wurde von innen her transparent. Von au?en sah der Jeep jetzt einfarbig schwarz aus, aber wir konnten alles sehen wie auf einer offenen Plattform.
»Ja und, hast du Bier mitgebracht?«, erkundigte sich Rossi. Seine Schwester stromte beim Autofahren Energie aus und er brauchte offensichtlich eine Kompensation dafur.
»Habe ich«, erwiderte ich.
»Dann her damit!«
Ich uberlegte kurz und entschied, dass es nicht schaden wurde. Ich gab eine Flasche Rossi, eine Lion — er wurde sicherlich probieren wollen — und nahm eine fur mich.
Rosi streckte ihre Hand nach hinten aus.
»Du bekommst keine«, sagte ich, »du fahrst.«
»Blodmann, hier ist doch alles voller Automatik!«, protestierte Rosi.
»Ich gebe dir trotzdem nichts. Ich habe deinem Vater versprochen, dass du am Steuer nichts trinkst.«
»Ha, ich habe mir gleich gedacht, dass er dich gehort hat!«, attackierte Rosi ihren Bruder. »Hast ja auch so laut gesprochen, dass man es in der ganzen Wohnung horen konnte! Lass mich mal trinken!«
Rossi schraubte den Verschluss ab, trank den ersten Schluck, lachelte selig und meinte: »No, du fahrst, Tikkirej hat Recht. Er ist erwachsen und wir mussen auf ihn horen.«
»Na warte!«, drohte ihm Rosi. Sie fuhr mit ihrer Hand in die Jacke und holte eine kleine, flache Flasche, einen Flachmann, hervor. Rossi fielen fast die Augen aus dem Kopf:
»Das ist doch Mamas!«
»Uberhaupt nicht Mamas, sondern meine. Mama hat ihre vorige Woche irgendwo verloren.«
Rosi drehte sich um und zwinkerte mir zu. »Voller Cognac, stell dir das vor!«
»Rosi, nicht!«, bat ich.
Sie hatte bestimmt auf mich gehort. Ich sah es ihren Augen an, dass sie schwankte und den starken Cognac eigentlich gar nicht trinken wollte. Aber da sagte Rossi hinterhaltig: »Hor auf das, was die Alteren sagen!«
Rosi schraubte augenblicklich den Verschluss ab und nahm einen Schluck. Ihre Augen wurden immer gro?er, und ich erwartete, dass sie das Lenkrad loslassen wurde und die Automatik ubernehmen musste.
Sie aber verschloss die Flasche, schob sie wieder in die Manteltasche und schaute auf die Stra?e. In dieser Zeitspanne hatte wir gut zehnmal im Stra?engraben landen oder auf die Gegenfahrbahn abkommen konnen, doch der Autopilot verhinderte das.
»Du hast was drauf, Alte!«, rief Rossi begeistert. »Tikkirej, schau dir das an! Ohne etwas dazu zu essen!«
»Und nichts ist passiert«, meinte Rosi heiser.
Das war naturlich Blodsinn. Wir hatten zwar keinen Unfall gebaut, aber ihr wurde schlecht werden!
»Rosi, das reicht dann aber bitte«, sagte ich, »ich wei? zwar, dass es einen Autopiloten gibt, aber ich hab trotzdem Angst.«
»Okay, ich hore auf«, stimmte Rosi bereitwillig zu.
Nach etwa zehn Minuten waren wir alle frohlich. Sicherlich wegen des Alkohols. Rossi offnete das Fenster auf seiner Seite und begann allen Autos, die wir uberholten, zuzuwinken. Lion sa? still da, trank von Zeit zu Zeit einen Schluck Bier, und mir schien, dass ihm der Ausflug auch Spa? machte.
»Wir fahren an den See«, entschied Rosi, »ja? Dort ist eine Feuerstelle mit Banken. Wir picknicken dort.«
Sie sprach etwas lauter als gewohnlich, hielt sich aber erstaunlich gut. Ich hatte sogar den Verdacht, dass Rosi nicht zum ersten Mal Cognac getrunken hatte.
»Ja«, bestimmte Rossi, »das ist cool! Wir grillen Bratwurste!«
Ich diskutierte nicht. Noch nie im Leben war ich auf einem Picknick gewesen und hatte keine Vorstellung davon, wo und wie man es am besten organisiert.
Bald darauf bogen wir von der Schnellstra?e in einen engen Weg ein, wo es sogar Stra?enlaternen gab. Dann folgte ein richtiger Holperweg, eine unbefestigte Stra?e. Rossi erlauterte, dass es verboten war, im Wald normale Stra?en zu bauen, um das Okosystem nicht zu schadigen.
Dem Jeep war es egal, ob Beton, Erde oder Schnee unter den Radern war. Wir kamen voran, Rosi lenkte eifrig, und wenn sie Acht gab, mischte sich der Autopilot auch nicht ein. Kurz darauf erschien der See.
Ich pfiff vor Uberraschung, so schon war es!
Unter der Kuppel hatten wir einen Fluss, der im Kreis herum floss und nur an einer Stelle unterirdisch verlief. Es gab auch einen kleinen See.
Aber das alles war nicht naturlich, sondern von Menschen geschaffen. Und wenn der Fluss auch richtige Ufer und der See eine unregelma?ige Form hatte, man merkte doch, dass sie kunstlich angelegt waren.
Hier dagegen war der See fast rund. Und trotzdem naturlich! Auch die alten Baume am Ufer hatte niemand angepflanzt, sie wuchsen wild: Baume von der Erde, die sich angepasst hatten, und Uberreste der einheimischen Flora. Hier lebten bestimmt auch richtige Tiere: Mause, Hasen und Fuchse. Und Schnee lag nicht etwa auf den Zweigen, weil die Administration der Kuppel vor den Wahlen beschlossen hatte, allen ein echtes Neujahrsfest zu bescheren, die Temperatur herunterfuhr und die Beregnungsanlagen auf volle Auslastung stellte.
Das waren See, Wald und Schnee. Hier konnte man wirklich spielen. Vielleicht sogar leben: in einem kleinen Haus, das mit Holzscheiten geheizt werden musste, und zu essen gab es Wild, das man im Wald geschossen hatte.
Alles war echt!
»Wunderschon!«, sagte ich.
Das Auto fuhr bereits am Ufer entlang, links war der Wald, rechts eine verschneite Eisflache.
»Ja, schon«, stimmte Rossi zu.
Sie verstanden es nicht. Sie waren reich, so unendlich reich, dass es einem den Atem verschlug! Neben ihnen lebte eine ganze Welt ihr eigenes Leben.
Sie aber fuhren nur manchmal an den See zum Picknicken.
Ich schaute auf Lion, nahm seine Hand und flusterte: »Du verstehst mich, das wei? ich. Gerade du verstehst mich.«
Wie schade, dass er mir ohne Befehl nicht antworten, seine Begeisterung nicht au?ern und nicht auf dem Sitz herumspringen und sich umsehen konnte. Er hatte es ja fruher noch schlechter als ich gehabt, er hatte uberhaupt weder Sonne noch Himmel uber dem Kopf.
Wir fuhren an zwei oder drei Autos vorbei, die am See geparkt waren. Auch zum Picknicken. Bei den Autos waren Leute, die sogar gro?e, warme Zelte und ein Grillgerat aufgestellt hatten. Vier junge Manner in Badehosen spielten im Schnee Fu?ball. Alle Achtung! Ich hatte am Morgen aufs Thermometer geschaut, es waren drei Grad unter null!
»Das sind Eisbader«, kommentierte Rossi. »Sie kommen jeden Samstag hierher zum Feiern. Sie werden noch baden, du wirst sehen.«
Nach den Eisbadern fuhren wir noch rund einen Kilometer und hielten an einem verschneiten Holzpavillon mit Tisch und Banken, alles aus echtem Holz. Etwas weiter zum Wald hin stand das Hauschen einer Biotoilette. Hier war es menschenleer, nur unberuhrte Natur!
»Hier bleiben wir«, meinte Rosi und fuhr naher an den Pavillon heran. »Hier waren wir letzten Fruhling und kamen in ein Gewitter. Erinnerst du dich, wie du die Angelrute verloren hattest, du Traumer?«
Dieses Mal fand Rossi eine Erwiderung: »Ja, ich erinnere mich gut! Das war doch, als eine Heulsuse von einer Biene gestochen wurde und der ganze See voller Geschrei war?«
Rosi verstummte.
Wir packten aus und zogen unsere Taschen unter das Vordach. Am Eingang standen Besen und wir fegten den Schnee von Tisch, Banken und Boden nach drau?en. Rosi wickelte geschickt Plastikgardinen aus, befestigte sie und schirmte dadurch den Pavillon vor dem Wind ab. Danach warf sie einige Heizbriketts in den Ofen und entzunde sie mit speziellen Zundholzern fur Touristen.
»Rosi ist unser Uberlebensspezialist«, bemerkte Rossi. Dieses Mal ohne jegliche Hame, sondern mit Stolz auf seine Schwester. »Mit ihr wurdest du im Wald nicht umkommen.«
»In einer halben Stunde konnen wir die Jacken ausziehen!«, erklarte Rosi stolz, »aber jetzt lasse ich euch Jungs fur einen Moment allein.«
