Fidelma hielt wieder inne und betrachtete die erwartungsvollen Gesichter in der jetzt stillen Abteikirche.
»Sie befinden sich hier, hier in Ros Ailithir.«
Es erhob sich ein Gemurmel, manche begriffen wohl, worauf sie hinauswollte.
»Fianamail von Laigin schickte seinen besten Gelehrten nach Ros Ailithir, um die Genealogien zu studieren mit dem Ziel, den Erben Illans aufzuspuren. Dieser Gelehrte war kein anderer als Dacan, der Bruder des Abts Noe von Fearna und Vetter des Konigs Fianamail. Das moge Fianamail unter seinem heiligen Eid bestreiten!«
»Eine Frage!« rief Forbassach. »Ich habe das Recht, eine Frage zu stellen!«
Das gestand ihm der Oberrichter zu.
»Wenn der gegenwartige Konig von Osraige so begierig darauf war, die Erben Illans aufzuspuren, wie die Anwaltin fur Muman behauptet, warum schickte er dann nicht selbst einen Gelehrten, um in den Aufzeichnungen nachzuforschen, die sich hier, auf dem Gebiet seiner eigenen Familie, befinden? Das hatte er doch mit Leichtigkeit tun konnen.«
»Die einfache Antwort darauf lautet, da? er oder vielmehr seine Familie das auch taten«, erwiderte Fidelma gelassen. »Doch ich habe Fianamail aufgefordert, zu bestreiten, da? Dacan in seinem Auftrag zu diesem Zweck hierher entsandt wurde. Ich erwarte eine Antwort.«
Forbassach wandte sich um und wechselte ein paar hastige Worte mit Fianamail und dem finster blickenden Abt Noe. Der Oberrichter rausperte sich bedeutungsvoll. Forbassach erhob sich und sagte: »Welche Forschungen Dacan auch betrieben haben mag, das andert nichts an der Tatsache, da? er ermordet worden ist und da? die Verantwortung fur seinen Tod beim Abt liegt und in letzter Instanz beim Konig von Muman.«
Seine Stimme war fest, doch sie klang weniger zuversichtlich als bei seiner Eroffnungsrede.
»Das gilt nicht«, erwiderte Fidelma mit Nachdruck, »wenn der Zweck von Dacans Aufenthalt hier ein anderer war als der, den er angegeben hatte.«
Diesmal war es der
»Wenn dies die Grundlage deines Gegenpladoyers ist, Schwester Fidelma, dann rat man mir gerade, dich zu warnen, da? deine Verteidigung auf schwachen Fu?en steht. Dacan erklarte, er wolle in Ros Ailithir forschen und unterrichten, und unter dieser Bedingung wurde ihm die Gastfreundschaft des Konigs von Cashel und des Abts von Ros Ailithir gewahrt. Die Tatsache, da? er die genaue Zielrichtung seiner Forschungen nicht angab, schlie?t ihn nicht vom gesetzlichen Schutz aus. Schlie?lich stellte er ja Forschungen an.«
»Dem mu?te ich widersprechen«, antwortete Fidelma, »aber ich stutze mein Pladoyer ja bekanntlich auf zwei Punkte. Lassen wir den ersten fur den Augenblick auf sich beruhen. Ich werde spater beweisen, da? ich auch damit die Schuld des Abts und des Konigs von Muman zuruckweisen kann. Doch zunachst haben wir wichtigere Dinge zu klaren, namlich, wer Dacans Morder war.«
Wieder begannen die Zuhorer miteinander zu flustern. Barrans Augen verengten sich, als er sich vorbeugte und durch Klopfen mit seinem Amtsstab Ruhe gebot.
»Willst du damit sagen, da? du ihn kennst?« wollte er wissen.
Fidelma antwortete mit einem geheimnisvollen Lacheln.
»Darauf komme ich gleich. Vorher mu? ich noch ein paar andere Dinge erlautern.«
Mit einer ungeduldigen Geste forderte Barran sie zum Weitersprechen auf.
»Wie ich schon sagte, Dacan kam allein mit dem Ziel nach Ros Ailithir, die Genealogie Illans zu erforschen. Zu seiner Uberraschung stellte er fest, da? seine fruhere Ehefrau, Grella aus der Abtei Cealla, hier als Bibliothekarin arbeitete. Er hielt das fur einen Glucksfall, denn Grella stammte aus Osraige, und ihre Beziehung zu Dacan hatte nicht in Feindschaft geendet. So erbat Dacan ihre Hilfe, um die Aufzeichnungen zu bekommen, die er brauchte. Sie half ihm gern, weil auch sie daran interessiert war, die Erben Illans zu finden. Leider waren ihre Grunde fur dieses Interesse nicht dieselben wie die ihres fruheren Gatten.«
Wieder entstand Bewegung in den Banken hinter Fidelma.
Barran hob den Kopf und forderte Ruhe, wahrend sein
Schwester Grella hatte sich erhoben, ihr Gesicht war gerotet vor Wut und Erregung.
»Schwester Grella, setz dich!« befahl Barran, dessen
»Ich setze mich nicht hin, und ich lasse mich nicht beleidigen!« schrie Grella hysterisch, »und ich lasse mich auch nicht zu Unrecht anklagen.«
»Hat Schwester Fidelma dich beleidigt?« fragte der Oberrichter. »Ich habe nichts davon gehort. Wenn ja, dann erklare mir bitte, womit sie dich beleidigt hat? Warst du mit Dacan von Fearna verheiratet oder nicht?«
»Mugron, der Kapitan des Kriegsschiffs von Laigin, ist bereit, das zu bezeugen«, warnte Fidelma sie rasch und wies auf den Platz in den Banken von Laigin, wo der Seemann sa?.
»Ich war mit Dacan verheiratet, aber ...«, gestand Grella.
»Die Ehe endete mit einer Scheidung?« unterbrach sie der Oberrichter.
»Ja.«
»Als Dacan nach Ros Ailithir kam, wu?te er da, da? du die Bibliothekarin der Abtei warst?«
»Nein.«
»Aber er bat dich um Hilfe bei seinen Forschungen?«
»Ja.«
»Und du hast sie gern geleistet?«
»Ja.«
»Hattest du die gleichen Motive fur diese Nachforschungen wie Dacan?«
Grella wurde rot und senkte den Kopf.
»Dann hat Fidelma dich auch nicht beleidigt«, erklarte Barran, der das als Antwort nahm. »Setz dich, Schwester Grella, damit du nicht mit deiner Feindseligkeit dieses Gericht beleidigst.«
»Aber ich wei?, da? diese Frau behaupten wird, ich hatte Dacan getotet! Sie spielt Katze und Maus mit mir! Soll sie mich doch offen beschuldigen!«
»Beschuldigst du Schwester Grella des Mordes an Dacan?« fragte der Oberrichter Fidelma.
»Ich glaube, ich kann das alles erklaren, Barran, indem ich Salbach, den Fursten der Corco Loigde, vernehme.«
»Wenn du Beschuldigungen erhebst, Fidelma, dann mu?t du sie auch beweisen«, warnte Barran sie.
»Dazu bin ich bereit.«
Barran winkte einem der Krieger der
»Salbach von den Corco Loigde«, begann Fidelma, »du stehst vor dieser Versammlung bereits unter der Anschuldigung, fur die Handlungen deines
Salbach hob herausfordernd den Kopf, erwiderte aber nichts.
»Du bestreitest die Anschuldigungen nicht?« fragte der Oberrichter.
Salbach sagte immer noch nichts.
Barran seufzte tief.
»Du mu?t nicht antworten, doch das Gericht wird seine Schlu?folgerungen aus deinem Schweigen ziehen. Wenn du den Vorwurfen nichts entgegnest, mussen wir sie als wahr ansehen, und ihnen wird eine entsprechende Strafe folgen.«
»Ich bin bereit, die Strafe auf mich zu nehmen«, erklarte Salbach. Offensichtlich hatte er die Starke der Beweise gegen ihn erwogen und sah keinen anderen Ausweg, als seine Schuld einzugestehen.
»Ist Schwester Grella auch bereit, ihre Strafe auf sich zu nehmen?« fragte Fidelma in der Hoffnung, da? sie Salbachs Gefuhle fur die Bibliothekarin richtig einschatzte. Wenn Salbach sich mit seiner Strafe abfand, war er dann vielleicht auch bereit, sie Grella zuzumuten?
»Sie ist keines der Verbrechen schuldig, die man mir zur Last legt«, sagte er ruhig. »La?t sie frei.«
»Aber Schwester Grella war deine Geliebte, nicht wahr, Salbach?«
»Das habe ich zugegeben.«
