»Dann mu?t du das vor der Ratsversammlung beweisen. Das durfte dir schwerfallen. Ich jedenfalls wei?, da? die Leute nicht lugen, genauso wie du wei?t, da? sie die Wahrheit sagen.«
Salbach lachte bitter.
»Uberlassen wir das der Entscheidung der Ratsversammlung des Gro?konigs. Dann steht mein Wort als das des Fursten der Corco Loigde. Mein Wort und meine Ehre. Und jetzt werde ich schweigen. Wir haben uns nichts mehr zu sagen.«
Fidelma erhob sich und warf einen raschen Blick auf ihren Bruder. Sie bemerkte die Enttauschung in seinen Augen.
»Ich habe nicht mehr erwartet, Salbach. Wir sehen uns morgen vor Gericht. Aber vorher solltest du dir alles noch einmal gut uberlegen, denn du bist verurteilt durch das Zeugnis der Manner, die du bezahlt hast. Ich gebe dir einen Spruch des Sokrates zum Nachdenken: >Falsche Worte sind nicht nur ubel an sich, sondern sie stecken die Seele mit dem Ubel an.< Wie angesteckt ist deine Seele vom Ubel, Salbach?«
»Er gibt absolut nichts zu«, sagte Colgu, als sie drau?en waren. »Wenn er das nicht tut, was dann? Selbst wenn du ihm seine Schuld nachweist, kann nicht Laigin trotzdem noch Cashel verantwortlich machen?«
»Ich hoffe, ich kann das Bild noch vervollstandigen, bevor die Versammlung zusammentritt«, antwortete Fidelma. »Jetzt brauche ich etwas Ruhe. Morgen wird ein langer Tag, und ich habe vieles zu bedenken.«
Es war lange nach der Completa, als Fidelma aus dem Schlaf auffuhr. Sie lag noch vollstandig angezogen auf ihrem Bett in dem dunklen Zimmer, so wie sie eingeschlafen war. Geweckt hatte sie ein Gedanke, der ihr plotzlich gekommen war. Sie stand auf und verlie? leise das Gastehaus.
Fidelma ging in die Abteikirche, die in volliger Dunkelheit lag. Nach dem letzten Gottesdienst des Tages waren alle Lichter geloscht worden. Sie zundete keine Lampe an, sondern bewegte sich vorsichtig im Dunkeln. Das blasse Mondlicht, das durch die hohen Fenster fiel, half ihr, ihren Weg zu finden. Behutsam naherte sie sich dem Hochaltar, ging um ihn herum und starrte auf die schattenhafte Grabplatte des heiligen Fachtna.
Sie war sich sicher, da? dies der Schlussel zur endgultigen Losung des Geheimnisses war, das ihr Gemut bedruckte.
Sie hatte die Grabplatte schon mehrere Minuten lang betrachtet, als ihr auffiel, das irgend etwas nicht stimmte. Die Platte lag ein wenig schief, lag im Winkel zur Ruckwand des Altars. Sie erinnerte sich deutlich, da? sie ursprunglich genau parallel dazu gelegen hatte.
Sie ging in die Knie und druckte dagegen.
Zu ihrer Uberraschung bewegte sich die Platte so leicht wie auf einer Gleitbahn. Plotzlich verursachte sie ein lautes Gerausch. Fidelma sah sich vorsichtig um. Im langen finsteren Innern der Kirche war nichts zu erkennen.
Sie ging zum Altar, nahm eine der hohen Talgkerzen herunter und bat Gott um Vergebung fur ihre Dreistigkeit, sie von Seinem heiligen Tisch zu entfernen. Dann kehrte sie zu der Platte zuruck, zundete die Kerze an und stellte sie auf den Boden. Sie kniete sich wieder hin und schob an der Platte. Sie bewegte sich noch ein Stuck und blieb dann wie an einem Hindernis hangen.
Enttauscht hielt Fidelma einen Augenblick inne. Wahrscheinlich gab es hier einen verborgenen Mechanismus, den sie entdecken mu?te.
Sie ging um die Platte herum und schob sie zuruck, als wolle sie die Gruft schlie?en.
In dem Moment wurde ihr die Funktionsweise des Mechanismus klar, denn sie sah, wie sich die kleine Statue des Cherub am Kopfende der Platte bewegte.
Rasch eilte Fidelma zu der Figur, packte sie und drehte sie in die entgegengesetzte Richtung.
Je weiter sie sie drehte, desto weiter wurde die Platte beiseite geschoben und gab eine gro?ere Offnung im Boden frei. Das flackernde Licht ihrer Kerze fiel auf Treppenstufen.
Sie nahm die Kerze und stieg vorsichtig die Treppe hinunter in die Gruft.
Sie gelangte in eine feucht und modrig riechende Krypta, die etwa sechs Meter unter dem Boden der Kirche lag. Der Raum war einfach, so weit sich das im Licht der Kerze erkennen lie?, und ungefahr zehn Meter lang und funf Meter breit. Gebaut war er wie eine verkleinerte Nachbildung der gro?en Kirche daruber, mit einer Steinplattform an einem Ende wie ein Hochaltar. Nur da? es kein Altar war, wie Fidelma feststellte, sondern ein steinerner Sarkophag mit einer Steinplatte als Deckel. Die Inschrift darauf war in Ogham und in lateinischen Buchstaben geschrieben und in Irisch und in Latein abgefa?t. Sie erklarte dem Leser, da? hier Fachtna, der Sohn des Mongaig, ruhte.
Sie entdeckte Kerzenhalter in der Grabstatte und besah sie sich neugierig. Der Talg war nicht kalt, wenn auch nicht mehr knetbar. Die Kerzen hatten gebrannt, und zwar vor noch nicht langer Zeit.
In einer Ecke sah sie ein Bundel Kleider liegen. Bei naherer Betrachtung erkannte sie auch ein paar Dek-ken, als ob jemand in dem Gewolbe geschlafen hatte. Daneben standen ein Krug Wasser und eine Schale mit Obst. Plotzlich fiel ihr auf der Schlafstatt ein Stuck Pergament ins Auge.
Ihr war sofort klar, da? dort die Dinge lagen, die aus ihrem
Endlich ordneten sich alle Einzelheiten und fugten sich zu einem Bild zusammen. Es war schade, da? Cass das nicht mehr miterlebte.
Ein Gerausch uber ihr lie? sie zusammenzucken.
Jemand war am Hochaltar in der Kirche und stand an der offenen Gruft.
Sie erkannte, da? ihr der Ruckweg in die Kirche jetzt versperrt war, wenn sie nicht entdeckt werden wollte. Sie ging rasch zu dem Sarkophag, um sich dahinter zu verbergen. Nun konnte sie Stimmen vernehmen.
»Seht euch das an«, horte sie eine bekannte Stimme. »Ich dachte, ich hatte euch gesagt, ihr sollt die Platte schlie?en, als wir gingen?«
Eine jungere Stimme, die sie als Cetachs erkannte, antwortete: »Ich dachte, ich hatte es getan, Bruder. Ich bin sicher, da? ich sie nicht so weit offen gelassen habe, wie sie jetzt ist.«
»Ganz gleich. Geht jetzt runter. Ich komme zur ublichen Zeit und lasse euch raus. Aber verhaltet euch morgen absolut ruhig, denn das Gericht wird direkt uber euch tagen. Keinen Ton. Denkt daran, beim Gottesdienst in der vorigen Woche habt ihr beinahe alles verraten. Ein Schrei, und sie finden den Weg hinunter zu euch. Und wenn sie ihn finden, dann werden wir es alle zu bereuen haben.«
Eine andere Kinderstimme begann schluchzend zu protestieren.
Die Stimme Cetachs ermahnte die jammernde Stimme, die sicherlich Cosrach gehorte.
»Es dauert nicht mehr lange«, sagte die erste Stimme in besanftigendem Ton. »Vater und ich werden euch in den nachsten Tagen von hier fortschaffen konnen.«
»Kommt Vater mit uns?« fragte Cetachs Stimme.
»Ja. Bald sind wir alle zu Hause in Osraige.«
Fidelma horte leise Schritte die Treppe herunterkommen. Es war wenig sinnvoll, die Sohne Illans zu diesem Zeitpunkt zu stellen. Sie mu?te noch ein paar Verbindungsstucke einpassen, bevor sie das Ratsel vollstandig losen konnte.
Zu ihrer Uberraschung fand sie hinter dem Sarkophag eine dunkle Offnung, und statt ihre Kerze zu loschen, was sie gerade tun wollte, ging sie in die Dunkelheit hinein. Es war ein Gang, der nach mehreren Windungen zu einer Steintreppe fuhrte, die steil emporstieg.
Neugierig folgte sie der Treppe bis zu ihrem Ende ungefahr eineinhalb Meter unter einer Felsdecke. Einen Moment glaubte sie sich in einer Sackgasse, doch dann bemerkte sie eine kleine Offnung, die sechzig Zentimeter breit und einen Meter lang war. Ein schwacher Lichtschein fiel hindurch. Jetzt loschte sie die Kerze wirklich und sah blasses Mondlicht. Vorsichtig lehnte sie sich durch die Offnung hinaus.
Vor Uberraschung stockte ihr der Atem, als sie erkannte, wo sie war.
Sie befand sich in einem runden Brunnenschacht. Im Halbdunkel entdeckte sie eiserne Sprossen, die sie leicht erreichen konnte. Ein paar Minuten spater kletterte sie uber die Brustung des Brunnens in den vom Mondlicht erhellten Krautergarten hinter der Abteikirche.
Eine kleine Weile sa? sie auf der runden Steinwand des Brunnens und lachelte zufrieden.
Nun kannte sie alle wesentlichen Einzelheiten. Jetzt kam es darauf an, sie zu sortieren und richtig zusammenzufugen.
Doch das hatte Zeit bis morgen, bis zur Ratsversammlung.
