ihrer Verantwortung nach dem Gesetz der Gastfreundschaft.«
Laute der Emporung kamen von den Banken Laigins, und aus dem Augenwinkel sah sie, wie sich Abt Noe bleich vor Arger vorbeugte und sie in kaum beherrschtem Zorn anstarrte.
»Zweitens«, fuhr Fidelma ungeruhrt fort, »wenn die Identitat des Morders Dacans enthullt wird und es sich herausstellt, da? er nicht der Familie des Konigs von Cashel angehort und ihm auch nicht in einem Treueverhaltnis untersteht, dann besitzt der Anwalt von Laigin kein Recht, einen Anspruch gegen Cashel zu erheben. Darauf lauft mein Pladoyer hinaus.«
Forbassach war aufgestanden.
»Ich erhebe Einspruch gegen dieses Pladoyer. Das erste Argument stellt eine Beleidigung eines mildherzigen und frommen Gelehrten dar. Ein gottesfurchti-ger Mann, der sich jetzt nicht mehr wehren kann, wird der Luge bezichtigt. Das zweite Argument ist eine blo?e Behauptung, die durch keinerlei Beweise gestutzt wird.«
Barrans Miene war sehr ernst geworden.
»Du bist erfahren in der Verhandlungsweise der Gerichte, Schwester Fidelma. Daher gehe ich davon aus, da? du fur das, was du sagst, Beweise hast?«
»Die habe ich. Aber ich mu? um deine Nachsicht bitten, weil dies eine lange und komplizierte Geschichte ist und ich etwas Zeit brauche, um sie dem Gericht darzulegen.«
Sie hielt inne und schaute mit fragendem Blick den Oberrichter an. Barran gab ihr das Zeichen fortzufahren.
»Als mein Bruder Colgu mich bat, den Mord an Dacan zu untersuchen, ahnte ich nicht, was fur einen langen und gewundenen Pfad ich zu gehen hatte. Bevor ich sein Ende erreichte, war nicht nur Dacan tot, sondern noch viele andere verloren ihr Leben: Cass aus der Leibgarde der Konige von Cashel, den mein Bruder mir zu meinem Schutz mitgegeben hatte, Schwester Eisten, zwei Nonnen, die im Waisenhaus von Molua arbeiteten, Molua selbst und seine Frau und zwanzig unschuldige kleine Kinder. Dazu kommen noch andere Tote in Rae na Scrine, die niemand gezahlt hat.«
Forbassach war aufgesprungen und erhob erneut Einspruch.
»Wir verhandeln hier uber den Mord an Dacan und keinen anderen«, rief er zornig. »Das Heranziehen anderer Todesfalle ist lediglich ein Ablenkungsmanover, mit dem Fidelma den klaren Anspruch Laigins vernebeln will.«
Barran sah den Anwalt Laigins stirnrunzelnd an.
»Du setzt dich wieder, Forbassach, und du wirst verwarnt. Habe ich nicht die sechzehn Kennzeichen eines schlechten Pladoyers aufgezahlt? Warte ab, bis die
Forbassach sank verargert auf seinen Platz zuruck.
»Ich fahre fort«, sagte Fidelma ruhig. »Es war wirklich eine komplizierte Angelegenheit. Ihre Wurzeln reichen Jahrhunderte zuruck in den Streit um das Konigreich Osraige. In den letzten Jahrhunderten hat Laigin immer wieder gefordert, da? Osraige in seinen Herrschaftsbereich zuruckkehren solle, und jedesmal haben die Brehons der funf Konigreiche in den Ratsversammlungen entschieden, da? es bei der einmal beschlossenen Abtretung an Muman bleibt.
Osraige ist in den letzten zweihundert Jahren von Konigen aus dem Stamm der Corco Loigde regiert worden. Dazu kam es, weil der heilige Ciaran von Saighir, dessen Vater aus Osraige und dessen Mutter von den Corco Loigde stammte, seine eigene Familie als Konige einsetzte, nachdem er das Volk von Osrai-ge zum Glauben bekehrt hatte. Seitdem leiden die Nachkommen der ursprunglichen Fursten von Osrai-ge unter dieser Ungerechtigkeit. Mehrere Konige von Osraige aus dem Stamm der Corco Loigde sind bei Kampfen in dem umstrittenen Land getotet worden.
Es liegt auf der Hand, da? Laigin, dessen erklartes Ziel es in all diesen Jahren war, Osraige zuruckzubekommen, diese Auseinandersetzungen aufmerksam verfolgt und moglicherweise auch ermutigt hat.«
Von den Banken der Vertreter Laigins erscholl ein ganzer Chor zorniger Rufe. Viele standen auf und drohten Fidelma mit der Faust.
Der Oberrichter schlug mit seinem Amtsstab auf den Tisch und gebot Ruhe.
Forbassach war aufgesprungen, doch Barran sah ihn durchdringend an, so da? er sich wortlos wieder hinsetzte.
»Ich mu? die Vertreter Laigins warnen, da? es ihrer Sache nicht hilft, wenn sie ihren Unmut in dieser Weise au?ern.« Dann wandte er sich an Fidelma. »Und dich mu? ich daran erinnern, Schwester Fidelma, da? eine Strafe von einem
Fidelma neigte den Kopf.
»Ich bereue, Barran. Ich hatte nicht gedacht, da? meine Worte solchen Zorn erregen, ich glaubte nicht einmal, da? sie bestritten wurden. Denn was ich gesagt habe, ist allgemein bekannt.«
An dieser Stelle lehnte sich der Gro?konig zu seinem Oberrichter hinuber und flusterte ihm etwas zu. Der Oberrichter nickte kurz und wies Fidelma an, mit ihrem Pladoyer fortzufahren.
»Der Kampf um das Konigreich Osraige entwickelte sich im vorigen Jahr zu einem Kampf zwischen Scandlan, dem Vetter Salbachs von den Corco Loigde, und Illan, einem Nachkommen der Linie der ursprunglichen Konige. Vor mehr als einem Jahr wurde Illan von Scandlan getotet.«
Diesmal kam die Storung von den Banken von Muman. Ein stammiger Mann mit rotem Gesicht hatte sich mit zorniger Miene erhoben. Mit seiner rotblonden Mahne und seinem buschigen Bart stand er da wie ein in die Enge getriebener Bar.
»Ich verlange das Wort!« rief er. »Ich bin Scandlan, der Konig von Osraige.«
»Setz dich hin!« Der machtige Ba? des Oberrichters ubertonte das Gemurmel, das durch die Kirche lief. »Als Konig kennst du doch wohl die Verfahrensregeln dieser Ratsversammlung?«
»Mein Name wird besudelt!« protestierte der Furst. »Habe ich da nicht das Recht, auf die Beschuldigung zu antworten?«
»Bisher hat dich niemand beschuldigt«, erklarte Fidelma. »Was habe ich Verkehrtes gesagt?«
Der Gro?konig flusterte wieder mit dem Oberrichter. Fidelma sah, wie ein Lacheln die Lippen des Gro?konigs umspielte.
»Nun gut«, meinte der Oberrichter. »Ich werde Scandlan jetzt eine Frage stellen. Konig von Osraige, hast du Illan getotet?«
»Naturlich habe ich das«, fuhr der Rotblonde auf. »Es ist mein Recht als Konig, mich zu verteidigen, und Illan befand sich im Aufstand gegen mich und ...«
Der Oberrichter hob die Hand und gebot Ruhe.
»Demnach hat Schwester Fidelma lediglich die Wahrheit ausgesprochen. Sie hat dir bisher keine niedrigen Motive unterstellt. Wir werden dich spater anhoren, falls einer der gelehrten Anwalte dich als Zeugen aufruft. Bis dahin wirst du das Verfahren nicht mehr unterbrechen.«
Er sah Fidelma an und gab ihr zu verstehen, sie moge fortfahren.
»Der Tod Illans bedeutete nicht das Ende der Auseinandersetzungen. Illan hatte Nachkommen, die zu dem Zeitpunkt noch nicht das Alter der Wahl erreicht hatten, in dem sie ihre Anspruche offiziell dem Volk vorlegen konnten. Das Problem bestand darin, da? anscheinend niemand die Nachkommen Illans kannte, es hie? aber, er habe mehrere Kinder. Sie waren alle zu Pflegeeltern au?erhalb von Osraige gegeben worden bis zu der Zeit, da der alteste von ihnen mundig wurde und sich mit seinem Anspruch an das Volk wenden konnte.
Es gab zwei Personen, die sich fur die Erben Illans interessierten. Scandlan war die eine, weil er wu?te, da? fruher oder spater diese Erben ihm das Konigtum von Osraige erneut streitig machen wurden. Die andere war Fianamail von Laigin. Er meinte, wenn die Erben gefunden und in ihrem Kampf um den Sturz Scandlans unterstutzt werden konnten, dann gewanne Laigin Einflu? auf die Zukunft von Osraige und konne es spaterhin in seinen Herrschaftsbereich zuruckfuhren.«
Sie legte eine erwartungsvolle Pause ein, aber diesmal gab es keinen Aufruhr.
»Doch die Erben Illans waren verschwunden. Die Frage war, wie man herausfinden konnte, wer sie waren und wo sie sich aufhielten. Ein Weg zu ihrer Entdeckung, so glaubte man, bestunde darin, die Genealogien von Osraige zu untersuchen. Da die Corco Loigde in Osraige herrschten, waren es ihre Schreiber, die die genauen Genealogien und Chroniken verfa?t hatten. Und wo werden diese Genealogien aufbewahrt?«
