»Ich bin gekommen, um Abt Brocc von Ros Ai-lithir die Botschaft meines Konigs zu ubermitteln, da? er ihn fur den Tod seines Vetters, des Ehrwurdigen Dacan, verantwortlich macht.«

»Die Botschaft hast du ausgerichtet. Was suchst du hier noch?«

»Ich soll hier warten, um sicherzustellen, da? Brocc zu gegebener Zeit die Verantwortung ubernimmt. Mein Konig wunscht nicht, da? er aus Ros Ailithir verschwindet, bevor die Ratsversammlung des Gro?konigs in Tara zusammentritt. Der Brehon meines Konigs hat uns erklart, da? dies nach dem Pfandungsrecht zulassig ist. Wie ich schon sagte, habe ich die Erlaubnis Salbachs, hier zu ankern.«

Fidelma erinnerte sich an ein Gesetz, das sie schon halb vergessen hatte, und erkannte, da? Mugrons Schiff vom Standpunkt dieses Gesetzes aus legal hier vor Anker lag. Juristisch gesehen war das Schiff vor der Abtei, um Brocc zu zwingen, seine Verantwortung fur den Tod Dacans zuzugeben, auch wenn er die Tat nicht selbst begangen hatte; und bis der Gegenbeweis angetreten wurde, durfte das Schiff hier liegen. Das Gesetz ging sogar noch weiter und berechtigte Abt Noe als den nachsten Verwandten Dacans, ein rituelles Fasten gegen Brocc durchzufuhren, bis er seine Schuld anerkannte.

»Du hast Brocc die Botschaft uberbracht, als du hier ankamst. War das eine offizielle apad - die Ankundigung dieses Verfahrens?«

»Das war es«, bestatigte Mugron. »Es wurde entsprechend den Anweisungen des Brehons meines Konigs vollzogen.«

Fidelma pre?te argerlich die Lippen zusammen.

Sie hatte die Situation schon fruher erkennen mussen, als sie das Bundel verschlungener Weiden- und Espenzweige sah, das am Tor der Abtei hing. Dies war das Zeichen eines Pfandungsverfahrens gegen einen Klostervorsteher. Es war lange her, da? sie auf den als Di Chetharshlicht Athgabala bekannten Gesetzestext zuruckgreifen mu?te, der das komplizierte Vorgehen bei Pfandungen regelte. Sie erinnerte sich nur noch, da? man bei diesem Gesetz drei Fehler machen durfte, ohne eine Geldstrafe zahlen zu mussen, weil es so kompliziert war. Sie gestand sich als ihren ersten Fehler zu, da? sie das Pfandungsrecht vergessen hatte.

Das wettergebraunte Gesicht des Seemanns verzog sich spottisch, wahrend er ihr Mienenspiel beobachtete.

»Der Konig von Laigin achtet das Gesetz hoher als alles andere, Lady«, erklarte er mit sanfter Bosheit.

»Uber das Gesetz will ich auch mit dir reden, nachdem ich nun wei?, weshalb du hier bist«, entgegnete Fidelma lebhaft.

»Was soll ein einfacher Seemann wie ich schon vom Gesetz wissen?« konterte Mugron. »Ich tue, was mir befohlen wird.«

»Du hast zugegeben, da? du hier als Ausfuhrender des Gesetzes auftrittst, nach Anweisungen des Bre-hons deines Konigs«, erwiderte Fidelma rasch. »Dafur verstehst du genug vom Gesetz.«

Mugrons Augen weiteten sich, als er sah, da? sie sich nicht einschuchtern lie?, und dann grinste er. »Na gut. Woruber willst du mit mir sprechen?«

»Eine Glaubensschwester wurde neben deinem Schiff aus dem Wasser gezogen. Sie war tot.«

»Einer meiner Manner hat mir den Vorfall gemeldet«, bestatigte Mugron. »Es passierte kurz vor dem Dunkelwerden. Zwei Fischer hatten die Leiche in ihrem Netz. Sie ruderten damit zum Ufer.«

»Ihr haltet anscheinend gut Wache auf diesem Schiff. Hat niemand von deiner Mannschaft etwas Verdachtiges bemerkt? Kein Anzeichen dafur, da? die Leiche von den Felsen an der Landspitze ins Meer geworfen wurde?«

»Wir haben nichts gesehen. Wir haben wenig mit dem Land zu tun, au?er wenn wir mit Salbachs Erlaubnis von den Einheimischen frisches Fleisch und Gemuse einhandeln.«

»Und die Schwester war nie an Bord dieses Schiffes?«

Mugrons Gesicht wurde rot vor Arger.

»Schwester Eisten war nicht hier an Bord«, fauchte er. »Wer das behauptet, ist ein Lugner!«

Seine Reaktion gab Fidelma eine Chance.

»Und woher wei?t du, da? sie Eisten hie?? Ich habe es nicht erwahnt.« Ihre Stimme war messerscharf.

Mugron blinzelte.

»Du ...«

Sie unterbrach ihn mit einer Handbewegung.

»Treib kein Spiel mit mir, Mugron. Woher kennst du ihren Namen? Ich will die Wahrheit wissen.«

Mugron hob mit hilfloser Geste die Arme.

»Na schon, du sollst die ganze Wahrheit erfahren. Aber ich mochte mein Leben und mein Schiff nicht in Gefahr bringen. Behalten wir die Sache einstweilen unter uns.«

»Es gibt keine Gefahr, solange man die Wahrheit sagt«, versicherte ihm Fidelma.

Mugron stand auf, ging zur Kajutentur und rief: »Midnat«. Er setzte sich wieder. Einen Moment spater trat ein altlicher, bartiger Mann ein und gru?te seemannisch. Er war grauhaarig und sonnenverbrannt.

»Sag der Schwester hier deinen Namen und deine Stellung auf dem Schiff. Dann erzahl ihr, was passierte, als du heute an Land gingst.«

Der Alte drehte sich zu Fidelma um, nickte und entblo?te seine zahnlosen Gaumen.

»Ich hei?e Midnat, Lady. Ich bin hier der Schiffskoch. Ich ging heute an Land, um frisches Gemuse und Hafer fur die Mannschaft zu kaufen.«

»Wann war das?«

»Gerade als in der Abtei zum Mittagessen gelautet wurde.«

»Erzahl Schwester Fidelma, was passierte«, unterbrach ihn Mugron. »Genau so, wie du es mir erzahlt hast.«

Der Alte sah ihn uberrascht an.

»Von der ...?«

»Na los, Mann«, fuhr ihn Mugron an. »Erzahl ihr alles.«

Der Alte wischte sich uber Mund und Kinn.

»Also, ich gehe zu meinem Boot zuruck. Ich habe Gemuse gekauft, wei?t du. Also, ich gehe zuruck ... na, da ruft mich diese Schwester an und fragt mich, ob mein Kapitan zwei Passagiere auf die Reise mitnehmen kann.«

»Sie sprach von zwei Passagieren?« fragte Fidelma. »Was hat sie genau gesagt?«

»Ungefahr so: >He, Seemann, bist du von dem See-schiff?< sagt sie. Ich nicke. >Wieviel verlangt dein Kapitan fur die Uberfahrt von zwei Personen nach Britannien oder Gallien?< Da merke ich, da? sie mich fur einen von dem frankischen Schiff da druben halt. Dem gro?en Handelsschiff. Sie bietet, sagt sie, zwei screpall fur die Uberfahrt.«

Fidelma starrte ihn einen Moment verblufft an.

»Die Schwester bot solche wertvollen Silbermunzen?«

Midnat nickte nachdrucklich.

»Ich sage: >Wurd ich gerne nehmen, Schwester, aber ich bin blo? der Koch von dem Kriegsschiff da aus Laigin. Wenn du aus diesem Land raus willst, mu?t du dich an einen Seemann von dem frankischen Handelsschiff wenden, das auf der anderen Seite der Bucht ankert.< Kaum hab ich das gesagt, tritt sie zuruck, hat die Hand vor dem Mund und so gro?e Augen, als war ich der Teufel in Person. Dann dreht sie sich um und rennt weg.«

Der Mann schwieg und wartete, den Blick auf Fi-delmas Gesicht gerichtet.

»Ist das alles?« Fidelma war enttauscht.

»Es war genug«, meinte Midnat.

»Sie verschwand, und du hast sie nicht wieder gesehen?«

»Sie lief weg, das Ufer lang. Ich kehrte auf mein Schiff zuruck. Vor einer Weile dann, grade als es dunkel wird, hor ich Larm. Ich geh an Deck und will sehen, was los ist. Nicht weit weg holen zwei Fischer eine Leiche aus dem Wasser. Es ist dieselbe Schwester, die mir Geld fur die Uberfahrt geboten hat.«

Fidelma warf ihm einen durchdringenden Blick zu.

»Es war Dammerung, fast schon dunkel. Wie konntest du sicher sein, da? es dieselbe Schwester war?«

»Es war noch hell genug«, meinte der alte Koch, »und die Leiche der Schwester trug immer noch das merkwurdige Kreuz am Hals. Es war deutlich genug zu sehen, da? ich wu?te, da? ich so eins noch nie gesehen

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