»Soll ich dir etwas vorbereiten?«

»Nein, danke. Uno macht das schon. Ach ja, vielleicht den Kragen bugeln …«

Rumata fuhlte, wie zwischen ihnen eine Lugenwand emporwuchs. Zuerst ganz dunn, dann immer dicker und fester. Furs ganze Leben! dachte Rumata bitter. Er sa? da und bedeckte seine Augen mit den Handen, wahrend sie ihm mit verschiedenen Parfums vorsichtig den kraftigen Hals, die Wangen, die Stirn und die Haare einrieb. Dann sagte sie:

»Du fragst nicht einmal, wie ich geschlafen habe.«

»Nun wie denn, meine Kleine?«

»Ich hab getraumt. Einen schrecklichen, ganz schrecklichen Traum. Verstehst du?«

Die Mauer wurde dick wie ein Festungswall.

»An einem neuen Ort ist das immer so«, sagte Rumata heuchlerisch. »Und wahrscheinlich hat der Baron Radau geschlagen.«

»Soll ich das Fruhstuck bestellen?« fragte sie.

»Bestelle es!«

»Und welchen Wein hast du gern in der Fruh?« Rumata offnete die Augen.

»La? Wasser bringen«, sagte er. »Am Morgen trinke ich nicht.« Sie ging hinaus, und er horte, wie sie mit ruhiger, klangvoller Stimme zu Uno sprach. Dann kehrte sie zuruck, setzte sich auf die Lehne seines Stuhls und begann ihm ihren Traum zu erzahlen. Rumata horte zu, zupfte sich nervos die Augenbrauen und fuhlte, wie die Wand mit jeder Minute dicker und unerschutterlicher wurde und wie sie ihn fur immer von dem einzigen Menschen trennte, der ihm lieb und wert war in dieser abscheulichen Welt. Und dann warf er sich plotzlich mit seiner ganzen Kraft gegen diese Wand. »Kyra«, sagte er. »Es war kein Traum!« Und es geschah nichts Au?ergewohnliches.

»Mein Armer«, sagte Kyra. »Warte, ich bring dir gleich Salzgurken …«

5

Es ist noch gar nicht so lange her, da war der Hof der irukanischen Konige einer von jenen, die besonders auf Bildung achteten. Man hielt sich bei Hof Gelehrte, in der Mehrzahl naturlich Scharlatane, aber auch Manner wie Bagir Kissenski, den Entdecker der Krummung des Planeten; oder den Leibquacksalber Tata, der die geniale Behauptung aufstellte, da? die Epidemien durch kleine, dem Auge unsichtbare Wurmer zustande kamen, die von Wind und Wasser verbreitet wurden; oder den Alchimisten Synda, der wie alle Alchimisten ein Mittel suchte, um aus Dreck Gold zu machen, und der dabei ganz zufallig das Gesetz der Erhaltung der Materie fand. Auch Dichter gab es am arkanarischen Hof. In der Mehrzahl waren es freilich blo?e Lobhudler und Parasiten, aber es gab auch Pepin den Gro?en, den Autor der historischen Tragodie Der Feldzug gegen den Norden; dann war da Zuren der Gerechte, der uber funfhundert Balladen und Sonette verfa?te, die das Volk dann vertonte; und schlie?lich der Dichter Gur, der den ersten weltlichen Roman in der Geschichte des Reichs schrieb, eine traurige Romanze von einem Prinzen, der sich in eine schone Barbarin verliebte. Es gab am Hof auch gro?artige Artisten, Tanzer und Sanger. Bemerkenswerte Maler bedeckten die Wande mit unverganglichen Fresken, beruhmte Bildhauer schmuckten mit ihren Schopfungen die Parkanlagen des Schlosses. Und trotzdem kann man nicht sagen, die arkanarischen Konige seien Forderer der Gelehrsamkeit oder Kunstkenner gewesen. Das alles war blo?e Zierde, wie die Zeremonie des morgendlichen Levers oder die prunkvollen Gardeoffiziere am Schlo?portal.

Die Duldsamkeit der Monarchen ging manchmal so weit, da? einige Gelehrte und Dichter zu beachtlichen Radchen im Gefuge des Staatsapparates wurden. So nahm zum Beispiel noch vor funfzig Jahren der hochgelehrte Alchimist Botsa den nunmehr wegen Entbehrlichkeit aufgehobenen Posten eines Ministers fur Bergbau ein, grundete einige neue Gruben und machte Arkanar beruhmt fur hochwertige Legierungen, deren Produktionsgeheimnis allerdings nach seinem Tod verlorenging. Der Dichter Pepin leitete bis vor kurzem das staatliche Bildungsprogramm, bis dann das Ministerium fur Geschichte und Sprachkunde, das unter seiner Fuhrung stand, als schadlich und den Verstand zersetzend erkannt wurde.

Es kam immerhin auch fruher vor, da? man einen Wissenschaftler oder Kunstler, der der Favoritin des Konigs, einer stumpfen und su?lichen Person, nicht zu Gesicht stand, ins Ausland verkaufte oder mit Arsen vergiftete, aber erst Don Reba nahm sich der Sache voll und ganz an. Wahrend seiner Zeit als allmachtiger Sicherheitsminister zum Schutze der Krone veranstaltete er in der Kulturwelt Arkanars derartige Pogrome, da? er damit sogar schon die Unzufriedenheit einiger edler Magnaten hervorrief, die erklarten, am Hof wurde es immer langweiliger, und auf den Ballen hore man nichts mehr au?er dummem Klatsch.

Bagir Kissenski, des an Staatsverbrechen grenzenden Wahnsinns angeklagt, wurde ins Verlies geworfen, und nur den

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