der Abtei.

Bruder Midach sah nicht so aus, wie man sich einen Arzt vorstellt. Offenbar besa? er Humor, denn sein rundes Gesicht war von unzahligen Lachfalten durchzogen. Das Haar ging ihm aus, und es war schwer zu entscheiden, wie weit die Tonsur reichte und was naturliche Kahlheit war. Seine Lippen waren dunn, seine braunen Augen blickten warm und freundlich, und auf seinen Wangen standen Bartstoppeln.

Fidelma hatte sein Zimmer, ohne anzuklopfen, betreten. Der Arzt war allein und anscheinend dabei, eine Krautermixtur herzustellen. Er blickte stirnrunzelnd auf.

»Ich bin Fidelma von Kildare«, begann sie.

Bruder Midach musterte sie eingehend, bevor er antwortete, unterbrach aber seine Tatigkeit nicht.

»Mein Kollege, Bruder Tola, hat von dir gesprochen. Suchst du ihn?«

»Nein. Ich habe gehort, du hast heute nachmittag die Kinder aus Rae na Scrine untersucht. Stimmt das?«

»Das stimmt«, antwortete Bruder Midach. »Der Abt hielt es fur das beste, sie direkt zu Bruder Molua weiterzuschicken, der an der Kuste ein Haus fur Waisenkinder hat. Schwester Aibnat hatte den Auftrag, sie dort hinzubringen. Ich sollte sie untersuchen, um festzustellen, ob sie gesund sind.«

Fidelma war die Enttauschung anzusehen.

»Also sind sie alle fort?«

Midach nickte zerstreut und zerstie? weiter Blatter in seinem Morser.

»Wir haben hier keine Einrichtungen fur Kinder«, erklarte er. »Die beiden kleinen Madchen waren gesund. Und je eher Tressach, der Junge, mit anderen Jungen zusammenkommt, desto glucklicher wird er sein. Ja, im Hause Moluas wird es ihnen besser gehen.«

»Du sagst gar nichts von den beiden Brudern, Cetach und Cosrach?«

Midach hob den Blick vom Morser.

»Welche beiden Bruder?« fragte er. »Da waren zwei Schwestern ...«

»Die schwarzhaarigen Jungen«, unterbrach Fidelma ihn ungeduldig.

»Ich wei? nichts von schwarzhaarigen Jungen. Ich habe zwei Madchen untersucht und einen achtjahrigen Jungen«, stellte Midach fest.

»Keinen vierzehnjahrigen und keinen ungefahr zehnjahrigen Jungen?«

Midach schuttelte verblufft den Kopf.

»Nun sag mir blo? nicht, da? Bruder Rumann etwas verwechselt hat und zwei andere Kinder zu Mo-lua geschickt werden sollten? Ich habe sie bestimmt nicht gesehen .«

Aber Fidelma war schon hinaus und auf dem Wege zum Gastehaus.

Bruder Rumann fuhr uberrascht auf, als sie erneut bei ihm hereinplatzte.

»Die beiden schwarzhaarigen Jungen«, fragte sie. »Cetach und Cosrach. Wo sind sie?«

Bruder Rumann sah sie gekrankt an und blickte auf sein brandubh-Brett. Die Figuren waren durcheinandergefallen, wahrscheinlich durch seine erschrockene Bewegung, als Fidelma zur Tur hereinsturmte.

»Also wirklich, Schwester. Ein wenig Geduld bitte. Ich hatte beinahe eine neue Kombination fertig. Eine wundervolle Taktik .«

Er hielt inne, als er merkte, wie aufgeregt sie war.

»Ist etwas geschehen?«

»Ich frage dich, wo die beiden schwarzhaarigen Jungen sind, Cetach und Cosrach.«

Bruder Rumann ordnete langsam die Figuren auf dem brandubh-Brett.

»Schwester Aibnat sollte samtliche Kinder zu Bruder Midach bringen, und wenn er der Meinung ware, sie seien gesund genug, dann sollte sie mit ihnen zu Molua aufbrechen.«

»Bruder Midach sagt, da? ihm nur die beiden kleinen Madchen, Ciar und Cera, vorgestellt wurden und ein etwa achtjahriger Junge, namlich Tressach. Was ist aus den anderen beiden Jungen geworden?«

Bruder Rumann erhob sich.

»Bist du sicher, da? sie nicht mit Schwester Aibnat fort sind?« fragte er unglaubig.

»Bruder Midach wei? nichts von ihnen«, erwiderte Fidelma.

»Wo konnen sie sich dann versteckt haben? Dumme, eigensinnige Kinder. Sie hatten mit Schwester Aibnat mitgehen sollen. Jetzt mussen wir noch jemanden zu Moluas Waisenhaus schicken.«

»Wann hast du sie zuletzt gesehen?«

»Daran kann ich mich nicht erinnern. Vielleicht, als Salbach hier ankam. Mir fallt ein, da? Schwester Necht mit ihnen in ihrem Zimmer sprach. Kurz darauf kam die Anordnung von Brocc, da? die Kinder in das Waisenhaus geschickt werden sollten.«

»Hast du eine Ahnung, wo sie sich versteckt halten konnten?« fragte Fidelma. Sie erinnerte sich, wie sehr Cetach sich vor Salbach furchtete. Hatten er und sein Bruder sich irgendwo versteckt und warteten darauf, da? Salbach die Abtei verlie?? Sa?en sie vielleicht immer noch dort, weil sie nicht wu?ten, da? er schon fort war?

»Es gibt viele Moglichkeiten«, versicherte ihr Ru-mann. »Aber mach dir keine Sorgen, Schwester. Bald lautet die Vesperglocke, und dann wird der Hunger sie aus ihrem Versteck treiben.«

Fidelma war nicht davon uberzeugt.

»Wir hatten schon angenommen, die Mittagsglocke wurde sie zum Essen locken. Wenn du Schwester Eisten siehst, sag ihr, da? ich sie sprechen mochte.«

Bruder Rumann nickte zerstreut und wandte sich wieder seinem brandubh-Spiel zu.

In ihrem Zimmer streckte sich Fidelma erschopft auf dem Bett aus. Sie wunschte, sie hatte Brocc gesagt, die Kinder aus Rae na Scrine sollten in der Abtei bleiben, bis sie den Fall gelost hatte. Sie hatte nicht gedacht, da? er sie so schnell fortschicken wurde. Fur jedes Geheimnis, das sie aufdeckte, kamen neue auf.

Warum hatte Cetach sie gebeten, ihn und seinen Bruder Cosrach nicht vor Salbach zu erwahnen? Warum waren die Jungen dann verschwunden? Warum war Salbach so wenig bereit, ihrer Anklage gegen Intat zu glauben? Und hatten alle diese Dinge etwas mit dem Tode Dacans zu tun, dessen Ermordung aufzuklaren ihre Hauptaufgabe war?

Bisher ergab das, was sie herausgefunden hatte, wenig Sinn. Sie hatte zwar einige Theorien, die sie weiterentwickeln konnte, doch der alte Brehon Morann hatte sie davor gewarnt, Theorien aufzustellen, bevor sie uber das ganze Beweismaterial verfugte. Wie lautete doch sein Lieblingsspruch? »Mach keinen Kase, bevor du nicht die Kuhe gemolken hast.« Doch sie war sich bewu?t, wie schnell ihr gro?ter Feind enteilte -die Zeit.

Sie fragte sich, wie sich ihr Bruder Colgu wohl als Konig von Muman fuhlte. Sie machte sich Sorgen um ihn.

Ihm war sicher wenig Zeit geblieben, den toten Konig Cathal mac Cathail, ihren Vetter, zu betrauern. Doch die Hauptsache war, da? ein Krieg verhindert werden mu?te. Und die Verantwortung dafur lastete ausschlie?lich auf

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