»Kann sie vielleicht von dem Schiff aus Laigin ins Meer geworfen worden sein?« flusterte er.

Fidelma ignorierte seine Bemerkung und wandte sich wieder an die Fischer, die sie unsicher ansahen.

»Wie verlaufen die Stromungen hier in der Bucht?« fragte sie.

Einer von ihnen rieb sich nachdenklich das Kinn.

»Jetzt gerade kommt die Flut herein. Um die Felsen herum sind die Stromungen sehr stark. Sie verlaufen um die ganze Landzunge herum zwischen den Felsen.«

»Demnach konnte die Leiche uberall auf der Landzunge ins Meer geworfen worden sein.«

»Sogar auf der anderen Seite der Landzunge, Schwester, auch von dort konnte sie in die Bucht getrieben worden sein.«

»Zur Zeit wurde eine Leiche eher an Land treiben als auf See hinaus?« hakte Fidelma nach.

»So ist es«, stimmte der Fischer ihr zu.

»Sehr gut, ihr konnt jetzt gehen«, sagte Fidelma und wiederholte etwas lauter: »Ihr konnt jetzt alle nach Hause gehen.«

Die kleine Gruppe der Neugierigen loste sich auf ihren Befehl langsam und widerwillig auf.

Cass spahte mi?trauisch in die Dunkelheit uber der Bucht. Fidelma folgte seinem Blick. Lichter flackerten auf dem Kriegsschiff.

»Kannst du ein Boot rudern, Cass?« fragte Fidelma plotzlich.

»Naturlich«, antwortete er. »Aber .«

»Ich glaube, es wird hochste Zeit, da? wir dem Kriegsschiff aus Laigin einen Besuch abstatten.«

»Ware das klug? Wenn Schwester Eisten ermordet und vom Schiff ins Meer geworfen wurde ...?«

»Wir haben keinen Beweis, nicht einmal einen begrundeten Verdacht dafur«, erwiderte Fidelma ruhig. »Komm, suchen wir uns ein Boot.«

Der Klang der Vesperglocke lie? sie innehalten.

Cass drehte die Laterne so, da? das Licht einen Augenblick auf sein Gesicht fiel. Er sah mude aus.

»Wir verpassen die Abendmahlzeit«, protestierte er.

»Ich bin sicher, wir finden spater noch etwas, wir verhungern schon nicht. Jetzt suchen wir uns ein Boot«, erwiderte Fidelma entschlossen.

Fidelma sa? im Heck des kleinen Bootes und hielt die Laterne hoch, wahrend Cass sich in die Riemen legte. Uber das dunkle, rauschende Wasser der Bucht bewegte sich das Boot auf den gro?en Schatten und die funkelnden Lichter des Kriegsschiffs aus Laigin zu.

Beim Naherkommen sah Fidelma, da? mehrere Laternen das Deck des schlanken Schiffes erhellten. Manner bewegten sich darauf hin und her.

Sie waren nur noch wenige Meter vom Schiff entfernt, als sie angerufen wurden.

»Antworte«, murmelte Fidelma, als Cass an den Riemen zogerte.

»Schiff aus Laigin ahoi!« rief der Krieger. »Ein dalaigh des Gerichtshofs der Brehons will an Bord kommen.«

Mehrere Augenblicke herrschte Schweigen, dann antwortete dieselbe Stimme, die sie angerufen hatte.

»Kommt an Bord und seid willkommen.«

Cass steuerte das Boot langsseit unter eine Strickleiter, die von der Reling herabhing. Ihm wurde ein Tau zugeworfen, mit dem er das Boot festmachte, wahrend Fidelma behende die Leiter emporkletterte und sich uber die Reling schwang.

Auf dem Deck sah sie sich einem Dutzend verwegen aussehender Manner gegenuber, die sie verblufft anstarrten.

Sie horte, wie Cass hinter ihr hinaufstieg. Ein Mann, dessen Gesicht nicht zu erkennen war, kam mit dem wiegenden Gang eines Seemanns auf sie zu und schaute von Fidelma zu Cass. Sein Blick blieb schlie?lich an Cass haften.

»Was willst du, dalaigh?« fragte er unfreundlich.

»Ich bin es, die du anreden mu?t«, wies Fidelma ihn zurecht. »Ich bin Schwester Fidelma von Kildare, dalaigh am Gerichtshof der Brehons.«

Der Mann wandte sich mit einem Erstaunen zu ihr, das er rasch zu uberspielen wu?te.

»Von Kildare, so? Vertrittst du Laigin?«

Fidelma argerte sich uber den verwirrenden Umstand, da? ihr Mutterkloster Kildare tatsachlich im Konigreich Laigin stand.

»Nein. Ich gehore zwar zur Gemeinschaft von Kil-dare, aber in dieser Angelegenheit vertrete ich das Konigreich Muman.«

»Schwester, ich mochte nicht ungastlich erscheinen, aber dies ist ein Kriegsschiff des Konigs von Laigin und steht unter seinem Befehl. Ich meine, da? du hier nichts zu sagen hast«, stellte der Seemann hamisch fest.

»Dann darf ich dich an das Seerecht erinnern«, erwiderte Fidelma langsam mit sorgfaltiger Betonung. Sie hatte sich zu gern besser darin ausgekannt, verlie? sich aber darauf, da? der Seemann es noch weniger kannte als sie. »Erstens bin ich eine dalaigh und untersuche einen Mordfall. Zweitens ist dein Schiff zwar ein Schiff aus Laigin, es ankert aber in einer Bucht von Muman. Es hat weder um die Erlaubnis noch die Gastfreundschaft von Muman nachgesucht.«

»Da irrst du dich, Schwester.« Der Triumph in der Stimme des Seemanns war unverhohlen. »Wir ankern hier mit Erlaubnis von Salbach, dem Fursten der Cor-co Loigde.«

Fidelma war froh, da? das Licht der Laternen ihr nicht voll ins Gesicht fiel. Sie schluckte vor Verbluffung. Stimmte es, da? Salbach dem Schiff aus Laigin die Erlaubnis erteilt hatte, die Abtei von Ros Ailithir einzuschuchtern? Was hatte das zu bedeuten? Das wurde sie bestimmt nicht erfahren, wenn sie gezwungen ware, sich wie ein geprugelter Hund mit dem Schwanz zwischen den Beinen fortzuschleichen. Ein Bluff war einen Versuch wert. Was hatte der Brehon Morann einmal gesagt? »Ohne ein gewisses Ma? an Tauschung la?t sich kein gro?es Unternehmen durchfuhren.«

»Der Furst der Corco Loigde mag dir die Erlaubnis erteilt haben, aber diese Erlaubnis ist nicht rechtma?ig ohne die Zustimmung des Konigs in Cashel.«

»Cashel ist viele Meilen weit weg, Schwester«, spottete der Seemann. »Was der Konig von Cashel nicht wei?, daruber kann er nicht entscheiden.«

»Aber ich bin hier. Ich bin die Schwester von Colgu, dem Konig von Cashel. Und ich kann im Namen meines Bruders sprechen.«

Es herrschte Schweigen, wahrend der Seemann das verdaute. Sie horte, wie er schwer ausatmete.

»Nun gut, Lady«, antwortete er mit etwas mehr Respekt in der Stimme. »Was suchst du hier?«

»Ich will den Kapitan dieses Schiffes unter vier Augen sprechen.«

»Ich bin der Kapitan«, antwortete der Mann. »Komm nach achtern in meine Kajute.«

Fidelma sah Cass an.

»Warte hier auf mich, Cass. Es wird nicht lange dauern.«

Cass schien davon nicht gerade begeistert zu sein.

Der Seemann fuhrte sie zum Heck des Schiffes und in eine Kajute unter Deck. Sie war klein und eng und roch stark nach einem beengt lebenden Mann, Korpergeruch vermischte sich mit dem Gestank der Ollampen und anderen Geruchen, die sie nicht identifizieren konnte. Einen Moment bedauerte sie, da? sie nicht an der frischen Luft auf Deck mit dem Kapitan sprach, aber sie wollte den neugierigen Ohren der Matrosen und Krieger entgehen.

»Lady.« Der Kapitan deutete auf den einzigen Stuhl in der engen Kajute und warf sich auf ein Ende seiner Koje.

Fidelma lie? sich vorsichtig auf dem schmalen Holzstuhl nieder.

»Du hast einen Vorteil vor mir, Kapitan«, begann Fidelma, »Du kennst meinen Namen, aber ich wei? deinen nicht.«

Der Seemann grinste.

»Mugron. Ein passender Name fur einen Seemann.«

Fidelma mu?te ebenfalls lacheln. Der Name bedeutete »Seehundjunge«. Dann kam sie zu dem Grund ihres Besuchs zuruck.

»Also, Mugron, zuerst mochte ich wissen, warum du hier in der Bucht von Ros Ailithir bist.«

»Ich bin hier auf Befehl meines Konigs Fianamail von Laigin«, antwortete Mugron.

»Das erklart noch nichts. Bringst du Frieden oder Krieg?«

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