zuruckgestellt?«

»Hm. Kommt das oft vor?«

»Manchmal.« Die Alte dachte nach.

»Gut, dass ich Sie habe«, meinte ich erleichtert. »Ich wei? namlich nicht, was ich machen soll. Ich habe Angst, den Phagen zu verraten. Aber er muss doch irgendwie gewarnt werden!«

»Ich werde es versuchen«, sagte die Alte ganz einfach. Das fand ich wirklich mutig.

»Wer ist dein Freund?«

Ich schwankte noch, obwohl das dumm war.

Oma Ada wischte mit folgenden Worten meine Zweifel weg: »Etwa derselbe Mister Smith, dem die Koffer gehoren?«

»Ja«, murmelte ich. »Nur, dass er in Wirklichkeit gar nicht Mister Smith ist. Das ist eine doppelte Tarnung, verstehen Sie? Er gibt sich aus fur… einen anderen Menschen, und die Regierung des Inej nennt eben diesen Menschen mit anderem Namen, um nicht zufallig publik zu machen, wer zu Besuch kam. Das ist alles sehr verwirrend.«

»Ich verstehe«, erwiderte die Alte ernsthaft. »Eine richtige Spionagegeschichte… Bleib hier, Tikkirej. Und ich versuche, zu deinem Mister Smith Kontakt aufzunehmen. Was soll ich ihm sagen, damit er mir glaubt, dass du mich geschickt hast?«

Ich dachte nach.

»Sagen Sie ihm, dass ich jetzt vor jedem neuen Planeten einen Immunmodulator einnehme und keine Angst vor der Beulenpest habe.«

Oma Ada lachelte.

»Gut. Geh nirgendwohin, Tikkirej! Hierher kommt niemand, ich blockiere die Tur, manchmal schaut jemand in die Lagerhalle… Musst du noch einmal auf die Toilette?«

»Nein«, antwortete ich und wurde rot.

»Dann warte. Trink Tee, iss Platzchen… hausgemachte, ich habe sie selbst gebacken. Oje, was habt ihr Phagen euch nur dabei gedacht? Zieht kleine Kinder in eure Kriege hinein, versteckt sie in Koffern, gebt ihnen Waffen in die Hande… das ist nicht mehr human… ganz und gar nicht human…«

Sie schuttelte den Kopf, ging hinaus und das Turschloss klickte kurz.

Oma Ada war kaum verschwunden, als ich aufsprang und das Zimmer in Augenschein nahm.

Hatte ich richtig gehandelt, ihr alles zu gestehen? Vor allem, Stasj zu hintergehen? Aber was hatte ich denn anderes tun konnen, um Natascha zu retten? Und was machte es schon aus, redete ich mir zu, ob sich hinter dem Namen »Mister Smith« ein Phag verbarg oder nicht? Es war so und so klar, wer uns geholfen hatte, sich in den Koffern zu verstecken…

Nicht zu andern, das war nachvollziehbar. Aber wenn mich die Alte nun verriet? Vielleicht sollte ich besser fliehen? Das Schlangenschwert offnet das Schloss in zwei Arbeitsgangen.

Aber wohin fliehen? Dieses Mutterchen war nicht hirnamputiert, darin hatte ich Gluck, aber die meisten Leute in der Umgebung waren ergebene Diener von Inna Snow.

Wenn Oma Ada Alarm schlagt, fangen sie mich auf alle Falle. Und wenn sie keinen Alarm schlagt, brauche ich nicht zu fliehen, uberlegte ich fieberhaft.

Ich musste sogar lachen, als mir klar wurde, dass von mir gar nichts mehr abhing. Uberhaupt nichts! Was waren die Phagen blo? fur Dummkopfe! Wie waren sie nur darauf gekommen, dass Lion und ich ihnen nutzlich sein konnten? Wertvolle Informationen hatten sie nicht erhalten, die Aktion war aufgeflogen und Stasj unsertwegen ein Risiko eingegangen…

Ich ging zum Tisch zuruck und schuttelte den Teekessel. Er war fast voll. In einem winzigen Handwaschbecken spulte ich die einzige Tasse aus und goss mir Tee ein. Ich kostete die Platzchen — sie schmeckten wirklich gut.

Die letzten Worte Oma Adas gingen mir nicht aus dem Kopf. »Was habt ihr Phagen euch nur dabei gedacht?«

Phagen waren keine Dummkopfe.

Phagen waren alles Mogliche, nur keine Dummkopfe.

Wenn sie Lion und mich nach Neu-Kuweit geschickt hatten, bedeutet das, dass es notwendig war.

Aber warum?

Und auf einmal stieg in meiner Seele eine dumpfe, widerwartige Wehmut auf. Ich versuchte sie zu vertreiben, an etwas Schones zu denken, aber in meinem Kopf kreiste ein und derselbe Gedanke.

Phagen waren keine Dummkopfe. Wir wurden eben deshalb geschickt, damit uns die Spionageabwehr des Inej fand.

Ich trank den Tee aus, ohne ihn zu schmecken. Schenkte mir nochmals ein. Wie lange dauerte das denn nur, wo blieb Oma Ada? Sie musste doch lediglich zum zustandigen Terminal gehen, mit der Jacht Richtung Inej Verbindung aufnehmen und um ein Gesprach mit Mister Smith ersuchen…

Warum nur hatten uns die Phagen als Lockvogel benutzt? Es ergab doch keinen Sinn, uberhaupt keinen! Viel Aufwand und wenig Nutzen — die Landung organisiert, wertvolle Ausrustung verschwendet. Allein die Eiskapsel kostete ein Vermogen!

Ich verstand es einfach nicht. Ich war eben wirklich noch ein kleiner, dummer Junge. Das waren alles Erwachsene — Imperium und Inej, Phagen und Agenten der Spionageabwehr -, die ihre Erwachsenenspiele spielten. Und ich war dort hineingeraten, weil Stasj ein guter Mensch war, genau deswegen.

Und sofort erhob sich das dunne, widerliche Stimmchen in der Seele und flusterte mir zu: »Bist du dir sicher, dass Stasj ein guter Mensch ist?«

Er selbst hatte mir ja erklart, dass unsere Zivilisation sehr pragmatisch und grausam sei. Naturlich sagte er, dass das nicht in Ordnung ware, aber vielleicht dachte er in Wirklichkeit ganz anders? Vielleicht hatte ich damals Recht und er nahm mich von Neu-Kuweit nur als Versuchskaninchen mit?

Was so alles durch ein paar unvorsichtig geau?erte Worte bewirkt werden konnte! Ich begann an meinem einzigen Freund, meinem einzigen erwachsenen Freund zu zweifeln!

Vor lauter Zorn schlug ich mit der Faust derma?en stark auf den Tisch, dass ich beinahe den Tee verschuttet hatte. Zur Ablenkung schaltete ich den Computer an und versuchte mich ins Netz einzuklinken. Leider gab es nur eine Verbindung zum Intranet des Kosmodroms und auch dort nur zur Abteilung Gepackmanagement. Computerspiele, die gewohnlich auf allen Computern installiert werden, gab es mit Ausnahme von »Minensucher« und einer Patience nicht. Deshalb durchstoberte ich das Suchsystem nach dem Gepack des »Mister Smith«, aber das System erwies sich als au?erst unubersichtlich und war deshalb nicht zu verstehen. Mit Muh und Not fand ich die Liste des heute verladenen Gepacks, aber da horte ich das Turschloss klicken. Weil mir meine Computertatigkeit peinlich war, schaltete ich ihn aus.

Oma Ada kam herein.

»Ich konnte keine Verbindung aufnehmen«, sagte sie noch auf der Turschwelle stehend. »Die Jacht befindet sich in der Phase der Startvorbereitung, keine Verbindung zu den Passagieren. Sie forderten mich auf, in einer Stunde wiederzukommen, wenn sie auf der mittleren Umlaufbahn ist.«

»In einer Stunde ist es zu spat«, flusterte ich. »Verstehen Sie das? Zu spat!«

Sie schuttelte den Kopf: »Sorge dich nicht, Enkelchen. Dein ›Mister Smith‹ ist ein gro?es Tier, nicht wahr? Wenn die Regierung mit ihm schon so geheimnisvoll tut!«

»Ja«, gab ich zu.

»Na, dann muss halt noch einmal gelandet werden. Er behauptet zum Beispiel, dass er eine Nierenkolik habe und sofort zum Arzt musse oder etwas in dieser Richtung.«

»Und dann landen sie?«, staunte ich.

»Das ist doch ein kleines Schiff, es fliegt speziell fur diese eingebildeten Herrschaften. Es kehrt um… Einmal musste ein Passagierschiff wieder landen, weil das Hundchen einer Senatorengattin im Sterben lag.«

»Wurde es gerettet?«, wollte ich aus unerfindlichen Grunden wissen.

»Ist verreckt. Aber das Raumschiff ist gelandet. Hast du wenigstens Tee getrunken?«

»Ja. Vielen Dank.«

Oma Ada setzte sich aufs Bett und stutzte ihr Kinn auf eine Hand und schaute mich traurig an. »Oh je… was im Hafen los ist. Uberall sind Soldaten, Aktive und Reservisten… fast noch Kinder. Bald gibt es Krieg, merke dir meine Worte.«

Вы читаете Das Schlangenschwert
Добавить отзыв
ВСЕ ОТЗЫВЫ О КНИГЕ В ИЗБРАННОЕ

0

Вы можете отметить интересные вам фрагменты текста, которые будут доступны по уникальной ссылке в адресной строке браузера.

Отметить Добавить цитату