Schreiben mussten wir fast gar nichts. Im fertigen Vordruck waren bereits die vollstandigen Angaben uber den Defekt der Peitsche, mogliche Grunde fur dessen Auftreten sowie eine Empfehlung zur Vernichtung enthalten. Wir erganzten lediglich einige Punkte (Tarassow erganzte und ich nickte gehorsam als Antwort auf seine Erklarungen), unterschrieben und setzten unsere Fingerabdrucke an die in der Akte dafur vorgesehenen Stellen.

Danach legte Tarassow das Formular in den Scanner und verschwand in die Kantine, um Kaffee zu holen.

Ich ging naher an die Analyseplattform heran und schaute das Schlangenschwert durch das Sicherheitsglas an. Vielen gefallen Schlangen nicht, mir auch nicht, aber die Peitsche war ja weder ganz Schlange noch ganz Maschine. Sie war eine Legierung aus Biopolymeren, Mechanik und Nervenfasern, ubrigens nicht einer Schlange, sondern einer Ratte. Man vertrat die Auffassung, dass Plasmapeitschen vom Intellekt her eher einer Ratte als einer Schlange ahnelten.

»Du hattest kein Gluck«, sagte ich der Schlange, »du Unglucksrabe.«

Die Peitsche bildete einen Ring und steckte den dreieckigen Kopf in die Mitte. Als ob sie meine Worte verstanden hatte. Die winzigen Punkte ihrer Sehapparatur blinkten im Lampenlicht.

Der Drucker begann zu summen und spuckte ein neues Exemplar der Abschreibungsverfugung aus. Bereits mit der Stellungnahme der Buchhaltung.

»Trinkst du einen Kaffee, Tikkirej?«, fragte Tarassow, als er zuruck war.

Ich schuttelte den Kopf.

»Dann werde ich eine Tasse mehr trinken«, beschloss mein Chef zufrieden, »heute habe ich schlecht geschlafen. Entweder sind es die Druckschwankungen, oder…«

»Haben Sie zu hohen Blutdruck?«

»Was denn fur hohen Blutdruck, Gott behute! Der atmospharische Druck schwankt, Tikkirej.«

Ich wurde rot und rechtfertigte mich: »Bei uns leben alle unter Kuppeln, dort ist der Luftdruck stabil. Ich hatte nicht daran gedacht.«

Tarassow lachte auf, trank einen Schluck Kaffee, stellte die Tasse zuruck und offnete den Analysekasten. Er fasste die Peitsche am Schwanz an und reichte sie mir. »Halt mal! Hab keine Angst, die Hauptbatterie ist entfernt worden, also kann sie kein Plasma spucken.«

Vorsichtig hielt ich die Schlange mit beiden Handen. Sie fuhlte sich warm und weich an.

»Wo der Utilisator ist, wei?t du?«, fragte mich Tarassow. »Dann vorwarts. Vollige Zerstorung. Bring die Quittung mit.«

Ich nickte und ging aus dem Raum, wobei ich die Peitsche auf ausgestreckten Handen vor mir hielt. Der Utilisator stand am Ende des Korridors in einem kleinen Stubchen neben den Toiletten.

Es ware besser, wenn Tarassow selbst das Schlangenschwert vernichten wurde! Es war trotz allem ein wenig lebendig… Andererseits musste ich alles selber machen, wenn ich hier arbeiten wollte. Sogar wenn es au?erst unangenehm war.

Im Utilisatorraum war niemand. Das gro?e Metallaggregat knurrte zufrieden beim Zermahlen von irgendwelchem Mull. Ich druckte einen Knopf und aus der Aufnahmeluke glitt ein gewaltiges Keramiktablett heraus.

»Niemand kann etwas dafur, dass es so viel wie zehn Panzer kosten wurde, dich zu reparieren!«, sagte ich zur Peitsche und legte sie in die Luke. Auf der Anzeige leuchteten sofort Ziffern auf — Gewicht und prozentualer Metallanteil im Objekt. Ich wahlte den Modus »vollige Zerstorung«, was bedeutete, dass die Peitsche zuerst von den Cuttern zerkleinert, dann eingeschmolzen und letztendlich zu Feinstaub zermahlen wurde. Ich bemuhte mich, nicht auf die sich schwach bewegende Schlange zu schauen, bestatigte das Programm und drehte mich weg, um so schnell wie moglich gehen zu konnen und nichts horen zu mussen.

Etwas klammerte sich an mein Handgelenk!

Ich schrie auf und drehte mich um. Die Luke war schon dabei, sich zu schlie?en, aber die Peitsche schlangelte sich plotzlich heraus und wickelte sich fest um meinen Arm. Fur eine Sekunde vor Schreck unfahig, einen Gedanken zu fassen, befurchtete ich, dass ich jetzt gemeinsam mit ihr in den Utilisator gezogen oder mir die Hand abgerissen wurde!

Aber der Utilisator war nicht von Dummen geschaffen worden. Als der Verschluss auf den Korper der Schlange stie?, stoppte er sofort und ging wieder auf. Auf der Anzeige erschien der Hinweis: »Uberprufen Sie die Lage des Objektes in der Luke, ein hermetischer Verschluss ist nicht moglich!«

Die Schlange jedoch schlangelte sich eiligst aus der Luke und kroch unter meinen Pullover!

Mein erster Gedanke war: Schreien! Entweder war die Schlange verruckt geworden oder sie hatte verstanden, und zwar wirklich verstanden, dass sie vernichtet werden sollte. Aber sie war doch nicht derma?en intelligent!

Ich schrie nicht. Und das war auch gut so, denn die Schlange druckte sich schon an mich und umwand in weichen, fast unbemerkbaren Ringen meinen Arm. Fur einen Augenblick schaute der Kopf aus dem Armel. Das Loch der Plasmakanone offnete und schloss sich, als ob ein Ungeheuer das Maul aufriss und den Utilisator anzischte…

Das Schlangenschwert hatte sich an mich gebunden!

In ihr hatte ein Imprinting auf mich stattgefunden!

Ich stand versteinert da und versuchte herauszufinden, was nun zu tun war. Sich an Tarassow wenden? Fur die Peitsche gab es nur einen Weg — in den Utilisator. Sie war ja kein Lebewesen, sondern eine Maschine… und wenn sie sich erst einmal jemandem angeschlossen hatte, wurde sie sowieso niemand anderem mehr dienen… Aber ich war kein Phag und wurde nie einer sein… und nur die Phagen durfen Peitschen besitzen…

Meine Knie wurden weich.

Ich schwenkte den Arm in der Hoffnung, dass die Schlange abgehen und herunterfallen wurde. Von wegen! Es ware einfacher gewesen, die Finger zu verlieren!

»Hau ab! Geh weg!«, schrie ich.

Und die weichen Ringe fielen plotzlich von meinem Arm ab. Die Schlange begann langsam herauszukriechen und sich in die Luke zuruckzulegen. Folgsam und horig. Nicht wie eine Maschine, sondern wie ein gehorsamer Hund.

»Bleib…«, flusterte ich, »bleib!«

Die Schlange zog sich augenblicklich zuruck. Sie fing schon an, meine Befehle zu verstehen!

Die Ziffern, die das Gewicht des Schlangenschwerts anzeigten, leuchteten noch auf dem Bildschirm. Eilig holte ich meine Kreditkarte heraus, stellte den Taschenrechner an und speicherte:

»607 g, 9 %«. Das Gewicht in Gramm und den prozentualen Metallanteil.

Neben dem Utilisator stand ein Mullkubel, in den allerlei nicht geheimer Mull geworfen wurde, um abends alles mit einem Mal zu entsorgen und das Aggregat nicht wegen jeder Kleinigkeit anschalten zu mussen. Daraus begann ich zerrissenes Papier, Kaffeebecher, Schokoladenverpackungen und irgendwelche Schraubchen mit zerkratzter Windung sowie kaputte Platinen zu holen. Was machte ich da? Ich wurde vor Gericht kommen! Sie wurden mich vom Planeten jagen!

Aber ich konnte doch jetzt nicht das Schlangenschwert in den Utilisator werfen!

Ich hatte nie ein Haustier besessen. Fur einen Hund oder eine Katze musste man einen gro?en Sozialanteil bezahlen. Meine Eltern konnten sich das nicht leisten. Sie versprachen, mir zum vierzehnten Geburtstag ein echtes lebendes Mauschen zu kaufen, dafur war die Zahlung ganz gering. Aber daraus wurde bekanntlich nichts…

Ich beschickte die Luke so lange, bis das Gewicht wieder 607 Gramm betrug. Schwieriger war es, den prozentualen Metallanteil zu erreichen. Ich wusste nicht, ob es mir gelungen war. Aber als ich versuchte, ein Stahlrohr zu zerbrechen (ein echter Phag hatte es leicht geschafft, vielleicht sogar ein gewohnlicher Erwachsener), kroch die Schlange aus dem Armel, fiel fur einen Moment auf das Rohr und dieses zerbrach in zwei Halften.

»Neun Prozent«, bestatigte die Anzeige.

Ich stand davor, hielt den Finger am Knopf und versuchte mit dem Durcheinander in meinem Kopf fertig zu werden. Doch da ertonten Schritte im Korridor und unwillkurlich druckte ich den Knopf.

Die Luke schloss sich und der Utilisator larmte frohlich mit seinen Cuttern.

Die Quittung uber die Zerstorung erschien.

Mit steifen Beinen stelzte ich zuruck. Die Schlange traumte ruhig an meinem rechten Arm, ganz wie bei einem Phagen. Flach und unauffallig. Normale Detektoren spuren sie nicht auf, sie ist sehr clever konstruiert. Die

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