eingeschlafen.
»Unsere Organisation ist ein offenes System«, erklarte Stasj leise. »Wir nehmen bei uns Leute von den verschiedensten Planeten des Imperiums auf. Aber jeder, sei es ein Hausmeister oder ein Lagerarbeiter, wird verschiedenen Uberprufungen unterworfen. Das ist unumganglich, verstehst du, Tikkirej?«
Ich nickte trage.
»Gegen dich gab es keine Einwande«, fuhr Stasj fort, »deine Legende wurde vollstandig uberpruft. Es stellte sich heraus, dass alles stimmte, dass du wirklich der 13-jahrige Junge Tikkirej vom Planeten Karijer bist, der zwei Fluge lang als Modul auf dem Raumschiff Kljasma gearbeitet hat. Deine Geschichte ist unglaublich. Aber wir sind an unglaubliche Geschichten gewohnt. Der Psychotyp eines jeden Phagen enthaltgezwungenerma?eneinegewaltigeDosis Sentimentalitat.« Er lachte auf. »Anderenfalls wurden wir uns in eine Bande selbstgerechter Morder verwandeln.«
»Gibt es denn auch sentimentale Morder?«, fragte Lion leise. Er sa? neben Stasj im anderen Sessel.
»Nur im Kino«, schnitt ihm Stasj das Wort ab. »Tikkirej, niemand hat uberma?ig an dir gezweifelt. Aber es gibt Standardmethoden der Zuverlassigkeitsprufung. Du hast sechs Tests bestanden. Beim siebten bist du durchgefallen. Da ich dich eingefuhrt hatte, wurde mir das unverzuglich mitgeteilt.«
»Stasj, was hatte ich denn machen sollen?«, fragte ich. »Ich hatte doch nicht geahnt, dass die Peitsche eine Uberprufung war! Ich dachte, dass sie sich mir angeschlossen hatte und sie jetzt getotet werden wurde. Ich bin doch kein Ritter. Ich hab kein Recht, eine Waffe zu tragen!«
»Sie hat sich dir wirklich angeschlossen«, stimmte Stasj zu. »Niemand hatte das erwartet, Tikkirej. Und was jetzt geschehen wird, wei? ich auch noch nicht. Das ist ein ganz spezifischer Vorfall, es gibt keine Prazedenzfalle.«
Ich schwieg.
»Lassen wir das, daruber wird spater entschieden werden«, meinte Stasj. »Lion, jetzt muss ich mit dir reden.«
»Ja?« Lion hob seinen Kopf.
»Erzahl mir alles, von Anfang an«, bat Stasj, »seit dem Moment, in dem… wie man dich… wie du…« Er fand nicht die treffenden Worte. »Von dem Moment an, als dich die Waffe des Inej traf.«
Lion uberlegte einen Moment. »Ich wollte schlafen. Wollte einfach nur schlafen.«
»So«, ermutigte ihn Stasj. »Ubrigens, ich mache dich darauf aufmerksam, dass das ein offizielles Gesprach ist und mitgeschnitten wird.«
Lion nickte. »Aha, ich verstehe. Wir wollten uns sowieso schlafen legen, und da walzte sich irgendetwas auf uns. Mein Schwesterchen wurde sofort ganz still, und mich haute es um. Ich zog mich aus und legte mich hin.«
Stasj wartete.
»Dann habe ich getraumt«, fuhr Lion leise fort.
»Was fur Traume? Erinnerst du dich?«
»Eigenartige. Aber schone.« Lion wurde auf einmal rot.
»Erzahl nur, du brauchst dich nicht zu schamen«, bat Stasj sanft. »Was hast du getraumt?«
»Na, irgendwelche Dummheiten«, Lion warf den Kopf zuruck. »Allen moglichen Blodsinn, Ehrenwort!«
»Lion, das ist wichtig, Verstehst du, bei Jungs in deinem Alter gibt es so manche und ganz verschiedene aufregende Traume…«
Lion begann zu lachen: »Aber nein, Sie haben mich missverstanden! Ich habe davon getraumt…«, er stockte kurz, »also, zum Beispiel, dass ich ein Held bin. Konnen Sie sich das vorstellen? Ein echter Held, ein Retter des ganzen Weltalls. Dass ich mit irgendwelchen Bosewichten kampfe, auf der Stra?e laufe, einer langen dunklen, die Hauser sind halb zerstort und uberall wird geschossen. Und ich schie?e zuruck und habe uberhaupt keine Angst, im Gegenteil. Als ob das ein Spiel ware… Nein, ein Spiel — das ist nicht ernst zu nehmen. Aber im Traum war alles au?erst wichtig!«
»Aha…«, staunte Stasj, »ach so…«
»Au?erdem habe ich noch getraumt, dass ich in einer Fabrik arbeite«, fuhr Lion fort. »Wir haben dort irgendetwas gebaut. Im Traum habe ich alles verstanden, und jetzt — schon nicht mehr. Wir haben dort lange gearbeitet.«
»Wir?«
»Ich und noch andere Leute.« Lion zuckte mit den Schultern. »Ich glaube, Tikkirej war auch dort. Und noch unsere Kumpel von der Raumstation. Gute Freunde. Wir haben irgendetwas gebaut…« Er dachte wieder nach. »Ich war Ingenieur… oder Techniker, ich erinnere mich nicht mehr. Oder beides.«
Stasj schwieg.
Lion aber kam in Fahrt und fuhr mit seiner Erzahlung fort. »Und au?erdem habe ich getraumt, dass ich erwachsen bin.«
»In den vorhergehenden Traumen warst du ein Kind?«, fragte Stasj schnell.
»Nein. Ich erinnere mich nicht. Es kann sein, dass ich auch erwachsen war. Ich wei? es nicht. Aber jetzt war ich wirklich erwachsen. Ich hatte eine Frau und funf Kinder.«
Ich kicherte. Aus unerfindlichen Grunden fand ich das sehr unterhaltsam.
»Tja, das war lustig«, stimmte Lion zu. »Ich hatte eine Frau und erorterte mit ihr, wie der Haushalt zu fuhren sei und wohin wir in den Urlaub fahren wurden. Und den Kindern half ich bei den Hausaufgaben und spielte mit ihnen Baseball. Und die Tochter…«, er zog die Stirn in Falten, »nein, ich kann mich nicht an ihren Namen erinnern, heiratete. Sie hatte auch viele Kinder. Und meine anderen Kinder auch. Und danach… Danach… Danach wurde ich alt und starb. Alle kamen zu meiner Beerdigung und sprachen daruber, was ich doch fur ein bemerkenswerter Mensch gewesen ware und was ich fur ein gutes Leben gelebt hatte.«
»DU BIST IM TRAUM GESTORBEN?«, fragte Stasj und hob jedes einzelne Wort hervor.
»Ja.«
»Du bist gestorben und warst tot?«
»Na klar, ich erinnere mich sogar an die Beerdigung!«, erwiderte Lion erstaunt.
»Hattest du Angst?«
»Nein… Uberhaupt nicht. Ich habe doch verstanden, dass es nur ein Traum war!«
»Die ganze Zeit uber?«
»Ja. Die ganze Zeit uber. Ich habe sogar einiges mitbekommen, was um mich herum passierte. Wie ihr mich hochgenommen und in eine Decke eingewickelt und getragen habt. Wie wir durch die Stadt gefahren sind; dort waren in den Fenstern Bildschirme und auf ihnen feierten die Leute… Und danach wurde ich an einen Computer angeschlossen und die Traume horten auf.«
»Alle Traume verliefen so schnell? Bis zum Zeitpunkt deines Onlineanschlusses im Raumschiff?«
»Ja.«
»Dann ist es nicht verwunderlich, dass dein Gehirn derma?en intensiv gearbeitet hatte. Lion, verstehst du, dass es sich hierbei um die Einwirkung einer psychotropen Waffe gehandelt hat?«
»Das ist logisch«, stimmte Lion zu, »aber mit welchem Ziel? Mir ist doch nichts geschehen!«
»Was passierte danach?«, fragte Stasj.
»Danach gab es keine Traume mehr«, teilte Lion mit. »Alles begann dunkel zu werden… und verschwand. Dann offnete ich die Augen und Sie sprachen mit mir. Ich war in einem Raumschiff. Sie fragten allerlei Dinge, und ich antwortete und mir war langweilig. Sehr langweilig.«
»Wie viele Jahre hast du in deinen Traumen gelebt, Junge?«, wollte Stasj wissen.
»Ungefahr siebzehn Jahre«, antwortete Lion ruhig. »Zuerst habe ich gekampft, das dauerte ungefahr funf Jahre. Dann, als ich in der Fabrik gearbeitet habe, vergingen bestimmt noch einmal funf Jahre. Dann habe ich wieder gekampft, etwa funf Jahre. Und danach lebte ich ein normales Leben.«
»Und an dein ganzes Leben erinnerst du dich?«
»Naja. Fast. Nicht genau, aber ich erinnere mich.«
Stasj nickte. Er streckte seine Hand aus und strich Lion uber den Kopf. »Ich verstehe. Du bist ein tapferer Kerl.«
»Warum ein tapferer Kerl?«
»Weil du dich davon befreit hast. Das hei?t, im Weiteren war dir langweilig, stimmt’s?«
»Ja.« Lion dachte nach. »Nein… So war es nicht. Nicht nur langweilig… Sondern, als ob es… Als ob alles
