Galaxie leben Manner und Frauen, Jungen und Madchen mit ihrem genetischen Material.«
An mir zog ein nebelhaftes Gaukelbild vorbei. Ich fragte leise: »Wie geht das?«
»Es betrifft nicht die Klone. Nicht nur die Klone, obwohl mit ihnen alles begann. Vor langer Zeit lebte ein Mensch, der sich vornahm, die Welt zu verandern. Sie besser und sauberer zu machen. Er klonte sich… aber nicht als Mann, sondern als Frau. Du kennst dich doch ein wenig in Genetik aus, mein Junge?«
Ich nickte. Ja, ich wusste, dass Manner sich weibliche Klone schaffen konnten, aber umgedreht war es nicht moglich. Alles wegen des Y-Chromosoms, das bei den Frauen fehlt.
»Einen Klon zu erschaffen ist nicht besonders schwer«, fuhr Oma Ada fort. »Ihn beschleunigt zu einem erwachsenen Wesen zu entwickeln — auch nicht. Schon schwieriger ist es, das eigene Bewusstsein in ein fremdes Gehirn zu ubertragen und dabei die geistige Gesundheit zu erhalten. Ihm gelang es. Vielleicht hatte er einfach nur Gluck. Vielleicht war auch der Mensch, der sich diese Aufgabe stellte, nicht ganz beieinander.«
Sie lachelte.
»Er selbst, die Matrize, wie die Genetiker sagen, und sein weiblicher Klon wollten nur das Eine: die Menschheit glucklicher machen. Auf ewig Krieg, Krankheit, Armut und Ungerechtigkeit abschaffen. Die Menschen vor den Fremden absichern. Und fur die Verwirklichung dieses Plans brauchten sie Macht… die hochste Macht. Verstehst du?«
»Ja.«
»Aber dabei trennten sich ihre Wege. Die Matrize… der Mann… wollte leise und unauffallig die Macht ausuben. Auf die Entwicklung der Welt einwirken, ohne sich mit der Burde der hochsten Macht zu belasten. Die Frau entschied sich dafur, das politische System der Menschheit zu verandern. Und so trennten sich ihre Wege. Ihnen war klar, dass sie anderenfalls gegeneinander um die Macht kampfen mussten. Sie blieben Freunde, verabschiedeten sich voneinander und trennten sich fur immer. Und gaben sich das Versprechen, zu siegen. Der Mann fuhrte seine stille und unauffallige Arbeit weiter, er erforschte das menschliche Genom, um die Welt von innen heraus zu verandern, die Hulle des Imperiums zu erhalten, sie aber mit einer neuen Menschheit zu fullen. Die Frau ging anders an die Sache heran. Das war vor langer Zeit, etwa vor einem halben Jahrhundert. Die Menschheit verbreitete sich zusehends im ganzen Weltraum. Es wurden Menschen gebraucht. Und die Frau wurde eine Spenderin.«
Oma Ada fing an zu lachen.
»Ich verstehe«, nahm ich ihren Gedankengang auf. »Ich hatte schon Genetik. Ich wei?, dass man oft Kinder im Geschaft kauft, das kunftige Kind wird dort aus einer Kartothek ausgesucht.«
»Genau. Die Frau hatte zweitausend Kinder in der gesamten Galaxie. Alle zu verschiedenen Zeiten, die letzten noch vor zehn Jahren. Und obwohl das nicht erlaubt war, hatte sie es ermoglicht, das Schicksal eines jeden Klons zu verfolgen.«
»Eines Klons?«
»Ja. Die Madchen waren ihre identischen Klone, die Jungen die ihrer Matrize. Sie wuchsen heran… und erhielten zu einem bestimmten Zeitpunkt das vollstandige Gedachtnis ihrer Ahnin. Naturlich nicht alle… nur diejenigen, die bereits die ersten Stufen zur Macht erklommen hatten. Diejenigen, die mit der Verschmelzung des Bewusstseins und der Ubernahme der Erfahrung ihrer Matrize einverstanden waren. Und eine dieser Frauen, Inna Snow, fand heraus, wie man das Bewusstsein uber die Neuroshunts beeinflussen und dadurch nach und nach richtiges Verhalten programmieren konnte.«
»Also ist Inna Snow gar nicht die Matrize«, flusterte ich. »Was sind wir nur fur Idioten…«
»Nein, sie ist nicht die Matrize. Sie regiert wirklich, aber die strategischen Entscheidungen werden von den Klonen gemeinsam getroffen. Wenn Inna Snow stirbt, wird einer der Klone, der ihr in Alter, Temperament und Fahigkeiten ahnelt, ihren Platz einnehmen. Also ist die Prasidentin Inna Snow wirklich unsterblich… so gut wie unsterblich.«
»Dann ist ja klar, warum sie einen Schleier tragt«, sagte ich. »Sie wurde so viele Zwillinge haben, dass sich die Leute Gedanken daruber machen wurden!«
»Sicher. Die Geheimdienste des Imperators wurden sich sofort mit den Klonen befassen, die auf den Planeten des Imperiums leben. Es sind nicht mehr allzu viele, die Mehrheit ahnt nichts davon, aber trotzdem… warum sollte man dem Feind zusatzliche Trumpfe in die Hand geben?«
»Inna Snow…«, sprach ich vor mich hin. »Inna Snow… Alla Neige?«
Oma Ada lachelte:
»Kluges Kerlchen. Die Namen aller weiblichen Klone entsprechen einem gemeinsamen Prinzip — meistens vier Buchstaben, in der Mitte zwei Konsonanten, manchmal auch nur einer. Inna, Inga, Anna, Ada… Die Familiennamen sind auf diese oder jene Weise mit ›Schnee‹ verbunden: Moros, Winter, Snjeg, Eis, Froid — in allen Sprachen der Welt.«
»Elli«, sagte ich. »Sie gehort zu den allerletzten, stimmt’s?«
»Stimmt.« Die Alte nickte. »Elli Cold.«
»Und wie hei?en Sie?«, wollte ich wissen. »Ada Eis?«
»Schnee«, antwortete Oma Ada. »Als ich geboren und mir meiner selbst bewusst wurde… und das war ziemlich eigenartig, sich auf einmal in einem fremden Korper wiederzufinden… in einem Frauenkorper… hatte es drau?en machtig geschneit. Eduard nahm mich an die Hand und fuhrte mich aus dem Labor. Wir tranken im Schneegestober Wodka, starken russischen Wodka, tanzten, hielten uns an den Handen und lachten beim Gedanken an unsere Verrucktheit.«
»Verrucktheit?«, wiederholte ich. Und stellte mir vor, wie Mann und Frau, die in Wirklichkeit ein und dasselbe sind, im Schnee tanzen.
Wie furchtbar.
»Wie soll man es sonst nennen? Naturlich ist das verruckt. Ich wahlte den Namen Ada, der gut zum Namen meiner Matrize passte. Den Familiennamen — Garlitzki — beschloss ich zu andern. Ada Eis klang zu aggressiv. Ich suchte mir Schnee aus.«
»Ich werde Sie toten«, rief ich. Ich streckte meine Hand aus und spurte, dass die Schlange im Armel schon seit langem zum Angriff bereit war. »Ich bringe Sie um, Ada Schnee!«
Die Alte lachelte. »Mir hat es entschieden besser gefallen, als du mich Oma Ada genannt hast!«
»Das werden Sie uberstehen. Sie sind nicht meine Oma«, flusterte ich.
»Naturlich bin ich nicht deine Oma. Ich bin deine Matrize, Tikkirej Frost.«
Kapitel 5
Ich hatte nie daruber nachgedacht, warum ich einen anderen Familiennamen als meine Eltern trug. Auch nicht, als ich mit Mama in der »Kinderwelt« gewesen war und wir die Kartothek durchgeblatterthatten,ummireinzukunftiges Geschwisterchen auszusuchen, fur den Fall, dass die Eltern reich wurden. Alle Kinder in der Kartothek hatten bereits Vor- und Familiennamen, es war ublich, dass diese von den biologischen Eltern gegeben wurden. Deshalb war es nicht schwer, dahinterzukommen… Aber ich hatte niemals derartige Gedanken gehegt. Vielleicht deshalb, weil fast alle meine Klassenkameraden von ihren Eltern im Geschaft gekauft worden waren, da die Arzte nicht empfahlen, sich auf Karijer naturliche Kinder anzuschaffen.
Mich hat das eigentlich nie interessiert.
Aber ein Klon von Ada Schnee wollte ich nicht sein.
»Das ist nicht wahr«, sagte ich. »Sie lugen.«
»Na ja, ich bin nicht ganz deine Matrize, Freundchen. Eher sind wir Klon-Bruder und Klon-Schwester, da du ein Klon von Eduard Garlitzki, meiner Matrize, bist. Einer seiner letzten Klone.«
»Das ist nicht wahr«, wiederholte ich. Und ich spurte, wie mir die Tranen in die Augen stiegen.
Ich hatte keinen Bruder bekommen. Und keine Schwester. Die Eltern schafften es nicht, reich zu werden. Dabei hatten wir uns schon fur ein Madchen entschieden — nach der Computermodellation von Charakter und Aussehen. Sie war sehr lustig und quirlig, sie gefiel den Eltern und mir au?erordentlich. Ich hatte lieber eine Schwester als einen Bruder gehabt.
Und hier war nun meine Schwester. Und das ekelhafte Madchen Elli war auch meine Schwester. Und die nette Anna aus dem Motel. Und die Direktorin des College. Und die Prasidentin Inna Snow.
