erinnerte sich daran, mit jemandem gekampft zu haben. Aber mit wem? Und wie hatte das alles geendet …?

 … Ihre Pferde hatten sie versoffen. Die verarmten Dons waren irgendwohin verschwunden. Rumata – auch daran konnte er sich erinnern – hatte den Baron zu sich nach Hause geschleppt. Pampa Don Bau war unternehmungslustig, scheinbar vollig nuchtern und voll und ganz bereit, die Unterhaltung fortzusetzen – er konnte sich blo? nicht mehr auf den Beinen halten. Au?erdem glaubte er aus irgendeinem Grund, er habe sich eben erst von der lieben Baronin verabschiedet und befinde sich auf einem Feldzug gegen seinen Erzfeind, den Baron Kaska, der sich bereits zu den au?ersten Frechheiten erkuhnt hatte (»Urteilen Sie doch selbst, mein Freund, dieser Halunke gebar aus seiner Hufte einen sechsfingrigen Knaben und nannte ihn Pampa …«).

»Die Sonne geht schon unter«, erklarte er, als er einen Gobelin betrachtete, der einen Sonnenaufgang zeigte. »Wir konnten noch die ganze Nacht durchzechen, edle Dons, aber vor der Schlacht brauchen wir Schlaf. Keinen Tropfen Wein wahrend des Kampfes! Au?erdem ware die Baronin unzufrieden.«

»Was? Ein Bett? Was fur Betten auf einem Schlachtfeld? Unser Bett ist das gesattelte Streitro?.« Mit diesen Worten ri? er den Gobelin von der Wand, wickelte sich bis zum Kopf in ihn ein und polterte mit Getose in die Ecke unter den gro?en Leuchter. Rumata befahl dem Knaben Uno, einen Kubel Salzgurken und ein Fa? Sauerkraut neben den Baron zu stellen. Der Knabe zeigte ein argerliches, verschlafenes Gesicht. »Da, da hat er sich eingerollt«, brummte er. »Die Augen schauen in verschiedene Richtungen …« – »Schweig, Dummkopf«, sagte Rumata daraufhin, und – dann geschah etwas. Etwas sehr Gemeines, etwas sehr Niedertrachtiges, das ihn durch die ganze Stadt bis auf den freien Platz jagte. Etwas sehr, sehr Gemeines, Unverzeihliches, Peinliches …

Die Erinnerung wurde wieder wach, als er sich seinem Haus naherte. Da blieb er kurz stehen.

 … Uno zur Seite schiebend, kroch er die Stiege hoch, stie? die Tur auf und sturzte zu ihr hin, als ihr Herr. Und beim Licht der Stra?enlaterne sah er das wei?e Gesicht und riesige Augen voll Schrecken und Abscheu – und in diesen Augen sich selbst, taumelnd, mit herunterhangender, speichelbedeckter Unterlippe, mit Fausten, von denen die Haut in Fetzen hing, in besudelten Kleidern, sah er einen niedertrachtigen, gemeinen blaublutigen Schuft. Und dieser Blick wirbelte ihn zuruck, auf die Treppe, hinunter, in die Vorhalle, durch die Tur und hinaus auf die finstere Stra?e und weiter, weiter, immer weiter, soweit wie moglich weg …

Er bi? die Zahne zusammen, fuhlte, wie sich in seinem Innern alles verkrampfte und zu Eis erstarrte, dann offnete er leise die Tur und trat auf Zehenspitzen in den Flur. In einer Ecke schnarchte friedlich wie ein gigantisches Walro? der Baron. »Wer da?« rief Uno, der auf einer Bank mit dem Wurfspie? auf den Knien schlummerte. »Still!« befahl Rumata flusternd. »Marsch in die Kuche. Einen Kubel Wasser, Essig und neue Kleider, marsch!«

Lange, heftig und genu?lich ubergo? er sich mit Wasser, rieb sich mit Essig ab und befreite sich so vom Schmutz der Nacht. Uno hullte sich ganz gegen seine Gewohnheit in Schweigen und ging seinem Herrn zur Hand. Und erst dann, als er ihm seine lacherliche fliederfarbene Hose mit den Fu?spangen zuknopfen half, meldete er murrisch:

»In der Nacht, als Ihr hinausliefet, kam Kyra herunter und fragte, ob der Herr hier war oder nicht, meinte dann aber, da? ihr wohl getraumt habe. Ich sagte, da? Ihr von Eurer Nachtwache, die Ihr gestern abend angetreten habt, noch nicht zuruck seid …« Rumata seufzte tief und wandte sich ab. Aber dadurch wurde nichts besser. Nur schlechter.

» … Und ich hab die ganze Nacht mit dem Wurfspie? in der Hand beim Baron gesessen: Ich hatte Angst, er wurde im Rausch nach oben kriechen.«

»Danke, mein Kleiner, danke«, brachte Rumata mit Muhe heraus. Er zog Schuhe an, ging in den Vorraum und blieb kurz vor dem dunklen Metallspiegel stehen. Das Kasparamid wirkte zuverlassig. Der Spiegel zeigte einen eleganten edlen Don mit einem nach der anstrengenden Nachtwache ein wenig muden Gesicht. Aber in hochstem Ma?e wohlanstandig. Die vom Goldreif eingefa?ten feuchten Haare fielen schon und weich zu beiden Seiten seines Gesichts herab. Rumata richtete mit einer automatischen Handbewegung das Objektiv an der Stirn. Hubsche Szenen beobachten sie heut auf der Erde, dachte er duster.

Inzwischen graute der Morgen. Durch staubige Fenster blickte die Sonne. Die Fensterladen klapperten. Auf der Stra?e horte man verschlafene Stimmen. »Gut geschlafen, Bruder Kiris?« – »Dank sei dem Herrn, Bruder Tika, gut. Die Nacht ist vorbei, Gott sei Dank.« – »Aber bei uns hat jemand gegen die Fenster geschlagen. Der edle Don Rumata, hort man, ist in der Nacht ausgegangen.« – »Man sagt, er hat einen Gast.« – »Da ist er also ausgewesen heute? Beim jungen Prinzen, denk ich, ist er gewesen und hat dabei nicht bemerkt, wie sie die halbe Stadt eingeaschert haben.« – »Was soll ich sagen, Bruder Tika. Danken wir Gott, da? wir in der Nachbarschaft einen solchen Don haben. Einmal im Jahr halt er Wache, und das ist schon viel …«

Rumata stieg die Treppe hinauf, klopfte und trat ins Herrenzimmer. Kyra sa? im Lehnstuhl wie gestern. Sie hob die Augen und blickte ihm unruhig und erschrocken ins Gesicht. »Guten Morgen, meine Kleine«, sagte er, ging zu ihr hin, ku?te ihr die Hande und setzte sich in den Lehnstuhl ihr gegenuber. Sie schaute ihn eine Zeitlang forschend an und fragte dann: »Bist du mude?«

»Ja, ein wenig. Und ich mu? noch einmal fort heute.«

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