konnten ihre tiefe Trauer uber den Tod von Cass nicht lindern. Es gab noch so vieles, wofur er hatte leben sollen, so vieles, was er hatte lernen sollen. Sie fuhlte sich zutiefst schuldig, weil ihr Eigensinn zu seinem Tod gefuhrt hatte. Hatte sie auf seine Warnung gehort und sich nicht sofort auf die Suche nach Sal-bach gemacht, dann konnte er noch am Leben sein.
Sie bedauerte, in ihren Diskussionen so hart mit ihm umgegangen zu sein, und klagte sich der Sunde der Eitelkeit an, weil sie stolz auf ihre geistige Uberlegenheit gewesen war. Doch dazwischen fragte eine leise Stimme in ihrem Inneren, ob sie um Cass trauerte oder ihre eigene Sterblichkeit beweinte. Diese hartnackige leise Stimme verursachte ihr Unbehagen. Ihr fiel ein Zitat aus ihrem Griechischunterricht ein, ein Vers von Bacchylides: »Der bitterste Tod fur einen Sterblichen ist der, den er selbst vor sich sieht.«
Sie bemuhte sich, nicht ihrer Traurigkeit nachzugeben, sondern ihre Gedanken auf die unmittelbar bevorstehende Aufgabe zu richten, und suchte Trost in einem Leitspruch ihres Lehrers, des alten Brehon Morann von Tara: »Wer in Erinnerung bleibt, ist nicht tot, denn wirklich tot ist nur, wer ganzlich vergessen ist.«
Die Sonne sank langsam hinter den fernen Bergen im Westen, und morgen zur Terz wurde die Glocke alle Beteiligten in die Abteikirche rufen, in der das Gericht des Gro?konigs den Anspruch Laigins aus dem Tod Dacans anhoren wurde.
»Schwester Fidelma?« Sie hob den Kopf und sah Schwester Necht ein Stuck abseits stehen und sie mit ernster Miene anschauen. »Ich mochte dich nicht storen.«
Fidelma wies auf das Stuck Mauer neben ihr.
»Setz dich. Du storst mich nicht. Was kann ich fur dich tun?«
»Zuerst mochte ich dir sagen, wie sehr mir der Tod deines Gefahrten Cass leid tut«, sprach die Novizin mit vor Erregung dunkler Stimme und setzte sich umstandlich hin. »Er war ein guter Mensch. Ich ware gern ein Krieger wie er geworden.«
Fidelma konnte bei der Vorstellung ein leicht amusiertes Lacheln nicht unterdrucken.
»Doch wohl ein vergeblicher Ehrgeiz fur eine Novizin?«
Das Madchen errotete heftig.
»Ich meinte .«
»Macht nichts«, beruhigte sie Fidelma. »Verzeih mir meinen taktlosen Humor. Ich versuche wohl nur, mich mit seiner Hilfe gegen meine eigene Traurigkeit zu wehren. Du wolltest noch etwas anderes sagen?«
Das Madchen zogerte, nickte dann aber.
»Ich wollte dir eine Nachricht bringen. Die Krieger deines Bruders haben Salbach gefangen und nach Ros Ailithir gebracht.«
»Das ist wirklich eine gute Nachricht«, erklarte Fidelma.
»Anscheinend wurde er bei einer geheimen Zusammenkunft mit seinem Vetter angetroffen.«
»Seinem Vetter? Meinst du Scandlan, den Konig von Osraige?«
Schwester Necht bejahte.
»Haben sie Scandlan auch hergebracht?«
»Er kam freiwillig mit und entrustete sich daruber, wie man mit seinem Vetter umspringt.«
»Hat Salbach zugegeben, da? Intat auf seinen Befehl handelte?«
»Das wei? ich nicht, Schwester. Abt Brocc gab mir den Auftrag, dich zu suchen und dir die Nachricht zu bringen. Ich glaube, Salbach weigert sich, uberhaupt zu reden. Doch Brocc la?t fragen, ob du versuchen willst, Salbach noch vor der morgigen Verhandlung zu verhoren.«
Fidelma erhob sich sofort.
»Das mochte ich unbedingt. Wo halten sich Brocc und mein Bruder Colgu jetzt auf?«
»Sie sind im Zimmer des Abts«, antwortete Schwester Necht.
»Den Weg dorthin kenne ich.«
»Ich freue mich auf die Verhandlung morgen.« Necht lachelte. »Gute Nacht, Schwester.«
Sie eilte ungelenk davon. Einen Augenblick sah Fidelma ihr nach. Gedanken regten sich in ihrem Unterbewu?tsein, die sie noch nicht entwirren konnte. Sie zuckte die Achseln und machte sich auf den Weg zum Abt.
Als sie sein Zimmer erreicht hatte, klopfte sie an und trat auf Broccs Ruf hin ein. Ihr Bruder sa? auf dem Platz, den gewohnlich Brocc einnahm. Colgu lachelte, als er seine Schwester hereinkommen sah. Brocc und er hatten einen Krug Wein vor sich.
»Hat Schwester Necht dich gefunden, Kusine?« fragte Brocc uberflussigerweise.
Fidelma neigte bejahend den Kopf.
»Sie berichtete mir, da? ihr Salbach in einer Zelle habt«, antwortete sie. »Das ist gut.«
»Aber wir haben auch seinen Vetter aus Osraige auf dem Halse, der Zeter und Mordio schreit und behauptet, noch nie ware ein Unschuldiger so skandalos verleumdet worden.« Colgu zog eine spottische Grimasse. »Dabei gibt es keinen Zweifel mehr an Salbachs Rolle bei den gra?lichen Verbrechen in Rae na Scrine und dem Hause Moluas. Die beiden Gefolgsmanner Intats, die wir gefangennehmen konnten, lie?en sich schnell dazu bewegen, die Verantwortung fur ihre Untaten auf andere abzuwalzen.«
Fidelma zog erwartungsvoll die Brauen hoch. Ihr Bruder nickte auf ihre unausgesprochene Frage.
»Sie gestanden, da? sie fur ihre Verbrechen von Intat bezahlt wurden, und sie beschworen, da? sie dabei waren, als Intat seine Anweisungen von Salbach erhielt.«
»So ist es«, fugte Brocc befriedigt hinzu. »Sie leugnen aber jede Schuld oder jedes Mitwissen an den Morden an Dacan und Eisten. Mein Sekretar hat ihre Aussagen fur dich aufgezeichnet, und wir halten sie in der Abtei fest, damit sie vor der Ratsversammlung morgen als Zeugen auftreten konnen.«
Fidelma lachelte erleichtert, nahm die Wachstafelchen von Brocc entgegen und uberflog sie.
»Wir sind einen gro?en Schritt weiter auf dem Weg zu einer Losung. Ich bin gespannt, ob Salbach seine Schuld eingesteht, wenn ich ihm diese Beweise vorlege.«
»Das ist einen Versuch wert«, stimmte Colgu zu.
»Dann gehe ich gleich hin und verhore ihn.«
Colgu erhob sich.
»Ich begleite dich lieber.« Er lachelte seine Schwester an. »Du brauchst jemanden, der auf dich aufpa?t.«
Salbach stand trotzig in seiner Zelle, als Schwester Fidelma eintrat. Er gru?te nicht einmal Colgu, der ihr folgte und innen an der Tur stehenblieb.
»Ach, ich dachte mir, da? du kommen wurdest, Fidelma von Kildare.«
Seine Stimme klang kuhl und herausfordernd.
»Ich freue mich, da? ich deiner Erwartung entspreche, Salbach«, erwiderte sie. »Die Ratsversammlung des Gro?konigs tritt morgen zusammen.«
Fidelma setzte sich auf den einzigen Stuhl in der Zelle. Salbach runzelte die Stirn, beeindruckt von ihrem sicheren Auftreten, und blieb mit gespreizten Beinen und gekreuzten Armen vor ihr stehen. Er sagte nichts, wahrend sie ihn prufend musterte. Sie empfand Ekel vor einem Mann, der ohne Skrupel den Mord an Kindern befehlen konnte.
»Grella mu? wohl vollig in dich vernarrt sein, Sal-bach, wenn sie die Maske nicht durchschaut, die du fur sie tragst«, meinte sie schlie?lich.
Einen Moment schien Salbach verwirrt, dann hatte er sich wieder gefangen.
»Bist du sicher, da? ich eine Maske fur sie trage? Bist du sicher, da? sie nur berauscht ist, oder kannst du dir moglicherweise vorstellen, da? sie mich liebt und ich sie liebe?«
Fidelma machte ein angewidertes Gesicht.
»Liebe? Wei?t du uberhaupt, was das ist? Fur ein Gefuhl wie Liebe ist kein Platz im Herzen eines Menschen, der in der Lage ist anzuordnen, da? Kinder derart leiden.«
Aber moglich ist ja alles, dachte Fidelma dann. Vielleicht empfand Salbach doch so etwas Ahnliches wie Liebe fur die schone Bibliothekarin von Ros Ailithir.
»Willst du mich etwa fur Intats Verbrechen verantwortlich machen?« fragte Salbach emport.
»Ja. Du solltest eigentlich wissen, wenn du Soldner anheuerst, da? ihre Treue nicht ihrem Fursten, sondern seinem Geld gehort. Intats eigene Leute bezeugen deine Anfuhrerschaft.«
Salbach verzog keine Miene.
»Und wenn ich sage, sie lugen?«
