Kapitel 19

Fur die gro?e Ratsversammlung des Gro?konigs war die Abteikirche selbst in den Dal, den Gerichtshof, verwandelt worden. Das Gebaude wimmelte von Menschen, geistlichen wie weltlichen, die sich durch die Turen hineindrangten. Der Anla? galt als bedeutungsvoll, denn seit Menschengedenken hatte kein Gro?konig mehr eine Ratsversammlung au?erhalb seines personlichen Herrschaftsbereichs Meath abgehalten. Auf einem eigens errichteten Podium vor dem Hochaltar sa? der Oberrichter der funf Konigreiche von Eireann. Er war der einzige, der uber so viel Einflu? verfugte, da? selbst der Gro?konig in den gro?en Ratsversammlungen erst sprechen durfte, wenn er gesprochen hatte. Fidelma hatte Barran noch nie gesehen und hatte gern gewu?t, was fur ein Mensch er war. Barran hatte helle, furchtlose Augen, ein strengen, schmallippigen Mund und eine vorspringende Nase. Sein Alter war vollig unbestimmt.

Links neben ihm auf dem Podium sa? sein personlicher ollamh, ein gelehrter Anwalt, den er in juristischen Fragen konsultieren konnte, und dahinter hatten ein Sekretar und sein Assistent ihren Platz, die das Protokoll fuhrten. Rechts vom Oberrichter sa? der Gro?konig selbst, Sechnassach, Herr von Meath und Gro?konig von Irland. Er war ein hagerer Mann in den Drei?igern mit einem finsteren Gesicht und dunklem Haar. Fidelma wu?te von ihren Erlebnissen in Tara, da? Sechnassach nicht der strenge, autoritare Herrscher war, fur den man ihn halten konnte. Er war ein nachdenklicher Mensch mit einem trockenen Humor. Sie fragte sich, ob er sich noch erinnerte, da? er ohne ihre Hilfe bei der Aufdeckung des Diebstahls des Kronschwerts vielleicht gar nicht Gro?konig geworden ware. Dann schamte sie sich fur diesen Gedanken. Als konnte personliche Dankbarkeit den Gro?konig zu ihren Gunsten beeinflussen.

Neben dem Gro?konig sa? Ultan, Erzbischof von Armagh und Oberster Apostel des Glaubens in den funf Konigreichen, ein murrischer alterer Mann mit wirrem wei?em Haar. Er stand im Ruf, die romische Richtung in der Kirche zu unterstutzen, und hatte sich wiederholt dafur ausgesprochen, da? das Kirchenrecht das weltliche Recht in den funf Konigreichen ablosen solle.

Unmittelbar vor dieser imponierenden Reihe von Personlichkeiten war ein kleines Pult in der Art eines cos-na-ddla aufgebaut als eine Rednertribune, von der aus jeder ddlaigh oder Anwalt sein Pladoyer halten sollte.

Im Querschiff rechts vom Hochaltar waren die Banke von den Vertretern Laigins besetzt, gefuhrt von ihrem leidenschaftlichen jungen Konig Fianamail und seinen Ratgebern. Fidelma hatte auch schon den grimmigen, graugesichtigen Abt Noe von Fearna erspaht. Und vorn neben dem Konig erkannte sie den hageren, blassen Forbassach, der den Anspruch Laigins vortragen wurde.

Fidelmas Bruder Colgu und seine Berater fullten die Banke im Querschiff links vom Hochaltar. Fidelma als ihr dalaigh sa? neben ihrem Bruder und wartete darauf, zum cos-na- dala gerufen zu werden, um ihr Pladoyer fur das Konigreich von Cashel zu halten.

Das breite Langsschiff der Kirche war gedrangt voll von Zuschauern aller Art und jeden Standes. Ihre Menge erzeugte trotz der Gro?e und der Ausma?e des hohen Gebaudes eine stickige, bedruckende Luft. Fidelma fielen einige Krieger des Gro?konigs auf, seine fianna oder Leibwache. Sie waren uberall an den wichtigsten Punkten in der Kirche postiert und die einzigen Bewaffneten, die Zutritt zu der Versammlung hatten. Die Krieger Colgus und Fianamails mu?ten in ihren Quartieren au?erhalb der Mauern der Abtei bleiben.

Barran, der Oberrichter, klopfte mit seinem Amtsstab auf den holzernen Tisch vor sich und gebot Ruhe. Damit war die Versammlung eroffnet.

Das Stimmengemurmel ebbte langsam ab und machte einer erwartungsvollen Stille Platz.

»Es sei kund und zu wissen, da? es drei Mittel gibt, die Weisheit aus einem Gerichtshof zu verbannen«, sprach der Oberrichter die rituellen Eroffnungsworte. Seine Stimme war tief und machtig und fullte den gesamten Kirchenraum aus. Seine hellen Augen funkelten, als er sich drohend umsah. »Das erste Mittel ist ein unkundiger Richter, das zweite ist ein Pladoyer ohne Sinn und Verstand, und das dritte ist ein geschwatziger Gerichtshof.«

Darauf erhob sich Erzbischof Ultan langsam und erbat mit seiner dunnen, monotonen Stimme Gottes Segen fur das Gericht und seine Verhandlung.

Nachdem Ultan sich wieder gesetzt hatte, rief der Oberrichter die Anwalte beider Seiten auf, sich zu erheben und sich vorzustellen. Als sie das getan hatten, erinnerte er sie an die Verfahrensregeln und an die sechzehn Kennzeichen eines schlechten Pladoyers. Fur jeden dieser sechzehn Versto?e konnte ein Anwalt mit einer Geldstrafe von einem sed belegt werden, einer Goldmunze, die dem Wert einer Milchkuh entsprach. Diese Strafe wurde fallig, wenn die Anwalte einander beschimpften, die Zuschauer zur Gewalt anstachelten, sich in Eigenlob ergingen, grobe Worte wahlten, den Anordnungen des Gerichts nicht nachkamen oder grundlos das Thema ihres Pladoyers wechselten. Dann erklarte Barran, da? die Verhandlung beginnen konne.

»Denkt daran, da? es drei Turen gibt, durch die die Wahrheit Eingang in dieses Gericht finden kann: ein geduldiges Fur und Wider in den Pladoyers, eine gesicherte Beweisfuhrung und das Vertrauen auf Zeugen«, riet Barran den Anwalten dem Brauch gema?.

Forbassach trat vor an das cos-na-ddla, denn da Laigin Entschadigung fur einen Todesfall verlangte, stand ihm das Recht zu, als erster seine Argumente vorzutragen. Er tat es einfach und ohne Theatralik. Der Ehrwurdige Dacan, ein Mann aus Laigin, habe das Gastrecht beim Konig von Muman genossen, so sagte er, denn dieser habe ihm die Erlaubnis erteilt, sich in seinem Konigreich aufzuhalten und in der Abtei Ros Ailithir sowohl zu forschen als auch zu unterrichten. Es liegt in der unmittelbaren Verantwortung des Abts, fur die Sicherheit aller zu sorgen, die er in sein Haus aufnimmt.

Dennoch war Dacan in Ros Ailithir auf die schrecklichste Weise ermordet worden. Der Morder war nicht entdeckt worden, deshalb trugen der Abt und in letzter Instanz der Konig von Muman die Verantwortung fur das Verbrechen. Der Konig war fur die Sicherheit Da-cans verantwortlich, erstens, weil er Dacan in seinem Konigreich willkommen gehei?en hatte, und zweitens, weil der Abt sein Verwandter und der Konig das Oberhaupt der Familie war und damit haftbar fur alle Strafen, die uber die Familie verhangt wurden. So lautete das Gesetz. Und dieses Gesetz legte genau das Strafma? fest. Fur jeden Todesfall betrug die Strafe sieben cumals, den Gegenwert von einundzwanzig Milchkuhen. Das war die grundsatzliche Strafe. Aber wie war es mit dem Suhnepreis fur Dacan? Er war ein Vetter des Konigs von Laigin. Er war ein Mann des Glaubens, der in allen funf Konigreichen von Eireann fur seine Wohltatigkeit und seine Gelehrsamkeit bekannt war.

Als vor mehreren Jahrhunderten der Gro?konig Edirsceal von Muman ermordet worden war, hatten der Oberrichter und seine Ratsversammlung entschieden, der Suhnepreis fur Edirsceal bestehe darin, da? das Konigreich Osraige an Muman abzutreten sei. Nun verlange Laigin, da? Osraige ihm als Suhnepreis fur Dacans Tod zuruckgegeben werde.

Fidelma sa? wahrend Forbassachs Pladoyer mit gesenktem Kopf da. Es enthielt nichts Neues, und er trug seine Worte in einer gema?igten, leidenschaftslosen und klaren Weise vor, so da? ihm das Gericht muhelos folgen konnte.

Mit einem Blick selbstzufriedener Genugtuung in Fidelmas Richtung kehrte Forbassach zu seinem Platz zuruck. Fidelma sah, wie Konig Fianamail sich vorbeugte und seinem Anwalt lachelnd und anerkennend auf die Schulter klopfte.

»Fidelma von Kildare«, wandte sich Barran den Banken von Muman zu, »willst du jetzt das Pladoyer fur Muman halten?«

»Nein«, sagte sie mit lauter Stimme und sah eine Welle des Erstaunens durch das Gericht laufen. »Ich bin hier, um ein Pladoyer fur die Wahrheit zu halten.«

Ein zorniges Gemurmel erhob sich, besonders von den Banken von Laigin, wahrend Fidelma aufstand und zu der Tribune vor dem Oberrichter ging. Barran schien nicht gerade begeistert von ihrer dramatischen Eroffnung.

»Ich nehme an, du willst damit nicht sagen, da? wir soeben absichtliche Lugen gehort haben?« In seiner Stimme lag eine gefahrliche Kalte.

»Nein«, erwiderte Fidelma ruhig. »Doch wir haben auch nicht die ganze Wahrheit gehort, sondern nur einen so kleinen Teil davon, da? auf der Basis dieser Beweisfuhrung kein sicheres Urteil moglich ist.«

»Worin besteht die Argumentation deines Gegenpladoyers?«

»Sie besteht aus zwei Elementen, Barran. Erstens, der Ehrwurdige Dacan war nicht ehrlich bei der Angabe seiner Vorhaben, als er nach Muman kam. Dieser Mangel an Ehrlichkeit entlastet sowohl den Konig wie den Abt von

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