Metallteile sind so verteilt, dass es einem Uhrenarmband oder einer Armbanduhr ahnelt, wenn sich die Schlange um den Arm legt. Und meine eigene Uhr ist ganz billig: ein Plastikaufkleber auf der Hand, darin ist uberhaupt kein Metall…

»Hier, nehmen Sie, Boris Petrowitsch.« Ich reichte Tarassow die Quittung.

Mein Chef sah das Papier nachdenklich an. Bedachtig klebte er es in die Abschreibungsverfugung ein. Er fragte: »Hat es dich mitgenommen, Tikkirej? Hat dir die Peitsche nicht leidgetan?«

»Das war ja nur eine kaputte Maschine…«, murmelte ich.

Tarassow nickte: »Ja, du hast Recht. Setz dich und bearbeite die Ergebnisse des gestrigen Experiments. Hast du die Methodik verstanden?«

»Ja, habe ich.«

»Das ist nichts Dringendes, aber wenn du heute fertig wirst, ware es gut. Ich habe noch etwas zu tun…«

Tarassow nahm die Abschreibungsverfugung und ging hinaus. Ich setzte mich an meinen Computer und schloss das Kabel an den Neuroshunt an.

Ich zitterte am ganzen Korper.

Was hatte ich nur angerichtet?

Kapitel 2

Ich kam erst spat am Abend nach Hause. In der Wohnung war es ruhig, also hatte Nadjeschda vorbeigeschaut, Lion zu essen gegeben und ihn schlafen gelegt.

Die Schlange umschlang immer noch meinen Arm.

Sie wurde von den Detektoren der Auslasskontrolle nicht bemerkt, ich ging bewusst ruhig hinaus und trug doch eine au?erst teure und geheime Waffe an mir. Ich hatte gestohlen! Schlimmer noch, ich hatte meine Freunde, die Phagen vom Avalon, die mich auf Neu-Kuweit gerettet und auf einem guten Planeten untergebracht hatten, bestohlen.

Wenn ich die Zeit zuruckdrehen konnte, hatte ich das Schlangenschwert wahrscheinlich nicht genommen. Aber es war nichts mehr zu andern. Absolut gar nichts. Ich hatte naturlich versuchen konnen, es zu zerstoren, aber wieso hatte ich sie dann erst gestohlen?

Das hie? also, ich war jetzt ein Verbrecher, der aus seiner Beute nicht einmal einen Nutzen ziehen konnte. Wenn mich jemand mit dem Schlangenschwert sehen wurde, gabe es sofort Geruchte. Auf einem Planeten wie dem Avalon trugen Kinder keine Waffen.

Ich strich lange durch die Wohnung. Versuchte Fernsehen zu schauen — es liefen verschiedene Unterhaltungssendungen, aber davon fuhlte ich mich nur noch elender. Ich schmierte mir Brote und kochte Tee, hatte aber keinen Appetit. Dann ging ich ins Schlafzimmer.

Lion schlief friedlich in seinem Bett. Ich deckte mein Bett auf, zog mich aus und legte mich hinein. Die Schlange am Arm war fast nicht zu spuren. Die Phagen gewohnen sich sicherlich auch an ihre Waffe und spuren sie bald gar nicht mehr.

»Gute Nacht, Lion!«, sagte ich in die Dunkelheit. Aber er antwortete nicht.

Daraufhin bohrte ich meinen Kopf ins Kopfkissen und begann zu heulen. Leise, damit Lion nichts horte. Wie gern hatte ich Mama und Papa an meiner Seite gehabt! Um ihnen alles zu beichten, damit sie einen Ausweg finden konnten. Die Erwachsenen haben es einfacher, sie wissen immer, was zu tun ist.

Aber auch Erwachsene machen manchmal Fehler. Oder finden keinen Ausweg und tun dann so, als ob ihr Fehler eine richtige Entscheidung war.

Ich versuchte erst gar nicht, vor dem Schlaf zu beten. Ich betete jetzt sehr selten. Vielleicht, weil ich verstanden hatte, dass ein Gebet vor nichts retten kann. Gegen Morgen erwachte ich durch ein Gemurmel. Ich offnete die Augen und schaute auf das andere Bett, in dem Lion schlief. Naturlich war er es, der sprach. Das passierte ihm manchmal im Schlaf. Aber normalerweise sprach er unverstandlich, wahrend ich jetzt aber Worte unterscheiden konnte:

»Gleich… gleich… gleich…«

Mich schauderte. Lion redete im Schlaf, und ich erinnerte mich daran, dass ich einige Male genauso versucht hatte, meine Mutter loszuwerden, wenn sie mich nicht in Ruhe lie?.

»Gleich… gleich stehe ich auf… noch eine Minute…«

»Lion!«, rief ich laut.

»Ja, gleich…«, brummte er unzufrieden.

Es schien, als ware er vollig normal.

»Lion!«, schrie ich, sprang auf, lief zu seinem Bett und ruttelte ihn an den Schultern. »Wach auf, es ist hochste Zeit!«

Er offnete die Augen.

»Lion, steh auf«, bat ich klaglich.

Und er stand gehorsam auf. Er gahnte und zitterte vor Kalte — fur die Nacht hatte ich eine zu niedrige Zimmertemperatur eingestellt und die Heizung war noch nicht angesprungen.

»Lion…«

Er wartete geduldig.

Ich setzte mich auf sein Bett und sagte: »Verzeih mir, ich dachte, dass es dir besser gehen wurde. Verstehst du?«

Lion schwieg.

»Du verstehst alles, das wei? ich«, erklarte ich und schaute dabei nicht auf ihn, sondern durch das Fenster auf die Morgenrote, »du verstehst alles und qualst dich. Lion, bitte, kampfe! Zwinge dich, Lion. Du wirst auf alle Falle gesund, das sagen alle. Aber es kann einige Jahre dauern. Wir werden erwachsen und verandern uns. Dabei haben wir uns doch gerade erst angefreundet. Stimmt’s?«

Er schwieg.

»Setz dich«, bat ich und Lion setzte sich. Ich warf ihm eine Decke uber die Schultern und sagte: »Wei?t du, ich habe doch uberhaupt niemanden. Da sind Gleb und Dajka, das sind meine Freunde vom Karijer. Aber sie sind weit weg, so, als ob es sie nicht gabe. Es bleibt nur die Erinnerung. Und Mama und Papa sind gestorben. Damit ich leben kann. Stasj ist auch noch da, aber er lebt sein eigenes Leben und hat zu tun, ich habe ihn schon zwei Wochen nicht gesehen. Dann kenne ich noch Tarassow, ich habe dir von ihm erzahlt, er ist mein Arbeitskollege. Es gibt Rosi und Rossi, aber sie sind… sie sind total kindisch, verstehst du? Ehrlich gesagt, haben sie von nichts eine Ahnung. Sie leben auf einem zu guten Planeten. Ich wurde auch gern so sein, aber ich kann nicht, ich bin schon geboren worden. Du aber bist anders, du verstehst mich, das spure ich.«

Lion sagte kein Wort.

»Und dann habe ich auch noch eine Dummheit gemacht…«, flusterte ich, »eine furchterliche, idiotische Dummheit.«

Ich hob meine rechte Hand und zeigte Lion die Schlange, die sich darumwand. Als ob ich eine Au?erung erwartete.

»Sie werden es herausfinden«, meinte ich, weil ich dessen auf einmal sicher war, »sie werden es herausfinden. Fruher oder spater werden sie alles herausfinden. Und dann bleibt mir niemand mehr ubrig. Stasj wird nicht einmal mehr mit mir reden wollen. Und entlassen werde ich auch. Lion, streng dich bitte an! Versuch, schneller wieder auf die Beine zu kommen! Vielleicht fallt uns beiden gemeinsam etwas ein.«

Lion schwieg.

»Leg dich hin«, bat ich, »leg dich hin, schlaf noch ein wenig, wenn du willst. Wir werden heute Rosi und Rossi besuchen und zusammen spielen. Du hast doch nichts dagegen, sie argern dich doch nicht etwa?«

»Sie argern mich nicht«, antwortete Lion, weil er meine Worte als richtige Frage verstanden hatte.

Ich zog seine Decke zurecht und lief ins Wohnzimmer. Ich stellte den Fernseher an und zog die Fu?e auf den Sessel.

Im Wohnzimmer war es warmer.

Was sollte ich jetzt nur tun?

Вы читаете Das Schlangenschwert
Добавить отзыв
ВСЕ ОТЗЫВЫ О КНИГЕ В ИЗБРАННОЕ

0

Вы можете отметить интересные вам фрагменты текста, которые будут доступны по уникальной ссылке в адресной строке браузера.

Отметить Добавить цитату