Kapitel 19
Fur die gro?e Ratsversammlung des Gro?konigs war die Abteikirche selbst in den
Links neben ihm auf dem Podium sa? sein personlicher
Neben dem Gro?konig sa? Ultan, Erzbischof von Armagh und Oberster Apostel des Glaubens in den funf Konigreichen, ein murrischer alterer Mann mit wirrem wei?em Haar. Er stand im Ruf, die romische Richtung in der Kirche zu unterstutzen, und hatte sich wiederholt dafur ausgesprochen, da? das Kirchenrecht das weltliche Recht in den funf Konigreichen ablosen solle.
Unmittelbar vor dieser imponierenden Reihe von Personlichkeiten war ein kleines Pult in der Art eines
Im Querschiff rechts vom Hochaltar waren die Banke von den Vertretern Laigins besetzt, gefuhrt von ihrem leidenschaftlichen jungen Konig Fianamail und seinen Ratgebern. Fidelma hatte auch schon den grimmigen, graugesichtigen Abt Noe von Fearna erspaht. Und vorn neben dem Konig erkannte sie den hageren, blassen Forbassach, der den Anspruch Laigins vortragen wurde.
Fidelmas Bruder Colgu und seine Berater fullten die Banke im Querschiff links vom Hochaltar. Fidelma als ihr
Das breite Langsschiff der Kirche war gedrangt voll von Zuschauern aller Art und jeden Standes. Ihre Menge erzeugte trotz der Gro?e und der Ausma?e des hohen Gebaudes eine stickige, bedruckende Luft. Fidelma fielen einige Krieger des Gro?konigs auf, seine
Barran, der Oberrichter, klopfte mit seinem Amtsstab auf den holzernen Tisch vor sich und gebot Ruhe. Damit war die Versammlung eroffnet.
Das Stimmengemurmel ebbte langsam ab und machte einer erwartungsvollen Stille Platz.
»Es sei kund und zu wissen, da? es drei Mittel gibt, die Weisheit aus einem Gerichtshof zu verbannen«, sprach der Oberrichter die rituellen Eroffnungsworte. Seine Stimme war tief und machtig und fullte den gesamten Kirchenraum aus. Seine hellen Augen funkelten, als er sich drohend umsah. »Das erste Mittel ist ein unkundiger Richter, das zweite ist ein Pladoyer ohne Sinn und Verstand, und das dritte ist ein geschwatziger Gerichtshof.«
Darauf erhob sich Erzbischof Ultan langsam und erbat mit seiner dunnen, monotonen Stimme Gottes Segen fur das Gericht und seine Verhandlung.
Nachdem Ultan sich wieder gesetzt hatte, rief der Oberrichter die Anwalte beider Seiten auf, sich zu erheben und sich vorzustellen. Als sie das getan hatten, erinnerte er sie an die Verfahrensregeln und an die sechzehn Kennzeichen eines schlechten Pladoyers. Fur jeden dieser sechzehn Versto?e konnte ein Anwalt mit einer Geldstrafe von einem
»Denkt daran, da? es drei Turen gibt, durch die die Wahrheit Eingang in dieses Gericht finden kann: ein geduldiges Fur und Wider in den Pladoyers, eine gesicherte Beweisfuhrung und das Vertrauen auf Zeugen«, riet Barran den Anwalten dem Brauch gema?.
Forbassach trat vor an das
Dennoch war Dacan in Ros Ailithir auf die schrecklichste Weise ermordet worden. Der Morder war nicht entdeckt worden, deshalb trugen der Abt und in letzter Instanz der Konig von Muman die Verantwortung fur das Verbrechen. Der Konig war fur die Sicherheit Da-cans verantwortlich, erstens, weil er Dacan in seinem Konigreich willkommen gehei?en hatte, und zweitens, weil der Abt sein Verwandter und der Konig das Oberhaupt der Familie war und damit haftbar fur alle Strafen, die uber die Familie verhangt wurden. So lautete das Gesetz. Und dieses Gesetz legte genau das Strafma? fest. Fur jeden Todesfall betrug die Strafe sieben
Als vor mehreren Jahrhunderten der Gro?konig Edirsceal von Muman ermordet worden war, hatten der Oberrichter und seine Ratsversammlung entschieden, der Suhnepreis fur Edirsceal bestehe darin, da? das Konigreich Osraige an Muman abzutreten sei. Nun verlange Laigin, da? Osraige ihm als Suhnepreis fur Dacans Tod zuruckgegeben werde.
Fidelma sa? wahrend Forbassachs Pladoyer mit gesenktem Kopf da. Es enthielt nichts Neues, und er trug seine Worte in einer gema?igten, leidenschaftslosen und klaren Weise vor, so da? ihm das Gericht muhelos folgen konnte.
Mit einem Blick selbstzufriedener Genugtuung in Fidelmas Richtung kehrte Forbassach zu seinem Platz zuruck. Fidelma sah, wie Konig Fianamail sich vorbeugte und seinem Anwalt lachelnd und anerkennend auf die Schulter klopfte.
»Fidelma von Kildare«, wandte sich Barran den Banken von Muman zu, »willst du jetzt das Pladoyer fur Muman halten?«
»Nein«, sagte sie mit lauter Stimme und sah eine Welle des Erstaunens durch das Gericht laufen. »Ich bin hier, um ein Pladoyer fur die Wahrheit zu halten.«
Ein zorniges Gemurmel erhob sich, besonders von den Banken von Laigin, wahrend Fidelma aufstand und zu der Tribune vor dem Oberrichter ging. Barran schien nicht gerade begeistert von ihrer dramatischen Eroffnung.
»Ich nehme an, du willst damit nicht sagen, da? wir soeben absichtliche Lugen gehort haben?« In seiner Stimme lag eine gefahrliche Kalte.
»Nein«, erwiderte Fidelma ruhig. »Doch wir haben auch nicht die ganze Wahrheit gehort, sondern nur einen so kleinen Teil davon, da? auf der Basis dieser Beweisfuhrung kein sicheres Urteil moglich ist.«
»Worin besteht die Argumentation deines Gegenpladoyers?«
»Sie besteht aus zwei Elementen, Barran. Erstens, der Ehrwurdige Dacan war nicht ehrlich bei der Angabe seiner Vorhaben, als er nach Muman kam. Dieser Mangel an Ehrlichkeit entlastet sowohl den Konig wie den Abt von
