Manner der Leibgarde Colgus den Gefolgsmann In-tats eingefangen.
»Ihr seid gerade im richtigen Augenblick gekommen«, sagte sie stockend. »Wie habt ihr das gemacht?«
Colgu verzog das Gesicht und wies auf einen Trupp von etwa drei?ig Berittenen unter seinem Banner.
»Wir sind auf dem Wege nach Ros Ailithir zu der Ratsversammlung, die der Gro?konig einberufen hat. Meine Spaher sahen, wie du verfolgt wurdest, und wir schritten ein. Aber wo ist Cass? Ich gab ihm den Auftrag, dich zu beschutzen.«
»Cass ist dahinten im Wald in einer Holzfallerhutte«, antwortete Fidelma besorgt. »Er wollte versuchen, unsere Angreifer aufzuhalten, wahrend ich entkam und Hilfe aus Ros Ailithir holen wollte. Wir mussen sofort zu ihm. Er kampfte mit Intat.« Sie zeigte auf den Korper, der nun im flachen Wasser lag. »Wir mussen uns beeilen, denn er konnte verwundet sein.«
Colgus Gesicht wurde ernst.
»Gut. Unterwegs mu?t du mir erklaren, was sich hier abspielt. Wer ist ... wer
Einer von Colgus Mannern hatte Intats Korper aus dem Flu? gezogen und beugte sich uber ihn.
»Der Mann lebt noch, Mylord«, rief der Krieger. »Aber wohl nicht mehr lange.«
Fidelma ging zu dem schlammigen Ufer, wo der Krieger nun Intats Kopf und Schultern hielt. Sie hockte sich neben ihm hin und nahm den Kopf in beide Hande.
»Intat!« rief sie laut. »Intat!«
Die dunklen Augen des Mannes offneten sich, doch sie zeigten kein Erkennen.
»Du stirbst, Intat. Willst du in Sunde sterben?«
Er antwortete nicht.
»Wer hat dir befohlen, die Kinder hinzuschlachten?«
Er gab keine Antwort.
»War es Salbach? Gab er den Befehl?«
Sie sah, wie seine Lippen sich bewegten, und beugte sich vor, um seine letzten Worte horen zu konnen.
»Ich ... ich treffe ... treffe dich ... in der ...
Sein Korper zuckte plotzlich krampfhaft und lag dann still. Colgus Krieger zog die Achseln hoch und schaute Fidelma an.
»Tot«, sagte er lakonisch.
Fidelma erhob sich. Ihr Bruder reichte ihr die Hand und half ihr die Uferboschung hinauf.
»Weshalb hast du ihn nach Salbach gefragt?« erkundigte er sich neugierig. »Was geht hier vor?«
»Intat war einer von Salbachs Gefolgsleuten.«
»War Salbach fur das hier verantwortlich?«
Fidelma wies auf den gefangenen Gefolgsmann In-tats.
»La? ihn von deinen Leuten verhoren. Ich bin sicher, da? er Salbach in dieser Angelegenheit belasten wird. Wir mussen jetzt schnellstens Cass suchen.«
Colgu lie? sich von einem seiner Manner einen trockenen Mantel geben und legte ihn Fidelma um die Schultern. Sie zitterte vor Kalte und Nasse und wohl auch vor nervlicher Erschopfung. Colgu half ihr aufs Pferd und erteilte Befehle. Als alle aufgesessen waren, uberschritten Colgu und seine Leibgarde mit ihrem Gefangenen den Flu? auf der Furt. Sie folgten dem Weg in den Wald nordlich von Cuan Doir. Unterwegs erklarte Fidelma ihrem Bruder, was vorgefallen war.
»Und wie hangt das alles mit dem Mord an Dacan zusammen?« wollte Fidelmas Bruder wissen.
»Im einzelnen ist mir das noch nicht klar, doch du kannst mir glauben, da? da eine Verbindung besteht. Und das werde ich auch vor der Ratsversammlung des Gro?konigs so darlegen.«
»Du wei?t, da? die Versammlung in den nachsten Tagen zusammentritt? Wahrscheinlich sobald wir in Ros Ailithir eintreffen. Ich habe gehort, da? der Gro?konig schon dort ist und da? die Schiffe Fiana-mails von Laigin vor der Kuste gesichtet wurden.«
»Brocc hat mich schon darauf vorbereitet«, bestatigte Fidelma.
Colgu sah alles andere als glucklich aus.
»Wenn du darlegst, da? Salbach an dem Mord an Dacan beteiligt war oder dafur die Verantwortung tragt, dann konnen wir auch gleich sagen, da? Laigins Forderung an uns nach einem Suhnepreis gerechtfertigt ist. Salbach ist ein Furst von Muman und untersteht Cashel.«
»Vorlaufig sage ich noch gar nichts, Bruder«, erwiderte Fidelma entschieden. »Ich will die Wahrheit herausbekommen, wie immer sie auch aussieht.«
Sie erreichten die Holzfallerhutte. Intats zweiter Gefolgsmann lag noch bewu?tlos unter den Trummern des Holzfasses, gegen das ihn Fidelma geschleudert hatte. Er kam gerade langsam zu sich.
Cass’ Pferd stand nach wie vor angebunden vor der Hutte, wie Fidelma voller Angst feststellte.
Zwei Manner aus Colgus Leibgarde sa?en sofort ab und liefen mit gezogenen Schwertern in die Hutte.
Einer von ihnen kam schon einen Augenblick spater mit dusterer Miene wieder heraus.
Fidelma wu?te, was das Miene zu bedeuten hatte.
Sie glitt vom Pferd und eilte hinein.
Cass lag auf dem Rucken. Ein Pfeil steckte in seinem Herzen und einer in seinem Hals. Seine Angreifer hatten ihm nicht einmal die Ehre gewahrt, sich wie ein Krieger zu verteidigen. Er hatte nur sein Schwert, doch sie hatten ihn von der Tur her niedergeschossen. Nun lag er da mit offenen Augen, die leer in die Hohe starrten.
Fidelma beugte sich nieder und schlo? die blicklosen Augen in seinem schonen Gesicht.
»Er war ein guter Mensch«, sagte Colgu leise. Er stand nun hinter ihr und schaute hinunter.
Fidelmas Schultern zuckten leicht.
»Gute Menschen werden so oft von bosen umgebracht«, murmelte sie. »Ich wunschte, er hatte es noch erlebt, wie diese Sache geklart wird.«
Sie stand auf und ballte die Fauste in ihrem Kummer. Sie wandte ihrem Bruder ihr trauriges Gesicht zu, konnte ihre Tranen nicht langer zuruckhalten. Ihre innere Stimme sagte ihr, da? sie einen dritten Fehler begangen hatte. Ihre Eitelkeit hatte Cass den Tod gebracht. Sie hatte drei Fehler gemacht, mehr durfte sie sich nicht leisten.
»Er starb, als er mich verteidigte, Colgu«, sagte sie leise.
Ihr Bruder neigte den Kopf.
»Ich glaube, so einen Tod hatte er sich gewunscht, kleine Schwester. Da sein Bemuhen nicht vergeblich war, wird seine Seele Frieden finden. Sein Tod wird dich doch nicht daran hindern, die Untersuchung weiterzufuhren?« fugte er besorgt hinzu.
»Nein«, erwiderte Fidelma fest. »Der Tod verhindert viele Dinge, doch nie den Sieg der Wahrheit. Seine Seele wird in Frieden ruhen, denn ich glaube, ich bin nun der Wahrheit nahe, die sich mir so lange entzogen hat.«
Kapitel 18
Fidelma hockte oben auf der Bastion an dem Rundgang, der sich an der gesamten Au?enmauer der Abtei hinzog, und blickte nachdenklich auf die Bucht vor Ros Ailithir hinunter. Der stille Meeresarm hatte sich mit einem Wald von Masten und Rahen bedeckt, die von zahllosen Schiffen aufragten. Kriegsschiffe und Kustensegler hatten sich in dem geschutzten Hafen versammelt wie eine Schule Fische auf ihrem Laichgrund, Wurdentrager aus Meath, dem eigenen Reich des Gro?konigs, und Laigin hierhergebracht. Auch die Chronisten, die den Verlauf der Verhandlung in ihre Annalen aufnehmen wurden, waren mit dem Oberrichter angekommen. Dort druben lag das prachtige Schiff, mit dem Erzbischof Ultan von Armagh, der Oberste Apostel des Glaubens in den funf Konigreichen, mit seinen Beratern angereist war.
Nur die Vertreter Mumans waren zu Pferde auf dem Landweg gekommen. Welches Gluck fur Fidelma, da? sie diesen Weg gewahlt hatten. Sie hatte in ihrem Leben viel mit dem Tod zu tun gehabt. Durch ihren Beruf schien er ihr standiger Begleiter geworden zu sein. Schlie?lich stand der Tod jedem nicht fern, der in enger Verbindung zur Natur lebte und sich auf die Wirklichkeit des Lebens einlie?. Zu sterben war so naturlich wie geboren zu werden, und dennoch furchteten viele den Tod. Doch selbst diese Furcht war naturlich, dachte Fidelma, denn furchten sich Kinder nicht oft davor, ins Dunkle zu gehen, und der Tod war unbekanntes Dunkel. Doch alle diese Uberlegungen
