ihr.
Wieder wunschte sie sich, Eadulf von Seaxmund’s Ham ware hier bei ihr und sie konnte ihre Vermutungen und Verdachtsmomente mit ihm besprechen. Doch dann fuhlte sie sich irgendwie schuldig wegen dieses Wunsches und begriff nicht, warum.
Das Zuschlagen einer Tur lie? sie sich rasch aufrichten. Sie horte schwere, eilige Schritte auf dem Gang unten und dann auf der Treppe zum Obergescho? des Gastehauses. Solche Schritte verhie?en nichts Gutes. Als die Schritte ihre Tur erreichten, hatte sie sich schon vom Bett erhoben und stand der Tur gegenuber.
Es war Cass, der nach fluchtigem Anklopfen ins Zimmer sturzte. Er war vollig au?er Atem.
»Schwester Fidelma!« keuchte er. »Schwester Eisten. Man hat sie gefunden.«
Sie starrte ihn an, las das Weitere in seinen Augen.
»Hat man sie tot gefunden?« fragte sie leise.
»Ja!« bestatigte Cass.
Kapitel 10
Die Leiche lag am Sandstrand unterhalb der Mauern der Abtei. Es dunkelte schon, doch eine Gruppe von Fischern und ein paar Monche und Nonnen hatten sich aus Neugier darum versammelt. Mehrere von ihnen hielten Fackeln in den Handen, die den Schauplatz beleuchteten. Fidelma folgte Cass zu der Gruppe. Sie sah, da? Bruder Midach bereits dort war und die Leiche untersuchte. Ein Monch mittleren Alters stand hustend neben ihm und hielt ihm eine Laterne. Wahrscheinlich Bruder Martan, der Apotheker. Der Arzt war offensichtlich von den Leuten gerufen worden, die Eisten gefunden hatten. Fidelma meinte in dem flackernden Licht zu erkennen, da? er sichtlich erschuttert aussah.
»Drang die Leute ein Stuck zuruck«, wies Fidelma Cass leise an, »au?er denen, die die Leiche gefunden haben.«
Sie beugte sich zu Bruder Midach hinunter und schaute ihm uber die Schulter.
Schwester Eistens Kleidung war von Wasser vollgesogen. Das Seewasser hatte ihr Haar dicht an den Kopf und uber ihr bleiches, volles Gesicht geklebt. Ihre Zuge waren vom Entsetzen eines gewaltsamen Todes verzerrt. Ihr prachtvolles Kruzifix hing noch fest an ihrem Hals.
»Kein schoner Anblick«, knurrte Midach, als er Fidelma an seiner Seite bemerkte. »Halte die Laterne hoher, Martan«, fugte er, rasch an den Apotheker gewandt, hinzu.
»Das ist ein gewaltsamer Tod nie«, murmelte Fidelma. »Hat sie Selbstmord begangen?«
Midach sah Fidelma einen Moment nachdenklich an und schuttelte verneinend den Kopf. »Was veranla?t dich zu dieser Frage?«
»Sie erlitt einen Schock, als Rae na Scrine zerstort wurde, und sie war ganz niedergedruckt, als das Baby, das sie gerettet hatte, bald darauf starb. Moglicherweise hat sie sich die Schuld daran gegeben. Ich sah sie heute morgen, und da hatte sie sich noch nicht wieder erholt. Ein Raubmord war es offensichtlich auch nicht, denn sie tragt immer noch ihr wertvolles Kruzifix.«
»Ich glaube nicht, da? sie Selbstmord begangen hat«, erwiderte Bruder Midach.
»Woraus schlie?t du das?«
Bruder Midach drehte den Kopf des toten Madchens leicht zur Seite und lie? Bruder Martan die Laterne naher heranhalten.
Da sah Fidelma die klaffende Wunde am Hinterkopf. Selbst das Seewasser hatte nicht alles Blut abwaschen konnen.
»Sie wurde von hinten angegriffen?«
»Jemand versetzte ihr einen Hieb auf den Hinterkopf«, bestatigte Midach. »Erst danach wurde die Leiche ins Meer geworfen.«
»Also Mord?«
Bruder Midach seufzte tief.
»Ich kann zu keinem anderen Schlu? kommen. Dafur spricht nicht nur der Schlag auf den Hinterkopf. Wenn du starke Nerven hast, Schwester, dann sieh dir ihre Hande und Arme an.«
Fidelma tat es. Die Wunden und Brandmale sprachen fur sich.
»Die hat sie sich nicht selbst beigebracht.«
»Nein. Sie wurde gefesselt und gefoltert, bevor man sie totete. Schau dir die Stellen an den Handgelenken an. Sie stammen von Riemen. Als sie tot war, mu? der Morder ihr die Fesseln abgenommen und sie ins Meer geworfen haben.«
Wie betaubt starrte Fidelma auf die Leiche der unglucklichen jungen Frau.
»Wenn du erlaubst, Bruder ...« Sie beugte sich vor, nahm die kalten Hande der Toten und untersuchte sie, besonders die Finger und die Nagel. Bruder Midach sah ihr neugierig zu. Fidelma blickte enttauscht drein.
»Ich hatte gehofft, sie hatte sich gegen ihren Angreifer wehren und irgend etwas packen konnen, was uns einen Hinweis gabe«, erklarte sie.
»Nein. Der todliche Schlag traf sie wahrscheinlich, als sie es nicht ahnte«, sagte Midach. »Sie wurde von hinten erschlagen.«
»Er?« fragte Fidelma scharf.
Midach zuckte gleichmutig die Achseln. »Oder sie, wenn du willst. Obgleich ich nicht glaube, da? eine Frau so etwas tun konnte.«
Fidelma kniff einen Moment die Lippen zusammen, sagte aber nichts.
Bruder Midach erhob sich und klopfte sich den Sand von der Kutte. Er winkte Martan und noch einem Bruder, der aus dem Schatten trat, und wies sie an, die Leiche in die Abtei zu bringen.
»Ich werde die Leiche in die Totenhalle schaffen lassen und dem Abt Bericht erstatten.«
»Sag dem Abt, da? ich bald mit ihm sprechen werde«, sagte Fidelma, erhob sich ebenfalls und schaute nach der kleinen Gruppe von Leuten, die Cass ein Stuck zuruckgedrangt hatte.
»Meinst du, das hier steht im Zusammenhang mit dem Tod des Ehrwurdigen Dacan?« fragte Midach uber die Schulter zuruck.
»Das hoffe ich herauszubekommen«, antwortete Fidelma.
Midach verzog das Gesicht und schritt auf das Tor der Abtei zu, gefolgt von Bruder Martan mit der Laterne.
Fidelma ging auf die Gruppe von Menschen zu. Einige wollten anscheinend nichts mit dem traurigen Vorfall zu tun haben, denn sie schlichen sich fort. Cass hatte sich eine Laterne besorgt.
»Wer hat die Leiche gefunden?« fragte Fidelma und blickte einen nach dem anderen an.
Sie sah, wie zwei altere Fischer im Licht ihrer Fak-keln verstorte Blicke tauschten.
»Ihr braucht euch nicht zu furchten«, beruhigte sie sie. »Ich mochte nur wissen, wo und wie ihr die Leiche gefunden habt.«
Einer der Fischer, ein rotgesichtiger Mann mittleren Alters, schob sich nach vorn.
»Mein Bruder und ich haben sie entdeckt, Schwester.« Er sprach unsicher und zogernd.
»Erzahl mir, wie«, bat ihn Fidelma.
»Wir waren drau?en in der Bucht, dicht bei dem Kriegsschiff aus Laigin, und warfen unsere Netze noch mal aus, ehe es dunkel wurde. Wir dachten schon, wir hatten einen gro?en Fang gemacht, doch als wir das Netz ins Boot holten, da sahen wir .« er bekreuzigte sich angstvoll, »sahen wir die Leiche der Schwester hier.«
»Wie dicht wart ihr bei dem Schiff aus Laigin?« fragte Fidelma.
»Das Schiff aus Laigin liegt am Eingang zur Bucht, dort ist tiefes Wasser und eine der Stellen in dieser Gegend, wo im Winter der Schellfisch steht. Da findet er viel Meeresgetier und Krebse.« Der Fischer spuckte plotzlich verbittert aus. »Und dann kommt dieses Kriegsschiff und geht genau in den Fischgrunden vor Anker.«
»Ich verstehe. Also bist du mit deinem Bruder so dicht wie moglich an das Kriegsschiff herangefahren, um zu fischen?«
»Genau. Wir waren blo? ein paar Meter ab, als wir die arme Schwester ins Netz kriegten. Wir haben die Leiche geradewegs ans Ufer gebracht und Alarm geschlagen.«
Cass, der neben Fidelma stand und die Laterne hielt, beugte sich zu ihr.
