Die Schlange an meinem Arm hob den Kopf, als ob sie herausfinden wollte, aus welcher Richtung Gefahr drohte.
»Wenn du wenigstens weg warst!«, sagte ich durch meine Tranen. Zu Rosi und Rossi gingen wir nicht.
Rossi rief gegen acht Uhr an. Wenn er gewusst hatte, dass ich schon um funf Uhr morgens wach war, hatte er auch um funf angerufen.
»Tikkirej, wir haben eine Idee!«, legte er los, ohne Guten Tag zu sagen.
»Ich bin mit allem einverstanden«, erwiderte ich. Ich hatte keine Lust mehr, vor dem Fernseher zu sitzen.
Rossi kicherte. »Vater hat uns das Auto gegeben! Wollen wir in den Wald fahren und picknicken?«
»Hast du etwa die Fahrerlaubnis?«, wunderte ich mich.
»Ich nicht«, meinte Rossi sauer. »Rosi kann fahren, sie hat die Fahrerlaubnis. Aber eine eingeschrankte, nur in Begleitung eines Erwachsenen.«
»Und wer fahrt mit?«, au?erte ich mein Unverstandnis.
»Idiot! Du fahrst mit! Juristisch gesehen bist du erwachsen, also kann uns niemand etwas anhaben!«
»Dafur habt ihr die Erlaubnis bekommen?«
Rossi kicherte wieder. »Warum nicht? Wei?t du, wie dir unsere Eltern vertrauen? ›Ein sehr ernst zu nehmender junger Mann, und nur um weniges alter als ihr!‹«
Es gelang ihm gut, die Stimme seines Vaters nachzuahmen.
»Ich bin wirklich ernst zu nehmen«, erwiderte ich nach eiligem Uberlegen. »Einverstanden!«
»Wir kommen in einer Viertelstunde vorbei«, meinte Rossi, »Vater fahrt mit uns zu dir, damit alles seine Ordnung hat. So. Nein, nicht in einer Viertelstunde, in einer halben Stunde, ruft er, er muss sich noch rasieren.«
»Gut, bis dahin ist Lion fertig«, willigte ich ein.
Rossi war das, so glaubte ich, nicht ganz recht. Aber er antwortete wurdevoll:
»Richtig, frische Luft tut ihm sehr gut. Nimm ihn mit. Und zieht euch warm an! Und au?erdem…« Er senkte seine Stimme zu einem kaum verstandlichen Flustern: »Nimm etwas zu trinken mit!«
»Was?«
»Na ja, Bier… Ich wei? nicht, was. Bier oder Wein, entscheide selbst! An dich wird es doch verkauft! Also, bis gleich.«
Ich beendete das Gesprach und lachte auf. Dachten sie etwa, dass ein Trinkgelage interessant ware?
»Kinder«, sagte ich und ging Lion wecken. Bier hatte ich im Kuhlschrank, eine ganze Packung. Nicht fur mich, sondern falls sich Stasj entschlie?en wurde, bei uns vorbeizuschauen. Lion sah normal aus. Wie ein wohl erzogenes Kind, das im Hauseingang steht, warm angezogen, und geduldig auf jemanden wartet.
Ich trug eine Schultertasche mit Bier, belegten Broten und einer Packung mit einem sich selbst erhitzenden geraucherten Hahnchen.
Rosi und Rossi lie?en uns nicht warten, sie fuhren nach genau einer halben Stunde vor. Am Lenkrad sa? voller Stolz Rosi mit einer Strickmutze und einer grellen Wolljacke. Aufgedonnert war sie, als ob sie ins Konzert wollte und nicht zum Picknick an den See. Rossi war einfacher und praktischer angezogen. Er trug eine synthetische Kombination, in der man ruhig in den Schnee fallen oder im Eiswasser baden konnte.
Ihr Vater sa? vorn neben der Tochter. Er war sehr gro?, breitschultrig und hatte eine dichte Haarmahne. Bei ihm wurde man nie denken, dass er einen friedlichen und beschaulichen Beruf hatte: Theaterkritiker. So stellte er sich allen vor, mir auch: »Theaterkritiker mit den tolerantesten Ansichten.«
Er stieg als Erster aus dem Auto. Rosi bummelte beim Abschnallen herum. Rossi verhedderte sich meines Erachtens in seinen eigenen Armen und Beinen, wahrend mir ihr Vater bereits die Hand druckte und seinen Bass erklingen lie?:
»Guten Morgen, junger Mann.«
»Guten Morgen, William«, erwiderte ich. Er verlangte, ihn nur mit dem Vornamen anzureden und »nicht auf den Altersunterschied zu achten«. Als ob ich mich dadurch unbefangener fuhlenwurde. Stasjignorierte den Altersunterschied nicht und mit ihm war es wesentlich einfacher.
William rausperte sich und flusterte verschworerisch: »Ein herrlicher Morgen, um meinen Taugenichtsen eine kleine Lektion im Erwachsenwerden zu verabreichen, stimmt’s, Tikkirej?«
»Ja, William«, antwortete ich nachgiebig.
William warf einen Blick auf seine Taugenichtse, zwinkerte mir zu und sagte leise: »Sicher habt ihr Bier oder Wein mitgenommen. Nein, du musst nicht antworten, Tikkirej, ich erinnere mich noch gut daran, wie ich selbst als Jugendlicher war. Aber ich bitte dich als selbstandigen und verantwortungsbewussten Menschen, darauf zu achten, dass sich Rosi nicht eher als drei Stunden nach Alkoholgenuss ans Steuer setzt!«
»Ich werde mich darum kummern«, sagte ich.
Erst danach wandte sich William Lion zu und sagte: »Guten Morgen, Junge!«
Ein »junger Mann« war nur ich fur ihn.
»Guten Morgen«, erwiderte Lion artig.
»Hm. Gut, ich werde euch nicht langer mit meinen altertumlichen Anweisungen storen.«
William umarmte Rosi und Rossi. Sein Lacheln war dabei derma?en verschmitzt, dass sofort klar war: Er wurde sich auch in zwanzig Jahren nicht fur einen Greis halten.
»Papa, wir fahren«, sagte Rosi schnell.
»Der Sicherheitsblock im Auto ist eingeschaltet«, zahlte William in der Zwischenzeit auf, »die Apotheke am Platz. Habt ihr alle eure Telefone mit? Vergesst nicht, euch anzuschnallen!«
»Okay, okay«, rief Rosi und hupfte auf der Stelle. »Papa, du kommst noch zu spat!«
»Das Stuck beginnt in anderthalb Stunden«, murmelte William.
»Aber das Theatercafe hat schon geoffnet«, meinte Rosi unschuldig und schaute in den Himmel.
Ihr Vater lachelte ziemlich gezwungen. »Was soll man da machen, die eigene Tochter jagt einen fort. Schones Wochenende, ihr jungen Leute!«
Er tatschelte Rosi und Rossi die Wangen, reichte mir die Hand, und Lion wurde eines leichten Klapses auf den Hinterkopf fur wurdig befunden. Dann entfernte sich der tolerante Theaterkritiker.
»So ein Langweiler«, maulte Rosi, als ihr Vater gerade einmal zehn Meter entfernt war, »alle einsteigen!«
Ich hatte meinen Vater nie als Langweiler bezeichnet. Fruher.
Aber ich machte keinen Versuch, das Rosi zu erklaren, sie hatte es sowieso nicht verstanden.
»Komm, Lion«, sagte ich und nahm ihn an die Hand.
Das Auto war toll. Ein Jeep, nicht sehr gro?, aber mit Automatik voll gestopft bis zum Gehtnichtmehr. Nun war mir klar, warum die Eltern keine Bedenken hatten, meine Freunde zum Picknick fahren zu lassen — im Jeep war ein Autopilot, der die Fuhrung ubernehmen wurde, sollte Rosi etwas nicht richtig machen. Mit so einem Auto durften sogar Betrunkene fahren. Vielleicht hatte es William deshalb gekauft.
Ich setzte mich mit Lion auf den Rucksitz. Rosi und Rossi richteten sich vorne ein.
Wahrend Rosi den Motor anlie? — warum sie ihn uberhaupt anlassen musste -, wandte sich Rossi zu uns um und sagte hamisch: »Habt ihr eine Vorstellung davon, zu welchem Stuck unser Papachen gegangen ist? In die Weihnachtsgeschichte ›Heller Stern, klarer Stern‹. Das ist fur die Allerkleinsten, daruber, wie das erste Umsiedlerraumschiff zum Avalon fast verungluckt ware, und wie der liebe Gott es rettete und es glucklich landete!« Er kicherte.
»Na, na«, au?erte Rosi vorwurfsvoll und streifte ihn mit einem Blick, »jemand hat im vorigen Jahr vor Begeisterung geheult, als er dieses Stuck angesehen hat!«
»Das stimmt nicht!«, protestierte Rossi. »Mir kamen die Tranen vor Lachen!«
»Das Raumschiff landete aber wirklich wie durch ein Wunder«, fuhr Rosi fort, »es war ja noch total primitiv, mit einem Atommotor. Es ist vier Monate durch den Zeittunnel geschlichen und der Brennstoffvorrat war falsch berechnet.«
Rossi verstummte. Er stritt sich standig mit seiner Schwester uber Religion. Rosi glaubte, dass es einen Gott gab, und Rossi stritt es ab, hochstens fruher hatte es ihn gegeben, aber selbst dann hatte er sich schon seit langem zuruckgezogen, sagte er.
Zwischenzeitlich erreichten wir die Schnellstra?e. Rosi betatigte unbesorgt allerlei Schalter und das Dach
