»Wirklich?«, rief ich. »Hei?t das, der Krieg beginnt?«
Sie lachelte bitter: »Beginnt? Der Krieg… Krieg hort niemals auf. Als es Inej nicht gab, ging es gegen die Fremden. Mit den Fremden wurde Frieden geschlossen und die Planeten begannen sich gegenseitig…«
»Es gab aber schon ewig keinen Krieg mehr«, versuchte ich einen Einwand anzubringen.
»Es gab keinen gro?en Krieg. Aber im Kleinen… in aller Stille… wurde er immer gefuhrt. Die Flotten wurden naturlich nicht gegeneinander eingesetzt, dagegen straubte sich der Imperator. Es ist sein heiliges Recht, Kriege zwischen den Planeten zu fuhren. Aber Kleinkriege entfachen kannst du, soviel du lustig bist. Die Geheimdienste bekampfen sich, die Magnaten intrigieren, Handelskriege, psychologische Kriege, bakteriologische Kriege… Hast du von der Beulenpest gehort? Das ist auch eine unserer Erfindungen, eine menschliche. Auf einem guten Planeten entwickelt und gegen einen anderen, der die Lebensmittelpreise unterbot, angewendet. Dabei mutierte das Virus, fuhrte zum Aussterben von Kuhen und Schafen — und wendete sich gegen die Menschen selbst. Ist das etwa kein Krieg?«
»Das kann nicht sein!«, rief ich aus. »Die Beulenpest ist ein mutiertes Virus der Schweinepest!«
»Richtig, mein Sohnchen, richtig. Nur dass es sich dabei nicht um eine spontane Mutation handelt. Die Ansteckungsmoglichkeit und die Virulenz wurden erhoht, ausgerichtet wurde er auf Menschen als Krankheitsubertrager und schon hatten wir es geschafft.«
»Ich habe nicht gewusst, dass sich die Geheimdienste mit solchen Dingen beschaftigen«, gab ich zu. »Das ist doch extrem gefahrlich!«
Oma Ada nickte.
»Es ist standig Krieg, glaub mir. Ich habe hier schon alles gesehen. Das Kosmodrom ist eine Geruchtekuche. Nimm eure Phagen… Sollen sie ruhig die Menschheit retten und das Imperium verteidigen, niemand hat etwas dagegen! Aber nein, sie sind jedem beliebigen Nabob zu Diensten…«
Ich konnte dem nicht folgen und riss die Augen auf.
Oma Ada schaute mich erstaunt an. »He, Kleiner, du hast wohl von nichts eine Ahnung?«
»Wovon sprechen Sie?«
»Also, die Phagen, die stehen doch im Dienst des Imperators, wei?t du das? Von Anfang an hatten sie beschlossen, nur den hochsten Idealen, namlich dem Imperium und der Menschheit als solches und nicht etwa dem Imperator und dem einzelnen Menschen, zu dienen. Tja, das ist an sich eine gute Sache, aber das Imperium und die Menschheit zahlen kein Geld — im Gegensatz zum Imperator.«
»Ja und?«, flusterte ich.
»Und — muss die Flotte gewartet werden? Ja! Mussen neue Phagen ausgebildet werden? Ja! Mussen die Kranken und Verwundeten behandelt werden? Ja! Neue Technik, diese ganzen Plasmapeitschen, mussen entwickelt werden? Ja!
Wei?t du uberhaupt, wie viele ganz gewohnliche Burokraten unter den Phagen sind? Buchhalter, die Ausgaben zusammenzahlen und Abschreibungsprotokolle der technischen Gerate gegenzeichnen? Wie viele Koordinatoren, Planer, Rechnungsprufer, Presseattaches, Arzte, Techniker, Masseure, Psychologen, Sanitartechniker und Fernmeldetechniker es gibt? Das ist doch keine Gruppe Einzelner, das ist ein Staat im Staate, das sind Zehntausende, wenn nicht sogar Hunderttausende!
Hunderte kampfender Phagen, das ist lediglich die oberste Spitze des Eisbergs. Und alle wollen gut essen und trinken, ein schones Haus haben, ihre Familie versorgen. Damit, um Gottes willen, niemand einen Phagen bestechen konnte! Und wie viel kostet eine einzige geheime Landung einer hyperstabilen Eiskapsel auf einem feindlichen Planeten, was glaubst du wohl? Davon konnte man eine kleine Schule bauen! Und jetzt nutze dein Hirn, woher das Geld dafur kommt! Sicher, die Betriebe und Fabriken erwirtschaften gewisse Mittel, die Reichen spenden, Lotterien und Wohlfahrtslose werden genutzt… Aber das sind nur Tropfen auf den hei?en Stein. Und vom Imperator wollen sich die Phagen nicht abhangig machen!
Das ware ein Versto? gegen ihre Prinzipien, ein Zusammengehen mit der Macht, Korruption und die Umwandlung in einen Apparat der Unterdruckung. Was geschieht also?«
»Was?«, fragte ich flusternd.
»Dann wendet sich der Botschafter irgendeines Planeten an die Phagen und sagt: ›Ihr heiligen Dshedai- Ritter geltet als Verteidiger der Menschheit… rettet unseren Planeten vor religiosen Fanatikern, wir zahlen gut… besser, wir geben eine Spende…‹ Eine gute Sache! Also fliegt ein Kommando der Phagen los und totet den geistigen Fuhrer des Putsches.«
Ich war sprachlos. Ich schnappte nach Luft, als ob ich am Ersticken ware.
»Vielleicht ist es auch umgekehrt«, fuhr Oma Ada erbarmungslos fort. »Zuerst erscheint der Abgesandte der religiosen Extremisten und sagt: ›Ihr heiligen Dshedai-Ritter geltet als Verteidiger der Menschheit… rettet unsere friedliche Sekte des gewaltfreien Glaubens an die gottliche Natur des Positrons vor den feindlichen weltlichen Machten… wir zahlen gut… besser, wir geben eine Spende…‹«
»Und die Phagen?«
»Die Phagen helfen. Die Menschheit zu retten, ist wohl getan, wer wird das bestreiten. Aber woher nimmst du die ganzen Gefahren, vor denen du sie retten musst? Logischerweise gilt es auf etwas anderes auszuweichen. Deshalb endet der Krieg nie. Jetzt ist er lediglich aufgeflammt und fur alle offensichtlich. Und wenn die Wissenschaftler des Imperators als Erste darauf gekommen waren, wie man den Menschen eine Gehirnwasche verpassen kann, was hatten sie wohl getan?«
»Das glaube ich nicht«, wandte ich ein. »Der Imperator hatte niemals…«
»Was hatte er nicht? Warum nicht alle Menschen besser und ehrlicher machen, wenn das moglich ware? Damit sich alle gegenseitig helfen, nicht stehlen und nicht toten. Was ist daran so schlecht?«
»Was ist dann schlecht an Inej und Inna Snow?«, antwortete ich mit einer Gegenfrage.
Oma Ada holte Luft: »Ich wei? es nicht, Kleiner. Ich wei? auch nicht, was daran schlecht ist, au?er, dass der Imperator verdrangt wird.«
»Aber Inej erobert doch einen Planeten nach dem anderen«, meinte ich. »Zwingt alle zur Unterwerfung.«
»Die Menschheit lebt sowieso unter einer einzigen Macht«, erwiderte Oma Ada. »Erinnere dich ans Mittelalter, als sie zersplittert war, ein Krieg folgte auf den anderen.«
»Es geht nicht um die einzige Macht«, sagte ich. »Hauptkriterium ist doch, ob sie gesetzlich ist oder nicht.«
»Jede Macht ist zu Beginn ungesetzlich«, antwortete Oma Ada. »Das Imperium grundet sich auf den Bruchstucken der Kosmischen Foderation, die Foderation wiederum war ein Aufbegehren gegen das Matriarchat.«
»Aber die Macht muss ehrlich gewahlt werden«, gab ich zu bedenken. »Die Menschen selbst mussen den Wechsel des Machthabers wunschen.«
»Das Volk entscheidet niemals und nichts selbst«, entgegnete Oma Ada. »Das Volk wahlt die Macht, die ihnen am besten die Kopfe verdrehen kann.«
»Auch wenn eine Macht betrugt und Versprechungen gibt«, wandte ich ein, »nimmt sie nicht die Fahigkeit zum Denken!«
»Die Mehrheit der Menschen hat niemals von dieser Fahigkeit Gebrauch gemacht«, meinte Oma Ada. »Und diejenigen, die wie auch immer denken konnen, sie waren und sind die Macht.«
»Immer, wenn ein Machtwechsel notig war, erfolgte er auch«, argumentierte ich. »Eine ewige Macht ware das Ende der Menschheit.«
»Es gibt keine ewige Macht, mein Junge«, erwiderte Oma Ada. »Ja, die Foderation des Inej wird lange herrschen, aber auch sie wird abtreten mussen.«
»Die Prasidentin Inna Snow wird niemals jemandem die Macht uberlassen«, sagte ich. »Sie hat sich geklont, die Macht wird von einem Klon zum anderen ubergehen!«
»Ihre Klone sind selbstandige Personlichkeiten«, antwortete Oma Ada. »Wenn auch der Unterschied zwischen ihnen nicht gro? ist, so wird er doch wachsen und die Menschheit wird einen neuen Weg beschreiten.«
»Ist es etwa ehrlich, wenn ein einziger Mensch die Macht immer wieder an sich selbst weitergibt?«, gab ich zu bedenken. »Dagegen hat jeder Burger die Chance, mag sie auch noch so winzig sein, der neue Imperator zu werden!«
»Die Chance, ein Klon der Prasidentin zu sein, hat auch jeder Burger«, meinte Oma Ada. »In der ganzen
